Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2750 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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N r. 2760 SBPtBn, (jEWOTJJ wWllC »WfgWljwiing 32. LKoVsv IM Ssvbe 3 Aurreichnungen von Beamten der wiener Kultnsgemeinde. Bundespräsidmt Dr. Hainisch hat den Amtsdirektoren der Wicncr jüdischen Kultusgemeinde Dr. Emil Adler und Guido Fuchs gelb sowie dem Vorstand der jüdischen Gemeindebibliothek Dr. Phil. Bernhard Wachste in den Titel eines Negierungsrates verliehen. Dr. Emil Adler, der erst vor wenigen Tagen sein. 35. Dienstjahr vollendet hat, ist der Sohn eines berühmten Pohrlitzer Arztes, der während seines langjährigen Wirkens in der Heimatgemeinde Pohrlitz sich einen vorzüglichen Namen erwarb. Hier erhielt auch Emil Adler eine streng 'jüdische Erziehung. Nach Absolvierung seiner juridischen Studien in Praa trat Emil Adler im Jahre 1891 in den Dienst der KuMsgemeinde, wo er wegn seiner hervorragenden juridische : .M-c.iuluif.c und seiner sprichwörtlichen Pflichttreue sehr rasch zu führender Stellung gesaugte. Nach dem Ablebe» des ersten Sekretärs Dr. Theodor Lieben wurde Adler dessen Nachfolger und im Oktober d. I. Amtsdirektor. Besonders groß sind die Verdienste Dr. Adlers um die Wiener Gemeinde, wegen seiner hingebungsvollen aufreibenden Arbeit während des Krieges, als nahezu sämtliche Amtsleiter der Kultusgemcinde eingerückt waren und an die Wiener Kultusgemeinde überaus große Anforderungen gestellt wurden. Regierungsrat Doktor) Adler hat sich durch sein gutes Herz und seine Anhänglichkeit all die Wiener Kultusgemcinde, deren Würde und Ansehen ihm über alles geht, eine überaus große Zahl von Freunden und Verehrern nicht nur in der Wieirer Judeulschast zu sichern verstanden. Regicruugsrat Fuchs gelb ist als Sohn eines Redakteurs im Jahre 1876 in Wien geboren. Er ist im Jahre 1897 in den Verwaltungsdienst der Kültusgemeinde getreten. Mit großem Organisationstalent begabt, hat Fuchsgelb in kurzer Zeit die Stufenleiter der Beamtenkarriere erklommen. In den verschiedensten Dienstzweigen hat Fuchsgelb eine Fülle von Erfahrungen gesammelt. Am 1. Oktober 1923 wurde er zum Ersten Sekretär, am 1. Oktober 1925 zum Amtsdirektor befördert. Seit zwei Dezennien ist er Vertreter der Kultusgemeinde im Ortsbezirksschulrat des zweiten Bezirkes. Auch als Kuratoriumsmitglied einer Reihe von Fürsorgeinstitutionen wirkt er sehr verdienstvoll. Er hat auch zahlreiche Publikationen über die BerwaliuuL 'und die'Institutionen der' Kultusgemeinde verfaßt unb ist beim Vorstand ebenso beliebt als beim Publikum. Regierungsrat Dr. Bernhard Wachstein hat däs'Doktorat der Philosophie auf Grmid seiner Dissertation '^Kritische Untersuchungen zur Interpretation der Leibnizschien Philosophie" erlangt. Sie trug ihm ein Stipeudium ein. Dr. Wachstein vollendete auch theologische Studien an der Israelitisch theologischen Lehranstalt in Wien und trat am Eisern Stark MEdttlg Wird;ede: uglhu; und jedes Kind, des mW echtem m FRANZBRANNTWEIN MIT MCNTHÖi massiert wird. Bestes häusliches Schutzmittel des Kindes. Ständig als Mundwasser zu benützen Diana - Franzbranntwein ÜBERALL ERHÄLTLICH! 1. Juli 1903 als Amairuensis in die Bibliothek der Kultusgemeinde ein, die sich mit ihren 50.000 Banden infolge ihrer Reichhaltigkeit und wissenschaftlichen Bedeutung eines Weltrufes erfreut. Seit mehr als einem Jahrzehnt leitet er die Bibliothek. Er hat für sie einen Gesamturck mehrere Spezialkataloge geschaffen, die für den Forscher wertvolle wissenschaftliche Behelfe sind; er hat es auch verstanden, die Zusammenarbeit der Wiener Bibliothek mit denk. In- und Auslage auszubauen. Dr. Wachstein ist auch Versasseri mehrerer wissenschaftlicher Publikationen, meist aus der jüdischen Geschichte, die zum Teil« von der Akademie der Wissenschaften herausgegebmr sind. Mit besonderer Liebe behandelte er die Geschichte der Juden in Wien. Er hat u. a. die aus Anlaß des lOOjährigerr Bestandes des Stabttempels erschienene Reproduktion des 1. Statutes vom Jahre '1826 mit einer wertvollen Studie versehen. Der Siabruch im Schlöffe Rothfchlws Uebcr die Umstände, die zu der gestern genrelboten Verhaftung des Einbrechers im Schloß Rothschilds in Waid- Hofen a. T)., Josef Stampf, geführt haben, erfahren wir noch folgendes: Der Polizei <Bt. Pölten, tvac bekannt worden, daß Stampf sich eine neue Wohneinrichtung gekauft habe, die er mit einer 1000 Schillingirote bezahlte. Da Stampf arbeitslos ist, ließ die Polizei bei ihm eine Hausdurchsuchung vornehmen, die zur Auffindung einer goldenen Krage,madel, eines Schmelztiegels und einer wertvollen Lupe, ,oie sie zum Prüfen der Punzierung dient, sowie einer neuen Taschenlampe führte. Diese Taschenlampe wurde Stampf zum Verhängnis. Denn sie hatte er aus einer Schreibtischlade des Schlosses gestohlen Und mit einer zufällig! in seiner Tasche befindlichen neuen Batterie sogleich gefüllt, bei welcher Gelegenheit er den Kontroltstreifen der Batterie, löste und ihn unbedachter Weise am Tatort zurückließ. : Die meisten der gestohlenen Schmuckstücke wurden in verschiedenen Verstecken im Loden, des wegen Diebstahls- , teilnahme verhafteten Juweliers Rudolf Koller in Sankt- Pötten vorgefunden, zumeist schon deformiert, die Edelsteine lose, das Gold zum Teile eingeschmolzen. DIANA Einige wertvolle Perlen hatte Kolter schon an Krawatttnnadeln' für eigenen Gebmuch befestigt. Für die Juwelen, die einen . Wert von ungefähr 20.000 Schilling remäsentieren, hat er dem Stampf nur 260 Schllling gegeben, indem er die Perlen als falsch bezeichn?!«. Beide wurde' heute dem Kreisgericht St. Pölten eingeliefert. FilmvaMrna. Nur zögernd, wie einer, der die Sicherheit deo Bode•>* prüft, tritt der Film in Palästina auf. In Syrien, in .Aegypten hat er sich festgesetzt; im Jordansande will es ihm nicht gelingen. Man nmndert sich vergeblich, wie eiir an Naturschönheiten so reiches Land mit seiner großen Trockenheit und fast ewigen Sonne — beide sehr zur Filmproduktion einladend — jenem großen Heere so länge widerstehen kann, das mit den schnellen Schritten der Kulturmacht über die ganze Welt eilt, alle Schranken niederreißend, alle Grenzen vernichte,td, alle Burgen zwingend. Vor Palästina stauen sich die Wogen, wie die des Mittelmeers, das an die Kiffte dieses Larü>es schlägt. Wo fiub die Filmfabriken dieses Filmlandes? Es gibt kei ne. Wer bildet dort das Tote Meer ab, wer filmt das Jordaittal, wer führt den Kurbel apparat in die arabische Wüste, wer ans stürmische Meer? Amerikaner unb Europäer ziehen ins gelobte Land mit Regisseuren und Darstellern unb dein ganzen Stab ihrer Kunst, und arbeiten mit Freude in dem historisch so reichen Land. („Ben-Hur" wurde zum Teil da gedreht.) Inländische Partner finden sie nicht. In ganz Palästina gibt es 13 Kinos. Jerusalem besitzt zwei Kinotheater, wovon eines einem englischen Geschäftsführer untersteht und großstädtisch,geführt wird. Beide Lokale sind fast immer halb leer. Die Fachleute sprechen von einer 'unzerstörbarenjahrhundertealten starren Ruhe, in die selbst detz Film keine Bresche schlagen kann: sie folgern vom Land auf die Einwohner. In Jaffa gibt es ein Kino, m' Tel--Awiw zwei. Bei so spärlichen Möglichkeiten kann die Industrie kein großes .Interesse haben. Wer es stehen ihr auch keine Men Wege zur Verfügung. Es gibt keine Verleihfirmen innerhalb des Landes, so daß jeder Film Ms den: Umliegenden Auslande impovttert werden muß'. Die Berkehrsverbindimgen sind schlecht. Der Hasen von Jaffa z. B. ist durch die. Heftigkeit des Meeres schwer zu verwenden, seine eingleisige Eisenbahnverbindung mit Jerusalem ungenügend. Dazu tritt noch eine Spezialisierung der Publrkmns-- wünsche in den einzelnen, über das Land Verteilten! Lichtspielbühnen. In Tel-Awiw beispielsweise, tvo das Publikum zum Gwßteil aus angesiedelten russischen Intelligenzlern besteht, werden die Hochwertigsten künstlerischen Film« gefordert. Dafür ko Minen zuerst die großen dcLttschen Produktionen in Betracht) aber rmr die ganz großen, und in . zweiter .Hinsicht russische Erzeugnisse. Mm kann sich die Schwierigkeiten vorstellen, die sich unter solKm Umständen'in kaufmännischer Hinsicht ergeben. Syrien hat filmwkchtige Städte wie Damaskus Und Beyrut, Aegypten hat eine selbständige Produktion. Pälä- Begegnung mit dem Mischen Tunis. MiseEvM'NWrMgen von Dr. Maximilian Hvvowitz. I Ein richtiger Zionist geht überall jüdischen Spuren nach. Auch wenn er sich gerade auf einer Urlaubsreise durch die jüdischen Mittel,neerländcr befindet. In Sizilien begann ich. Keine Gegenwart, aber viel Geschichte, Nicht ungestraft ist die phönizischr und arabische Herrschaft über das Land hinweggegangen, tief haben sich die semitischen Züge ins BevölkerUngsantlitz 'eingegraben. Auf Schritt und Tritt begegnet mm Leuten, denen man freundschaftlich als Stammesgenossen zulächeln möchte. Sizilianer von Geburt ist Mch Signor Augusto Turati, Nachfolger Farinaccis als Generalsekretär der Partita Nazionale Fascista und als solcher nach Mussolini gegewwärtig die mächtigste Persönlichkeit der Partei. Gerade spricht;es duf der Piazza Pretoria in Palermo vor einer begeisterungstollen Menge, von deren fanatischem Enthusiasmus man sich in den nüchternen Ländern des Nordens wohl schtverlich einen Begriff machen kann. Durch das ungeheure Menschenmeer hindurch gelingt es mir, bis unmittelbar zum Balkon vorzudringen, auf welchem der Redner steht. Da ich nicht sonderlich viel von dem verstehe, was er unter Aufbietung seiner ganzen südlichen Leidenschaft zur Versammlung spricht, habe ich genügend Muße, ihn zu betrachten. Und da denke ich mir, daß es Herrn Turati« wirklich nicht zu empfehlen wäre, mit «unseren Hakenkreuzlern, trotz aller deren Sympathien für den Faschismus, in allzu nahe Berührung zu kommen. * Aber in Tunis kam ich auf meine Rechnung. Ehe ich mich versah, stand ich mitten im jüdischen Leben. Kaum waren die schlanken Minaretts der malerischen Küstenvvrstadt Sidi-Bon-Sahib aus der Gesichtsweite verschwunden, kMm hatte mich nach Beendigung der etwas langwierigen Landungszeremonien ein kleiner Araberjunge in einer Droschke verstaut, da schwingt sich Mch schon eine dunkelhäutiga Gestalt mit buschigem schwarzen Schnurrbart und rotem Fez in den Magen und nimmt ohne weitere Umstände neben mir Platz'. „Ich bin der Whr'er," antwortet er mir französisch auf meinen erschreckt fragenden Blick, „ohne mich können Sie Tunis nicht besichtigen." .„Ja, tver hat Sie denn gerufen?" „Ich bin vom Hotel geschickt." „Von welchem Hotel? Ich weiß ja selber noch nicht recht, wo ich absteigen werde." ,/Im . Hotel de France," erwidert er mit dem Brustton der Ueberzeugung. ( „Nun gut, aber einen Führer brauche ick nickt, ich habe einen Baedecker bei mir." „Dort steht nichts Ordentliches drin." „Doch; sechs Selten und ein Plan." „Mer das Wichttgste fehlt." Und er beginnr, ,uic die Sehenswürdigkeiten Mfzuzählen, zu denen er mich hinführen tvich und die im „Guide" sicherlich nicht verzeichnet sind. Im Araberviertel, im Jüdenviertel Usw. „Ja, das Judenviertel interessiert mich besonders:" „Sind Sie vielleicht Jrde?" „Gewiß!" Seine Augen blitzten vor Frvude. „Ich auch," ruft er, „und der Herr Ms dem Kutschbock oben auch. In Tunis gibt es viele, viele Juden, sie wohnen hier seit dev Zerstörung des zweiten Tempels, ja man sagt sogar, daß sie schon mit den Phöniziern ins Land gekommen sind." * Das war der 'Anfang. Und dann kam die Führung durch die Stadt. Zuerst im Araberviertel natürlich. Wer so den Orient das erstemal sieht, wähnt sich in die Märchenwelt von Tausend und eine Nacht versetzt. Bei jedem Gewürzkrämer Vlkeb ich voll Entzücken stehen. Der Führer wurde ungeduldig. „Es gibt noch so viel zu sehen," mahnt er, „und dabei war noch der Bey so liebenswürdig, einen Tag vor Ihrer Ankunft, nach Frankreich abzusegeln und Ihnen seinen! ganzen Palast zur "Besichtigung zu überlassend Aber ich kmn mich nicht trennen. Und im arabischen Kaffeehaus, wo der Sudanneger aus irdenen, strohgefüllten Krügen den warmen süßen Dattelsast einschenkt, bleibe ich gleich zwei Stunden sitzen. * Sol kam ich erst am nächsten Dag ins iJudenviertel. Deö Weg dahin führte uns durch die Liebesgasse. Die „Gemischte", wie sie dort genannt wird, denn französisch«, italienische, spanische, arabische und jüdische Mädchen verschenken- oder besser gesagt, verkMfen hier ihre Freuden. Sie sitzen enge nebeneinander vor den nichtigen Tore« ihrer Häuschen, welche direkt zum Liebesgemach führen. Und dann befand ich mich unter unseren orientalischen Brüdern. Das äußere Bild, von mannigfachen hebräischen Aufschriften abgesehen, nahezu das gleiche wie im Araberviertel. Unglaublich enge und ivinkelig die Gäßchen, in malerischen Schmutz getaucht. Die «Märkte überfültt von übelriechender Ware, die Wohnhäuser als solche Von aatfjm oft gar nicht kenntlich. Mer beim Eintreten gewahrt man nicht fetten zu seinem größten ErstMnen koshbare Mosaiken in dm Fußböden eßngelcgt, Arabesken schmuikken die Wände, der Hof Von mMrischen Bogengängen Um-, schlossen, Ja, hört man dann, das Haus gehörte früher dem Prinzen Smmdso, der ist ccher schon längst nffidjj Paris gezogen. Sters ist die ganze Familie im Borhaus vevfanunLÄ, jeder bei seiner Beschäftigung. Sv wie die Häuser, gleichen auch ihre Inwohner im Aeuß'ercn und der Tracht sehr stark ihren arMschen Mitbürgern, deren Sprache sie Msschließlich sprechen. Nur ihre Hautfarbe fft etwas lichter? Mch trifft man unter ihnen bisweilen blonde Typen. Die jüdisches Frau unterscheidet sich von der arabischen, bei, sonst gleicher Kleidung, drcrch das Fehlen des Gesichtsschleiers. Als ,Jude Ms der Fremde", wie mich mein Führer überall vorstellt, werde ich, wo immer ich hinkomme, mit herzlicher Zutraulichkeit, ja bisweilen sogar mit Ehrfurcht, empfangen, mancher Me murmelt einen SegenssprUch. Besonders rührend gestattete sich der Besuch in der Wlmud-Thoraschule, wo mich die Lehrer mü ihren, nach Huwberten zählenden, winzigen, aber gewalüg lärmenden Zöglingen bekMNt machten. Das fft das Judenviertel mit seinen kleinen Handwerkern, und Händlern, die sich, weiß Gott, eher schlecht als recht drrrchs Leben durchfretten. Doch die Reichen und Wohlhabenden, die im Europäerviertel. ihre Villen besitzen — eine andere Wett. Europa im Gegensatz zum Orient. Hier dominiert schon das Französische. In Kleidung und Gehaben vollkommeir europäisiert, bieten sie das Bist» europäischer GroßstMjuden. Und haben doch erst seit kMm einer Generattoir das Ghetto devlassen. So einen lvürdigen Teppich- und ParfümeriegroUhändler möchte cnan ohne weiteres als Herr Kommerzialrat Mspvechen und die jungen Mädchen dort schMen Mss Haar so Ms wie die Backfische, welche bei uns Sonntag vormittags im Städtpark spazieren gehen. Freilich, ein Unterschied besteht. Trotz aller äußeren Augleichung gibt es keine Assimilation. Das Gefühl der nationalen Besonderheit Und Zusammengehörigkeit ist als eine Selbstverständlichkeit dem Dmken von M mü> Jung eingeimpft. „Was sollen wir den«: sein?" antwortete man mir unisono auf meins Frage. „Araber? Oder FrMzosen? NMrlich sind' wir Juden." — So lernte ich das jüdische Dlmis kennen- Wn zweiter Aufsatz 'folgt.)