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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-23 · Heft 2751 (23.10.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2751 (23.10.1926)
Date
1926-10-23
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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<S?d i v' 2 Wien, Gü>mswg Wiener Morgenzeitung Z§. BktoLer 19S6 Gleiche Brüder. —y Wien, 23. Oktober 1326. Aas Mrn'rfest dor envopäi-ichen Mnanzsührar. Las den Mba,it der ZollschmMn itnb Herstellimg der dollen und mreln.g.esän'ä'u.li?n Hand-elsfrecheit fordert, hat natürlich bei tm nnliomMsiftchm Bekennern der antvrfischen Stachcldraht-Polftik keine Freunde erweckt. Der internationalen Vernunft stellt sich der internationale 'ProfiL-Sosmnatisrn'Ns en-dgeigen, >der in -er Grenzzolltrache das höchste Emblem 'der Unabhängigkeit verehrt nn-d der m der inneren Politik die Bodenständigkeit, die sstzhaste Gesinnung nnd das Zunftwesen zmn Range der bestimmenden Momente arhrM. Diese Sorte Inter« nationalismins baut sich aus dein nationalstaatlichen Mvment ans iuwd überspitzt es sogar. Sie bekämpft und erschwort den Verkehr mit den Nachbarländern, aus denen mit den Waren auch Godankw kommen. Der Widerfpmrch, den die Reaktion gegen den imgehemmten Warenanstausch erhebt, erklärt sich zwanglos aus ihrer Furcht, daß die Reform der wirtschaftlichen Beziehungen auch auf die politischen Verhältnisse llbergreist. Die gute alte Zeit, d'e den Frernden schlachtete und seine Ware als herrenlos annektierte, soll ja wieder im Zeichen des National'snms zu Ehren kommen. Ihre Vorkämpfer begreiftn es, daß es im tiefsten Grunde ein Kamps des Geistes ist, der die Greirzwälle rund ihren engen Sinn ä-berwmden will. Reformen, wie die, von denen der "Londoner Aufruf der Wirtschaftss'ührer spricht, 'setzen sich nicht ohne Kampf durch. Sie wenden sich gegen die Bierbankphrase und werden naturgemäß von ihr angefallen. Der Nationalismus, der ewig gereizt,« Lo-hn-skla-ve der KriegAindustrie, fühlt die heiligsten Gitter bedroht und läutet die patriotische Glocke der Selbstgenügsamkeit. Er lobt den eigenen Kohl und den wetterfesten Loden, und selbstverständlich sieht er in dem internationalen Appell an den gesunden Verstarrd nur immer den jüdischen Geist. Es ist ehrenvoll für das Judentum, daß es immer von seinen Feinden in direkte Beziehung zur klaren Vernunft gesetzt wird. Dies geschieht freilich in einem bösen Sinn, den wir aber in jeder Aeußerung des Nationallismus koustotieven. Jedes Land imd jedes Volk hat seine besondere chauvinistische Spielart und alle untereinander verbindet die gleiche schlotternde Angst vor diesem jüdischen Geist. Was sie bekämpfen oder fürchten, versehen sie mit der jüd'ischen Marke. Jüdisch ist der Weltsinn, die Freiheit des Wortes und des Denkens, die Demokratie. Jüdisch ist nun auch die Forderung der HairdÄsfteiheit. Die Geheimnisse der Weisen von Zion, die einen geheimwirkenden jüdischen Herrschaftswillen erfunden haben .-mb in den' EinzÄ'heiten analysieren, sind ein treffliches Wertzeug des Imperialismus, und es darf nicht wundernehmen, daß sie nun auch vom Faschismus adoptiert worden sind. .,MoPolo d'Jtalia" kommt in einer Polemik geigen den Freihandel zu einem Schluß, der niemanden überraschen kann, der sich in das Wesen des Nationalismus vertieft. Es schreibt: ,/Dec üble jüdische Genius scheint heute einen .Herrschaftsplan vorzubereiten und sich die einzelnen Staaten zu unterwerfen. Das Wirtschaftsleben Italiens will er vernichten, die Autorität des Staates untergraben und zu einem Schäften machen. Wir wollen Leinen antisemitischen Feldzug eröffnen, aber wenn diese jüdische Offensive fortgesetzt werden sollte, müßte man zu Gegenmaßnahmen greifen und diejemgen als feindliche Ausländer behandeln, die sich in ihrem eigenen Vaterland als solche erweisen." Wir kennen die Weise, wir kennen den Text. Wir kennen auch diese gleißnerische Verwahrung ,/wir wollen nicht..." und wir wissen, daß sie nur als fadenscheiniges Alibi zu werten ist. Es wäre auch über>flüßi,g, dem Faschistenorgan apologetisch zu kommen und ihm zu sagen, daß die maßgebenden Führer des WirtschafLslebens, die übrigens nur zu einem sehr geringen Satz jüdisch sind und die sogar ihren Aufruf mit allen nationalen Borde- HMen aus statten, nicht vo n politischen Momenten ausgchen können, deren schädliche Wirkung sie doch beklagen. Die Diktion des faschistischen Blattes ist der Weisen von Zion, nur italienisch gefärbt. Ihre Andeutung ist bewußte Fälschung. Der oftiz-ielle Faschismus hat bisher jede geistige Verbindung mit dem Antisemitismus energisch von sich gewiesen. Aber die Auslassung seines Organs beweist, daß die, Bruderschaft des .Hasses besteht, und 'daß das Bekenntnis zur Grenzlinie,, zur Autarkie und zum Wirtschaftsmonopol überall zur Identität der Politik und zur Auftollung der Judenftage führt. Gleiche Brüder, gleiche Kappen. 2K neue Parole der dentsche« Monarchisten „Hinein in den Staat". — Die nationalisierte Liebe. Berlin, 22. Oktober. Korvettenkapitän a. D. Ehrhardt, der kürzlich in den „Stahlhelm" eingetreten ist, hat nach dem „Berliner Tageblatt" in einer in Kalbe an der Saale gehaltenen Rede erklärt, das jungnationale Deutschland hege zu keinem der Führer, die im Jahre 1918 versagt haben und felge geflohen feien, Vertrauen. Die Zeit der Putsche ist jedoch vorüber, weil die Machtmittel des Staates zu stark geworden seien. Die neue Parole des „Stahlhelm" laute: Hinein in den Staat! Ter „Stahlhelm" erkenne den Staat, die L«ls Grotzdeutsche Debettmto. Sie Koalitionsgenoffen im Unterfuchnngtansschutz. Während bisher im ZewralbankunterfuchungsausschUH die anrüchigen Geschäfte christlichsozialer Provenienz durchgesiebt itnu&eu, geht es ninrmehr gegen die Deutschnationalen. Die christlichsozialen Beisitzer Dr. Gürtler und Doktor Odehnal legen sich jetzt auch keinen Zwang mehr auf und suchen durch eindringliches Befragen und entsprechende Konstatierungen den Anteil deutschnationalerParteigängerandemZusammcnb r u ch der Zentralbank klarzustellen. Das fiel ihnen in der letzten Sitzung um so leichter, als der Fall, der mehikdeutschnational orientierten Industrie- und Handelsbank, die von der Zentralbank übernommen werden mußte, auf der Tagesorduung stand. \ Hofrat Stern bezifferte deu Verlust, deu die Zentralbank aus der Uebernahm.e der Industrie- Und Handelsbank erlitten hat, auf etwa 86 Milliarden. Allerdings wird sich der Verlust voraussichtlich auf 100 Milliarden stellen, da sich einer der Hauptkommittenten der Handelsbank, die Firma Peter Westen, weigert, ihr Debetsaldo voll zu bezahlen. Besagter >;; i r Beter Westen, der in der Siidsteiermark ansässig war, hätte im ^Kriege imd nach dem Krieg sich an allen möglichen Gründungen und LlLVerkäufen beteiligt und soutenicrte auch in Wien längere Zeit zwei deutsch, nationale B lätter. Die Industrie- und Handelsbank stand den Dentschnaftonaleni sehr nahe. Vizepräsident war der. deutschnationale Großindustrielle Richard Braß in Hohenstadt, dem VeNvaltungsrat gehörte u. a. der ehemalige Schöuerianische Reichsratsabgeorbnete Dr. Anton Schalk an. Er hatte dort auch ein Effektenkonto mit 56.662 S. Der Sekretär des großdeutschen Vizekanzlers Dinghofer, Doktor Schacherrnayex, hat ein Debetkonto.' bei dieser Bank mit 70.887. S. / : Handelsminister Dr. Schürft und der ehemalige Vizekanzler -; | ■ Dr. Waber . i ein solches vpn 9254 S. Diesen Betrag.hätte das großdeutsche Parteibu reau seinerzeit von der Zentralbank für die Bezahlung der Löhne der Angestellten in Anspruch genommen. Schürff und Waber hasteten persönlich für diese Schuld, die jetzt schon zurückgezahlt ist, aber am 30. Junj, als der Zentralbankskandal ruchbar wurde, noch aushaftete. Die größte Passivpost der Industrie- und Handelsbank ist die.Schuld des oben erwähnten Westen-Konzerns, die auf 63 Mil liarden. angewachsen ist. Sie geht aus mißglückteGeschäftsdes 'Peter Westen bei der tzolzbank.zurück.. - ...” ■ ■ | :-''i''r>' Wc HoHMrck hlütck äuch von der Nationalbank einen Kredit von 80 Milliarden erhalten und auch von der Postsparkasse Geld bekommen und soll sich in den letzten Monaten mit diesen beiden Instituten ausgeglichen haben, wobei Nationalbank Verfassung und die Republik an. Obwohl Redner in seiner Grundeinstellung monarchistisch sei, müsse er doch erklären, daß man für einen Monarchen, der in der Stunde der Gefahr geflohen sei, keinen Finger rühren dürfe. Was Deutschlands Außenpolitik anlange, sei eine andere praktische Möglichkeit für deren Führung als die jetzt von Dr. Stresemann getriebene Politik kaum möglich. Die vaterländischen Verbände hätten e3' satt, für die Rechtsparteien Wahlpropaganda zu treiben, wenn sich diese Parteien nicht zu der vom „Stahlhelm" gewünschten Einheitsfront zusammenschließen und dem „Stahlhelm" selbst nicht einen entsprechenden Einfluß auf die Auswahl der Kandidaten gewähren. Den christlichen Jungfrauen Deutschlands, die im Königin-Luise-Bund vereinigt sind, wäre, wie Ehrhardt ausführt, zu empfehlen, daß sie ihre Gunst nur Jünglingen zuwenden, die der nationalen Sache dienen. # Es ist interessant, daß' ein wegen Geheimbündetei und Mordverdacht steckbrieflich. Verfolgter heute itt Deutschland öftentlich sprechen und politische Richtlinien erörtern kann. Noch interessanter aber ist die Parole, die er ausgibt und die in ihrer knappen Fassung „Hinein in den Staat!" nichts anderes besagen soll, als. daß die Unterhöhlung der Republik noch intensiver fortgesetzt werden Wird. Der deutsche Nationalismus weiß sehr wohl, daß er die Revancheidee nur in der Agitation verwerten kann. Außenpolitisch ist mit ihr nichts mehr anzufangen, Wenigstens nicht so, wie es sich der direkte Militarismus vor-, stellt. Deutschland ist im Bölkerbundrat, und wenn es, wie dies Ehrhardt ausplaudert, in die Hände des Rochtsradikalismus. gerät, so kann es dort Revanchegelüste ungleich leichter und unauffälliger, betreiben. Der Exkaiser mit seinem pietistischen Getue ist in den Kreisen der echtdeutschen Männer schon, seit seiner zweiten Ehe mißliebig gewordm. Aber in bezug auf die Monarchie als Prinzip besteht Me Einheitsfront, wenn auch nicht die, die die Stahlhelmleute wünschen. Das Auftreten Ehrhardts zeigt, daß die Leute feiner Richtung die Putschpolitik nicht mehr für nötig halten. Sie können die Macht ohne Risiko erlangen. Ehchardt hofft aus die Zeit und *h auf die Liebe. NnÜPostsparkass^ a'nf einen Teil des Geldes verzichten mußten. Die Beschäfsimg des Nationalbaukkredits soll die Holzbaük allein eine Milliarde an Provision gekostet haben Und $ ivird erzählt, daß Dr. Thai)ental, der an der Spitze der Bank steht, sich selber einen namhaften Teil dieser MsillinrdenproVision an s g e z a h l t h a v e. Die Jndnstriebank mnßte zehn Milliarden ans der Verpflichtung des Westen bezahlen und sich; J.i;;; das Gold bei Schajowih beschaffen. Cs" waren dies 170.000 Dollar. Ms SchafoWitz das Geld zurückverlangte, begannen die erstell Schwierigkeiten für die Jndnstriebank.; > . ’ Westen verlangt nun, man soll ihnr von den 63 Milliarden 25 Nachlassen, was Hofrat Stern als grobe Ungehörigkeit bezeichnete. Bei der Holzbank seien — so erklärte er weiter — die größten Inkorrektheite n vorgekommen, noch ärgere als bei der Bauernbank. Die Bank führte satzungswidrig Börsen- und Spekulationsgeschäfte durch, obwohl sie kein Recht dazu hatte. Es gab Deckkonti und Nostrospekulationen. Hofrat Stern fand cs als ganz urrverständlich, daß sich die. Natiormlbank rroch die Holzbank angesehen hatte. . ,; Dr. Gürtler suchte Nun aus dem Direktor Gatte rer, der die Untersuchung bei der Steircrbank geführt hatte und jetzt als Experte für die Jndnstriebank einvernommen wurde, heranszubekonnnen, wanmr man über die , Abschreibungen von Speknlativlcskonti bei der Steirerbank hier berichtet' habe, es aber als unmöglich erkläre, festzn-> stellen, ünvieweit bei der Jndnstriebank solche Abschreibungen den Status ältericrt haben. Dr. Odehnal.ging mit mrd Postsparkasse aus einen Teil des Geldes verzichten mußder Darstellung Dr. Odehnals mit der Industrie- und Handelsbank und der Holzbank sowie mit der Zentralbank in innigem Kontakt und war Verwaltungsrat bei allen diesen Bankern.. Ms allen seinen verschiedenen Geschäften ergsbo ' sich ...-mi. I- ' ' ' ' ein ttttgeheuer großer Debeisakdo. Dr. Ohdehnal richtete schließlich an die Kuratoren das Ersuchen, die Schulden des Kontos Peter Westens in der rücksichtslosesten Weise cinzutreiben. ' - ' Ans Befragen gab Direktor Gälterer zN, daß die. Industrie- : Und Handelsbank der g r o ß d e u t f ch c n Volks Partei einen. Betrag von 430.0 Schilling, der ans Zinsen und Zinseszinsen eines, größeres. DarlehMs,,.entstanden war, aÜ.ges.chrieb esi..Habel Dr.. D'än.sieVerH.. bemängelte auch, daß in dem Verzeichnis der nnberichtigten Konti! nur Beträge über 5000 Schilling ausgenommen sind, tvährend bei der Steirerbank alle Beträge über 2000 Schillinge enthalten waren. Direktor Gatterer versprach, dieses Verzeichnis, ehestens nachzn tragen. StreUverzicht der Beamten. Dr. Seipel verhandelt mit den Bundesangestellten. )! Im Bundeskanzleramt enrpfingen gestern Bundes-' kanzler Dr.. .Seipel mrd Finanzminister Dr. Kienböck die Vertreter des Fürffündzwanzigerausschusses und der Technischen. Union. Dr. S eipel leitete die Verhänd- ' lungen mit einer Ansprache ein, in der er eiutettenSb den Beamten sagte, wenn Wan am Beginn Weiwungelt zuhören bekäme über M Ultimatum u. dgl,, dann gebe es Lei n V e r h a n d e l n.' Wenn die Verhandlüngen Stunden oder Tage beanspruchenso dürfe, man nicht nervös werden. Die.Regierung würde sich henrühen, die Berhandlüngm rasch abzuschließen. Die Valorisierung der Gehälter lehnte der.Kanzler im gegenwärtigen Zeitpunkte ab. Er könne auch jetzt noch nicht einen bestimmten Zeitpunkt für eine neue Etappe der Angleichung an die Vorkriegsbezüge in Aussicht stellen.. Wenn man in einem.späteren Zeitpunkt mit den Beamten endgültig abschließen würde, dann werde. man — und das .sei zugleich'eine Frage der Angleichung an das. deutsche Recht —- auch dazu kommen müssen, daß die Beamten auf Streiks verzichten und daß dieser Verzicht gesetzlich festgelegt wird. Finarczminister Dr. Kienböck betonte, er finde das Verlangen nach Valorisierung . begreifliche, doch, würde diese ein Aufsteigm der. Wirtschaftvoraussetzen, die man jetzt nicht mit Gewißheit prognostizieren könne. Die Beamtenvertreter behaupteten nun, daß das lchte Anbot der Regierung, eine lineare Erhöhung der Beamtengehalte um 12.5 Prozent, nicht ausreichend sei, da die Kosten der Lebenshaltung um einen weit höhererr Prozentsatz gestiegen seien. Dr. Seipel und De. Kienböck sichen sich aus Me Debatte über den Index nicht M, worauf die Beamtenvertreter hauptsächlich ans vier Punkte aufmerksam machten: Der M i n d e st b e z u g soll so geregelt werden, daß die in Betracht Kommenden nicht weniger erhalten tvie in den drei letzten des heurigen Jahres. Die übrigen drei'Punkte beziehen M auf den Spannungsausgleich, die Ortsklassenzulagen und die Kategorisierung.Dok-' tor Seipel sagte zu, hie Frage des iMndeDmuges mit dem Finanzminister zu prüfen» -Dtz. tzWM MoMg werden die VerhaMuugen syrt-

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