Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2751 (23.10.1926)
- Date
- 1926-10-23
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 2× ep/1048155
- Teplice 1× ep/1048135
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mt. 2761 wmfisnm -ZBe A WkW, VuMSvaiA Tagesbericht. M-er, lernt «ms der Geschichte! Barr Arkadij Atvertschcnko. Wo der Mensch die ttte haben feil. Der. Redner Demosthenes war als Junge elin Stotterer. Er begann seine Reidnerlaufbahn damit, was für den modernen ,Parlamentarier der HöhepuM seiner Laufbahn ist: or wurde ausgepfiffen. Aber Demosthenes. lieb sich nicht irre nurchen. Er steckte sich Steine in den Mund und hielt eine Riesenre-de auf Len Philipp, so daß die erstaunten Zeitgenossen sie die Philipp ische nannten. Leider unterscheiden sich die heutigen Werufsgenossen des Demosthenes dadllrch, daß sie die Steine «nicht im Mund, sondern im Busen halten und damit in fremde Garten schmeißen. Was eine edle Geste bedeutet. Alexander der Große geriet einst mit seinem ganzen Heer in eine Wüste, wo cs lein Wasser gab. Bloß ein gemeiner Soldat fand eine Pfütze, schöpfte mit dem Helm daraus und oot es dem König. Alexander guckte in den Helm und sagte: ich werde doch kein Wasser trinken, wenn meine Soldaten verdursten. Und goß den Helm aus. Das war aber eine schöne Tat, Kinder! Und evklären müßt ihr sie so: Bevor Alexander trank, hatte er doch in den Helm geguckt. Was sah er darin? Einen flüssigen Brei aus Schmutz und Schlamm, und darin schwamm eine tote Ratte. Was für eine Tat hat er also begangen? 1. Eine hygienische. 2. Eine schöne. 3. Eine historische. Kinder, denkt daran, gesunde, schöne und historische Taten zu pollführen, besonders, wenn ihr leinen anderen Ausweg habt. W a n n m au h li st arische Aussprüche tut. Der römische Feldherr Pompesus wollte gegen Julius Cäsar Krieg führen. Pompesus hatte keine Soldaten, oder er regte sich nicht groß darüber auf. Seinen Freunden sagte er: ich brauch nur mit dem Fuß auf^ustarupfen, so wachsen die Legionen aus der Erde. Unterdessen ging Cäsar Wer. den Rübicon und überfiel den sorglosen Pomp ejus. Pompesus gedachte nun, mit dem Fuß aufzustämpfen. Stampfte einmal, zweimal, dreimal. Schließlich btlivb ihm nichts übrig, als immer weiter zu stampfen,, möglichst weit weg vom Cäsar. Bis er in Aegypten endete. Aber auch sein Leben. Lernt daraus, Kinder, daß es leichter ist, historische Aussprüche zu tun, als das Versprochene auszuführen. Und vor allem stampft nicht überfNssig. Jerusalem—Bagdad im Auto. Einrichtung einer regelmäßigen Autoverbindung. Aus Jerusalem berichtet I. T. A.: Zwischen Jerusalem und Bagdad ist soeben ein regelmäßiger Äutomobilvor- Lchr eröffnet worden. Die Reisedauer ist. dreieinhalb Tage. Die Pionierreise über diese Strecke machte zuerst Herr Norman Nairn im Juni 1925, der die 700 Meilen durch die shrische Wüste in 32 Stunden zurückgelegt hrt und so den Beweis der Möglichkeit eines normalen Verkehrs zwischen Jerusalem: und Bagdad erbrachte. Die ganze Wegroute zieht durch britisches Mandatsgebiet. TKiJlSiS;,tsa» ■•«■■„ v " , -sssssssssssssr. Moderne Amazonen. Als in der neueren Zeit durch die Entdeckungsfahrten nach Amerika und Ostirckien die Grenzen des bekannten Laiches ungeheuer ausgedehnt wurden, tauchten neue Berichte von Frauenstaaten in diesen fernsten Gebieten auf: Im Jahre 1530 wurde dem spanischen Eroberer Francesco Ü' O r e l l a n o von einem Häuptling erzählt, daß an den Ufern des großen Stromes kriegerische, im Kamps mit Bogen und Pfeil geübte Indianerinnen wohnten, die abseits von den Männern ihre Felder selbst bestellten, alljährlich von den Männern eines Nachbarstammes besucht würden, und von der aus dem Verkehr entstehenden Nachkommenschaft nur die Mädchen behielten, die Knaben den Vätern' znrückgäben. Dieser wilde Stamm der Tampuyas war also vollkommen auf den Grundsätzen des Mutterrechts aufgebaut. Aus Orellano machte es einen besonders großen Eindruck, daß sich alle öffentlichen Aemter in den Händen von Frauen befanden. In Erinnerung an die griechischen Sagen von den Amazonen taufte er darum den von den Eingeborenen Maranon genannten Strom als A m a z o n e n st r o nt, ein Name, den er heute noch trägt. Alk einer mehr im Inneren gelegenen Stelle des Stromes wurde ihm Aehnliches berichtet. Man nannte hier die Weiber Conia-pu-yara (große Weiber). Als die Spanier den Fluß weiter hinauffuhren, wurden sie von Indianern angegriffen, unter denen sich Weiber befanden, die offenbar die Führung bei dem Angriffe hatten. Im achtzehnten Jahrhundert wurden dem Reisenden Condamine van Indianern Amulette aus Nephrit, sogenannte Amaz o ne nft et ne gezeigt, die sie von den Cognontainse-cuma, d. h. den Weibern ohne Männer, erhalten haben wollten. Auch der vor fünfzig Jahren den Amazonenstrom bereisende Rodriguez berichtet von den Amazonen. Ihm war erzählt, daß sie den Mondkultus Pflegen, am See Aachuarua zusammenkornmen und vom Grunde des Sees die Figürchen (Amazonensteine, Muirakitans) holen, die sie später den Männern schenken, mit denen sie sich in Verkehr cinlassen. Rodriguez fand tatsächlich am See Iacyuarua bei seinen Ausgrabungen außer Topfscherben, solche Figürchen sowie Bruchstücke von Nephrit, aus denen hervorging, daß sie hier angefertigt waren. Jetzt vermögen nur noch die am Damunde wohnenden Häuft e s solche Muirakitans, die mit den üoit Rodriguez ausgegrabenen vollkommen übereinstimmen, herzustellen. Heute noch begleiten die Uaupes ihre Weiber auf ihren Kriegszügen und Rodrigucz glaubt in den Weibern der Uaupes die s tt d a m e r i k a n ischen Amazonen der alten Uoberlieferuiig gefunden zu haben. Typhusepidemie in Teplitz. Prag, 22. Oktober. Wie dem „Teplitzer Tagblatt" berichtet wird, haben sich die TyphusLrkrailkuugcn, die in Töplitz wie in vislen anderen Städten in der letzten Zeit aufgetreten sind, derart stark vermehrt, daß heute bereits von einer E P t d c m i e gesprochen werden kann. In T e p l i tz sind achtzig Fälle festgestelltworden. Die Stadtgemeinde hat einen Epidemieausschuß organisiert, um dem weiteren Ausbreiten -der Krankheit entgegcnzntreten. Die Epidemie soll durch Versen ch t e M i l ch eingesthleppt worden sein. Typhusee?ran5migen in Szegedin. In Szegrdin ist eine Typhusepidemic ausgobrochen. Bisher wurden 25 E r k r a n l u n g c n gemeldet, von denen zwei t ö t'li ch verliefen. Sollte die.Epidemie nicht bis Sonntag zurückgegangen sein, dann werden sämtliche Schulen der Stadt gesperrt werden. Begegnung mit dem jüdischen Tunis. Reis-seri'vninerun'gen von Dr. Maximilian Horvwitz. II.* *) . Vom Zionismus hatte ich bisher in Tunis ttoch nichts zu sehen bekommen. Das blieb tnir für den letzten Tag aufgespart und kam folgendermaßen: Ich wollte es mir doch nicht versagen, daheim erzählen zu können, daß ich heuer in den afrikanischen Gewässern gebadet hatte. So fuhr ich nach Marsa hinaus, dem Kritzendorf der Tuuisier. Ter Ort liegt ungefähr eine Bahnstunde von Tunis entfernt, die winzigen Zwischenstatiorten führen die hochtrabendsten historischen Namen, wie Hamilkar, Salambo usw., und durch das Waggonfenster sieht man majestätisch die Kamelcr vorbeistolzieren. Der Ort selbst liegt an dm Ausläufern des alten Karthago, dessen Trümmer hier zum Teil unters Meer gesunken sind, so daß der Nichtschwimmer sich eng au den Ufersaum halten muß, wenn er nicht Gefahr laufen lvill, plötzlich den Boden unter den Füßm zu verlieren und in einer Trümmerspalte zu versinken. Wie ich mich behaglich am Strand ausstvecken will, Ftmt'men zwei junge Burschen auf mich zu und rufen mir lachend ein „Good morning, Mister!" entgegm. „Ich bin kein Engländer." „Nicht? Also Amerikaner?" „Nein, Oesterreicher. Aus Wien." „Wien?" ~ Pause. — „Ah, das ist dort, wo die Franefälscher wohnen?" „So ungefähr." Wieder Pause. Der Kreis um mich vergrößert sich. „Tort spricht ma»t italienisch in Wien, nicht wahr?" „Nein, deutsch." „So sind Sie also Deutscher?" mir»r.«- *j Siehe „Wiener Miorgenzeitung" vom. 22, Oktober „Nein, ich bin Jude." „Wir auch!" tönt cs im Chor mit freudiger Ueberraschung. Ich hatte in den jungen Leuten längst die Juden erkannt. Aber noch standen wir uns fremd gegenüber. Da trat einer aus dem Kreise schüchtern vor: „Gibt es in Wien auch Zionisten?" „Gewiß! Sie sehen gleich einen vor sich." „Was, Sie sind Zionist? Ein Zionist aus Wien!" Bon alten Seiten liefen jetzt plötzlich die Burschen herbei, alles stürmt auf mich los, schüttelt mir strahlenden Gesichtes die Hand, umarmt mich. Jeder drängt nach vorne, will sich Vörstetten. „Ich bin Kaufmann." „Ich Gymnasiast." „Und ich studiere schon Medizin in Algier. Aber im Sommer, da bin ich Fischer." Uttd so geht es wild durcheinander. Schnell wird ein Kodak herbeigeschafft, die ganze Gesellschaft photographiert. „So, und jetzt kommen Sie, Sie müffcn uns vorn Wiener Zionismus erzählen. Oder vielleicht können Sie uns gleich eitten Artikel darüber schreiben? Wir haben nämlich schon eine eigene Zeitung, die ,Reveil Juif'." Der „Redakteur" tritt vor. Ein zwanzigjähriger Student mit lebhaften, wißbegierig leuchtenden Augen. Bott nun an ist er der Sprecher der Versammlung. „Ja, wissen Sie, die zionistische Jugvndbetvegung in Tunis ist noch neu, aber sie macht ganz rapide Fortschritte. Wir sind .alle in der hiesigen Sektion der ,Union Universelle de la Jeunesse Juive' organisiert, welche sich auf ihrem diesjährigen Kongreß in Paris offiziell zur zionistischen Richtung bekannt hat. Jetzt haben wir die Palästinaarbeit mit Feuereifer ausgenommen, demnächst wird bereits eine Chaluzorganisation bei uns gegründet. Leider sind wir hier so allein. Mr haben noch so wenig Kontakt mit der jüdischen Jugend und dent Zionismus in Europa. Heuer nmr Monsieur .Coreps au;! Paris, bei nnH. -7.-Sie werden ja sicher schon Die Unwetterkatastrophe auf Kuba. GchreckenSziffer«: 6Sv Tote, 3420Vsrwuudete, 0S00 Obdachlose, 100 Millionen Dollar Schaden. Ncw-Iork, 22. Oktober. Die aus lHavanna eirttreffenden -Nachrichten bringen von Stmide #u Stunde immer furchtbarere Bilder von der 'Ovkankatastrophe, die ganz Kuba heungesucht hat. Die Zahl der Todesopfer des Wnibelsturmes ist auf 'inehr als 66 0 gestiegen. Die Gesamtzahl der Verwundeten D noch lU-nibekannt, doch haben sich bisher 3420 Personen in ärzliche Hilfe begeben. 6300 Personen sind «ohne Obdach. In Havanna sind allein 200 Tote zu verzeichnen, doch wird sich die Zahl noch wesentlich erhöhen, da unter den Trümmern der Häuser noch i nt nt er Tote n n d V e rwnndete liegen. Alt verschiedenen Stellen der Stadt brach infolige explodierender GasbchälMp Fe,ne r ans, das bisher noch -nicht gelöscht »verden wnnte. In B a L a >b a tt o wurden 300 Tote gezählt. 10 Städte und Dörfer sind vollkommen zerstört. Ganze WüHende Landstriche find ü ib t r Nacht Der« nicht et worden. Bisher sind zwanzig D a m p f e r att die -K ii tft e gewvrse n worden. Zwei -größere Schiffe sind mit der ganzsn Besatzung irr der Nähe der Küste nntergegangetl. Der ungerichtete Schaden, wird auf 100 Mi l l r o n e tt D -o l l a r -g e s ch ä tz t. Drei heftige Erdstöße i« San Franziseo. San Franziisco, 22. Oktober. Drei heftigL E r d st ö tz e sitrd -heute vovtmttags hier verspürt worden, der erste -tun 4 «Uhr 36 Minuten in der Dauer -von z w a n z i g S e ik u n d a n, der, zweite um 6 Lthr 36 Minntert in der Datter vorr sntt-fzehn Sekunden und «der dritte -um 6 Uhr 42 Minuten-, der fünf Sekunden dauerte. Es wurde b e t rächt l i ch e x M a t e r t a ilschadetr augerichtet. Fenstechchleibsn zersprangen, Uhrett blieben stehen, Ftchböden, Ziinmerdechen «und Mauern bekamen Risse. Verbrecherrazzia in Den Vereinigten Staate». 21 us New - Z) o r k wird uns berLcht;e--tr Eine neue Welle von Kapitawerbrechen geht zur Zmt über die Bereinigten Staaten hiniveg. In de« letzten Tagen sind in San Francisco, Chicago, New-Jerse-H und New-Iork vier schwere Verbrechen begangen wor-- dcn, an deren Arrfklärung die Polizei fieberhaft arbeite. Sie wert, dabei von freiwilligen Helfern unterstützt deml die Bürger in den großen Städten sehen mit schwerer Sorge rmd Angst in die Zukunft. In San Francisco und Ccicago sind bereits Razzien abgehalten worden. Wobei einige hundert Verbrecher entdeckt und-unMäd» lich gemacht werden konrtteu. Namentlich in den gvoßert Städten ist die Unruhe groß. Uebcrall herrscht eine unerträgliche Spannung. Eine Attzahl von vorbestraften Leuten, die jedoch, nicht gewillt sind, noch ermnul Mit dcu Gesetzen in Konflikt zu kommen, haben sich ans-her. (ßolizei mit der Bitte gemeldet, man möge ihnen vnf kurze Zeit im Gefängnis ein Asyl gewähren, denn sic wolllen sich nicht der Gefahr ansfetzen, der Teilnahmje an Verbrechen beschuldigt zu werden, die etwa in der nächstcit Zeit noch begangen werden kömttcn. von ihm gehört haben — und «Monsieur „Chalpern" (gemeint toat Watan Halpern, der Vetter von Dr. Georg Halpertt), aber das ist alles viel zu wenig. Wir lernen heute das erste «Mal einen deutschen Juden kennen. Einen polnischen Juden haben wir überhaupt rroch nichjt zu Gesicht bekommen. Wir haben von Schabmr AW gehört, von Pinski und Scholem Alechem, lesen können wir aber nichts von ihnen, denn es gibt kerne französischen Uebersetzungcn. Wenn Sie nach Hause zurückkommen, dann müssen Sie uns uttbed-ingt schicken^ was Sie an zionistischen Büchern und Zeitungen zusammenraffen köntten, wir tverden schon schauen, wie wir mis damit Rat schassen. * Gerührt lauschte ich diesen Worten, in denen so viel frischer, unverbrauchter Enthusiasmus, so ein heiliger! Arbeitseifer glühte. Endlos mußte ich jetzt nickam Nachmittag in einetn kleinen arabischen Kaffeehaus tneinen neuen Freuttden über den Zionismus in Men mÄ Europa berichten, über Arbeit und Orgamsatimt, Wer unsere Erfolge und 'Mißerfolge, Freuden und Sorgen, und ich tat es gern unb wurde des Erzählens tticht müde.!Mit Wehmut dachte ich an die schöne Zeit, wo der jZrotnsmus auch bei uns nochjung, für jederr von uns ein aufwühlendes Erlebnis war. Diese jungen Leuts, auf sich allem gestellt, sie kömmt ihren Zionismus noch fühlen und nicht nur denken. Sie werden den richtigen Weg im Ziorrismus findm, trotzdent oder gerade deshalb, weil ihnen noch drei vielen züttftigett Pädagogen und Theoretiker unserer Bewegung Wen, welche ihr die ganze Jugendfrische ttchmert., D«n Abettd verbrachte ich nicht tnehr mit den Jungen. Der Orient birgt ja noch so viel andere Freudetr, und gerade in den Mchten gießt er seinen ganzen ge-*, heimnisvollen Zander aus. Aber am nächsten >Morgem als ijch das tSchiff bestieg, welches mich lvieder wach Frankreich Vrittgen sollte, da erschienen sie vor der Mfahrt alle im Hafen tmd riefet: mir ein letztä hklrMhO „^chalotn" nach.