Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2749 (21.10.1926)
- Date
- 1926-10-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wen, DmmeMss Nr. 2740 Ae Sudelt Wiens*). Eine statistische Studie von Dr. Leo Goldhaminer. Berufsverhältnisse Ueber die Berufsverhältnisse der Juden Wiens besitzen wirgenaue statistische Angaben nur für das Ja.hr 1910. Wohl wurden bei den früheren Volkszählungen und auch bsi der des Jahres 1926 die Konfessionen erhoben; bei den früheren Volkszählungen wunden sie jedoch nur fiir das damalige Kronland Nieberösterreich ausgezählt, so daß die Ziffern für Wien allein nicht ermittelt werden konnten; bei der Volkszählung im Ja.hre 1923 wurde jedoch, wie wir bereits angeführt ha'ben, aus Mangel an dem nötigen Personal die Auszählung riach Konfessionen überhaupt nicht vorgenommen. Wir müssen uns also mit den Daten des Jahres 1910 begnügen. wobei bemerkt wird, bas; die Volkszählung im Jahre 1923 erfahrungsgemäß nur nach einer gewissen Richtung hin bestimmte Aendemmgen ergeben haben dürfte. Die nachfolgende Tabelle gibt die absoluten Zahlen der beruflichen V e r h ö l t N i -s s e bei Inden und Nich finden im Jahre 1910 wieder. Land- und Forstwirtschaft. Juden Nichtjudeu m. w. m. w. selbständig . . . unselbständig . . 70 48 12 2.128 2 5.150 487 1.426 zusammen . . . 118 14 7.278 1.913 I n d u st x i c u nd Gewerbe. selbständig . . . 5.464 2.475 44.179 26.606 unselbständig . . 12.854 6.106 297.236 118.383 zusammen? . . , 18.318 8.581 341.415 364.391 Handel und Berkehr: selbständig . . . . 12.975 2.921 29.660 48.495 unselbständig . . > 1 20.095 . 5.713 135.407 41.502 zusammen . . . 33.070 8.634 165.067 89.997 .O c ffen tl i ch e Dienste und freie Berufe: selbständig . . . 13.038 11.950 92.075 112.469 unselbständig . .. 1.045 69 56.488 15.723 zusammen .* . . . 14.083 12.019 148.563 128.192 Hällsliche Dienste und Lohnarbeit: 21 957 2.186 98.200 Familienmitglieder: 23.580 55.898 233.119 523.275 Schon »der Mick auf diese Tabelle genügt, urn auch hier..eine bereits in anderen Ländern gemachte Feststellung KU konstatieren, daß nämlich der Handel unter den Berufen der Juden den ersten Rang einnimmt. Der Anteil an der Land- und Forstwirtschaft ist, da es sich >um eine Großstadt handelt, selbstverständlich gering, sowohl bei den Juden, als mich bei den Nichtsuden. Der hohe Anteil der Juden an der I n d u st r i e und am Gewerbe, — er folgt als zw eiltstä r k st e r dem Handel — ist vor allem darauf zurückzusühren, daß es in Wien eine große Anzahl Mischer Handwerker gibt, so daß der Anteil der Juden an der eigentlichen Jndu- *) Siehe „Wiener Morgenzeitung" vom 25. Juli, 1., 8., 22. und 29. August, 12. und 28. September, 6. Oktober 1926. Asch, der Erzähler. Der jüdische Dichter Schalom Asch hat früh eine Europäische" Laufbahn eing-schlagen; über die Grenzen feines jiddischen Sprachkreises hinaus wurde er zunächst als Dramatiker mit seinem Schauspiel „Gott der Rache" und seiner Komödie „Familie Großglück" bekannt. Der Berliner Verlag S. Fischer brachte dann auch andere dmmatische Werke („Sabbatai Zwi") und die für Schalom Aschs dichterisches Wesen am meisten charakteristischen Skizzen „Das Städtchen", auch seine ersten größeren Romane „Amerika" und die „Die Jüngsten" heraus; die Bücher fanden wenig Anwert, daun fiir Asch, den Schilderet: der Innigkeiten des „Städtel", hatte das deutschlesende Publikum nicht viel Verständnis -und die ersten Rorua-ne des Dichters waren in der Konzeption zu schwach, nnr nachhaltiges Interesse zu erwecken; vielleicht war auch noch für ihre Probleme nicht die Zeit gekommen. Inzwischen ist oas Thema „Kampf der Jrngon gegen die Alten", das der Roman „Die Jüngsten" behandelt, in der deutschen Literatur (durch Hasenolever, Bronnen und etliche andere noch gestalbungsunsähigeve „Uobermoderne") recht zahlreich in Umlauf gesetzt worden, und es würbe sich vielleicht lohnen, „Die Jüngsten" wieder eiuimal vorzunehmen, di« das seither so viel behandelte Problent wenigstens ln seinem Familienkern bewältigen. Inzwischen sind fünfzehn Jahre vergangen, Schalom Asch 'Ä ständig, mit den kurzen Unterbrechungen, zu denen ihn die Liebe zur alten Heimat zwingt, in 9dew- Aork, und ist dort zum ausgesprochenen Romancier und Novellisten geworden. Der Schrldever des ,Städte!" hat einem neuen Asch, dem effektvollen Erzähler Platz gemacht/ der für die jüdische Erzählungskunst immer wieder neue Gebiete au'fschließt. Drei Themen sind es 'hauptsächlich, welche die Grundmotive für das erzählerische Werk Aschs in den letzten fünfzehn Jaihven abgobsn. Das eine ist das der jüdischen Historie «und Legende, m «der Mr«er Morsmzettmis strie kein allzugroßer ist. In der Berufsklasie „Osffentlichex Dienst und freie Berufe" find die Juden ebenfalls mit einer ziemlich hohen Zahl vertreten. Doch ist auch hier der größere Dell in den freien Berufen, der weit Reinere in ö s f e n t l i ch e n D i e n st e n tätig. >U«ber die Aufteilung nach Ser B e r u f s t ä t i gfeit gibt die nachstehend a-ngofikhrte Tabelle Aufschluß: Berufstätige: Berufstätig von je 100 Jud. Nichtjud. Jud. Nichtjud. darunter berufstätig im engeren Sinne 04.838 999047 54.00 93.09 Dienstboten . . 978 100.386 0.55 5.40 im Haushalte . . 79.478 766.394 45.33 40.75 Berufslose ... 18.843 144.193 10.40 7.76 Berufstätig im engeren Sinne sind demnach bei den Juden 64.09 Prozent, bei den Nichtjuden 83.09 Prozent, also fast ein gleich großer Prozentsatz. - Nur in «der Zahl der Berufslosen haben die Juden einen etwas höheren Anteil als die Niichkjuden; bei den Ersleren beträgt sie 10.40 Prozent, frei den Letzteren 7.76 Prozent. Dieselbe Erscheinung ist bei dem Prozentsatz der Berufstätigen lm Haushalt zu beobachten, wo bei den Juden 46.93, bei den Nichtjuden 40.75 Prozent entfallen. Wir «haben bereits in unseren früheren Ausführungen darauf hingewiesen, daß infolge der größeren Kinderanzahl bei den Juden diese aus der obenangeführten Tabelle sich ergebende größere Zahl von Berufslosen und im Haushalte Tätigen -resultieren muß. Im Jahre 19vo ist die Anzahl 'der Berufstätigen bei der Gesamtbevölkerung von 51» Prozent auf 53 Prozent gestiegen, bei den Berufstätigen -im engeren Sinne von -16 auf 60 Prozent; muh bei den Juden dürfte diese Steigerung erfolgt sein; in rvelchem Verhältnisse, läßt sich mangels Auszählung nach der Konfession nicht angeben; aber die Erfahrung lehrt, daß dieses Prozentvevhältnis bei den Juden ein etwas größeres fein dürste, als bei den Nichtjuden. Es ist eine bekannte Erscheinung, daß der wirtschaftliche Druck von außen, der ja auf den Juden überall und nicht zmn -wenigsten in Wien stark tastet, Ms eure größere und länger dauernde Berufstätigkeit erzwingt. Falsche Gold- und Petroleumaktieu. Verhaftung ein ec- Fälscherkonsortiums in Warschau. Wie wir seinerzeit «berichteten, hat die Pariser Polizei darauf aufmerksam .gemacht, daß zahlreiche g efälfchte Stück« der wertvollen und in Paris stark gehaudel>hen Baku er Petrolenmaktien und der L e n a - G o l d f i e l d s L t d. (der Unternehmung, die die größten Goldminen im Ural ausbeutet) kursieren. Die Spuren der Fälscher führten nach Warschau und dort ist es auch, wie die- Warschauer Polizei den Polizeistationen der europäischen Hauptstädte mitteilt, gelungen, des Fä «lscherkonsortiums, das die falschen Aitien herstellte und in Warschau, Prag, Berlin und 'Paris in Verkehr setzte, habhaft zu werden. Die Entdeckung der Fälscherbande ist einem «Kaufmann aus Krakau zu -danken, der in Warschau 200 Baku-Aktien kaufte, welche nach den Auskünften der Pariser Banken falsch waren. Der Kaufmann erstattete die Anzeige an die Polizei, die ihn veran- Asch nach seinen eigenen Worten zwei.Wellenbewegungen sieht, die ihm als «Aktion und Reaktion künstlerisch gerrommen, als Spiel und Gegenspiel erscheinen, das seine Phantasie immer wieder in Bewegung setzt: die Gewalt, die die Juden an den jeweiligen Ruh-epn-Men ihrer Existenz immer wieder überfällt und sich in leiblicher und seelischer Verfolgung äußert, rmd jene messranische Tendenz, die immer wieder die Antwort, nicht die äußere, sondern die innere Antwort des Juden auf die Gewalt bildet. Dieses Thema ist schon in Asch, dem Schi-Iderer und Skizzenschveliber lebendig geworden, als er die herrliche, kaum mehr zu übertressende kurze Skizze „Eine Karnevalsnacht" schrieb, in der die Legende vom wunden Messias an den Toren Roms mit dem zum Karnavalscherz für Rom hembgewürdigten jüdischen Leid zu einem leiirchbenden dichterischen Gewebe geknüpft ist. «Seither hat Asch dieses Motiv vom Leid und vorn Messias «in einer Reihe von «Werken erklingen lassen, so in dem Roman „Die Zauberin von Kastilien", dessen Handlung die Greuel d-er Inquisition, die seelischen und geistigen Verfolgungen der Juden durch «Papst Paul IV. zur Grundlage für die Schilderung der unterirdischen Messiassehnftlcht gemacht «hat, die in dem sticki.gen, würgenden Ghetto am Tiber in Rom lebt. Der andere -historische Roman Aschs „Ein Glaube ns Martyrium" stihrt in eine noch grauenvollere Zeit der jüdischen Geschichte, in die. der Ehmelnitzky-Pogrome in der Mm ine, und verknüpft wiederum -das «hoffnungslose Grauen «der Vernichtung mit dem schwachen Hoffnungsstrahl verzückten, aber auch verzerrten messiamschen Glaubens. In efoter großen Zahl von Erzählungen und Schilderungen aus den berühmten «Stätten jüdischer Siedlung L'nd jüdischer Geschichte, die der vielgereiste Dichter besucht 'hat, findet er immer wieder Gelegenheit, dieses Thema neu und mit einer auf den Löser sich übertragenden zarten Sehnsucht nach Erlösung zu schildern. DKe 15 Jahre NmeMa haben Asch ein Zweites, *mtm. LWVsr 1906 Serie 8 100 % reines JFetf MM aus ÄoÄosnüssen Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwurden des Herrn Oberrabiners 8. B. Ehrenfeld, Mattersburg. laßt«, eine Z u s a m nr e n k u n f t mit dem Verkäufer der Aktien zu vereinbaren, unter dem Vorwand, daß man die Angelegenheit ohne Mitteilung an die Polizei gütlich regeln wolle. Bei dem Stelldichein, auf das die Täter hereinfielen, wurdm drei der Hcmpttäter verhaftet, darunter ein gewisser Rubin, der in Berlin als EmÄ Sommer aufgetreten war. Kurz darauf gelang es auch, die übrigen fünf Mitglieder.der Bande fest- Mnehmen. Weichzeitig wurden die Inhaber «der Warschauer Druckerei „Merkur" verhaftet, in -der die falschen Aktien gedruckt wurde». Von den Lena- und Baku-Aktien sind in Polen g e w a l t i g e Mengen im Werte von über z «w ä ugig Millionen Zloty .gedruckt worden. In Warschau fürchtet man, daß im Zusammenhang mit «der Ausdeckung der Falschdruckerei eine Reihe kleinerer Banken und Kreditinstitute gm Fall komm e n w e r d e n, die in Polen gefAschte Aktien unter -den kleinen schlesischen Kohlenfirmen abgefetzt «haben. -Diese deponierten sie bei «ihren Banken- «und von ihnen wrwden die Aktien weiterkolportiert. Gefiihrliches „KindersplelMg". Aus Belgrad wird berichtet: In einem Lager des hiesigen Zollgebäudes ließen die Träger eine Kiste fallen, deren Deklaration auf K i n d e r s p i e l z e u g lautete. Es erfolgte eine Explosion, wodurch das Lager in B r a n d gesteckt wurde. Eine Person wurde g etö te t und eine verwundet. Man vermutet, daß in der Kiste Sprengstoffe gewesen sind. zählige -MöglIUjkei«ten in sich schließendes Thema «für -seute Evzählungskunst geschenkt: das Mdische «Leben jenseits des Ozeans, jene Mischung von jüdischem «Städtchen und Amerikanismus, die böson-ders in der ersten «Gensratton der jüdi«schen Einwanderung nach AmerÄa s-o eigenartige und manchmal groteske Blüten getrieben «hat. -As-ch lM für die Behandlung »Heses Themas in Ro.man und Erzä'tzlung allerhand liebenswürdig Huimore bereit; aber auch die -ernste Problematik «des kaum 50 Jahre alten jüdischen Amevika, der täglich und stündlich drohende jüdische Untergang, vor allem in seelischer -und geistiger Bezichung, finden in Asch einen meisterhaften «Schilderer. Am schärfsten profiliert ist diese Problemstellung in dern Roman „Der elektrische Ä«u«hl", der an dem «Schicksalsgang eines durch ung«lücklichen Zufall zum Mörder gebrandmarlkten jüdischen «Menschen zeigt, wie -sich drüben jenseits des -Ozeans «tausend und abertausend Arme ausstrecken, um «dem Juden sein letztes Stückchen jüdWe Seele, die MenschlWeit zu entreißen, demselben Juden, der in das Land der Fveiheik geflüchtet ist, um jenen HA* len zu entg«ehen, die sein primitivstes Menschenrecht uM Menschentum bedirohten. In einer -mehr «heiteren, manch» nral s'piielerischen Perspektive 'hat Asch diese PrMeme s«. dem Roman „Onkel Moses" ges«öhen, der das Echte unddas!' Unechte des jüdischen Amerlika einander gegen-übevstellt rrnd eine guite Schilderung «der Psychologie des Mischen Ueberganges .ist, wie er sich am schärfsten und dsutlichstm in New-Uork offenbart. Die stärkste Gestaltung dieses? Uebevgangsproblems bildet einer der «letzten Romane von. Asch, „Die Mutter", der das Schicksal einer Wischen FamMe von «der KÄinstadt Ostemopas bis zur Verwurzelung in die Riesenstadt N-sw-Dork abvollen läßt. Dieser Roman, «der demnächst «in deutscher Sprache erscheinen, wird, -steigt, um den «Gvundkevn «des jüdischen Wesens M ersvssen, zu den Müttern hinab, ist das -hohe Lied dav! jüdischen Mutter, die Asch als den «Gwigkeitswevt 'dss- DdWsn^ BokkeS steM.