Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2748 (20.10.1926)
- Date
- 1926-10-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Mt. 2748 —«f« — MÜJIjgx^fa Wien, MMMXY WLmer Morgenzettung 20. Oktober 1086 Sekte Z Tagesbericht. Sie BerufMivfchichtung der Mischen Ara«. Ei« Besuch im «lis-Ktthhet«. Lines der Grundprinzipren der jüdischen Renaissance ist „ a§ Prinzip der produktiven Arbeit. Der jüdische Mann muß vom Nur-Vermittler, h§w. vom Nur-Derckeniden zum Schaffenden, mit eigener Hände Arbeit Schaffenden umgewandelt wenden. Diese Berufs-mnschichtung des ManneS im Prozeß der jüdischen Wiedergeburt bezieht sich nun auch auf die jüdische Frau, wenn auch in etwas geänderter Form. Zunächst inuß ein wichtiges Vorurteil, das m der Sphäre Mischer AMiililationskreife entstanden ist, widerlegt werden: die jüdische Frau sei weniger zur Arbeit mit eigenen Händen geneigt, als /). B. die arische. Im Gegenteil. In den langen Jahrhunderten .er Galuth hat die jüdische Frau immer gearbeitet, sie war es. die für alles sorgte und den Haushalt führte, während der „gelehrte" Mann dem Talmudstudium oblag. Ja, die große Mehrheit jüdischer Frauen arbeitet auch heute noch und nur ein geringer Teil, bestehend aus Jourjüdinnen und solchen, die es werden wollen, kokettiert mit dem Nichtstun. Wahr ist nur, daß auch die jüdösche weibliche Jugend, insbesondere im Westen, überintellektuailisiert ist oder zumindest mit Jntellektualrtät liebäugelt. Das arme jüdische Mädchen, das einen Beruf ergreift, sucht viel eher die Stelle einer Stenotypistin oder Buchhalterin, als die einer Schneiderin, Köchln oder Gärtnerin. Daß auch hier eine durchgreifend« Umschichtung Platz greifen mutz und nicht nur im Hinblick auf Palästina, sondern auch mit Rücksicht aus die Erneuerung des jüdischen Menschen in der Diaspora, steht außerhalb jeden Zweifels. Das Verdienst für diese Umschichtung, d. h. für di« berufliche Pvaduttivierung tätig zu sein, darf unstreitig das Elisa b c t h h e i m für sich in Anspruch nehme«. Das Mifabechheim war das einzige jüdische Mäde n w a i s e nh e i m ttt der alten Monarchie. Bei der Gründung ein klernes Fünfzim.merh«im, entwickelte > es sich im Laufe der Jahre durch Zubauten und Ausgestaltung zu zwei großen Gebäuden, mit einer Flucht von Schiafräumen, Speiffesüien. Lehr- und Unterhaltungszimmern, Turnsälen, Badezimmern, Küchen, Waschräumen und ernem sehr schönen, flaclsen Sonnendach, das an die orientalische Bauart erinnert. Das Heim beherbergt gegenwärtig 68 Mädchen im Alter von 14 Jahren aufwärts, die zum Teil in verschiedenen Berufen beschäftigt sind und zum Teil die angegliederte Frauengewerbeschule besuchen. Rum geht man an dbe Errichtung einer Koch- und HaushaltungSschule, die den Märchen Gelegenheit geben soll, sich in allen Zweigen der Hauswirtschaft (Kochen, HaushaltungSkund«, hauswirtschastiiches Rechner:, Nahrungs- und Genußmittellehre, Hauswirtschädliches Arbeiten, einschließlich Waschen und Bügeln, Darren- und Blumenpfloge, Krndevwarinng und -pflege, Krankenkost und Diätküche, Servrerkunde, Ginsiedelunst,. Weibnähen» Kleidermachen usw.) gründlichst ausgubiDen. Während die Frauengewerbeschule zwei Jahrgänge nmsatzt, wird die HanShaltungsschule, die man im November zu eröffne» gedenkt, nur einen Jahrgang haben. Die Frauengewerbeschuke besitzt schon das Oeffentlichkeitsrecht, aber auch die Absolventinnen der Haushaltungsschule werden die Möglichkeit ddS Nebertrittes in da§ staatliche Seminar haben. An beiden Schulen können außer den internen Pfleglingen des Slisabethheimes auch Exiernistinnen teil nehmen. « Eine Wanderung durch das Heim und ein Besuch in der Frauengewerbeschule überzeugen von der in vielfacher Hinsicht vorViMichen, in allen Fällen liebe- und opfervollen Führung des Heimes und der Schule. Moderne Lehr« miss UnterhaltungKmittel (ProjÄtionsapparat, Radio), peinliche Sauberkeit und schließlich frohe Mädchengesichter sind das größte Mtivnm dieses Heimes. Denn die Mönchen, die hier arbeiten, lernen und leben können, stammen keineswegs immer aus froher Umgebung, ihre Vergangenheit weist oft leidvolle und traurige Ergebnisse auf. Wenn man noch erfährt, daß sich die Leitung des HeimS auch sehr intensiv um die Stellenvermittlung für diese Waisen bemüht (unter den Schülerinnen gibt es sogar Taubstumme), so kann mm: erst voll die Bedeutung des Heims würdigen. Bevor der wichtigste Mangel besprochen wird, sei auf eine Einrichtung verwiesen, die bei dom Besucher, aber sicherlich auch bei den im Heim woihnerrden MAchen einen unangenehmen Eindruck Hervorrufen mutz: Ueber den meisten Betten hängt eine große Tafel mit t«em Namen des Widmers und der Jahreszahl der Widmung. Manche Tafeln enthalten auch die Namen derer, zu deren Ehren das Bett gewidmet wurde und — Blumentöpfe, ganz wie ein Grabstein. Mutz dieser Modergeruch auf den Träumen und dem Leben der jungen Mädchen lasten, muß Philantropie immer Protzig sein? Wäre es nicht schöner, wenn man die Namen der Spender ivgerMvo in einem Buche,mernetzwegen Mit goldenen Detter«, verzeiHnete? ... Das Wichtigste aber: Wohl ist die Küche .streng rituell und der Samstag wird gefeiert, das Heim ist aber nicht jüdisch. Dir Mädchen lernen in Abendkursen Englisch und Französisch — Hebräisch jedoch müssen jene, die es wollen, außer Haus in Kursen lernen. Im ganzen Heim kein einziges Bild aus Palästina, kein Bewußtsein dessen, worum daS jüdische Volk jetzt kämpft, warum eS besonders intensiv arbeiten muß, welche Möglichkeiten sich mit dem erlernten Gewerbe, z. B. in Palästina eröffnen. Deutsche Sprache und österreichische Bürgerkunde wird gelehrt, ein hebräischer Kurs soll erst, wenn sich eme Kraft kostenlos zur Verfügung stellt, eröffnet werden. GS gibt aber heute keine wahrhaft jüdische Erziehung ohne hebräische Sprache, kein jüdisches Heim ohne hebräisches Lied, ohne jüdisches Volksbewußtsein und ohne den Hauch palästinensischen Lebens. Es ist die vornehmste Aufgabe und Pflicht zionistischer Arbeit in der Diaspora, solche Heime wie das Elffabethheim für die jüdische Sache zu erobern und sie wirklich zu dem zu machen, was sie sein sollen: ein Heim für das neue, erwachende jüdische Volk, eingeglielL'ert in den großen Erneu erungspvozeß des jüdischen Menschen, der jüdischen Frau. Daun wird das Ett'fabethheim Wer sin Institut der Wohltätigkeit hinaus «ne wahre jüdische Kultur tat werden. l. ffi. «e Lansbahu eines berühmte» Verbrecher« Helden. Glück mvd Ende des polnischen RänberchantztmauneS Arelmska. Wie wir bereits berichtet haben, wurde der in gantz Polen bekannte Bandit Viktor Zielinski, der von der Polizei schon lange ergebnislos gesucht wurde, von Polizisten, Me Dn fangen wollten, erschossen. Das Leben Zielinskis, seine iGefangemrahme, das Verhältnis zn semejn; Komplizen und der Zustand seiner Wohnung zeigen so recht die Gestalt eines Räubers, wie er nur selten die Verbrecherromantik der Großstadt bereichert. Zielinski begann seine Karriere im Jahre 1931, wo er schon der Ehre teilhaftig wurde, als Berufsdieb in die Register der Polizeibehörde ckngetragen zu werden. Von dieser Kennen Sie schon die grandiose Wirknng des DIANA" “ FRANZBRANNTWEIN Jeder GESUNDE und jeder KRANKE irtrt e> Ihnen bestätigen, ds8 die donkbat beste Witknng dar eh Diana-' ' mit Menthol ersten irtrd. ttBERAIil ERHÄLTLICH! Zeit an verbüßte er zahlreiche Strafen, die endgültige Weihe zum rücksichtslos mordenden Banditen gab ihm aber erst ein Ueberfall auf das Gebäude der englischen Handelsmissivn und auf die dänische Gesandtschaft, bei welcher Gelegenheit er einen Wachmann erschoß. In den Monaten Juni, Juli und September dieses Jahres verübte Zielinski z, V Raubüberfälle, wobei er immer -weder einige Menschen tötete. Bemerkenswert ist seine „Heldentat" vom 7.Juff, da er drei seiner Komplizen wegen Jnsub^ ordination kurzerhand erschoß. Er war eben ein tyrannischer Verbrecher und duldete kernen Ungehorsam. Mit Vorliebe aber beförderte er Polizisten ins Jenseits, wofür ihn jetzt auch die gerechte Strafe erreichte, da er unter mehr,als 30 Kugeln aus Polizistenhand fiel. Den letzten Ueberfall verübte Zielinsli am 16. d. M. auf eine Weinhandlung in der Towarowastraße, um das notwendige Quantum Alkohole für seinen Geburtstag am nächsten Tag zu haben. Tie Polizei wußte nicht, wer den Ueberfall verübt hatte, die Spur fand sofort nur Oberkommissär Chxlmicki, der die Nachforschungen auf eigene Faust führte, damit die Arbeit nicht vereitelt werde. Es gelang ihm auchdie Wohnung des Banditen aufzuspüren, und als ZielinD an seinem Geburtstag von seinem Einkauf in die Wohnung zurückkchrte, ging ihm gleich eine Patrouille nach. Mit dem Rufe: „Die Hunde kommen!" stürzte er zur Tür herein und schloß sie hinter sich. Als die Polizisten' die Türe aus den Angeln hÄen wollten, eurpsing sie ein Kugelregen. Die Türe würde trotzdem erbrochen und nun stand man Zielinski Aug' irt Aug' gegenüber. Der von einigen Kugeln getroffene Verbrecher schoß noch immer auf die Eindringenden. Schließlich fiel er, von zwei gut gezielten Schüssen des Polizisten Obojfti getroffen, tot nieder. In seiner Wohnung fand man stikrmr Brüder, seine Geliebte und einige seiner Komplizen zum Teil schwer verletzt, und in einem kleinen Nebenzunmcjr befand sich ein festlich gedeckter Tisch mit der Beute aus seinem letzten Raubüberfall — alles bereit zur Geburtstagsfeier. Zielinski selbst war festlich gekleidet, in Lachchuhen, glattrasiert. Bei seinem- Beruf konnte er eben me wif^n, wd er den Geburtstags feiern würde. Autouuftrll Fritz Kreislers. Der Kit«stier rmverletzt. Beksttst, 19. Oktober. Gestern abends stieß ein Kräfte wagen, in dem sich Professor Fritz Kreisler befand, mit einem anderen Wagen zusarmnen. Professor Fritz Kreisler wurde von den Trümmern überschüttet imd erlitt einen Nervenchvc, blieb aber unverletzt. Kreisler ist abends ist Glasgow tmeder eiMtzWm, wo er morgen ko-uzertwren ivrrd. Am Brunnen der Berber. Von Walter Reist Im Verlag Strecker & Schroeder, Leipzig, ist st-> >en ein bemerikenMvertes Reisebuch des Berner .iutorS: ,^öei Berbern und Beduinen" erschienen. dem wir die nachstehende Schilderung entnehmen: Am Fuße de- Berges von Takruwa, wo die breite Straße den ersten Felswall zerschneidet, gähnt der Felsenvrunnen. Braun ausgebrochen liegen die Felsen da an der Sonne und strahlen ringsum durstige Dürre aus. Die schief gewachsene, zweistännnige Palme, die in der Nähe steht, ist ganz gelbgrau; sie verstärkt nur noch den Eindruck der Leere, der Trostlosigkeit in dieser Gegend. Der Brunnen ist in die Felsentiese hinabgegraben. Oben von einer Mauer umkränzt, unten sich in klobige Felsen senkend. Der Spiegel des Wassers glänzt schwarz aus der schwarze» Mefe herauf. Wie weit er hinavlreicht, — wer weiß es? Wenn sich darin nur immer wieder trinkbares Wasser samnrelt. Dieser Brunnen ist Lebensquell für das auf dem Berge thronende Berbernest Takruma. Levenquell für alle Nomadendörfer in weiter Runde, Levensquell für alle Wanderer oder Fuhrleute, die aus der fast unabsehbaren Breite des Landes hieher und hier durch geraten; führt die Straße doch nach dem wichtigen Orte Zaghuan in den Bergen. Drum ist -der Brunnen Stelldicheinplatz für alle, die in der Umgebung wohnen. Ihm ist ein niedriger, breiter Trog angebaut. Als wir am Morgen hier vorWerkamen, war niemand da. Jetzt aber hockt ein Bevöermädchen mit den „Kleidern" im Wasser des Troges und wäscht: Zeltdecken, Tücher, Schlafbecken. Lauter armes, dunkles Gewebe. Ein rundes, braunes Gesicht, aus dessen geschwätzigem Munde schneeweiß scheinende Zähne schimmern. Ei» rotes Kopftuch erhöht den Reiz dieses nicht schönen, aber prallgesunden Frauenzimmerchens. Zwei andere Nomadinnen sind dabei. Ihre großen Henkeltröge haben sie auf der Brunnenmauer ab gestellt, um den einen Henkel ein Seilt geknüpft. Blaue und rote Fetzen find ihre Kleidung. Die silbernen Armbänder vlirrken weiß aus der dunklen Haut ihrer Arme. FriWich plaudernd und vachend, nach allem andern als nach dem Krug blickend, vassen sie diesen ruckweise in die Tiefe hinab« gleiten. Ab und zu schlägt ev an den zackig in den Brunnenschacht hinausragenden Felsen an. Endlich hört man drunten das Wasser in den Krug hineingurgeln. Wenn je, s» begreifen wir jetzt das alte Wort vom Kruge, dev zum Brunnen geht, vis er 'bricht. Nun klettert das eine Mädchen auf den Mauerkranz des Brunnens, um den vollen Krug Vesser Heraufziehen zu können. Mit großen Schwüngen wird die irdene Last geschickt gehoben. Aus den Kleiderfetzen schimmert dabei der arbeitsharte, schlanke, bronzene Körper, und der Schmuck klimpert sllvern dazu. Bon den Seilen, an denen die Krüge, die schtvarzerr Ziegenfelle und Eimer (oft gebrauchen diese Nonwdenweiber ganz gemeine, votveulte Blechbüchsen, die »mümals OeX, oder Benziubehälter gewesen sein möge») fe die Tiefe gelassen und heraufgezogen werden, ist der Brunnenrand ringsum schon tief zersägt; beinahe wie ein Zahnrad, das einwärts gezähnt ist. Seit wie vielen Jahrhunderten schon mag hier Tag für Tag dies ewig-neue, ewig-alte Schauspiel des Wasser holenS geschehen . . .? Aus dem Felsennest Takrunta herunter kvmmt ein jüngeres Weib mit einem Esel, welcher zwei Krüge trägt. Bon irgendwoher aus dem welligen Nomadengelände schleppt eine alte, verrnnzelte Nomadirr ihren bauchigen Krttg zum Bntnneu. Bmr den nächsten Nomadenzelten reiten gleich drei gebräunte Schönheiten auf ihren Eseln herzu, — alle werden sie unverzüglich mit einer bliMank lachenden Erklärung Wer die „Savoarni"-Herren überschüttet; alles macht neugierige Augen; alles wird von der Freudigkeit dev Wäscherin angcsteckt. Und diese wird umso ungebundener je mehr Bekannte sie um sich weiß. Rauhe Sttmmen, rauhe Sprache und doch' — welch erquickliche Fröhlichkeit! Wie ganz anders tönt dieses Leben als das im müden 'mohammedanischen Tunis. Eigenartig schön ist die Begrüßung dieser Leute; sie stuft sich augenscheinlich je nach Verwandtschaftsgrad oder Mter ab. Die alte Ramadin wird von der Wäscherin mit entern Kuß auf beide Rnnzelwangen 'begrüßt, ohne daß die Greisin die Küsse erwiderte. Eine jüngere Nomadin aber gibt der Wäscherin die Hand, diese gibt ihr ihre Hand zum Kuß zurück, küßt dann die Hand der Freundin, gtöt die Hand nochmals zum Kuß, küßt wieder die Hand der andern, und diese berührt hierauf, weil sie der Ankömmling ist, zmrr dritten Male die Hand der Wäscherin mit ihren Lippen. Die beiden Hände lösten V o während der Mserei nicht. Alles ^eht sehr flink -*i°. geschmeidig vor sich: hin und her, hin und her und (Auch Männer sahen wir schon durch solch zwei- bis dreifachen Handkuß oder dmrch Küsse auf beide Schultern sich begrüßen.) Ein Fuhrmann fährt mit dem hier WXichen zweirädrigen, rot bemalten^ an den Rädern und Stangen mit allechand Arabesken verzierten M gen einher. Er hält an, steigt ab, nähert sich den Krauen am Brunnen mrd bekommt, ohne auch nur ein Wort zu sage«, einen Krug mit frisch heraufgezvgenem Wasser zum Trinken gereicht. Die einsame Palme daneben raschelt dürr tm Mfiagöwinde. IM aff so«au Me m dqv» > I 151