Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2745 (17.10.1926)
- Date
- 1926-10-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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m. 2748 Wien. Sonntchg WVMer MorgerrzHttrms 17. mtbet 1926 GeNe S Vaugoins erftrr Sieg Bei den am Freitag abgeschlossenen Bertrauensmännerwahlen des Bundesheeres hat die christlichsoziale Organisation, der Wehrbund, dem sozialdemokratischen Militärverband Stimmen und Mandate abgenomm e n. Der Wehvbund konnte seine Stimmenanzahl von 3523 im Vorjahre um 377 auf 3900 erhöhen, während der sozialdemokratische Militävverband gegen das Vorjahr, wo er 11.933 Stimmen erhielt, 1035 Stimmen verlor. Er bekam Heuer nur mehr 10.798 Stimmen und 194 M a ndate gegen 218 im Vorjahre. Die Wehrbündler vermehrten ihre Mandate um 19 (von 35 im Jahre 1925 n u f 54). Die hakenkreuzlerische Deutsche Soldatengewcrkschaft erhielt 207 Stimmen und ein Mandat. Die Grazer Katzenmusik. Graz, 16. Oktober. In der heutig on Sitzung des steirischen Landtags setzten die Sog'iQlldsmokrccken die lärmende O b ft' r u tf 11 o u mit Hilfe von allerlei Musikin ftrot menten fort. Gleich nach Eröffnung der Sitzung begann das H ö i I c n f o n zert der Kuh» gilocken. Tschinellcn und Ratschen, in das sich der ohren» betäubende Lärm dreier Fa-brikssirenen mengte, die mit Hilfe van elektrischen AKumuilatoren betrieben wurden. Dm SoAiaildsmoikraten wurde schließlich sMft der Lärm zu arg. Sic ließen schließlich bei den automatisch weiter arbeitenden Fabri'ksiftrenen nur einige A v i s o p o st e n im Saal, die ihre Ohren mit Gummi>ftöpseln versorgt hatten. Um 12 Uhr . mittags wurde die Sitzung g e s ch I o s s e n. Nächste Sitzung Montag, 10 Uhr vormittags. Was das liebe Geld vermag. Aus Budapest schreibt man uns: Der ungarische Landestouristenverband niurmt Juden nur als Geldgeber, nicht aber als Mitgicder an. Diese Richtung 'bestimmt der UniverWätspröfesior C h' o'l n vTltj, der als Präsident des Verbandes die gleichen Tendenzen verfolgt wie als christ lichinationaler Hochschullehrer. Es scheint aber, daß sich gegen seine Herrschaft eine gewisse Opposition regt, dw vielleicht weniger von ethischen als von finanzieller Erwägungen ausgcht. Bei einem Berbandsausflug nach Satoralya-Ujhely hielt ein Leitungsmitglied eine antijüdische Rede. Ihm antwortete jedoch der Ministerialrat Bekey, der die antisemitischen Ausfälle rügte und seine Haltung mit dem Hinweis aus die Opserwilligkeit der , Juden begründete. Sohabe^ ein Touristenverein in der Provinz den Bau eines Aussichtsturmes nur auf die Weise sichern können, daß die Kosten zu neun Zehnteln von jüdischen Spendern und nur zu einem Zehntel von Christen getragen wurden. „Wir dürfen also die Juden nicht durch kindische Vorurteile beleidigen!" Wir wollen zur Ehre des Herrn Bekey annchmen, daß. ihm der Antisemitismus auch dann als kindisches Vorurteil erscheint, tvenn das Spendenverhältnis nicht 9:1 steht. Von Wolf Guttmann (Prag). Fünf Tage und fünf Nächte schon schmachteten Menschen und Tiere unter der Glut des Chamsim, des »Sirocco Palästinas. Von den Wüsten kam er her und brachte den lavaheißen Atem mit sich, der den unendlichen Sand--, ebenen Judäas entströmte. Die Städte und Dörfer des ganzen Landes lagen still, so still, daß man auch unter den verschlossenen Läden der viereckigen Häuser kein Leben, vermutete. Unsere Reisegesellschaft, die sich schon auf dem Schiffe zusammengefunden hatte, ging nach Haifa. Ich mar zunächst in Tel-Atviw verblieben. Gerade als der erste Chamsimtag einbrach, traf ich auf meine Reisegefährten in Haifa wieder. In der großen Hotelhalle tauschten wir gegenseitig unsere Erlebnis,'e und Eindrücke aus. Nur Jo, das kleine, blonde Geschöpf aus Deutsch» land, blieb verschlossen und zurückhaltend, wie bisher. Vom Augenblick, da ich sie zum ersten Male' am Deck sah, fühlte ich ihren unwioerstehlicheit Zauber. Es war in der ersten Nacht, unser Schiff war bereits mehrere Stunden auf offener See. Ich stand am Hinteren Bug, wo sich die Passagiere 'ein wenjg zu ergehen' »pflegten, Und blickte von Dunkelheit umgeben in die weißschäumende Straße, die sich der Schifssriese bahnte. Eingelullt vom Nhythnnts der brausenden Schisfsräder, von einem Gefühl wohltuender Losgebundenheit beherrscht, starrte ich ins Meer. Bis sich plötzlich, nicht iveit von mir entfernt, eine weiße Gestalt aus der Finsternis lüste unv rch $o sah Meinen Gruß hatte sie kaum erwidert, denn 'sie ging eiligen Schrittes davon. Schon am nächsten Tag fand ich sie in unserem kleinen Kreis' rasch geschlossener Reisebekanntschaft wieder. Sie hatte sehr blondes Haar und sehr dunkle Allgen. Ihr kühles, stets abweisendes Gesicht, ihr schmaler Mulld, hatten den Reiz der zurückgehaltenen Bewegung und verschlossener Leidenschaften. Die ganze Gestalt hatte etwas Rätselhaftes. Ich gab mir Mühe, ihre Sympathie und ihr Vertrauen zu gewinnen, doch kamen unsere Begegnungen über nichtssagende Förmlichkeitölt nicht hinaus. Selten Pflegte sie zu lachen, dann aber verstummte sie für Stunden und ließ sich lange.nicht blicken. Stfetai 1- Vextitauft Crepe de Chine, ta S 10.50 Crepe Georgette sämtliche Farben S 11.— Crepe Satin Modefarben . . . S 16.50 Spitzenvolants 60 cm ...... S 6.50 Kleiderflorsamte S 9.80 Mantelhoch florsamte Gaze, Voile und Veiour- Chiffon, nur prima Qualitäten. lti G ttSStttK. Vll. Neubaugasse 10. Der Mische Ratiormwrntsche als Eideshelfer. Ter Herr Naumann, der letzthin den Zionisten ehrliche Gegnerschaft predigte, hat einen nicht unbeträchtlichen Erfolg errungen. Er ist im preußischen Landtag ehrend genannt worden und sogar, man denke! von einem echten Deutschen, von einem Hakenkreuzler, von einem völkischen Führer. Bon dem Abgeordneten Körner. Und nicht etwa in Verbindung mit dem dreimal verdammten Zionismus, der die jüdisch-deutsche Verbrüderung, Jahrgang Naumann, stört, sondern in einer alle Juden in den Bann ziehenden Sache. In der Magdeburger Affäre. Naumann hatte es, wie ja noch erinnerlich, verdrossen, daß wegen dieses Juden so viel Lärm geschlagen wird. Was ist da schon dabei? Der Haas ist allerdings dem Herrn Naumann verdächtig und scheint sogar jüdisches Empfinden zu besitzen. Da muß man ihm doch etwas anhängen. Man kann das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und sich der Blüte deutscher Nation bestens empfehlen. Also setzt sich dieser Naumann hin und schreibt der „Berliner Börsenzeitung", dieser Jude Haas sei ein neuer Reicher mnd . man treibe mit ihm einte neue Dreyfus-Sach«. Süne ''Affäre sei doch eine Mache des Judentums. Und der völkische Körner hat den Gerichtszeugen. In der Schröder-Angelegenheit ist nicht viel Gutes für das- Wesen herauszuholen, an dem die Welt genesen soll. Erstens haben sich die gut völkischere Kommissare und Landgerichtsräte blamiert und zweitens hat der ehrenfeste Alane Schröder doch ausdrücklich gesagt, er habe den Haas gar nicht gekannt. Ta bringt nun der Naumann einen ganz gut verwendbaren Gedanken/ Er hat mit Erfolg die Protokolle der Weisen Als ich sie in Haifa wiedersay, setzte der Chamsim »ein. Die Hitze, selbst für den Emsässigen unerträglich, drang durch die dicken Mauern des Hotels. Von Sonnenaufgang zu Sonnenaufgang verdoppelte und verdreifachte sich die Qual, Man war bis zum letzten Gewebstropfen ausgedörrt Sogar das steinerne Flies des Fußbodens brannte^ unter den Sohlen. Nirgends war Schutz zu finden. Jeder sperrte sichi in feint Zimmer, dessen kleine Läden keinen Strahl einließen. So waren fünf Tage, unendlich in die 'Länge gedehnt, schleppend vergangen. Wie gelähmt lag ich auf dem Fußboden, von dem ich vergebens Kühlung erhoffte Riugö um mich TodeöMle. Nur ab mrd zu iknackte ein auSgetrockneter Holzbalken des Hauses. Die Mahlzeiten wurden einsam aus den Zimmern eingenommen. Zu der Marter der Hitze kam die quälende Sehnsucht nach Jo. Es trieb mich hinaus. Ein letztes Mal begoß .ich -mich mit dem abgestandenen Wasser und stieg in die Halle hinunter. Sie lvar menschenleer. In der Ecke schlief mit hochgczogenen Beinen der alte arabische Diener. Als ich eintrat, sprang er auf. „Wie steht es?" fragte ich. Er zählte an-den .'Fingern und zeigte mir deren fünf. „Heute wird Allah 'gnädig sein. Heute noch kommt der kalte Wind, Herr!" Ich trat ins Freie. Hier verschlug sich mir der Atem. Einen Augenblick taumelte ich unter dem Andrang der heißen Luftmassen und wollte umkehren. Aber die Unruhe, die mich aus dem Hause trieb, drängte vorwärts. Ich schleuderte den steilen Weg hinab, der inneren Stadt zu. Kein lebendiges Wesen war im rveiten Umkreis zu sehen. Hier wirkte die Ruhe noch viel geheimnisvoller als in den Vier Wänden des Zimmers. Manchmal fegten geräuschlose warme. Winde den Sand von den blettdend tveißen Wegeir. Träge kauerten einige arabische Händler vor ihren Gewölben, mit den kurzen Tonpfeifen im Munde. Im Schatten eines HaustoreS saßen einige Männer und warfen wortlos Würfel. Alles sprach leise. In den Augen der Mei s.hen glimmte ein ui alles Feuer, bald blickten sie einander au, bald wandten jie ihre Blicke juut Himmel. Ost hielten sie inne pnd mirwar als lauschten -sie auf Dinge, »die sich weitab von uns abspielten. Es war eine Spannung vor dev Erlösung. , Furcht vor der Erlösung, vor dem Taumel, den sie mit sich bringt. von Zion gelesen und ist würdig, in der Bierstube Walhalla neben der Türe zu sitzen. Er ist lvürdig, von einem Hakenkreuzler fmnma eum laude genannt zu werden. Ne Tasche der Men Hausierers. Von I. Tiger. Nachdem er in London, Paris und Berlin Schisfbruch erlitten hatte, kam Schlojme Finkelstein nach Wien. Alsbald schrieb er seiner Frau Chane, daß er hier, in Wien, „einen Kreuzer zu ersparen hoffe", sie möge nun die Buben einem tüchtigen Melamed übergeben und er, Schlojme, werde ihm schon das Honorar zukommen lassen. Zur größeren Sicherheit fügte er dem Briefe eine hebräische Zuschrift für den Melamed bei. Chane nahm beide Knaben bei der Hand, ging zu Reb Srul, der als Pädagoge in großem Ansehen stand, und zeigte ihm die Zuschrift ihres Mannes. Srul laS die geschnörkelten Schriftzüge einmal und zweimal, uud, wiewohl er stets auf genauem Zahlungstermin bestand, machte er diesmal eine Ausnahme und wollte bis zum Ende des Halbjahres warten, für welche Zeit Schlojme seinen Besuch in der Heimat anküudigte. Und wirklich, als Schlojme auf Pessach ins Städtchen kam, sah man ihn, kaum daß er den Staub von den Füßen geschüttelt hatte, mit einer großen Ledertasche in den Händen auf dem Wege zu Reb Srul Melamed, bei welchem er einige Zeit verweilte. Er bezahlte ihm das Unterrichtshonorar für die zwei Buben nicht in barem Gelde, sondern mit alten Kleidungsstücken für die ganze Familie.' Ich war damals Reb Sruls Schüler und war just dabei, als Schlojme seine Ware airspackte. Damals sah ich zum erstenmal seine große Ledertasche, der ich nach zwanzig Jahren unter ganz anderen Umständen wieder begegnete. Was aber während dieser langen Jahre geschah, will ich in knappen Zeilen mitteilen, obwohl die zu schildernden Geschehnisse solcherart sind, daß sie eine eingehendere Behandlung verdienen würden. Für uns Schüler kam eine Zeit der Erleichterung; und das verdankten Nur Schlojme Finkelstein, der unser Städtchen als Absatzgebiet für seine Trödlerwaren und unseren Rebbe als seinen Platzvertreter auserkoren hatte. Zuerst ivarcn es die großen, gelben Halbschuhe des Rebbes selbst, die die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Schlojme hatte sie ihm als Präsent gebracht und ihm bei der Üebergabe ans Herz gelegt, seine zwei Buben zu frommen und ehrlichen Juden zu erziehen, denn er selbst müsse leider joieder nach Wien zurück. Wenn nun Srul zweimal des Tages ins Bethaus ging, hörte man schon von weitem seine schlürfenden Schritte. Die Halbschuhe waren für seine dünnen Füßchen zu groß und oft blieb der eine oder'der andere Schuh im Kot stecken. Aber das kam nicht in Betracht, denn-man bewunderte die Dauerhaftigkeit des Leders und die Stärke der Doppelsohle, ja sogar die Ohren, die immer rücklvärts hervorstanden, waren von besonders feiner Qualität. Mittels eines Zuckerspagates, den Srul durch diese Ohren gezogen, hatte, befestigte Srul dann später die Halbschuhe an seinen Füßen und damit war das Uebel des Zu-grotz-seins vollständig beseitigt. Kurz: zwischen ReÜ Srul, der die Beliebtheit der Wiener abgelegten Kleider und Schuhe in unserem Städt- Chamsim . . . Ueber Mensch und Tier, über Pflanzen mid Gewässer — überall lastet Chamsim. Fünf Tage und oft noch länger. Er lähmt das Leben mnd tzötck üie Arbeit. In den Häusern und Zelten warten die Menschen Palästinas auf seinen Bezwinger, auf den kalten -Meereswind. Sie kämfen wie zwei Riesen und Jahr (für sJahr unterliegt Chamsim. Mirwar es plötzlich, als ob eine Bewegung durch jdie Luft ginge, als ob die Erde erbebte. Ein Kamel blieb ftehcn und wendete seinen Kopf lauschend zurück. Wie ein Zittern ging es durch seinen Körper und die Nüstern weiteten sich. Wiederum schien es mir, als ob, eine Erschütterung durch das Land gehe. Und unversehens, hob sich vor mir eine Sandwolke auf, die Augen und Wangen, -ätzte. Gleich darauf pfiff nur die Ecke ein scharfer Wind. Bon den Lippen der Gläubigen drangen Gebete und mich erfüllte eine befriedigende Freude. Ich raste, gleich dem Sturme,, der sich erhob, nach Hause, durch die rasch »einbrechendte Nacht. Auf der Hotelterasse saß Jo. Ich stürzte auf sie gü. „Triumph," rief ich, „Jo, der kalte Wind ist da!" Ich lachte dabei unbändig aus voller Brust. Jo sah nrich.groß an und schwieg. Ihre stumme Handbewegung wies mir einen'Platz gegenüber an. Wir saßen beide schweigend, sahen uns unverwandt in die Augen und lauschten auf Las Treiben de§ Sturmes. Es war ein wirklicher Kampf, ein Kampf auf Leben und Tod. ES war ein Heulen und ein Rasen, daß das HauS zitterte. Die Fenster knackten in ihren Angeln mtb durch die offene Türe.'kamen bald warme, bald kalte Luftmassen hereingestürzt. Ein Jagen und Verfolgen, ein Sterben und Siegen. Einen Augenblick wurde es leichenstill, gleich darauf iuUu1. wankto. das Haus in seinen Grundfesten. Türen mtb Fenster wurden sperrangelweit aufgerissen und ein kalter, feuchter Sturmwind preßte sich unter Tobetr und Krachen durch alle Ritzen in den Raum. Aus der: -Augen Jos strahlte ein feuriger Glanz, während sich das Gesicht kreideweiß verfärbte. Schon war ich neben Jo. „Jo!" —> rief ich und fing sie in nteine Arme„Chamsim ist zu Ende!" Sie zitterte am ganzen Leib uild 'senkte ihr bleiches Gesicht auf meine Schulter. Sie schlang ihr« Arme um meinen Hals und ließ sich forttragen. „Jo?" . flüsterte ich — „ist Chamsim besiegt?" Sie schwieg uud! schmiegte sich noch enger an meine Brust » ».