Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2742 (14.10.1926)
- Date
- 1926-10-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte 2 Men, Dormerstag Wiener Morgenzeitung 14. Oktober 1926 M. 2742 Prager Wandlungen. Aus dem magdeburgifchen LeuWand. Ser ProM Frieders kn Weimar. —y Wien, 14. Oktober 1926. ZMk deutsche Parlamentarier haben gestern in Topolkfchittk 'dem Präsidenten Masaryk den Eid auf die tschechoslorvakische Verfassung geleistet. Sie werden sich heute als Minister mit den übrigen Mitgliedern des dritten Kabinetts Svehla dem Parlament vorstellen, und diese neue Regierung, die neunte der Republik, wird in ihrer Programmerklärung zu erkennen geben müssen, ob ihre Zusammensetzung tütsächlich die große Wandlung in dem politischen und wirtschaftlichen Aufbau des Staates bedeutet. Ist sie es, dann eröffnen sich in Wirklichkeit für die politische Rekonstruktion Mitteleuropas völlig ne^e Wege. Treten die zwei deutschen Abgeordneten ihr Amt bewußt als Vertreter einer Minorität an, gelten sie auch der tschechischen Oefstntlichkeit gegenüber als die Personifikation eines neuen Systems, dann kann die Selbstverständlichkeit zum historischen Ereignis werden. Es heute schon als solches int guten Sinn zu werten, dazu fehlt einstweilen der Anlaß. Er wäre lächerlich und politisch infantil, wollte man die in Prag eingetretene Aendernng als den. Ausgleich ansprechen, als den Durchbruch jener berühmten papierdünnen Wand. Ein Ausgleich kann nur von Volk zu Volk geschlossen werden. Das Verhandlungsgebiet muß auf das geneueste abgesteckt und in allen seinen Teilen durch öffentlich-rechtlich verbindlichen Vertrag geklärt werden. Das ist hier nicht geschehen, wenigstens nicht vor der Oefsentlichkeit, die derartigen „Punktationen", um das bereits in den Archiven schimmelnde Wort zu gebrauchen, öffentlich zustimmen muß. Man weiß also nicht, ob diese. Ernennungen auf einen sturmfesten Unterbau gestellt sind. Die Genesis dieser zwei neuen Ministerien steht einigermaßen im Widerspruch zu einer solchen Annahme. Denn die Auswahl dieser zwei Parlamentarier erfolgte in den Couloirs des Prager Rudolfinums und sie war die Folge des Anschlusses der deutschen Bauern und CHristlichsozialen an die Majorität für die Agrarzölle, die dem deutschen Agrarier fetten Gewinn bringen, den deutschen städtischen Konsumenten und Arbeiter aber sehr hart belasten. Es war ein Zweckbündnis, .das jetzt seine gouvernementale Fortsetzung findet und das die Möglichkeit offen läßt, daß aus der nationalen. Schichtenbildung eine soziale wird. Agrarier und Christlichsoziale sind nirgends, insonderheit im deutschen Volk, auf Demokratie und angewandte Freiheitlichkeit eingestellt, und ihnen liegt die einseitige Betonung ihrer Interessen tausendmal näher als ihr sonst in Liefern und Roden so heiß gepriesenes Volk. Trotzdem wiH) und muß der Eintritt zweier deutscher Politiker auf die Politik seine;' Wirkung haben. Diese wird sich zunächst in einem für die tsechischen Nationalisten sachlich wenig erfreulichen, propagandistisch aber sehr wertvollen Sinn äußern. Die politischen Verbindungen der Tschechoslowakei nach dem Ausländ sind nicht mehr unkontrolliert. Nach innen wäre es allerdings zu begrüßen, daß Mitglieder einer Minorität in die Sphäre der Macht gelangen. Hier stellt sich das große Aber in den Weg. Es sind Angehörige nationalistisch orientierter Parteien, von Gruppen, deren politische Linie. weitab von dem Wog läuft, den die Minoritätenpolitik zu gehen hat. Eine Minderheit, die ihr kulturelles und politisches Recht fordert, muß auch jeder anderen Minorität mit dersollben Unbefangenheitgegenüberstehen. Die Parteien nun, denen die zwei neuen Minister angehöron, haben die Eierschalen der Jrredenta noch nicht adgestreift. Sie weichen, wenn sie ihre Stellung zn der tschechischen Bevölkerung positiv entrichten, dem Zwang der Verhältnisse, die das System der Abstimmung nicht mehr dulden. Für die Demokratie ist jedoch der Prüfstein die Stellung zu den machtlosen Elementen und insbesondere zu dem jüdischen Teil der Bevölkerung. Die deutschen Agrarier und die deutschen Christlichsozialen sind programmäßig antisemitisch. Es gibt auch tschechische Parteien, die auf der gleichen dunkeln Linie gehen, aber sie mußten sich bisher den Erfordernissen der 'Politik des Staates unterovdnen, der aus FreiheitSsinn entstanden ist. Eine ReplMik ohne die Traditionen der Wiener Kamarilla kann nicht in ihr so intimes freundschaftliches. Verhältnis zur westlichen Demokratie den antijüdischen Haß hineintragen lassen und sie kann nicht auf die jüdische Mitarbeit am Aufbau des Staates verzichten. Die antisemitischen Strömungen in der tschechischen ParteiengruipPievung, die ja sehr rührig sind und in der Durchführung der Bodenreform respektable Aeußerungen ihrer Tendenzen gezeigt haben, sind doch so weit jn den Grenzen gehakten' Wörden, daß zum Beispiel ein deutscher Antrag auf Einführung des Numerus clausus mit übergroßer Mehrheit abgelehnt wurde. Sie erhalten aber jetzt Verstärkung von der deutschen Seite her. Die jüdische Oeffentlichkeit in der Tsechoslowakei wird gut daran tun, die äußerste Vorsicht anzuwenden. Sie haben sich gesunden! Mudllt bezeichnet sich als Rechtspolitiker? Lodz, 12. Oktober. Das hier erscheinende Blatt Madomosci Codzienne" gibt einen Teil einer Rede wieder, die Marschall Pilsudski bei der ErWmng des ersten Ministerrates seines Kabinetts gehalten haben soll. Darin soll sich Pilsudski als Konservativer bezeichnet haben. In Pilfudstts Politik in der letzten Zeit, in der Epoche nach den; Maiurnsturz, konnte man ztvar einen unleugbaren Ruck m&S rechts feststellen, die Frage über, ob dieses offizielle Bekenntnis authentisch ist, bedarf noch einer Bestätigung. In der Movdaffäre Schröder hak, Wie noch erinnerlich, die anvijüdische Richtung «dör Unteesuchungsbehörde die bestimmende Rolle gespielt. Der Fabrikant Haas, der nicht das geringste mit dem Fall zu tun gehabt hatte, wurde einfach eingesperrt, Werl er Jude ist. Eine Affäre der gleichen Art.hatte es bereits zwei Jahre vorher in W e i m a v gegeben, wo aus BeschuLdiguugeu der von D r e x I e r geführten Völkischen der Direktor der thüringischen Staatsbank Loeb als Schädiger des Staates in schimpfliche Untersuchung gezogen wurde. Loeb wurde glänzend rehabilitiert, schmiß aber dann sein Amt hin und ging nach Berlin'. Er ist Jude und seine Angelegenheit bildet jetzt den Kern eines MeineidSprozesses, der seit Montag vor den: Weimarer Schwurgericht laust. Angeklagt ist der ehemalige Oberstaatsanwalt von Weimar, Dr. Frieders. Er hieß früher F r i e d l ä n-d e r, und ist vom Judentum zur protestantischen Kirche übergetreten. Er kann es jetzt an sich erfahren, daß vor der völkischen Einstellung auch die Gewissenslüge der Taufe nichts nützt. Frieders ist so Jude wie Friedlänider und es wird ihm der Prozeß gemacht. Er hatte die Anklage gegen Loch zu vertreten, ließ sie aber noch vor Beginn der Verhandlung fallen. Das sozialdemokratische Blatt „D a s V o l k" in Jena, hatte nun in einer Besprechung der Angelegenheit Loeb erklärt, die Thüringer Regierung habe den Justizmord an Loch befohlen, Frieders habe dies aber verhindert. Es kam zu einem Preßprozeß, in dessen Verlauf Frieders unter Eid aussagte, daß der Auftrag, Loeb außer Verfolgung zu setzen,-nicht von ihm, sondern von dem Staatsanwaltschaftsrat FI o e I ergangen sei. Dieser Floel ist Hakenkreuzler. und er trat nun öffentlich gegen den ihm Vorgesetzten Frieders auf, und es wurde die A N k l a,g e w e ge nMei ne -i d s erhoben. Die Verhandlung ergibt ein Bfld, das sehr lchhast an Magdeburg erinnert. Man weiß, daß eigentlich nur ein Zysall'den Fabrikanten Haas davor bewahrt hat, sich vor den Geschworenen gegen ein falsches Untersuchungs-Protokoll zu wehren. Jn Weimar zeigen sich nun recht liebliche Dinge. Da ist der tatsächlich von Floel nlsdergeschriebene Antrag, die Anklage gegen Loch fallen zu lassen. Ae zionistische Mrtschastskonferem. Am Montag hat, wie die „Winer Morgenzeitung" bereits berichtet hat, in London eine Konferenz für Palästina-Wirtschaft begonnen.- Den Vorsitz führte Sir Herbert Samuel, der gewesene Oberkommissär von Palästina. Die Einladung zu den Beratungen war von Sir Herbert und dem Präsidenten W e i z m a n n unterzeichnet. Zu der Konferenz waren erschienen: der Direktor der Deutschen Bank in Berlin, Herr Oskar W a s s e r m a n n; Senator Delta T o r r e, ein führender Mailänder Bankier; James de Roth-! schild; Dr. L, A. Biss er, Mitglied des Obersten Gerichtshofs von Holland; Dr. Ernst Kahn, früher Finanzredakteur der „Frankfurter Zeitung"; Deputierter L e o n B l u m, Führer der sozialistischen Partei Frankreichs; Dr. Artur R u p p i n; Alb. I. B e l is h a; der Präsident der Jewish Colonial Trust Joseph C o w e n; der leitende Direktor der Jewish Colonial Trust Dr. Georg Holpern; Nathan La Ski; Dr. Berthold F e i w e l und Herr Adler auS Rom. Die erste Sitzung der Konferenz war, wie „I. T. A." berichtet, einem allgemeinen Rückblick über Lage und Aussichten der Palästina-Wirtschaft gewidmet. Nach Schluß der Diskussion wurden verschiedene Unterausschüsse eingesetzt. Das Ziel der Besprechungen, die für drei Tage angesetzt waren, ist, die wirtschaftliche Entwicklung in Palästina in ihren Hauptzügen zu erörtern und Vorschläge für eine Stärkung und Ausdehnung der jüdischen Wirtschaftstätigkeit in Palästina zu machen. gentrylsparkasse und Zentralbank. Versozialisierte Milliarden. Jn einer Vereinsversammlung in Maria hilf gab Abg. Kunschak, in Besprechung der Zentrakbankaffäre die Erklärung ab, daß die chnstlichfoziake Partei niemals daran denke, dort, wo sich eine Verfehlung eines Parteigenossen ergeben habe, diese zu beschönigen oder ohne lveiteres hingehen zu lassen. Wenn Stadtrat Breitner davon gesprochen habe, daß jene Leute unanständig waren, die ihr Geld bei der Zentralbank behoben haben, so müsse bekanntgegeben werden, daß unter den ersten, die ihre Gelder abhoben, die Zentralsparkasse der Gemeinde Wien war. „Ich stelle fest, daß die Zeytralsparkafse zuerst 102.443 Schilling abzetzoÄe« hat, da«n noch verschwunden. Dann zeigt sich, Latz ein Kanzleiassistent, Ser in dem Jenaer Prozeß die stenographische Ausnahme der Aussagen Frieders zu besorgen hatte, sich nicht mehr daran e ri n n e r u kann, ob Frieders die inkriruinierte Redewendung gemacht hat, Dagegen ist-die Niederschrift des Protokollführers nachträglich an zwei entscheidenden Stellen geändert worden und zwar von dem Vorsitzenden in diesem Preßprozeß, dem'A m t sg er i cht s rat Stolz in Jena. Es ist von ihm auch ein Satz mit Tinte hineinkorrigiert worden. Die Vernehmung des Hauptbelastungszeugeu Floel ergibt im Handumdrehen, daß er' a u 3 p e rs ö n l i ch e m, p o l i t i s ch b e t o n t e m H atz gegen Frieders gehandelt hat. Seine Aussage ist voll der. spitzigsten Bemerkungen gegen „den früheren Friedländer". Aber seine sachlichen Bemerkungen, werden auf der Stelle durch den Rechtsanwalt May und den Redakteur De erberg uls unwahr nächgewiefen. Der Prozeß wurde nach zweitägiger Dauer gesteri' zu Ende geführt. Frieders wurde wegen Meineides zn fünf Monaten Gefängnis und zur Tragung der Prozeßkosten verurteilt. Damit ist bewiesen, daß die magdeburgische Justiz durchaus nicht auf Magdeburg beschränkt ist. Der Jude ist immer im Bann, auch wenn er sich, den Namen ändert und in der Menge untertauchen will. Die aus den '"Versöhnungsgeist von Locarno eingestellte ReMion erwischt ihn eines Tages und schleppt ihn vor Gericht. Hakenkreuz unv Sowjetstern. Berlin, 13. Oktober. Vorgestern wurde hier (wie berichtet) der Hitler-Hauptmann Römer verhaftet. Wie man nunmehr erfährt, erfolgte die Festnahme Römers in dem Augenblick, wo er in einem Cafe mit dem Leiter der kommunistischen Nachrichtenzentrale gemütlich beisammen saß. Auch dieser und ein weiterer kommunistischer Agent wurden in Last genommen. Bei dem Korn? wunjstenführer wurde i n ter es saut es M a t e r'i al beschlagnahmt ' 'v •.,'l(. Der unter Fernemordv erd acht verhaftete Hauptmann Römer gab bei seiner Vernehmung an, daß er den Kommunisten erst feit.wenigen Tagen kenne und keine weiteren Beziehungen zu ihm habe. Die Polizei. glaubt jedoch, daß das Zusammentreffen der beiden kein zufälliges war. einmal eine zlveite Post von 63.000mrd noch eine dritt.e von 5800 Schilling. ' .■ Die, Pensionsanstalt der Angestellten hat aus den Bundesgeldern - 220.096 Schilling abgehoben. Die Arbeiter- Unfallversich?ru> g?anstatt 564.154 Sch'l.ing rurd noch einmal 4,194.300 Schilling und die Arbeiterbank das erstemal 50.000 Schilling und das zweitemal 1726 Schilling. . - Also diejenigen, die da gelaufen sind und ihr Gelb geholt haben, waren vor allem andern die Sozialdemokraten und sie haben ihr Geld bekynnnen ans den Geldern des Bundes! Bezüglich der Gemeinwirtschaftlicyen Anstalten Arseual, ,Wöllersdarf, Fischamend usiv. sei-festzustellm,. daß ihnen ohne Beschluß des Nationalrates V.r ele/M illiarden gegeben wrrrdcn; dem Arsenal.über 1000 Milliarden. Der Bund muß heute das Geld als rettnn g s los verlören bezeichrren. Aehnliches ereignete sich an anderen Orten. Das waren sozial d e m V k r a - tische Experimente wrd wenn die Sozialdemokraten heute über den Finanzmiittster Äh rer losziehen, gebe ich ihnen ganz recht. Denn einen großen Teil dieser Schweinereien hat Ahrer mit Breitner und Ellenbogen Achter verschlossenm Türen. Msgenracht." . Ser Wechsel ln der Wiener polnischen Gesandtschast. Der neu« polnische Gesandte in Wien, Herr Dr. Karl. Bader, wird morgen vormittags dem Bundespräsidenten! Dr. Hainisch das Akkredittv Überreichen. - ..l Gesandter Dr. Bader ist am 6. November 1887 in Krakau geboren, leitete während des Krieges das polnische Pressebuveau in der Schweiz und v>rganistevte nach dem Krieg diq politische Sektion des polnischen Ministerratspräsidiums. 1S21 wurde er der polnischen Gesandtschaft in Prag zugeteilt ) im August 1024 übernahm' er die Leitung der west« lichen Sektion im politischen Departement des Warschauer Außenininisteriums. Vom Dezember 1924 an fungierte ev als Leiter des politischen DeparteiNents und ivar ein Jahr späten Mitglied der polnischen Delegatton bei der B ö lkerbundstaguugi.in Genf. Am 22. Februar 1926 wurde Dr. Bader WN Ge sandten in An gorä.ernannt. Nun erhielt Dr. Bader nach Abberusiurg des früheren polnischen Gesandten.in Wen, Pwf. Doktor Wier.us-z-Ko-'- walski den Posten eines polnischen Gesandten in Me».