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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-17 · Heft 2745 (17.10.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2745 (17.10.1926)
Date
1926-10-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Wien. Sonntaa Wiener Morgenzeitung 17. Oktober 1926 Nr. 2745 LLOYD TRIESTiNQ -- TRIEST Direkte Linie Triest Rituelle Verpflegung Reduzierte Preise Expreßlinie nach Aegypten, J\onstanttnopel, Indien Postlinien nach aen Sch warzen-Meer-Häfen, Syrien und dem fernen Osten ^W» General-Agentur: Wien, Kärntnerring 6 chen sogleich wahrnahm, und Schlojme Finkelstein kam es zu einem regen Briefwechsel, -ec anfangs nach hergebrachter Litte in Phrasenhaftern Stil geführt wurde, später jedoch bloß trockene Zahlen enthielt. Dazu will ich uoch bemerken, daß Chane Finkelstein, die Frau von Schlojrne, für nicht besonders klug galt, ausnahmsweise auch keinen Sinn für Geschäftsangelegenheiten hatte, was ihren Gatten veranlaßt«:, mit Reb Srul direkt in Verbindung zu treten. Das Geschäft ging gut; anfangs betrieb es Srul so nebenbei, indem er sich noch hauptsächlich als Melamed betrachtete. Aber die bisher so strenge Disziplin erschlaffte zusehends; anstatt Talmudfolianten, trugen die Schüler oft Gepäcksstücke unterm Arm, die sie verschiedenen Abnehmern abzuliefern hatten. Die Väter waren darob sehr erbost und machten dem Melamed heftige Vorwürfe. Für uns Kinder aber loar eine glückliche Zeit angebrochen. Wie anregend ivar es doch, mit Gegenständen zu hantieren, die — aus Wien kamen! Manchmal fand man in einer alten Weste eine kleine Münze, einen Kragenknopf oder ähnliches, Ehaskele Sauew fand sogar ein Pfeiferl, wie es der Polizist des Ortes au einer Schnur trug. Eines Tages löste nun Srul sein Cheder ganz auf und wir wurden — o, Jammer! — einem anderen Melamed übergeben. Srul wurde einer der wohlhabendsten Leute im Städtchen. Inzwischen arbeitete in Wien Schlojme Finkelstein-unermüdlich. Die Sachen, die in unserem Städtchen solch großes Gefallen fanden und nur an Feiertagen getragen wurden, gingen sämtliche durch seine Hände. Manche muhten gewaschen, manche geflickt werden, alle Arbeiten verrichtete Schlojme selbst in seinem Dachstübchen in der Kleinen Pfarrgasse, wo er Sommers unter der Hitze, im Winter aber unter der Kälte unsäglich zu leiden hatte. Außerdem machte er oft einen „Sprung" in die Innere Stadt, wo er in den öffentlichen Lokalen hausierte. In einem an seinem Rücken befestigten flachen Korbe trug er Schuhbänder, Hosenträger usw., hatte wegen feines langen Bartes Beschimpfungen auszustehen und aß sich niemals satt, zumal er nur rituelle Kost zu sich nahm. Er speiste in der „Einheit" nur an Samstagen, denn alles sparte er für das eine große Ziel: seine Familie nach Wien zu nehmen. Als der Krieg ausbrach, wurden wir von Wien bald abgeschnitten. Im Städtchen herrschte große Not, am meisten litten Chane und ihre Kinder, die ohne Stütze geblieben toaren. Stuck, der sich auf Kosten ihres Mannes bereichert hatte, verweigerte hartherzig jede Hilfe und sie starben buchstäblich Hungers. Als später die Kosaken Srul im Zorn erschlugen, weil sie bei ihm eine große Geldsumme zu erbeuten hofften, und er hartnäckig verweigerte, anzugeben, wo er den Schatz verborgen hatte, da sah man in seinem elenden Ende das Strafgericht Gottes und nur wenige Personen schlossen sich seinem Leichenzuge an. Er wurde übrigens nahe an der Friedhofsmauer beerdigt. -Schlojme, der in Wien weiterlebte, in großem Elend und in Bangigkeit um seine Lieben, erfuhr erst nach Jahren von ihrem jämmerlichen Hinsterben. Da ging es rapid abivärts mit ihm. Nach langem Forschen fand ich ihn endlich im Verforgungsheim. Nur an dem Bart hatte ich Schlojme Finkelstein wiedererkannt. Ich mußte ihm ausführlich über die letzten Tage seiner Angehörigen berichten und er weinte sehr. Auch die alte Ledertasche, an der er sich immer wieder zu schaffen machte, erkannte ich kaum, denn sie hatte chren einstigen Glanz eingebützt. Jetzt barg sie Schlojmes .tzabseligkeiten, als Hauptstück den alten Gebetmantel. Die Tasche schien ihm der Rest des einstigen Höffens zu bedeuten. Wenn er schlafen ging, legte er die Tasche unter den Kopfpolster und träumte bestimmt von Chane und den beiden Söhnen, die er zu frommen Juden machen wollte . . . Eines Tages erhielt ich vom Versovgungsheim die Aufforderung, eine Ledevtasche abzuholen, die lder plötzlich verblichene Schlojme mir vermacht -hatte. Jetzt liegt sie in einem Winkel meines Kabinetts als stumme Zeugin des Leben- und Leidensiveges eines jüdischen Hausierers. -üom SM verschwunden. Unfall oder Selbstmord eitles Dollarkönigs. Paris, 16. Oktober. Auf dem Danipfer „Majestic", der gestern von New York kommend, in Cherbourg einlief, ist während der Ueberfahrt der amerikanische Milliardär, Davis, der größte Zementindustrielle Amerikas, bersch w u n de k. Es steht noch nicht fest, ob es sich um eine« Unglücksfall oder einen Selbstmord Handelt. Bor dem zionistischen Delegiertentag Iirtussto» über die zionistischen Probleme ln der »Wiener Morgenzeitung". Der am 30. Oktober stattfindende Parteitag der österreichischen Zionisten tritt zu einer Zeit zusammen, da die wichtigsten zionistischen Probleme zu einer Entscheidung drängen. Diese Entscheidung wird durch die methodische Vorarbeit der Zionisten iit den einzelnen Ländern und ihrer Organisationen beeinflußt werden. Auch die Zionisten Oesterreichs werden das ihre zur Lösung der brennendsten zionistischen Fragen, beitragen, und gerade die Aussprache auf cem Parteitag wird hiefür die Grundlage sein. Darum hat dieser Parteitag der österreichischen Zionistenschaft erhöhte Bedeutung, und die „Wiener Morgenzeitung" erachtet es als ihre publizistische Pflicht, im Hinblick auf die Wichtigkeit der nahe bevorstehenden Tagung schon jetzt eine Erörterrmg derjenigen Fragen einznleiten, die mrf Zdem Parteitag behandelt werden sollen. Um den Umfang und die Reichweite der Probleme zu umgrenzen, die der österreichischen Zionistentagung harren, haben wir zunächst einigen führenden Piersonen aus den Reihen der österreichischen Zionistenschaft die Frage vorgelegt, was sie vom Parteitag evtvarten, und sie gebeten, diese Frage in der Richtung zu beantworten, welche Hauptprobleme ihrer Ansicht nach von der deimlächst stattfindenden österreichischen Zionistenbewegung einer Lösung zilznführen sind. Durch di« Antworten, von denen wir die uns bisher ssugekommenen veröffentlichen, soll der Rahmen für die Erörterung der Hauptaufgaben und Hauptprobleme des Parteitages geschaffen werden, der wir, von der Ueberzeugung durchdrungen, wie wichtig eine solche Erörterung ist, unser Blatt in der nächsten Zeit zur Verfügung stellen, für lalle Zionisten, welcher Richtung immer sie auch sein mögen, sofern sie gewillt sind, die ernsten Fragen, die jetzt Jjci lösen sind, ihrer Bedeutung entsprechend hier zu behanhandeln. Nachstehend die uns zugekomMeuen Aeußerungen: Lr. Iesiver Friedman». Präsident des zionistischen Landeskomitees. Mit Spannung sehen die Angehörigen des zionistischen Landesverbandes Oesterreichs den Beratungen des Ende dieses Monates zusammentretenden ordentlichen Delegiertentages entgegen, von 'welchem sie neue Impulse für die zionistische Tätigkeit und die Lösung einer Reihe von aktuell gewordenen Arbeitsproblemen erwarten. Da die innerhalb der Bewegung in Oesterreich bestandenen Gegensätze im Verlaufe des letzten Jahres sich wesentlich gemildert Haben und hie Ueberzeugung von der Notwendigkeit einträchtigen Ausammenwivkens ungeachtet etwaiger Verschiedenheiten in den Ansichten über die zu verfolgende Taktik und die zu beobachtenden Arbeitsmethoden sich merklich Bahn gebrochen hat, so dürfen lvir hoffen, daß die Verhandlungen des Delegiertentages von jenem Ernste und Renern Verantwortlichkeitsgefühl getragen sein werden, die die derzeitige schwierige Lage des Zionismus und der Stand der Bewegung in Oesterreich dringendst erfordern. Der Delegiertentag wird vor allem zu den O rg anifationsfragen Stellung zu nehmen haben. Wenn auch unleugbar iM vergangenen Jahre einige organisatorische Fortschritte erzielt wurden, die in der Vermehrung der »lokalen Organisation, in der Gründung einzelner Verbands- Heime, in der intensiveren Verfmnmlungs-, Vortrags- und Propagandatätigkeit ihren sichtbaren Ausdruck finden, so bleibt dennoch die Tatsache bestehen, daß Me Zahl der int Landesverbände organisierten Gesinnungsgenossen mit der Verbreitung der zionistischen Idee in Oesterreich und der tatsächlichen numerischen Größe unserer Anhängerschaft keineswegs im Einklang steht. Die Gliederung der zahlenmäßig schwachen Organisation in vielfach nebeneinander bestehende lokale, personelle und Sonderverbände, der mmtgelnde Zusammeithang der einzelnen Gruppen untereinander und deren nur lose Verbindung mit der zentralen Parteileitung bilden wesentliche Erschwernisse für eine gedeihliche organisatorische Arbeit. Das bestehende Institut du periodischen Obmänner.- konfevenzen, die an Stelle des früher bestandenen Lokalkomitees getreten sind, vermag dagegen keine geeignete Abhilfe zu schaffen. ES wird notwendig «.in, daß sich der Delcgiertentag für ein bestimmtes, strenge durchzuführeitdes Organisations- Prinzip entscheidet, etwa in der Art, daß alle innerhalb der lokalen Einteilung bestehenden Verbände in die Bezirksorganisationen (Ortsgruppen) eingeordnet rmd dadurch die sonst drohende Zevsplitterung hintangehalten wird. Auf der anderen Seite könnte die stärkere Heranziehung der Vertrauensmänner der einzelnen Bezirkssektionen (Ortsgruppen) zu den Arbeiten der Leitung, beispielsweise durch Einräumung von Sitz und Stimme im Landestomitee dazu beitragen, die notwendige Zentralisierung der Bewegung zu fördern und eine vermehrte Verantwortlichkeit der einzelnen Gruppen gegenüber der österreichischen Gesämtbewegmtg zu schaffet:. Vomus sichtlich würLe eine derartige Aendemng der Organisationsform Die beste Figur macht ein um HemietteWeder CT oooooQQOQOOOOO(xxwl)ooQqogoQoq auch dazu beitragen, der seit langem bestehenden finanziellen Misere des Landeskomitees abzuhelfen, das an einem ständigen würgenden Geldmangel leidet und so an jeder wirksamen Tätigkeit gehindert ist. Obgleich die zionistische Organisation in ihrer Bedeutung als Trägerin der politischer! Propaganda, als Vertreterin des nationalen Erneuernngsgrdankens, als Repräsentantiit unserer national-kulturelle:: Forderungen und als Instrument des Wiederaufbaues Palästinas bei jeder sich bietenden Gelegenheit gepriesen wird, fehlt in unseren Reihen noch immer das Verständnis für den Wert einer richtig ausgebauten und schlagfertigen Organisation, deren Wichtigkeit und Bedeutung bei allen anderen Bewegungen bereits längst begriffen wurde. Es gibt, wie lvir alle lvissen, noch nnmer eine unabsehbare Zahl von Zionisten, die uns bei unseren AM men treue Gefolgschaft leisten, sich in dem einen oder anderen zionistischen Arbeitsgebiet betätigen und die bisher den Weg zu unserer Organisation nicht gefunden haben. Die vollständige Erfassung aller unserer Anhänger muß nach lute vor las erstrebenswerte Ziel unserer Arbeit bleiben.. Dieses Ziel wird meiner Meinung nach für uns insolente unerreichbar sein, solange lvir einer Organisation entbehren, Ivelche die vorhandenen Kräfte znsammenfaßt, die notwendige Einheitlichkeit herstellt und die durch die bestehende Zevsplitterung herbeigeführtc-Lähmung unserer propagandistischen Schlagkraft beseitigt. Die Diskussion von Organisationsproblemcn erfreut sich erfahrungsgemäß keiner besonderen Beliebtheit. Der Grund hiefür liegt, abgesehen von dem bereits gekennzeichneten mangelnden Interesse für derartige Fragen, vielleicht auch darin, daß jede Acndernng der bestehenden OrganisationSformcn von den einzelnen beteiligten Gruppen Opfer erfordert, lvie eine gelvissc Vcrminderu'..'g der eigenen Selbständigkeit, die Heranziehung zu größeren Leistungen für die Gemeinschaft und dergleichen. Trotzdem rvird die Eiörter.mg der Organisationsfragen sich ans die Dauer nicht anfschieben lassen. Der Delcgierti.ntag kann und darf an Urnen nicht achtlos vorübc i gehen, denn von ihrer richtigen Lösung ist es abhängig, daß die in der Beivegnng ruhenden Triebkräfte erhalten und gesteigert werden und daß ein tragfähiges Fundament für die zukünftige gedeihliche und ersprießliche Tätigkeit gelegt wird. Ir. Leo Gotdhmmner. Mitglied des Oestorreichischen Landcskomitees. Der Parteitag wird sich unier anderen: mit drei fundamentalen Fragen der zionistischen Bewegung zn befassen! haben, die alle über den lokalen Mahntet: hinausgehen, da sie.gegenwärtig in allen Ländern zionistischer Tätigkeit im VordeWrund der Diskiission stehen. Es flnd dies: 1. Das Endziel der Palästina-Politik, 2. die Organisation, 3. die innerpolitische Betätigung. Die Palästina-Politik ist gerade heute, wo sich die politische' Konstellation im Hinblick auf die Ziele des Zionismus in eitter sozusagen rückläufigen Welle besindet, ntit um so größerer Bestimmtheit festzulegen. Gegenüber allett da und dort aus fälschet: Opportunitätserwägungen auftauchenden Vorschlägen für eine Aenderttttg unserer Maximalziele in Palästina muß meiner Meinung nach der P.arleitag, ebetlso wie cs überall geschieht, betonen, daß es ttach wie vor und unverrückbar das Ziel der zionistischett .Palästina-Arbeit ist, die jüdische Majorität im Lande zu erreichen, richtiger definiert: das jüdische Uebergeioicht in Palästina anzustreben, nämlich jene wirtschaftliche Entwicklung des jüdischen Jischtijw mit ständig zu-' zufließender produktiver Einwatlderung, die detn jüdischen Element eine feste wirtschaftliche Verattkerutlg im Lande, vor al'em im Bodett des Landes schafft. Nach wie por tu ns; das Hauptgewicht nnfexer Arbeit auf die reibu ngslose Erreichung dieses tmseres Zieles in Palästina gelegt werden; die Methode::, die wir anivettden, dürfen in keiüer Weise gegen die arabische Landesbevölkerung aggressiv oder sie entrechtend fein. Unter diesen Gesichtspunkten ist in den Ländern unserer Organisatiott ntehr Augenmerk auf die Schaffutlg der Bedingungen für diese Palästina-Arbeit und ihre Ziele zu wenden, als auf die unsere Kräfte ohnehitt übersteigende Durchführung aller Details der Palästina-Arbeit. Voraussetzung für eine zionistische Arbeit, welche die oben erwähnten Ziele wirklich zu erreichen imstande wäre, ist eine straffere organisatorische Zusaminenfnssung, als es bisher der Fäll war, eilte organisatorische Form, Hie imstande ist, alle zionistischen Kräfte zu aktivieren. In Oesterreich ist für diese unbedingt tiottvendige organisatorische Zusammenfassung, ohne die eine positive Leistung nach keiner Richtung hin möglich ist, der Bodett bereits geebnet, E da die in der letzten Zeit bestattdenen Meinungsverschiedenheiten aus der Welt geschafft werdet: foititteit. Der Parteitag hat gerade im Hinblick auf die Schaffung einer gesunden, jorgamsatorischen Basis, welche die Kontinuität der Arbeit verbürgt, die Aufgabe, alle Versuche, jette Meinungsverschiedenheiten in irgettdeiner Fornt wieder attstebett ztt lasset:, mit aller Entschiedenheit zu verhindern. i Da es heute ntehr denn je klar ist, ldaß absehbar« Zeit der größte Teil der Jndenheit in den Ländern ft er Galuth verbleibet: wird und daß die Auswirkungen der Schaffttttg einer jüdischen Heimstätte in Palästina sich in der Diaspora erst alltitählich geltettd machen werden, ist dl« Svpge um die wirtschaftliche, soziale uttb skul- Wien, I V., Margaretenstraße W.

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