Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2751 (23.10.1926)
- Date
- 1926-10-23
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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©eite i Wien, Men« Morgenzeltnng Rr. 3751 Marconis neueste ßrstnduug. Sämtliche telegraphische Verlehrsmittel übertroffen. Rom, 22. Oktober. Marconi teilte dem Direktor der MnrineftcrLion in Rom in einem Telegramm bezüglich seiner neuen Erfindung mit, daß er mittels seines neuen Apparates in England mit seiner Kanada-Station durch sieben Tage mit der Geschwindigkeit von mindestens 100 Worten in der Minute gleichzeitig empfangen und gesandt habe. In einer Arbeitszeit von durchschnittlich 18 Stunden sei eine Geschwindigkeit von durchschnittlich 250 Worten in beiden Richtungen und in meh reren auseinanderfolgenden Stunden erzielt tvorden. In den ungefähr 168 Stunden der offiziellen Proben sei die Durchschnittsgeschwindigkeit 130 Worte in beiden Richtungen genesen, womit sänrtliche telegraphischen Verkehrsmittel üb er troffen sei.n. Der öffentliche Betrieb werde Montag eröffnet werden. m Sittlichkeit in Budapest. Aus Budapest wird berichtet: Das Ministerinrn des Innern hat eine Verordnung erlassen, in der wegen Gefährdung der öDentlichen Sittlichkeit jungen Mädchen und Burschen unter 16 Jahren verboten wird, öffentliche Tanzlokale, zu denen heute bekanntlich beinahe alle Kerf fee Häuser der Hauptstadt zu zählen sind, zu besuchen. Mädchen zwischen 16 und 20 Jahren dürfen sich nur in Gesellschaft ihrer Verwandten in diesen Lokalen aufhalten. Frauen über 20 Jahre dürfen solche Lokale nur darin allein betreten, wenn sie nachweisbar über ein selbständiges Einkomnlen verfügen. Wie die Kontrolle des Alters der Kaffeehausbesucherinnen ausgeübt werden soll, darüber wird wohl die Durchführungsverordnung des ulkigen Erlasses Aufklärung bringen, auf die man neugierig fein darf. Der Erlast, der in der schmierigsten Stadt der Welt Sittlichkeit machen soll, trägt den Charakterzug der Schmierigkeit deutlich an sich, besonders in dem Punkt über den Besuch öffentlicher Lokale durch Frauen über 20 Jahre mit „selbständigein Einkommen", der der einkommenstenerpflichtigen Prostitution das Vorrecht einräumt, und in der Verfügung über die Begleitung von „Verwandten"; nirgends ist die Kupplerei und Bordellmutter so selbstverständliche Verwandte ihrer „Ware" wie in der Stadt, die jetzt zur Sittlichkeit übergeht: war schon ihre Unsittlichkeit stets zum Erbrechen, ihre Sittlichkeit wird nicht anders sein, besonders die behördlich verfügte. Ser Ausia« von Liberias. Durch eine syrische Gesellschaft. AuÄ Jerusalem meldet I. T. A. Es verlautet, daß dir Regierung einer syrischen Gesellscha ft die Konzession zur 'Ausnutzung der berühmten Thermen von Tiberias für eine Dauer von 30 bis 40 Jahren genährt hacke, wogegen die Gesellschaft jährlich 2500 Pfund an die Regierung abzuführen hätte. Die Gesellschaft hatte sich wei- -ter verpflichtet, Badsanlagen nach den modernsten sanitären Bedingungen zu schaffen. Eine offizielle Bestätigung dieser Mitteilung liegt noch nicht vor. * Die gegenwärtigen Badeanlagen von Tiberias wurden 1833 von Jbraham Pascha zur Zeit der ägyptischen Okkupation! erbaut, 1890 wurden sie von der türkischen Regierung erweitert. Die Temperatur der Quellen beträgt 143 Grad Fahrenheit, das Wasser enthält Schwefel, Magnesium-Chlorid und. Eisen und kommt in seiner Zusammensetzung den berühmten Quellen von Karlsbad gleich. Die Thermen von Tiberias haben sich in ihrer Heilwirkung j gegen chronischen Rheumatismus und verschiedene Hautkrankheiten stark bewährt. Zur Zeit der Römer hießen sie „Quellen von Ammans" und waren von römischen Prachtvillen, Tempeln Und Badeanstalten umgeben. Es existieren zwei Quellen, die aber offenbar eines Ursprungs sind. Das Wasser entspringt bei eittpr Temperatur von über 150 Grad Fahrenheit dem Boden. Eine neuere Analyse zeigt, daß' die vollkommen ausgelösten Salze 32 Teile auf 1000) Teile Wasser betragen. Es ist auch sestgestellt worden, daß das Wasser radioaktive Eigenschaften besitzt. Me Wische PaWirra-Wandrrung aus Polen. Warschau, 22. Oktober (I. T. A.). Die Leitung der ziomst'rschsn Organisation in Polen erhielt von der Zionistischen Weltexsku'iive die Verständigung, daß aus den zionrsii'lh'm Fonds eine Unterstützung von 1000 Pfund und ein D a r l e -h n s f o n d s von 5000 Pfund zwecks HW an jüdische Einwanderer aus Polen, die unter der Wirtschaftskrise git leiden b"brn, zur Vevfti-gnrrg gestellt worden ist. Landesksntzrem des Keren Kaiemeth- Heute, Samstag, dreiviertei 7 Uhr abends, findet in den Räumen der Zionistischen Bezirkssektion Leopoldstadt, 2. Bez., Zirkusgasse 33, b i c diesjährige Landeskonferenz des Keren Kajemeth statt. Tagesordnung: 1. Referat des Herrn Israel Wald mann über den Keren Kajeueth als Mittel für eine geistige Propaganda. 2. Necheilschaftbericht über das Jahr 5686. 3. Arbeitsplan für das Jahr 5887. 4. Verlesung der Neueintragungen in den Pinkas des Keren Kajemeth. 5. Neuwahlen. Wahlberechtigung: Jede OM-uppe, die das Mindestkontingent von 16 Pfund anfgetrrcht hat, hat das Recht einen Delegierten zu entsenden, bei Ausbringung von öü Psund und darüber 2 Delegierte. 23. Oktober 1926 Phantast oder Lügner? *er Prozeß gegen dea Hammer-Fritsch. Der Prozeß gegen de« Hammer-Fritsch. Hainburg, 32. Oktober (I. T. A.). An bem zweiten Prozesttag in der Klage des Herrn Max Warburg gegen den Antisemiten Theodor Fritsch, gelangte der zweite im „Hammer" erschienene Artikel ,Mer ist an der Niederlage schilild?" zur Verlesung. Fritsch und sein V-srteidi>ge.r stellten abermals sine Reihe vager Belmulpt-rrngen auf, wie zum Beispiel, daß Marburg tm Juli 1916 'die damaligen Friedensmrhandlngen Mischen Rußland und Deutschland zum Scheitern gebracht 'hätte und daß eiire mtsterstaatliche Mische Obergswalt am Werke gewesen sei, mn einen Erfolg zu verhindern. An: Nachmittag führte der Rechtsvertreter 'des Fritsch, I a c o b s e n, aus, nach dem Zusammenbruch ' des zaristischen Rußllands sei das Interesse des internationalen Judentums dahingegangen, auch einen Stag Deutschlands unter allen Umständen zu vorhindern. Theodor Fritsch meinte darauf, wenn solche Behauptungen nicht zu.beweisen seien, so darum, daß die wirtschaftliche Abhängigkeit die Wissenden zum Schweigen zwinge. Der amerikanische Bankier Jacob Schiff hätte 1906 den japanischen Krieg in Rußland finanziert, um das Zarentum zu vernichten. Die Anleihetätigkeit des amerikanischen Bankhauses Kuhn, L o e b n n d Co., verfolgte ähnliche Ziele. Der «Privatkläger Max Warburg vermaig mit kurzen Hinweisen alle diese Behauptungen als absolut unzutreffend zu entkräften. Die Finanzierung des japanischen Krieges gegen Rußland geschah in erster Linie durch England. Auch in Deutschland sind japanische Anleihen abgeschlossen worden, nachdem man sich zuvor im Auswärtigen Amt vergewissert hatte, ob sie genehm seien. Selbstverständlich waren die christlichen Banken beteiligt gewesen. Auf Angriffe gegen Herrn PaulWarburg in Nöw-Uork, wird seitens des Klagevertreters erwidert, -daß er vor der Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft erklärt 'hatte, er betrachte sich noch nicht als ledig aller moralischen Verpflichtungen gegenüber seinem früheren deutschen Vaterland; er habe also ausdrücklich einen Anhänglichkeitsbiewers für sein altes deutsches Vaterland geliefert. Und gerade diese Verkettung der Pflichten gegenüber beiden Vaterländern l)at sich später als sine Brücke zwischen Deutschlanid und Amerika erwiesen, auf der allein es möglich geworden ist, wieder freundschaftliche und äußerst wertvolle Beziehungen in den schwierigsten Zeiten, die Deutschland durichigemacht hat, herzustellen. Was das Bankhaus Kuhn, Loev und Co. betrifft, so habe dasselbe 1916 auch in Berlin, Frankfurt a. M. und Hamburg Anleihen angcboten, mir die 6 e u ts che IKurz s i chti g k e i t vereitelte es, das amerikanische .Kapital an Deutschland zu interessieren. Da sich Fritsch auf einen Artfsatz von Professor Arthur Salz aus dem Archiv für Sozialwissenschaft bezog, teilte Herr Marburg mit, daß Professor Salz vor kurzem in einem Schreiben seine größte Entrüstung 31111t Ausdruck gebracht «habe, über die Verdrehungen und Verzerrungen, die sein Aufsatz unter den Händen des Angeklagten im „H a m m e r" gefunden hätte. Paul Warburg ist beim Eintritt Amerikas in den Krieg aus der Firma Kuhn, Loeb und Co. ausgeschieden und hat obendrein alles getan, um die deutschen Interessen nachdrücklich zu wahren. Jaoob Schiff, der Seniorchef der Firma, habe sich g e g e n j e d c B e t e i I i g ri n g a n e i n e r Staatsanleihe ausgesprochen, solange Amerika sich im Kriege befindet, um sich nicht an diesem Kriege zu bevs'lchsvn. Gegen Schluß der Verhandlung kam Fritsch's Behauptung zur Sprache, Warburg habe unmittelbar nach der Revolution im Jahve 1918 die Errichtung einer aus dem Deutschen Reich hermtssutrenueuden n ovd w estd eutsch eit Riepubl tf begünstigt. Herr Max Marburg erklärte, daß zwar irgend e i n Engländer mit einem solchen Ansinnen an ihn herangetreten sei, daß er aber dem Einflüstewr kurz 'entschlossen die Tür gewiesen habe. Noch im Verlauf der Vormittags-Verhandlung wurde entgegen dem Protest des Beklagten Fritsch noch sin Artikel des Fritsch „Das Bankhaus Warbürg und -die neuen Diplomaten" verlesen, der zwar nicht unter Anklage steht, aber für die ganze Tendenz der Angriffe Fritschs 'hevangezogen worden ist. Gin fins-erter Raubüberfall. Die gefesselte Hausgehilfin im Ordinationszimmer. Als der in der Josefstädterstratze 62 wohnende praktische Arzt Dr. S t e i n e r am 20. d. M. mit seiner Gattin von einem Kinobesuch heimkehrte, fand er zu seinem Erstaunen die Wohnung offen. Aus dem Ordinationszimmer drang leises Wimmern, das von der Hausgehilfin Christtne Kratochwill herrührte, die, cur Armen und Beinen gefesselt, auf der Erde lag. Das Seil, mit dem die Kratochwill gefesselt war, war um den Ordinationsstühl geschlungen und über den Kopf des Mädchens war ein Handtuch gewickelt, das den Knebel markieren sollte. Frau Dr. Steiner durchschnitt rasch die Fesseln, und im Nu war die Kratochwill wieder auf den Beinen, ohne sonderliche Zeichen von Aufregung. Sie erzählte, daß etwa zehn Minuten nach dem Fortgehen der Herrschaft ein hagerer, großer Mann eingetreten sei und sie angefahren habe, er komme Schulden einkassiereu, ohne zu sagen, welcher Art die Schulden sind. Gleich darauf habe der Mann sie gefesselt. Wie das geschehen sei, wisse sie nicht. Spuren von Kampf zeigte das Zimmer nicht. Der Mann soll dann lediglich die eiserne Handkassette, die Juwelen und Bestecke sowie Geld enthielt, mitgenommen haben. Er hat dann den Wäschekasten aufgebrochen und nur die Pistole, die in der untersten Lade lag, genommen, ohne sich für den auch im Kasten verwahrten Schmuck und 100 Schilling, die auch dort aufbewahrt waren, zu interessieren. Mit der Beute hat dann, nach der Angabe der Kratochwill, der Räuber die Flucht ergriffen. Hatten schon diese Aussagen nicht viel Wahrscheinlichkeit für sich, so ergäben die sofort eingeleiteten Nachforschungen der Polizei keinerlei positives Anzeichen dafür, daß die Kratochwill tatsächlich das Opfer eines Naubüberfalles getvovden sei. Es wurde festgestellt, daß die Kratochwill erst vor kurzer Zeit Frau Dr. Steiner gefragt häbe, warum die Kassette so schwer fei, worauf Frau Dr. Steiner erwidert hat, es sei „alles" d a r i n. Es ist ferner seltsam, daß gerade an dem Tag, an dem das Ehepaar den der Kratochwill vorher angekündigten Ausgang Vorhalte, der Ueherfall erfolgt ist. Die Polizei ist der Ansicht, daß die Hausgehilfin nur lm Einverständnis mit einer außenstehenden Person handeln konnte. Die Polizei hatte zunächst auf den .G e l i e b t e n der Kratochwill, der bereits vorbestraft ist, Verdacht. Dieser konnte jedoch für die in Frage kommende Zeit ein einwandfreies Alibi Nachweisen. Die Recherchen in dieser Angelegenheit gestalten sich deshalb sehr schwierig, weil die Kratochwill vor Antritt ihres Dienstes bei Dr. Steiner nichtin Wien lebte und es daher nicht leicht ist, ihren Bekanntenkreis festzustellen. Das RenÄej'vous im Eammellmai. Gestalt«?» aus der Unterwelt. Am 15. d. M. nach Mitternacht sah ein Revievinspektor auf seinem Kontrollgang auf der Spittelauerlände einen Trupp von vier bis fünf Männern, von denen einer ein Paket trug. Als er die ihm verdächtig vorrommenden Leute anhalten wollte, sprangen sie in das niedere Uferwasser des Donaukanals und verschwanden in der Einmündung des Währingerb ach es. Nur einer konnte i durch vorgehaltenen Revolver zum Stillstand gezwungen werden. Der Mann wies eine sonderbare Kleidung auf: Zerrissene Halbschuhe, eine Unterhose, die bis über das Knie emporgschlagen und ganz naß war, und eine alte Militärbluse. In einer Tasche aber trug er zwei Anzüge, eine Kappe, einen Zentralbohrer und einen Schraubenzieher. Der Verhaftete wurde als der 29jährige Hilfsarbeiter Johann Seeböck erkannt. Nach eindringlichen Verhören gab er zu, ani 14. abrnds in einer Weinhalle im neunten Bezirk gewesm zu sein, wo ihn mehrere Leute, die er nicht näher kennen wollte, überredet hätten, mit chnen vom Kanal aus einen Einbruch zu begehen. Er war damit einverstanden und ist dann mit den Genossen etwa 25 Minuten im'Kanal Hernmgeirrt, bis chm die Sache zu dumm geworden sei; da auch idie anderen schon mißgestimmt waren, hätten sie alle den Kanal wieder verlassen. Durch weitere Erhebungen wurde als einer der Spießgesellen der 29jährige Hilfsarbeiter Heinrich Zuck ausgeforscht. Nach seiner Verhaftung gab Seebück zu, von Zuck zu dem geplanten Einbruch eingeladen worden zu sein. T>aS Stelldichein mv um 10 Uhr im Sainrnelkanal 'Sei der Friebensbrücke. Heeböck war pünktlich dort und traf seine Kumpane bereits an. Sie machten Kanaltoilette und gaben dem Seeböck die Tasche mit den Anzügen und Einhruchswerkzeugen zu tragen. Etwa eine halbe Stunde tappten sie sich durch den Kanal vorwärts, bis sie zu einer Stelle kamen, an der viel Unrat lagerte. Die drei anderen wollten sich auch dort durcharbeiten; allein ihm war es .zu viel, er kehrte um uud die Anderen mußten