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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-16 · Heft 2744 (16.10.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2744 (16.10.1926)
Date
1926-10-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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<sm 4 Msn, Gamstvy wUlffV wl9V0VU§¥llltffB Skr. 2744 „Um zehn Uhr abends." Die Skst dsv Chieagoer Tlraßeapolizet. Es v)t längst bekannt, baß der Polrzeidienst in E b r c aß o so zionrlich der riskanteste und gefähklichste ist in irgendeiner Großstadt -u beiden Seiten -es Milan« tischen Meeres. Mord und Totschlag sind in der Metro« pole des amerikanischen Mittelwestens noch immer an der Tagesordnung, und gar mancher Maurock ist bereits in dem steten, aber anscheinend recht aussichtslosen Kampfe gegen Desperados und Banditen gefallen. Doch an RWo und Lebensgefahr haben sich Chicagos Poli« zisten laugst gewöhnt, nicht aber an die Erfüllung von Pflichten, die ihnen soeben, in einem neuen GonerÄbefehl ihres Polizeichefs Morgan A. Colli ns auferlegt wurden. Ausgerüttelt durch di« Mg zunehmende Zahl von SittlichkettSdelikten gegen Frauen, Mädchen und Kinder im zartesten Alter, sind nämlich nicht nur Herr Lok lins, sondern auch Bürgermeister und Stadtrat zu der schlieWchen Überzeugung gekommen, daß unbedingt „etwas getan werden muß". Und dieses „etwas" wurde alsdann auch getan, und zwar in Gestalt der Ausgrabung einer alten, längst in graue Bergessenhett geratenen Stadtverordnung, die von allen Knaben und Mägdelein bis zum vollendeten seGehn-- ten Lebensjahre verlangt, daß sie um 16 Uhr abends nicht mehr auf der Straße, sondern zu Hause bei Muttem sind. Die neue Durchführung dieser alten Bestimmung wurde jetzt Chicagos Polizeimacht übertragen und ist in erster Linie für die verdrießlichen und imzufriebenen Gesichter, die in ihren Reihen zur Zeit zu sehen sind, verantwortlich. Theoretisch klingt der Auftrag, alle Knaben und Mädchen von sechzehn Jahren und darunter nach 16 Uhr abends von den Straßen und aus den Lokalen einzusammeln, ja recht einfach; praktisch jedoch stellt er an Geistesgegenwart, Takt und Umsicht der biederen Blauröcke erheblich größere Anforderungen, als aller lebensgefährlicher Dienst, den sie bisher Ku verrichten hatten. Mit den Jungens geht es ja schließlich noch- Da ist es meistens nicht allzu schwer, das richtige Alter zu schätzen. Da kann man schon getrost zupäcken, und selbst ein Mißgriff bann und wann hat nur selten irgendwelche unangenehmen und bösen Folgen. Aber bis WMelj Wer vermag heute Noch — im Zelt- Mer der kurzen Röcke, der Bubiköpfe und der 1061 Verschönerung^ irnb VerjÜimungsmiM — das Mer eines weiblichen Wesens, das einmal das vierzehnte oder fünfzehnte Lebensalter überschritten hat, mit selbst nur einiger Aussicht auf Richtigkeit aözuschätzen?! Und sollte es eineii Mann gebender dies kann und vermag, — würde er es auch wagen, es zu tun und die entsprechendett Konsequenzen zu ziehend Mchts Geringeres aber ist es, ivas Herr Cvllins in diesen gewitterschwülen Lagen von seinen blau- und Wigekleldeten Mannen verlangt. Wer „American gtrls" und ihren Hang zur Ueberheblichkeit kennt, der weiß die gmizä Schwere und Tragweite der gestellten Aufgabe zu würdigen. Mcht, da Mch Großmamas Rocksaum lustig zu den Knien und noch höher einporgewandert ist, da auch siebzig- Und achtzigjährige Damen ihr Kopfhaar nach Bubenark schneiden Und stutzen lassen, ist es, speziell bei Rächt, di« bekanntlich alle Kühen als grau erscheinen läßt oder, Umt «höflich zU sein, alle Frauenerscheinungen gewissermaßen' zeitlos macht, weiß Gott recht schwer, 13 und 50 FraUenjaW mit unfehlbarer Sicherheit auseinanderzuhalten. Mer Mch eine ganze Anzahl der jungen Mägdelein, M deren Wohl und Schutz die alte Verordnung wieder zu Ehren! gebracht wurde, ist mit deren Buchstaben und Drasttk durchaus nicht einverstanden. Tausende zeigten sich entschwsfen, es dsrmf ankommen zu lassen, und sie haben infolgedessen/ bereits etliche Reisen zur nächsten Polizeiwache Die Juden müssen an jedem Sonnabend eine Predigt mit anhören, die ihnen ein FranzlSLaner-Mönch oder ein Priester ausdrücklich in einer katholischen Kirche zu halten hat, fl« müssen in einer Zahl von mindestens 560, daS h'eiM vvn 366 Männern und 200 Frauen, erscheinen. Die Kirche ist vhne Schmuck; nur ein Bild und ein Holztreuz, daS mit einem Sack bedeckt ist, damit die Juden es nicht verspo-ttery befindet sich darin. Me Sitzplätze sind für Männe« Und Frauen getrennt angeordnet. Der Priester ober de« Müder beginnt mit lauter Stimme Äne Predigt, beide schalten hebräisch« Worte Än, so daß man sie mit Juden verwechseln könnte. Nachdem sie das jüdische Volk als das von Gott ausüWählte verherrlicht haben, vtzhaupten sie genaU das Gegenteil, indem sie es. halsstarrig nennen, weil es sich weigert, den Geboten dev katholischen Kirche Gehor- ,faim zu leisten. Während der Predigt mitssen alle in absolutem Schweigen verharren, sie dürfen aber nicht schlafen, biflj sie sonst von den Wachthabeirden sehr streng bestraft werden^ Me Teilnehmer müssen sich sogleich'einschretben lassen, fehlen sie aber trotz der Eintragung, so haben sie pro Kopf 0Ö Bajocchi zu zahlen, Es ist außerdem bemerkenswert, daß sich itt dieser Stadt, dicht neben der jüdischen Straße, ein großer mld majestätischer Palast befindet, der heute ,Casa dt Svella' genannt wird. Dort wolMten die hebräischen Gesandten, die in Zeiten des Friedens. aus Jevllsalem mch Rom kamen, und davon leitet der jüdische Platz, der sich davor ausbreitet, seinen Namen ab. Die Christen wenden alle möglichen Mitteln an, um die Juden zum christlichen Glauben zu bringen. Der Papst sperldot jeder getauften Person, catch wenn es sich um ein Muß handelt, 100 Skudi. Menu einer Vvn ihnen so viel schlechte Taten begangen hat, daß er zehnmal den Galgen verdiente, so wird er sofort in Freiheit gesetzt, wenn «k seinem Glauben entsagt." ™ KSSNKS 1WW hinter sich, jedoch nur, um in jedem Falle von den. obtigkeMich benachrichtigten und mich verzeihenden Eltern wieder aögeholt und mit nach Fauss genommen zu werben. Andere fügen sich wohl oder übet in die neue Bestimmung, unterlassen es jedoch nicht, ihrem Aergcr und ihrer Unzufriedenheit in Protestschreiben an die Zeitungen und auch ast den Polizeigewaltigen CokttnS selbst Luft zu machen. In diesen Schreiben erklären sie, daß sie der aucklichm oder sonstigen Ueberwachmg erheblich weniger SMrfen, als ihre älteren Schwestern, von deren Moral vnd Sittfamkeit sie allem Anscheine nach kÄne allzu hervoxragende Meinung haben. , MM diefetr und ähnlichen PMesten sowie der erwähnten BerdrießkichkÄt in den Reihen der Polizei hat die neu ins Leben zurückgerufme Verordnung bis dato Ans sonderliche Veränderung in Chicoga herSeigefühvt. Höchstens sind die wirklichen Verbrecher, Gauner, Räubtzr und Mörder noch etwas frecher geworden als bisher, da die PolizÄ einen beträchtlichen Teil ihrer Energie, ihrer Zeit und ihrer Aufmerksamkeit darauf verwenden muß, die minderjährigen Buben und MdelS Scheiten mch Haust und ins Bett M schafsin. , -;; Polnische Hakenkreuz!«. Warschau, 14. Oktober. Gestern traf hier eine Del«- gatürlr des Verbandes der kleinen Kausteute auS Kalisch «in, die über «inen Ueberfall auf jüdisch« Kaufleute berichteten. PostNer „HaSmkreuzler" überstelenjMschs Kaufleute auS dem Städtchen Kusmin im Posenschen, die zum Jahrmarkt nach Kalisch sichrem Einem bar Kaufleute wurde die Hand gebrochen, der attdere wurde mit Vitriol überschüttet. Die ganze Wave wurde vollständig vernichtet. Die Delegation will in dieser Angelegenheit beim Minister des Innern vorsprechew Sie heilige» Stätte». Von Dr. Fritz Löwerrstel«. Jerusalem.!Jm HeMgen Oanidö der «drei WsltrMgionen gibt «S eine so große Zahl von Gebäuden, GrÄbern, Wallfahrtsstätte», die verchrt werden und zu denen auch güwüllführtet wird, baß e§ fast unmöglich ist, sie alle zu Äöersehen. Die VerkttÄpsung bestimmter Orte milt historischen Vorgängen oder mit Lögendon ist in zahlveichön Fällen so unwahrscheinlich, so offenbar unrichtig und manchmal aus so durchsichtigen Mißverständnissen beruhend, daß man viel eher von Stätten des Aberglaubens als von denen der Helligkeit reden müßte, wenn nicht schließlich der Warebe, .mit dem Menschen an derartigen Plätzen hängen, ihnen wirklich Heiligkeit AU geben vermag. Cs ist interessant, daß Inden, Christen und Mohammedaner in Palästina sehr viel gemeinsames in ihrem Kultus haben, insbesondere in der Sitte der Wallfahrten und in der Bsrchvung frommer Personen aus der Bördelt, die auch bei Inden fast M HMigenverührung angesprochen werden kann. Die Tatsache ferner, daß das Me Testament ein integrierender Bestandteil der christlichen Lehre ist und daß der Koran miöderu'm zu einem großen Teil aus Wischer und chrWcher TMition geschöpft ist, führt zur GemelnsaMeit vieler Heiligsnk--lte und damit zu manchen meMvUedig-en ErfcheiMUgen. Es ist immerhin eine seltene Ausnahme, wenn die Gliashöhle rwr Karmel einträchtig von Inden, Christen und Mohammedanern heilig gichülten wird. Viel sMamer^ ist es schon, wenn in douilichem GegeMtz zuin biblischen Bemcht/ der Moses lm Ostsordanland sterben laßt, di« Araber am N e b i M u s a f e st e (Fest des Propheten Moses) zu einem im Gelbioge Juda gÄsgenen Orte, „ls angeblichem Moses'-Grab, wallfahrten und es wird vollends zur Groteske, wenn gerade dieser Tag in früheren Jahren häufig SU Uebergriffen gegen die Juden geDhrt hat und noch heute an ihm mit Zwischenfällen gerechnet werden muß. Und die gaiM)Tragik unserer Geschichte wird wach, wenn der die Höhle M a ch P e l a h, die Grabstätte unserer Erzväter, bssu-chende Jrrde nm bis zur siebenten Stufe des mohammsbattischen .s)clligtnms gehen darif, ldas sich honte in Hebron an der Stelle erhebt, wo das Erbbegräbnis gestanden haben soll. Im strengen Sinns des Wortes gibt es nur eine hoNge Stätte >der Huben in Palästlina: Lempslplatz. Er ist MMriedeUbrinOlch an den Islam, verloren, wobei es immechlln ein Trost ist, daß es die Mohammedaner «erstanden haben, aus jhm einer: der schönsten Plätze dor Wellt zu machen. Rur Wöstmcmer des Tempels steht noch und sie ist ja als KlagemaUö. zu dem eigentlichen Wischen HeÄig'iium in Palästina ge« worden. Während der Jude den eigentlichen Tempel« platz wie jeder AnidsrSglärrbig« nur in den Morgenstunden besuchen darf, ist der Platz vor 'der Magemousr zu jeder Zeit sugänAich. Aber er ist im Eigentum der Mohammedaner, und nur unter ganbestimmten Bedintz'ungen für den Wischen Gottesdienst Wr VeMgung gestellt. Zu Nssen Bsdingungen gehört das Verbot, Stühle oder BänVs miMbringen oder dovt aufzustsllsn nnld die Dovgänge am vorjährigen Bevsöhnungstage sind ja noch in allgemeittor Erinnerung, wo man den betenden Juden mitgebrachte Stühle unter polizeiilicher ÖCffisteng gewaltsam entriß. Es gibt eben in Pailästina, Gott sei Dank, Heiligkeit der Vertrüge! Leider waren unsere Vorfahren nWt vorsichtig genug, um auch unsere Rechte vertraglich zu stipulieven. Das sicht man MN Beispliell an einem der anderen Wdischen Heiligtlimer des Lanides, dem Grab Nahels, das am Wege nach BeMhem liegt. Als Juden das über dioseur Grab sMerzeit vom M o n t e siore evriKete \ GebLude ausbessern Lassen wollten, gab ihnen die Sfce* gievung keine EMubnis. Jetzt aber verlangte sie die Schlüssel des ödcholgrabeS, um ihrerseits die Ausbesserung vovzunchmen, und zwar durch einen arabischen Unternehmer! Man hatte es nicht einmal für nötig gehalten, die Juden über diie bsstchsnido Absicht Au informieren,, sie erfuhren von de« gangen Sache erst, als man dl« Schlüssel von ihnen verlangte. Mig fteigendtzt. Verwunderung mag der Leser diese Ladfachen an seinem Auge vorWer Aichen, lassen. Ja, vom Lcmdv der nationalen Heimstätte ist die Rede, nicht von Polen oder der Ukraine. > ' - .Hier in Palästina ist es, wo' NM. siü Erbbegräbnis Wrahäms, Isaaks Und Jakobi eifersüchtig wacht, daß kein Kwe die siebente Stufe überschreitet. Hier ist es, wo der Gottesdienst am höchsten Feiertage von „Rechtswegen" gestört wird, weil man, entgegen irgend einem demütigenden Gesetz, eine Bank ausgestellt hat. Und Hier bessert die Regierung mit ftenMN Arbeitern jüdische Heiligtümer aus, ohne auch nur um Erlaubnis gefragt zü habe N. Und jede reisende Amerikanerin ist befugt, am Freitag Abend Mr Klagemauer zu gehen, die betenden Juden alseinoSchausteltung zu betrachten und sie zu photographieren. Wo liegt dtt Erklärung für all das? Hier fordem wkr twch keine Vorrechte, wie man uns sonst vorwirft, verlangen nicht, daß uns die Engländer unsere Heimstätte aufbauen, sondem sprechen vom einfachsten das es gibt, von religiöser Gleichberechtigung, von der Möglichkeit, die jüdischm Heiligtümer mit demselben Respekt zu behandeln, wie die der andern Konfessionen. Aber wir sagten schon, daß es sich um ,-Recht" hmdeld Das Mandat Überträgt freilich im Artikel 13 der Mandatsmacht volle Beranflvoröltng für die heiligen Stätten aller Konfessionen in Palästina, wofür sie ausschließlich dem VölkerbünH verantwortlich sein'soll mtb wo 'sie entsprechend dieser Bestimmung die notwendige Maßnahmen treffen darf. Artikel 14 verfügt dann die Einsetzung einer speziellen- K o m m i s s i o «, „um alle Fragen und älle Ansprüche, dis in Bezug auf die verschiedenen religiösen Gruppen ge- «troffen werden, zu studieren und zu regeln." Der Bericht Herbevt Samuels, dm er 1686 über feine Tätigkeit erstattete, gibt (auf dm Seiten 48—60 der englischen Originalausgabe) Rechenschaft über das bisher Geschehene. Der Versuch der Mandatsregierung, die im Artikel 14 vvrgeseheno Kommission zu bildm, scheiterte, weil man sich mit den interessierten Kreisen (d. h mit dm konkurievenbm christlichm Kirchen) Über die Zusammensetzung! der Kommission nicht eimgm konnte. Sv bleibt alles beim Äl-tm, d. h. im Ginne einer im Artikel 13 sich findenden Zwischenbemerkung, daß' bestehende Rechte gewahrt werden müßten. Während also dev in der militärischen Okkupations' zeit geltende Grundsatz, daß die bestehenden Rechtsverhältnisse unverändert bleiben; müssen, durch den Eintritt der Zivilverwaltung auf-' gehoben worden ist, gilt er Ms dem Gebiete der Heiligen Stätten unverändert fort und, da im alten Palästina zwar die herrschenden Mohammedaner und die von den Größt« mächtm beschützten Christm Rechte Hatten, nicht aber Ma Fuden, ft»; bleibt dieser erfreuliche Zustand erhalten, ‘ir sich römische Katholiken, Orthodoxe und Protestantm über die Zusanrmelstetzung der Kommission einigen wer>. den, bei der wir dann unsere Ansprüche annieldeir kömreinj. Wir haben oft erklärt, daß wir an der Frage der christm lichen heiligen Stätten desinteressiert sind Und Dvk^ tor Weizmann hat vor Mi Jahren Ms dem Wiesba-. dener Delegievtentag dsv deutschen Zionisten ausgesprockM, wir wünschen mr edle friedliche Uebereinkunft dev Betei-, ligtm. Aber wir füllen nicht vergessen, daß es Mch jM«, srhe heilige Stätten in Palästina gibt, Und daß sie hMtq vielfach ohne unsere Schuld dev Würde entbehren, die die HMgtünver dev mderm Mszeichnm. Wenn die Frage övr heiligen Stätten einmal bereinigt wird, so sind auch wiv hg« Ms. MW «ch i desM

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