Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2745 (17.10.1926)
- Date
- 1926-10-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Sfcr. 2746 Wien, Sonntag Wienee Morgenzettung 17. Oktober 1926 Serbe 8 turelle Fundierung und Kräftigung der Diaspora-Judenheil: heute — in einer allgemeinen Krisenzeit des Judentums — eine unaLweisliche Notwendigkeit; nur eine wenigstens einigermaßen gesunde Jndenheit in der Galuth kann ein gesundes jüdisches Palästina schaffen. Darum ist heute die Frage, ob eine innerpolitische Betätigung notwendig ist vder nicht, eine Frage, die übrigens bereitt, nrch Kongreßbefchlüsse in positivem Sinne beantwortet rvurde, nicht mehr zu stellen; vielmehr sind' die Methoden und das Ausmaß dieser innerpolitischen Betätigung einer gründlichen Untersuchung und Klärung zu unterziehen. Ich bin fest überzeugt, daß der Parteitag der österreichischen Zionisten in einträchtiger Beratung die richtigsten Mjttel für die Durchführung dieser Prinzipien zu finden wissen wird; in dieser Ueberzeugung bin ich um so mehr bestärkt, als gerade Wien und Oesterreich seit langer Zeit -in der theoretischen Fundierung und praktischen Anwendung der Methoden moderner, nationaler Politik führend waren. Selb stvevstän'dl ich werden auch 'die Fragen der Au-fbriirglmg der Kontingente für den Keren-Hajessod und den Keren-Kajemetih einen breiten Raum in den Beratungen des Parteitages einnehmen müssen, da die Bereitstellung >der Mittel die Voraussetzung für die zionistische Palästinaaribeit bildet. Sehr eingehend wirb sich der Parteitag über die richtige Frage der Heranzichnng der Jugend, die vorwiegend eine organisatorische ist, sowie mit den Kultnr- und ErzishungsprMsmien befassen müssen; denn mit der Schaffung der Gvun'dllagen für ein neues Judentum mutz die Erziehung zu diesem neuen Judentum Hand in Hand gehen. Lr. Ffidor Klaber, Mitglied der zionistischen Fraktion des Wiener Kultusvorstandes. Wenn wir über die Stellung der Jugend zum Zionismus einerseits und über die Stellung der Zionisten zur Jugend andevseits sprechen und urteilen, begehen wir immer wieder ben Fehler, daß wir von der Jugend entweder eine bestimmte Weltanschauung oder gar eine unbedingte Gefolgschaft für ein Programm voraussttzen. Die Jugend hat ein Recht, noch keine bestimmte Meinung zu haben, sie hat ein Recht, sich erst allmählich ein Urteil zu bilden, ste kann beeinflußt werden, gut und schlecht. — Cs ist aber in der Entwicklung begründet, daß die Jugend gegen das Alte, Althergebrachte und Ueberlieferte Stellung nimmt. — Auch innerhalb des Zionismus muß und soll die Jugend unzufrieden sein. Sie muß unzufrieden mit den Leistungen der Organisation, mit den Leistungen der Führer, sie soll Kritik üben, denn sie muß die treibende Kraft sein. Der Jugendführer, der nicht in gewissem Sinne opponiert, wird, und kann die Jugend nicht vertreten. Wehe, wenn die Jugend „brav", „regierungstreu", zu allem „Ja und Amen" sagt. Die Jugend hat mehr als alle anderen das Recht, dem scheinbar utopistischen Ideal' nachzustreben.— Der Zionismus war ein Traum, er fand die jüdische Jugend bereit, für die Verwirklichung' des Traumes alles hinzugeben. Der der Wirklichkeit nahe Zionismus verliert' die Jugend, weil das Reale auf die Jugend keine Anzeihungskraft ausübt. Freilich liegt hier ein Mißverständnis vor. Nicht iü» schönste und beste Siedlung in Evez Israel ist Zionismus. Zionismus war für uns immer mehr als ein Kolonisations- oder Wirtschaftsproblem. Zionismus war und ist für die ihn Verstehenden eine Weltanschauung, die Verwirklichung einer wahren Erneuerung des Judentums und damit Hoffnung auf Neuerstehen jüdischer Werte von allgemeiner Bedeutung. — Evez Israel ist kein „LmigrationSland". Chaluz ist nicht jeder, der sich so nennt oder der nach Palästina fährt. Ir: diesem Sinne gibt cs nun auch Zionisten, die vielleicht keine sind und Nichtzionisten die Zionisten sind. — W e l ch e A n f g cr b e hatn n n diezio - nistische Leitung der Jugend gegenüber? Sehr wohl bekannt sind uns die schweren materiellen Sargen der Organisation und des einzelnen Gesinnungsgenossen. — Eines steht fest: anzülocken mit Vorteilen irgendwelcher Art kann nicht der rechte Weg sein. Denn, wer nicht bereit, Opfer mannigfacher Art zu bringen, kann nicht durchhalten im Zionismus. — Die Jugend kann aber auch nicht gezwungen werden, zu einer parteimäßigen Gefolgschaft; geschieht dies, besteht die Gefahr, gerade die kräftigsten Naturen abzustoßen. Das Problem der E r Ziehung geht eben weit über den Rahmen eines Landeskomitees hinaus. Zunächst müssen die jungen Menschen mit jüdischen Werten vertraut gemacht werden und dann werden sie zuni Zionismus Stellung nehmen. Wir Zionisten find überzeugt, sie werden zu uns kommen. Aber die große Erziehungsarbeit kam: nicht unsere Aufgabe allein sein, die jüdischen Gemeinden haben die Pflicht, alle Institutionen, die die Jugend mit jüdischem Geist und jüdischem Wesen zu erfüllen, trachten, auszubauen. Jeder Jude, der nicht einen Verfall des Judentums wünscht, muß dabei mithelfen, ob Zionist oder Nichtzionist. Wenn wir als Zionisten selbst nicht über die Mittel verfügen, um alle notwendigen Institutionen, Kindergärten, Schulen, Heime,. Bibliotheken, Sportplätze, Turnhallen uff. selbst zu schaffen und zu erhalten, so beweist dies nichts ( gegen den Zionismus. Es zeigt bloß, daß die Menschen, die über Vermögen verfügen, nicht in. unseren Reihen zu' finden sind. Reichtum und Besitzstand sind ja nicht immer das Zeichen des Edleren und Besseren. — Eine Pflicht haben unsere Akandatare in den Körperschaften, in denen sie vertreten, für die Förderung dieser Kulturinstitutiouen einzutreten. In der Organisation selbst darf man die Jugendgruppen nicht als „Anhängsel" betrachten. Die von der Jugend selbst geschaffem'» Gruppen müssen unterstützt werden, sic sind ja die Quelle, aus der. Frauen und Männer hervorgehen werden, die unsere Arbeit nicbt bloß übernehmen sollen, sondern weit mehr vielleicht in noch schwererer Zeit wciterbauen müssen. — Aber auch die Studentenschaft wird lviedcr aktiver sich betätigen müssen, sie muß sich bewußt sein, daß trotz der schwerer: wirtschaftlicher: Verhältnisse äußer dem Studium r:ach Broterwerb noch Höheres, Bcfriediger:dercs existiert. Aber nicht bloß die Studenten, auch die vielen anderen jungen Leute, die teilweise sogar schon in: Berufsleben stehen, müssen eingedenk sein, das; außer Lohnkarnpf es noch Dinge gibt, mit denen mar: sich beschäftigen kann und soll, Dinge, die nicht bloß einem sellsst zugute kommen, sondern der- Allgemeinheit dienen, ohne daß mar: darob sich seines Judentums schämen müßte. Verfehlt wäre es, den jungen Menschen ihre Hingabe an sozialistische Ideale zu verargen, es wäre gerade ein Bekennen > jüdischer: Wesens. Soziales Denken und Handelnsind urjüdisch. Erinnern wir uns bloß an den Sabbath, Arbeitsverbot für der: Knecht sowie für den Herrn. Ar: das Verbot der <Alaverei, an die Bodengrundgesetze und die vielen anderen Vorschriften sozialer Art. Aber die Hingabe an die sozialen Bestrebungen darf das Jüdische in uns nicht ertöten wollen. Der-Zionismus der Jugend soll nichts mit dem politischen Getriebe des Alltags gemein haben. Wiener „Mischer zenttmn". Die feierliche Eröffnung. Das über Initiative der in Palästina weilenden -Frau Anitta Müller-Cohen ins. Leben gerufene „Jüdische Zentrum", das sich zur Aufgabe macht, in seinen Räumen in dem Hause der Sozialen Hilfsgemeinschaft rn der Unteren Augartenstratze 36 jüdisches Leben zu pflegen, wurde gestern in feierlicher Weise eröffnet. Der prächtige Saal war dicht gefüllt, führende Persönlichkeiten, aus allen Schichten Wiens waren erschienen. Die Feier wurde durch einen meisterhaftelk Vortrag von Karl Goldmarks Violinkonzert, 2. Satz, .durch, die Herren l Friedmann und Klapper eingeleitet. Namens der Leitung des „Jüdischen Zentrum" begrüßte. Herr Dr. Ascher die Festgäste. Sodann erläuterte Obervabbiner Dr. C'haj e s den Zweck dieser neugeschaffeneu jüdischen Institution, die sich an ähnliche Institutionen, die in.Amerika schon seit langein bestehen, anlehnt. Der Redner schilderte sodann ein solches jüdisches Zentrum, das er gelegentlich seines amerikanischen Aufenthaltes im Jahre 1820 in New-Dork kennen gelernt hat. 90 jüdische Familien haben es mit einem Kostenaufwand. von 1 Million Dollar errichtet, um ihre Jugend dem jüdischen Leben'wwderzugewinnen. Anfänglich' mußten sie ihre Bemühungen scheitern sehen, doch als sie Dt.Movdechai Kaplan zum Leiter der Institution machten, könnten sie überraschende Erfolge erzielen. Dr. Kaplan'' war nämlich bestrebt, das jüdische Zentrum zu einem Heim auszügßstalten, in. dein'sich die Jugend gerne aufhielt. Insbesondere die amerikanische jüdische Jugend, die den größten Teil 'ihrer Zeit außerhalb des 'Hauses verbringt,' ist gewohnt/'ein 'Angebundenes. Leben zu führen. Das. was ihr die verschiedesit'lichen Ä.l u b s an . Unterhaltung und Anregung bieten, das sollte sic auch in dem jüdischen Zentrum im jüdischen Milieu finden. In dem Hause war eine prächtige Schwimmhalle, ein großer Tanzsaal/Turnsäle neben einer Synagoge zu finden. Nur so. ist es möglich,., die Jugend wieder ins jüdische. Heim zu bringen. Seither sind in Amerika viele solcher jüdischen Zentren entstanden, die . sich glänzend bewähren. Auch wir — schloß Dr. Chajes — wollen hier versuchen, die Jugend wieder zu gewinne n. Dies kann nur" geschehen, wenn wir ihre Souveränität in keiner Weise einschränken. Dann werden ihre Woge die unsrigen sein und unsere Wege die ihren. Rabbiner Dr. Fcuchtwang betonte, daß dieses jüdische Zentrum die bei der Wiener Jndenheit arg in Verfall geratene jüdische Familie zu ersetzen haben 'wird? Hier soll die jüdische Jugend neben Unterhaltung und profaner Wissenschaft wieder jüdischen Geist, zu dem auch in erster Linie jüdische Religion' gehört, in sich ausnehmen. Ms letzte Redncrin sprach Frau Proseffor Dr. Martha Hofmnnn, die ausführtc, daß die ueugcschafsenc Institution auch der weiblichen jüdischen Jugend viel zu bieten haben werde. Der Schluß der Feier bildete ein Chor der Mädchen- Vereinigung „Mirjam". Das Publikum nahm die eindrucksvollen Reden und Darbietungen mit stürmischem Beifall entgegen. Das neue Novollenbuch von STEFAN ZWEIG ii—■»!!■■■■ '»-»««tMMSSSSSSSSSSSSS» ü Kühn in ihren Problemen und spannend durch leidenschaftlichen Vortrag, prägen diese Novellen je eine andereVerwirrung der Gefühle in Geschehnis und dauemdeGestalt Preis hart. S 9 90 / deinen S 12*60 Zu beziehen durch Buchhandlung R. LÖW1T Wien / 1. Rotepturmstraße Nr. 22 Eisern Stark Mächtig wird jeder Säugling und jedes Kind, das mit echtem DIANA .662 F RANZBRANNTW EIN MIT MENTHOL massiert wird. 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Die Reifrockträgerinnen, die auf hohen Haken, mit Fächer und Sonnenschrrmchen bewaffnet, schüchtern auf der Straße ldahintrippelten, die mußten schon infolge ihrer Aufmachung vor jedem Lnfthauch bewahrt werden, trugen sie doch oft mehr denn Hundert Meter Falbeln auf ihrem Leibe. Die Frau von heute aber, die tatkräftig, zielstrebig durchs Leben geht, in sportgeübtem Körper den gefunden Geist der Schaffensfreude bewahrt, die muß dies auch in ihrer-äußeren Erscheinung dokumentieren. Die Modeschöpfer aller Gebiete sind bemüht, in ihren Werken, vor allem auf Ztvecknräßigkoit und' Schlichtheit bedacht zu sein. Das Kleid muß die Hülle der Trägerin fein, nicht ihre Fessel. Der Sport hat uns gelehrt, wie wichtig es ist, auch das kleinste Detail der Kleidung ihrem jeweilgen Zwecke anzupassen, wie störend hingegen jedes geringste Zuviel werden kann. Dies gilt für die Kleidung der im Berufe stehenden Frau natürlich in noch viel höherem Maße. Noch immer wird den Frauen, nicht ganz mit Unrecht, vorgeworfen, sie drängten sich in alle möglichen Schaffensgebiete hinein, ohne es doch je den Männern gleichtun zu können. Und die Frauen ahnen kaum, wieviel von diesem Vorwurf (für den auch noch der Tag der Abrechnung kommen wird!) sie entkräften könnten, wenn sie in der Wahl ihrer Kleider Geschmack und praktische Erwägung gleicherweise walten ließen; wenn sie zur nngezierten, eleganten Einfachheit sich bekennen wollten! Die wirtschaftlichen Verhältnisse mahnen gebieterisch zur Sparsamkeit, zur einfacheren LöbenAfühvrmg. Damit -ist-nicht gesagt, daß die Frauen ,ihre Freude am hübschen Ausschn, am „Gert Angezagensein" begraben müßten. Zugegeben auch, -daß es ein schweres ist, was man von der Urmutter 'Eva ererbte, so mit eins von sich zu tun. Wohl auch Vater Adam ihat seine Söhne schwer bielastet, mutzte doch im 17. Jahrhundert sogar die Obrigkeit erng-reiifen, den heillosen Luxus des Bürgerstandes mittels der Kleid erorduung zu zügeliN. Für uns Menscheu, von heute ist diese Fürsorge nicht notwendig, aber eigene Einsicht muß den Frauen sagen, daß jetzt nicht die Zeitläufte zur En'ifaMmg kuxuriöiser Lebenshaltung gegeben sind. Umso größer wird dadurch der Anreiz, durch sovglfältiges Wählen und geschmackvolles EinlfAHlen das Beste und Passendste zu finden, statt, wie wohl früher des öfteren, bedenkenlos Luxus z>n häufen. G. O. War Ehaplin mit „Goldrausch" verdient hat. Ein neuer Chaplin-Film „Der Zirkus" wird in dieser Saison herauskommen und bedeutet, wie stets, eine besondere Sensation in der Filmwelt. Aber die Abschlüsse der Kmounternehmungen gehen nur langsam von statten, denn Chaplin ist dafür bekannt, daß er sehr hohe Preise fordert. Er verfügt über seine Filme ganz selbständig und ist nicht rmr sein eigener Hersteller, sondern sorgt, auch für die Unterbringung seiner Ware. Er hat seine eigenen Ateliers, finanziert seine Filme mit eigenen: Geld und besoldet die Organisation von Agenten, die seine Filme über die ganze Welt hin verkaufen. Da Chaplin seine Filme nrit größter Sorgfalt herstellt und lange Zeit an ihnen arbeitet, so kosten sie ihm riesiege Kimmen. Sein letzter großer Film „Goldrausch", an dem er mehr als zwei Jahre, gearbeitet hat, verschlang die Riesensumme von fünf Millionen Mlark., Aber Chqplin hat . seine Unkosten wieder hevemgeb.racht, und nnt diesem Film, lvie amerikanische Blätter berichten, vier Millionen Mar-k verdient. Trotzdeni ist Chaplin nnter den Filmstars kein reicher Mann. Als vor einiger Zeit die. Einkommensteuern der berühmtesten amerikanischen .Filmschauspicler veröffentlicht lvnvden, stellte es sich heraus» daß Chaplin, nur 1200 Mark jährlich zahlte. Bei seinen Versuchen hat er auch große V-erllarst-e. Sein Film „Die Frau vor: Paris", der „Goldrausch" vorangmg, war wohl ein künstlerischer Triumph, brachte ihm aber nichts ein, urrd die Eirckünfte für „Goldrausch" Verteiler: sich innnerhin auf zwei Jahre, während deren er ein großes Kapital für seine neuen Filme brauchte. Chaplin könnte von den großer: amerikanischen Mmgesellschaften ein jährliches Gehalt bekommen, das seine eigenen Einnahmen weit übersteigen würde, aber er zieht es'vor, selbständig zu bleiben, tveil er nur so fehtc art voll entfalten kanu.