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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-14 · Heft 2742 (14.10.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2742 (14.10.1926)
Date
1926-10-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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$Btettet Msrgenzettmrg i. Moßer 1926 SWe 3 527 Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners 8. B. Ehrenfeld, Mattersburg {^Millionen* Mkospcämm liefern jährlich ihre Küsse zur Herstellung des reinlichen, hygienisch einwandfreien Speisefettes zoo Prozent reines Fett aus Kokosnüssen. mim - Nr. 2742 Wien, DmtnerStag Tagesbericht. Maxim Winawer gestorben. Der russische Demokrat im @gil* Am Sonntag, den 10. d. M., ist in P art s der berühmte russisch-jüdische Jurist und Publizist Maxim Moissejswitsch W i n a w e r im Alter von 63 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben. Winaiver wurde in Warschau als Sohn einer angesehenen Mischen Familie geboren. In Warschau vollendete er auch seine Studien. Seine Geburtsstadt bot jedoch dem ambitiösen jungen Juristen kein seinen Fähigkeiten entsprechendes Arbeitsfeld. So zog er bald nach Absolvierung seiner Hochschulstudien nach Petersburg, das damals das Zentrum des politischen und intellektuellen Lebens in Rußland war. Binnen kurzem wurde Winawer einer der bedeutendsten Rechtsanwälte der russischen Hauptstadt, der auch zu den aktivsten Führern des jüdischpolitischen und gesellschaftlichen Lebens in Rußland zählte. Durch seine Tätigkeit in der damals sehr populären Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden „Mefizei Haskalah" wuchs auch seine Popularität, die ihn dann an die Spitze der Bewegung zur Erlangung der Gleichberechtigung der Juden bringt. In dieser Zeit erweckte Winawer durch seinen publizistischen Kampf gegen die Rechtlosigkeit der Juden auch als politischer Schriftsteller auch im Auslande Aufsehen. Er war auch der leitende Redakteur des Organs der jüdischen historisch-ethnographischen Gesellschaft „Jewreiskaja Starina" („Jüdisches Altertum"). Winawer war eigentlich russisch-jüdischer. Assimulant, der jede Konzentrierung des jüdischen Volkes außerhalb Rußlands, das damals zwei Drittel des Gesamtjudentums beherbergte, a b l e h n t e. Diese Politik führte ihn zur Partei der russischen Liberalen („Kadetten"), wo er bald an Einfluß gewann. Mit ihrem Programm wurde er als Deputierter i n d i e e r st e D u m a gewählt, wo er stets mutig für freiheitliche Reformen und vor allem für die Gleichberechtigung der Juden eintrat. Denkwürdig bleibt seine große Dumarede nach den blutigen Pogromen in H omel und K i s ch e n e w, in der er gegen die Pogrompolitik des Zarenregimes scharfen Protest einlegte. Den historischen „Wyborger Aufruf" hat Winawer mit unterschrieben, und er wurde, wie alle anderen, unter ihnen auch der Dmnadeputierte Schmarjahu Lew in, die den Ausruf unterfertigt hatten, zu drei Monaten Kerker verurteilt. Nach der kommunistischen Revolution mußte auch Winawer Rußland verlassen, er zog nach Paris, wo er sich hauptsächlich seinen wissenschaftlichen Arbeiten widmete. Aber auch in Paris blieb Winawer seiner russisch-assimilatorischen Politik treu, gab hier mit seinem Parteigenossen Miljukow eine russisch-kadettische Zeitung und nebenbei auch eine russisch-jüdische Zeitung heraus, die die liberal-demokratische Gegenrevolution propagierte. In der letzten Zeit hat Winawer sich wohl nicht zum Zionismus bekannt, jedoch den geänderten Verhältnissen und seinen bitteren Erfahrungen Rechnung tragend, sich für die Erweiterung der Jewish Agency eingesetzt. Die Anhänger der Erweiterung der Agency, besonders die Brand eis gruppe in Amerika, hatte ihn auch als ein Mitglied der Agency in Aussicht genommen. Mit dem Ableben Maxim Winawers schließt ein Kapitel russisch-jüdischer Geschichte. Auch die politischen Gegner des Verstorbenen werden seine großen Verdienste im Kampfe um Recht und Freiheit der Juden zugestehen müssen, aber sie bedauern, daß ein so reiches politisches Talent fern der aktiven jüdischen Politik geblieben ist. Las Ehrenwort des maghorijchen Grasen. Die ungarischen Gerichte haben sich mir einem interessanten Prozeß zu befassen, .in dessen Mittelpunkt der Graf Eduard Z i ch y und die Witwe nach dem Krasnojarsker Schuhfabrikanten Segalowicz stehen. Im Jahre 1916 war Zichy, als er an der Front zum Besuche seiner Freunde weilte, mit dem ganzen Regiment in russische Gef a n g e n s ch a f t geraten. Er wurde im Gefaugencnla- I ger zu Krasnojarsk interniert, wo es ihm anfangs nicht sehr gut ging.. In der Stadt lebte der Schuhfabrikant Maische Segalowicz, der zu den angesehensten Bürgern'des Ortes gehörte. Er mrd seine "Familie halfen den'in Gefangenschaft befindlichen Offizieren mit Lebensmitteln Und Geldbeträge:: aus. Auch der Graf Zichy konnte sich durch Segalowicz seine Lage verbessern. Die jüdische Fannlie stellte ihm monatlich 2000 Goldmark zur Verfügung. Das ging fv lange, bis Zichy im Jänner 1918 Vorbereitungen zUr Fluchü traf.. Da lieh ihm Segalowicz noch 14.000 Goldmark auf den Weg. Zichy übergab dem Fabrikanten vor seiner Flucht einen Brief, in dem er die Gesamtsumme im Betrage von 34.600 Goldmark als Schuld bestätigte Und sich ehrenwörtlich verpflichtete, das Geld nach seiner Rückkehr in die Heimat zUbezahlen. Jahre vergingen, Graf Zichy hatte eine Amerikanerin geheiratet und sich in der Tschechoslowakei angesiedelt. iFm Februar v. I. kanr nUn Frau Segalowicz nach Budapest, um die Schuld eiuzUtreiben. Sie hatte auch :wch andere Forderungen an ehemalige ungarische Offiziere, die alle die Hilfe der Fannlie Segalowicz in Anspruch genommen hatten. Frau Segalowicz, die inzwischen ihren Mann verloren hatte, wurde mit ihren vier Kindern von den Kommunisten aus Krasnojarsk vertrieben und lebte seither in Kowno in großem Elend. Die 'Familie des Grafen Zichy wollte die Schuld nicht anerkennen, weshalb diel Frau die Angelegenheit, einem Mvokaten übergab'. Bor einigen Tagen fand die erste Verhandlung statt. Der Vertreter des Grafen Zichy machte verschieden Einwände geltend, denen das Gericht Folge gab. Um die Durchführung des Prozesses doch zu ermöglichen, ersuchte der Klagevertreter das Gericht, festzustellen, ob nicht zwischen Litauen und Ungarn ein Reziprozitätsverhältnis bestehe und FE: Segalowicz nnt ihrem Armutszeugnis von der verlangten Prozeßkostenkaution befreit werden könne. Die Antwort der litauischen Regierung auf die Anfrage des imgarischen Justizministeriums ist noch nicht heraügelaugt. Das ist die Geschichte der Hilfsbereitschaft eins jüdischen Fainilie und des Kavaliersehrenwortes des Gr§ fen Eduard Zichy. Ser Hilferuf Aetljuvows. Der gewesene Gouverneur von Livland bittet Jitdvn MN Unterstützung. Aus Riga wird uns geschrieben: Der gewesene Gouverneur von Livland im zaristischen Rußland, N e k l j u ld o w, lebt hier in großer Not. In einem Brief an den Deputierten 'des lettländischen Sejms, Rabbiner Dr. Nurok, beruft sich Nskljudow darauf, daß er einer der wenigen Machthaber im Zarenreich' war,, der die Juden nicht nm nicht verfolgte, sondern sie förderte und ihnen bei Errichtung jiül bischer Wohls ah rtsan st alten behWich gewesen sei. Die Art, wie er dies tat, war allerdings echt russisch. Die Unterbeamten NeWjudows übten an den Juden, die ständig, mit der Ausweisung. aus den Dörfern und kleinen Städten bedacht waren, unausgesetzt Erpressungen. Ms NekGudow hievon Kenntnis erhielt, tat er Wohl nichts zur Abstellung des Batschischeunwesens in seltnem Gouvernement, aber er Wies die Führer der Juden zu sich und erössnete ihnen das foldende: Der Bakschisch ist einmal in Rußland nicht auszurotten. Die Juden, werden am meisten gebrandschatzt, weil sie von der Gnade der Bureaukratie am meisten abhängig sind. Damit müssen sie sich abfinden. Aber Nekljudow wolle dieses notwendige Uebel zugunsten der Juden selbst pvaktisitzieren.. Die Bakschrschquoten sind so ziemlich fest, wie die gesetzlichen Gebühren. Die Juden Bevor die „Buddenbrooks" wettberühmt wurden. Von Thomas Mann. Wie das Manuskript anssah. — Der Vorschlag des Verlegers. — Die Prophezeinng eines jüdische« Kritikers. — Ein Stück Seelengeschichte des europäischen Bürgertums. Aus Anlaß' der Siebenhunöertjahrserer Lübecks hielt Thomas Mann, der Dichter der „Buddenbrooks" Und des „Zaüberbergs^ eine Festrede, die jetzt in Buchform vorliegt. *)' Ein Abschnitt dieser Rede erzählt das Schicksal seines Jugendwerkes, bevor es in alle Kultursprachen übersetzt und ein Welterfolg wurde. Wir geben diesen nicht bloß autobiographisch interessawen Teil der Lübecker iFest- '?de des Dichters wicker. „.. < Nach einer Arbeitszeit von drei iJähren, längere llnterbrechungen eingerechnet, war dev Roman geschlossen: die erste und einzig vorhandene Niederschrift, das ungeschickteste Mannsiript auf liniiertem Geschästspapier doppelseitig geschrieben, und so schicke ich es an Fischer, ohne viel Hoffnung, ohne viel Verzweiflung : hiev denn, ich hatte getan, was ich konnte. Ich hatte lange zU ivarteu. Dann — ich latz eben als Einjähriger in: Münchner Garnisonslazarett, mit Sehneuscheideentziinduug, die ich mir beim Parademarsch zugezogen — kau: ein Schreiben des Verlegers, des Inhalts, er glaube nicht an die Aufnahrnebereitschast der Oeffentlichkeit für ein so umfängliches Werk. Er erkläre sich aber erbötig, das Buch zu üvernehinen, wenn ich bereit sch es um die Hälfte zu kürzen. — Nun, der melancholische .oldat, der da auf dem Rücken lag, hatte weder ein äußeres noch ein inneres Recht, beleidigt zu sein; Sv war wenig geneigt, viel * Thomas Mann: .Lübeck als geistige Lebensform", Otto Quitzow-Verlag K.-G., Lübeck. Wesens von seinem Werk zu machen. Wer seine sachliche lleberzeugung verbot ihm, auf diesen Vorschlag eürzugehen u:w hätte es ihm verboten, auch wenn ev nicht sein bescheidenes Auskommen gehabt und auf den Absatz des unpraktischen Manuskripts wirtschaftlich hätte bremren müssen. Er schrieb dem Verlage mit Bleistift einen langen Brief, worin er ihm auseinandersetzte, daß der große Umfang eine wesentliche Eigenschaft des Buches sei, Und daß :nan es verpfusche, wenn man damit nach seinem Willen Umgehe. Es.gebe Bücher, die nichts feien, we:m sie nicht ausgiebig seien, Kurzweiligkeit habe nichts nnt der Länge zu tun usw. Ich glaube der Brief war gut; die sachliche Not machte auch beredt; und jedenfalls hatte er zur Folge, baß Fischer, dev jetzt vielleicht erst persönlich in Aktion trat, beschloß!, den Ro:nan, wie er tvar, zu drucken. Die beiden Bände erschienen, Und es sah recht sehr damach aus, als sollte des Verlages Urrd meine eigene geheime Skepsis recht behalten. Wie? hieß es, sollen bte dicken Wälzer wieder Mode werden? Mst es nicht dw Zeit deck Nervosität, der Ungeduld, die Zeit des Kurzen, der keckkünstlerischen Skizze? Vier Generationen Bürgertum, zum Auswachsen. Die Kritik verglich den Mwan mit einem int Sande malenden Lastwagen. - Freilich^ es gab sogleich auch audörtz Skkmmien. Da war ein armer Mischer Kritiker und Theoretiker, Samuel Lublinski mit Namen — er war krank Und ist nun schon lange tot. Der schrieb im „Berliner Tageblatt" mit sonderbarer Bestirnmtheit: „Dieses Buch wird tvachsen mit der Zeit und noch von Generationen gelesen werden." Wenn es Leute gab, die ihm glaubten, der Autor von „Buddenbrooks" gehörte kaum zu ihnen. Es dauerte ein lFahr, bis die ersten tausend Exenlplare verkauft rvaren. Dann beschloß Fischer die wohlfeile einbäMge Ausgabe aUf Dünndruckpapier, Und sie schlug durch. Das Buch wurde vorn Erfolg ergriffen; Auflage folgte auf Auflage, und heute ist es wahrhaftig die zweite Generation, die sich mit ihr beschäftigt. Sonderbar M denken, daß junge S&ife Dr in Künde» halten, die in der Wiege lagen, noch jüngere SeminaraUfsätzck darüber schreiben, die nicht auf der Welt waren, als ich ihn zU Papier brachte. ' : Eine Dame, Münchener Künstlerin, sagte damals zu mir? „Ich habe mich nicht gelangweilt beim Lesen Ihres Buches Und habe mich auf jeder Seite gewildert, daß ich mich nicht langlveilte." Ich antwortete ihr: „Wisse:: Sie, daß' Sie mir da ein großes Kompliment gemacht haben?^ Mrklich deuteten ihre Worte auf einen Tnuniph über den Stoff, mit dem sich der junge Autor nicht wenig wußte. Oft genUg hatte ich mich selber gelangweilt, unb die BirtuosengeNugtlttmg, es dennoch nröglich gemacht zu haben, bestimmte im höchsten Grade mein Verhältnis z:: dem Werk und seiner Wirkung. Kein Gedanke daran, daß etwas überartistisch, Und mehr als cmtobiographisch Verdienstliches darin liegen könnte, ein Bild hanseatischen Lebens aus dem 19. Jahrhundert, KülturgeschichtliHes also, gegeben zu haben. Kein Gedanke, dies Verdienstliche könne etwa darin liegen, daß damit zugleich ein Stück dev Seelengeschichte des deutschen Bürgertums überhaupt gegeben tvar. Und anr allerwenigsten ließ ich mir ein Drittes träumen; Daß das Interesse an diesem Buch, sachlich,, seelisch, übet DeUtschla:rd hinaUsveichen, daß' von dieser Geschichte' M „Verfalles einer Familie ausländisches Bürgertum sich berührt, getwfftn fühlen, daß es sich darin wieder erkennen könnte 7 kurz, daß ich indÄn ich ein nach Form Und Inhalt sehrdeutsches Buch gab, zugleich ein überdeutsch-euvopäisches, ein Stück Seelengeschichte des europäische:: Mxgertums überhaupt gegeben haben könnte. Dies alles erfuhr ich erst viel später, zu einer Zeit, als der Roman als persönliche Leistung mir schon so fern stmü>, mir so sehr zum Objekt geivorde:: und von meinem Subjekt getrennt tvar, daß' sich dieses «teilt Ich kaum:wch ttf,einer Beziehung des Verdienstes dazu fühlte: Namentlich die letzte Erfahrmlg, die von der hochgradigen Gültigkeit einer scheinbar spezifisch deutschen Gestaltung für interna-! chrnaile Verhältnisst, machte tiefen Eindruck auf mich. DW

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