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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-16 · Heft 2744 (16.10.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2744 (16.10.1926)
Date
1926-10-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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$h. 2744 Men, (Battmm Wiener M-r-enzettrms 1«. LMober 1986 GMs S Veizmanu über die Lage in PalSftina. Sine Reve in einer Londoner Versammlung. Tagesbericht. SioniftWe Ausbeutung. Die „Arbeiter-Zeitung" beklagt sich in einem Artikel unter der Spitzmarke „Wie die Angestellten in einem jüdischnationalen Unternehmen behandelt werden" über „zionistische Ausbeutung". Sie erklärt namens der Administrationsangestellten der „Wiener Morgengeitung", datz diese entschlossen seien, gewerkschaftliche Mittel anzuwenden. Bei! dieser Gelegenheit jammert das sozialdemokratische Organ darüber, daß jeden Augenblick der „Morgenzeitung" ein neuer „Netter" erstehe, und nennt die Namen Stricker, Plaschkes und Präger. Tatsache ist, daß außer den. Genannten, noch andere Zionisten für die Erhaltung des jüdischen Organs opfevvoll wirken. Die „Arbeiter-Zeitung" erzählt weiter, daß die Adminiftrationsangestellten der „Wiener Morgenzeitung" Forderungen erhoben haben, die nicht erfüllt wurden. Ueber die Berechtigung dieser Forderungen wird das zuständige Forum zu entscheiden haben. EZ besteht kein Grund, zu verheimlichen, daß die „Morgenzeitung" kein gewinnbringendes Unternehmen ist. Der Verantwortlichkeit den Angestellten gegenüber hat sich noch keiner derjenigen entzogen, die sie trifft. Wenn ecker die „Arbeiter-Zeitung" tut so, als ob die Angestellten der „Morgenzeitung" von Plus machern aus gebeutet würden, so ist das ihre gewohnte parteipolitische Verlogenheit, die angeprangevt werden muß. Die „Arbeiter-Zeitung" möge sich daran erinnern, datz sie einmal ein armes Blatt war. Niemand hat ihr daraus einen Vorwurf gemacht. Ihre Armut war ehrenvoll, weit ehrenvoller als ihr heutiger Zustand ist. Auch bei ihr sollen gelegentlich die Mittel knapp gewesen sein. Und unter den „Rettern" der, „Wiener Morgenzeitung" ist keiner, der sich Vergnügungsreisen nach Monte Carlo leistet. Daß Angestellte des zionistischen Parteiblattes in der sozialdemokratischen „Arbeiter-Zeitung" unwahre Angriffe gegen ihr Organ veröffentlichen oder zumindest unwidersprochen dulden, ist ein Vorgehen, dessen Beurteilung wir anständigen Menschen überlassen. Kin sechsjähriger Knabe von einer Granate zerrisse«. Womit Kinder spielen. Gestern 2 Uhr nachmittags vernahmen die Parteien des .HaUses Wimmergasse 23 plötzlich eine heftige schußartige Detonation und gleich darauf ein markerschiA terndes Wehklagen mtb das Geklirr zerbrechender Fensterscheiben. Im Hofe des Hauses, wo sich ein leer stehender Gasthausgarten befindet, fah man Teile eines menschlichen Körpers über und über, mit Blut besudelt in alle Richtungen zerstreut auf der Erde liegen. Im Hofe weilten ganz von Schreck erfaßt und zitternd die Kinder des Gastwirtes. Die RettUngsgesellsch'ast fand den noch lebenden^ aber gräßlich verstümmelten Körper eines Knaben, dem Teile der Hände, Arme und Füße und anderer Körperteile abgerissen waren, vor. Der Arzt brächte den lebensgefährlich verletzten 'Knaben 'Ms die Unfallstation, wo er jedoch bald nach seiner Uebergabe verschieden ist. " ■ Der Verunglückte ist der sechsjährige Völksschuler Franz u d e tz, der gestern nach dem Mittagessen gemeinsam mit Vit Kindern des Gastwirtes des Hauses 'Nr. 23 in'dSsen. Garten gespielt hat. Aus London wird uns gemeldet: Anis einer Konferenz der zionistischen Verbände, Englands, die im Russell-Hotel stattifand, erörterte der Präsident der zionistischen Organisation, Dr. Chai-m W c i z m a n n, in einer kurzen Rede die Lage in Palästina. Er fiiihrte aus: Die Beschlüsse dieser Konferenz sollen aus keiner Parl'ikstim-mirrng -heraus erfolgen. Denn es ist. nicht d er m-i n d este Grund für eine Panikstimmung vorhanden. Die Krise in Palästina ist, wiie einer Ihrer Redner bereits a-usgeführt hat, keine allgemeine. Soweit sie tatsächlich vorhanden ist, hat sie auch nicht ihre Ursache in Palästina selbst, sondern sie ist vielmehr das Resultat der allgemeinen Weltkrise und wird bestimmt vorübergehen. Gin Beispiel dafür bietet Pole n. Dieses Land stand an der Schwelle des Wirtschaftlichen Ruins und innerhalb eines Monats Hat sich seine Lage geändert; sie wurde um 100 Prozent besser. Unser Fundament in Palästina ist vollständig gesichert. Die Krise herrscht nur in den Städten und auch dort nicht überall glsrch. In T e il - A w i w ist sie stark, in Jerusalem weit weniger heftig, noch schwächer in Jaffa und in Haifa sehr schwach. Auf dem flachen Land, in den Kolonien gibt es keine Krise. Krisen sind natüMche Erscheinungen des Wirtschaftslebens in jedem Lande. England macht jetzt eine 'schwere Wirtschaftskrise drvrch. Die Engländer besitzen die Geduld, rmr die schlechten Zeiten zu überstehen. Die Juden aber sind ein ungeduldiges Volk. Die Nerven unseres Volkes sind durch viele furchtbare Erlebnisse geschwächt und nicht alle haben die Kraft, eine Krise zu ertragen; deshalb wird die Lage übertrieben. Sogar in den Städten entwickeln sich auch in der Kvrsenzeit die jüdischen Unternehmungen weiter und selbst m Del-Awiw wachsen Industrie und Handel. Es darf auch nicht übersehen werden, daß viele von den Juden, die nach Erez-Jsrael kamen, in Polen bereits abgewirtschaftet hatten;- und sie kamen mit Hoffnungen in das Land, die nicht verwiMicht werden konnten. Jetzt sind sie enttäuscht und fahren zurück. Bereits vor vielen Monaten habe ich erklärt, daß ein großer Teil dieses Gmwandererelements das Land wird verlassen Müssen. Das war unvermeidlich; denn die Menschen waren für das Land nicht geeignet, in dom es keinen Platz für Spoku-lations- und Luftgeschäfte gab. Mit vielen dieser Leute ist es eine merkwürdige Sache: Haben sie Erfolg, dann ist es ihr, Verdienst; leiden sie Schiffbruch, ist das Land daran schuld. Früher sprachen sie von „unseren" Palästina, jetzt sprechen sie von „eurem" Palästina. Dieses zugeschobene Palästina können wir ruihig annohmen, denn es ist wirklich unser Palästina. Wlpcord-Hnzua "-° S 120.— Raglan,?«««.... 8 80.— HEIHRICH WEIHBERGER I. Simfersiroße 0 us Aber wir müssen dafür so intensiv arbeiten, daß es in kurzer Zeit wieder t h r Palästina werde. Es besteht kein Zweifel, daß die Lage s ch w i e rig ist; die Zeiten sind schlecht, vielleicht stehen uns noch schlimmere bevor. Doch das darf unsere große Arbeit, im Lande und Dr das Land nicht stören. Wir müssen sie mit aller Kraft.fortsetzen rmd dürfen nicht vergessen, daß es eine Arbeit der Generationen ist. Das, was jetzt in Palästina vorgeht, ist nur der natürliche Selekti o n sProzeß. Die besten, die produktiven Elemente werden die Arbeit im Lande fortsetzen und die Juiden der ganzen Welt werden ihnen «dabei helfen müssen. Es ist eine Pionioravbeft, eine Märtyrerarbeit; aber auf dem -Märtyrertum beruht die ganze Geschichte des -Wischen Volkes. Ronald Storni „guter Wille." London, 15. Oktober. (I. T. A.) Der zionistische Zentralrat von Manchester und Salford gab zu Ehren des in England weilenden früheren Gouverneurs von Jerusalem Und jetzigen Gouverneurs von Cypern, Sir Ronald Stprrs, einen Enrpfapg, in dessen Verlauf sich der Gast über die Position dev Juden in Palästina äußerte. Uebevall, sagte er, stehen die Juden im Vordergründe. Das jüdische Gesundheitswesen ist so musterhaft, daß er selbst, wenn er medizinische Hilfe brauchte, im d as' jÄdische Hospital ging, immer mit gutem Erfolge. Wrch in allen übrigen Wissenschaften leisten die Juden in Palästina Unschätzbares. In den mathematischen, technischen, landwirtschaftlichen Und besonders chemischen Studien, ^endlich auch in den 'Künsten 'und im'Kunstgewerbe, 'sind die Leistungen der Juden einzig dastehend. So oft er, dev Redner, irgendwelche Informationen über Musik, M'abaven und Bildhauerei benötigte, wandte er sichM Indien und niemals vergeblich. Als er im ersten -Jahre seines Mrfenthaltes in Palästina eine Musiffchule mit tntarmsMtivnalent Ziele begründete, konnte er nach 6"iMormten feststellen, daß von 90 Schülern 80, von 5 Professoren den! waren. Endlich übergab er die Schule der Wischen Gemeinschaft, die sie so führte, daß die Schilkerschast, Me die Schule verläßt, von höchster Ausbildung war. Äeh'uW liegen die Verhältnisse in der Malerei, ähnlsch auch im Sport. Die ind'UstrieEe U-nd finanzielle 'Entwicklung des Landes ist zum größten DeikMbE«- sches Werk. Die jetzige Pcüise in der Entwicklung sei nichts Ungewöhnliches, Palästina werde'sich bald wrÄer erholen. Er sei mit Bezug Nus dieses Land ein gl ühearder Und überzeugter QWimrst. Sir Ronald Mors sprach zum Schluß die Meinung aus, morn solle vom jüdischer Sekte die b-u-rckiLchen Bea-mten niMt allzu scharf brrtrstierem, schließlich ist niemand unfehlbar^ aber d^ergtUlle. MDl da ist vorhand^^ - i Ronald Morrs hat in ferner ^Amtsführung alles eher denn'Sympathie für die jüdische Arbeit in Palästina gezeigt. Die jüdische Bevölkerung hat wiederholt gegen seine Tätigkeit protestiert und'sogar feine Entfernung gefordert. >Mß er jetzt freundliche Morte Kr 'den jüdischen Ausbau finAll» spricht gegen ihn selbst. Kn Besuch im römische« Ghetto anno 1724. Mitgete-llt von G. Blustein. In seinem Buche ,Stor.ia degli Ebr-ei im Rom a" teilt G. Mustern einen Bericht mit, den em gewiffer Abrarno Levi im Jahre 1724 anläßlich seines Besuches im römischen Ghetto verfaßte; Teile dieses hochinteressanten Reiseberichtes sind (in autorisierter Üebersetzung van Mi Mavasse) in der jüngsten Folge der ausgezeichneten Zeitschrift „Der Morgen" enthalten, die, von Professor Dr. Julius Goldstern redigiert, in Darmstadt evschemtMir entnehmen diesem bemerkenswerten Reifebriof einige markante Abschnitte. „Die Hebräer besitzen hier in Rom inmitten der StM eine bewohnte Zone, welche man das ,Ghetto der Juden? nennt. Zwei Hauptstraßen und sechs kleine Gassen durchzichen es, fünf Tore, in die Mauern eingefügt, gewähren den Einlaß. Hier wohnen ungefähr 3000 Juden. Außerhalb dieses Bezirkes gibt es tatsächlich keine Juden, wohl aber sehr viele Reneg aten, die ihrem Glauben untreu tvnrden. Auch sie wohnen in einem abgesorÄ-erten Bezirk, der fünf oder sechs Straßerr enthäst. jedoch ohne Mauer. Ihrer gibt es sehr viele, die Zahl 5000 ist überschritten. In der Tat kommen sie aus allere Ländern hierher wegen der vom Papst gebotenen Prämie, kauft er doch diese Seelen für 100 Skudi. Jedem Juden ist es verboten, die von Renegaten bewohnten Straßen zu betreten, damit sie diese nicht etwa überreden, wieder zum alten Glaubet: überzutreten. Wenn man unglücklicherweise in diesen Gassen, die Cateeumeui genannt werden, dennoch, einen Juden findet, so wird er auf das strengste bestraft. Darum wird jeder Fremdling ermahnt, sich davor zu hüten. Ich selbst habe, ohne erkannt zu werdert, die Oertlichkeit flüchtig durchschritten. Die Juden haben hier in Rom, in der besten Gegend der Stadt, am Tiber entlang, einen schönen Besitz. In diesen Straßen gehören ihnen fünf Synagogen, jene alte ausgenommen, die sich, außerhalb befindet, die in alten Zeiten erbaut wurde und die man noch heute erhall. ■ .* Als ich hier eintraf, wollten Ke es mir nicht glauben, daß ich von den Leviten stamme, daher mußte ich es ihnen beweisen, ivozu ich mich der Briefe meines Bauers, der sich mit dem Geschlechtsnamen „Halevi" unterschrieb, bediente. Bon diesem Augenblick an wurden mir große Ehren und viele Aufmerksamkeiten von den Notabilitäten der Gemeinde erwiesen, sie taten mir die Ehre an, mich an jedem Sabbat in die Synagoge, deren Pracht an den Festtagen unbeschreiblich ist, zu berufen. Ditz hohen Wände werden mit Damast bekleidet, alles funkelt in verschwenderischer Weise von Gold und Silber, auch die Gefäße, in denen man das Oel anzündet, und die Kandelaber, die 600 Pfund wiegen und die in hebräischen Buchstaben die Inschrift: ,Dem Ewigen gehekkigt' tragen. Wenn es sich früher ereignen konnte, daß einige jener abtrünnigen Männer das, was sie dem Tempel geschenkt, als sie ihm noch treu waren, zurückfordertm, so ist das nunmehr ausgeschlossen, sie dürfen nichts mehr zurücknehmen, so ist es festgesetzt. Der Gottesdienst vollzieht sich in einer so milden und schönen Art, daß ich dem nichts an die Seite stellen könnte, mrd der höchste Ruhm gebührt dem Gesang und den frommen Melodien. An jedem Freitag, eitrige Augenblicke vor d«m Anbruch des Sabbats, durchschreitet der Chacham (der oberste Rabbiner) mit einenr oder zwei der Vornehmsten ms der Gemeinde sämtliche Straßen, er ordnet an, daß alle Läden geschlossen werden und daß keinerlei Handel mchr getriebetr wird. Wenn sie datrtr ein ztveites Mal durch die Straßen gehen, muß alles bereits geschlossen sein, die Christen aber, die am Frettag massenhaft durch die Gassen der Juden laufen, um dort ihre Waren zu verkMftn, werden angehalten, sie zu verlassen. Und dam: geht ein jeder in seine Synagoge, die erleuchtet ist wie durch So-nnMistrahlen. # SelbstverWiMh finden -sich Mch hier Ünd unwürdige Menschen, die Gott und seinen Geboten nicht gehorchen. Wenn sie sich streiten, so haben sie immer ein kurzes' -Messer in der Hand, denn die langen sind verboten. Entsteht daraus ein Schaden, so lcmfen sie geschwind in irgend eine «Kirche. Solche Mrchm sind' überall Mr Hand, denn Wer in 3H>m zählt man ihrer mehr als 400. — Versöhnen sich hier die Streiter alsdann, ist die Sache erWigt, wenn nicht, so entsagen sie Wem -Mürben; ist ihnen die Verzeihung doch gewiß, ja noch mehr, sie erhaften 100 Skudi. So hckbe ich derartig zügellos Buben gesehen, die im Streite mit den Blutsbrüdern sagteir: erst bringe ich dich um, und d-Mn werde ich zum Christen. Laden abev Männer anderer Nationen eine solche Schuld Ms sich, foj werden sie sofort auf die Galeere geschickt. Die Beschäftigung der vornehmsten Jttden bcstchk dcwm, die! Fürsten und die fremden in Rom' eintreffenden Herr-, schäften in den großen Palästen urtterzUbringen, sie ha--, ben allen 'fljfcen 'Wünschen entgegenzUkommen. Mr "diesen Bemf erMten sie eitle Monatliche SUmme Msgezahll. Im übrigen Unterhälten auch sie Läden lwfcj dke asiberen Hmldeltveibenden. Utrter dem gewöhnlichen -Volk dagegen gibt es viele Männer, die das Handwerk des' Schneiders betreiberr^ Jnr Sommer sieht man die SchneWer zju hundert ten Mf der Straße; ein jeder M vor seiner Tür. We Fvaüen machen die Knopflöcher, ihre WwtiMt darin H so! berühmt, daß' auch die nichtjüdischen Schneider W Aü Knopflöcher von diesen hebräischen Zstauen machst laDm Auch bei «manchen Kardinalen werden sie wegen ihrer Gtzschicklichkeit in weKlichen Handarbeiten All behanpAü KM. und gut, drei Viertel dieser Juden sind SchneWer, irrud IW' übrig bleibende Viertel beschäftigt sich mit anderen Bernfs- ' MMn.

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