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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-13 · Heft 2741 (13.10.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2741 (13.10.1926)
Date
1926-10-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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M. 2741 Men, MKwoch Wiener Morgenzettung 1-3. Oktober 1926 Seite 3 Tagesbericht. Schwere Verfellwase« in städtischen Aemtern. Der Vorstand der Gewerkschaft der christlichen GemeindeangestelÄen hat in seiner letzten Borstandssitzung eine Resolution gefaßt, in der davon die Rede ist, daß sich in der jüngsten Zeit in geradezu beängstigender Weise die Fälle schwerer Verfehlungen städtischer Angestellter häufen. Es sei nur darauf veriviesen, daß Zeitungsberichten zufolge allein im September d. I. ein Inspektor des städtischen Jnvalidenamtes wegen Unterschlagung vonJnvalidengeldern sowie zwei Bedienstete, ehemalige Betriebsräte des städtischen Bersorgungsheimes in Lainz, wegen Fleischdiebstählen zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Ueberdies hat ein Exekutionsbeamter einige hundert Millionen Steuergelder veruntreut. In allen diesen Fällen sollen die strafbaren Handlungen längere Zeit hindurch begangen worden sein. Tie Tatsache allein, daß Monate vergehen konnten, bevor diese ständigen Delikte aufgedeckt wurden, beweist zunächst, daß das Kon»- troll amt seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein scheint. Zu der Tatsache der Häufung der eingangs erwähnten, tief bedauerlichen Verfehlungen tritt noch verschärfend hinzu, daß alle derartigen Vorgänge, von den verantwortlichen Organen der Gemeinde in der Regel vertraulich behandelt werden. Zu all dem kommt aber überdies noch, daß den Zeitungsberichten zufolge derartige Verfehlungen nicht in allen .Fällen der Staatsanwaltschaft angezeigt iverden sollen. Die verantwortlichen Organe der Wiener Gemeindeverwaltung iverden anfgefordert, in Hinkunft zur abschreckenden Wirkung jeden städtischen Angestellten, der sich einer Handlung schuldig macht, die auch nur den begründeten Verdacht einer strafgerichtlich zu ahndenden Tat beinhaltet, rücksichtslos und ausnahmslos sowie ohne Bedachtnahme auf seine politische Gesinnung der Staats an w alt sch a ft zu überliefern und jeden solchen Fall unter kurzer Darstellung des Sachverhaltes, jedoch vorerst ohne Namensnennung sofort im Wege der Wiener Tagesvressc der Wiener Bevölkerung bekanntzugeben. Friedliche RSumung der Lverau. Infolge der in den letzten Tagen von der niederösterreichischen Landesregierung verfügten Absperrungsmaßnahmen haben die Siedler in der Oberau gest-rn dem Bezirkshauptmann von Floridsdorf Hofrat Erb erklärt, dnß sie die Oberau freiwillig räumen. Sie erbaten sich nur die Beistellung vorn Transportmöglichkeiten für ihre Habseligkeiten und die der nicht *mehr zurückgekehrten Siedler. Da dadurch der M- Kennen Sie schon die grandiese Wirkeng des DIANA" ■■ FRANZBRANNTWEIN Jeder GESUNDE und jeder KRANKE witd es Ihnen bestätigen, dafi die denkbet beste Witknng dttteh Diana-- mit Menthol ersielt. wird. ÜBERALL ERHÄLTLICH! transport wesentlich beschleunigt wird, iverden ihnen diese Fuhrwerke beigestellt iverden. Die Besetzung der Oberau währte beinahe vier Wochen, da die Siedler in der Nacht vom 16. September die Besetzung Vornahmen. Der stärkste Stand war am Sonntag, den 19. September, mit 380 Mann. Diese Zahl verminderte sich aber äußerst rasch und die gestrige authentische Zählung ergab nur mehr einen Stand von 108 Personen. Mit dem Abbau der schon leer stehenden Unterstände wurde seitens des Forstpersonals der Betriebsgesellschaft bereits begoimen. Montag nachts brannte infolge Unvorsichtigkeit eines Siedlers ein Unterstand ab, wobei dessen ganze T>abe verbrannte. Unterschlagene Ansliefernngsbegehren. Der Schriftsteller Siegmund Kaff, der Schwiegersohn des verstorbenen sozialdemokratischen Bürgermeisters von Wien, Reumann, der seinerzeit in der sozialdemokratischen Genossenschaftsbewegung eine ziemliche Rolle gespielt hatte, hat bekanntlich in einer Reihe von Broschüren gegen den ehenialigen sozialdemokratischen Staatskanzler und Präsidenten der Arbeiterbank Dr. Renner schwere Anwürfe erhoben, in welchen er nicht nur Renner, sondern auch einer Anzahl anderer Parteigenossen Renners üble Handlungen zur.La st legt. Doktor Nenner beschritt nicht den Klage weg, sondern begnügte sich damit, Kaff in der Presse zu b e s ch i m p- Pfen. Dieser klagte, und das Auslieferungsbegehren des Wiener Landesgerichtes gegen Dr. Renner liegt nun schon seit 3. August in der Kanzlei des Nationalrates. Da die Gefahr der objektiven Verjährung besteht, hat der Rechtsanwalt Kaffs, Dr. Eibuschitz, an das Präsidium des Nationalrates ein Schreiben gerichtet, worin er verlangt, der Nationalrat möge das A u s l i e f e r ü n g s b egehren in Beratung ziehen und ihm zustimmen. Dr. Eibuschitz legtauf Grund eigener. Erfahrungen dagegen Vevwahruna ein, daß dem .Berichterstatter, des Na-, tionalrates die Möglichkeit geboten werde, durch Liegenlassen, beziehungsweise durch Nichterledigung des gerichtlichen Antrages die klagende Partei um ihr Klagerechtzu verkürzen. Er erinnert daran, daß er am 9.. Oktober 1924 den sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Ellenbogen wegen Ehrenbeleidigung geklagt habe. Der. Referent des Jmmunitätsausschusses soll nun nach Behauptung des Dr. Eibuschitz das Ausliefe rungsbegehren einfach unterschlagen haben. Die Folge davon war, daß das Bezirksgericht infolge Eintretens der objektiven Verjährung das Verfahren eingestellt hat. Im Interesse des Nationalrates läge es, meint schließlich Dr. Eibuschitz, daß der Prozeß Kaff- Renner im Schwurgerichtssaale zur Durchführung gelange, damit wenigstens auf diesem indirekten Wege die Öffentlichkeit Gelegenheit habe, zu prüfen, wie es sich mit’ all diesen Vorwürfen gegen Mitglieder des Nationalrates verhält. Neuerliche Steigerung der Kohleuhreise. Erhöhung ab SamStag um 10 Prozent. Der erst vor kurzem erhöhte Kohlenpreis in Wien soll eine neuerliche Steigerung erfahren. Die Oberschlesifche Konvention, das ist die Vereinigung der Grubenbesitzer und Kohlengroßhändler in Oberschlesien, hat beschlossen, die Kohlengroßhandelspreise mit Wirkung vom 16. Oktober, also Samstag, um 10 Prozent zu erhöhen. Der Wiener Kohlengroßhandel hat bereits beschlossen, zu dieser neuen Sachlage Stellung zu nehmen, und wird eine Besprechung abhalteu, worin der Beschluß einer neuerlichen Kohlenpreiserhöhung gefaßt werden wird. Wie verlautet, beschäftigt sich bereits die Wirisch a ft s Polizei mit den Preissteigerungen und hat ihre Organe veranlaßt, bei den Detailkohlenhändlern Revisionen der Kohlenpreise vorzunehmen. Nach Abschluß dieser Erhebungen wird die Wirtschaftspolizei die rnTwmdigen Schritte zur Hintanhaltung von Preistreibereien und Wucher ergreifen. Kn berühmter Diamant gestohlen. Auf Schloß Chantilly. Aus Paris wird gemeldet: Aus dem Schloff von Chantilly, in dem sich im letzten Teile des Weltkrieges das französische Hauptquartier befand, .sind in der Nacht auf Dienstag kostbare Juwelen im Werte von vielen Millionen Francs gestohlen worden. Die Diebe drangen mittels einer sechs Meter langen Leiter in ein Zimmer des Museums des Schlosses, in die sogenannte „Salle des Gemmes". In diesem Zimmer sind unter aniderem auch Geschenke ausbewahrt, die den französischen Königen von auswärtigen Staatsoberhäuptern gemacht worden sind. Das wertvollste Stück der gestohlenen Gegenstände istder bevüihmte Diamant „Le g r a n d C o n d e", dessen Wert allein auf zirka zehn Millionen Francs geschätzt wird. Außerdem wurde ein mit Perlen und Rubinen geschmückter von Abd e4 Kader geschenkter Dolch! gestohlen. Von den Tätern fehlt bisher trotz eifrigster Nachforschungen jede Spur. Der Wanzendieb vom Berliner zoologischen Museum — freigesprochen. Berlin, 12. Oktober. (Tel. Comp.) Das Schöffengericht hat den Lehrer Friedrich Schumacher, der des Diebstahls von Jnsektenprä paraten und Büchern <nn Zoologischen Museum in Berlin angeklagt war, fr ei ge sprachen, nachdem der Kustos des Museums die wissenschaftlichen Qualitäten 'Schuhmachers in außerordentlich lobender 'Weise dargestellt hatte. Saisonbeginn an den New-Vorker Wischen Bühnen. Ein neues Theater in Sicht. — Die „Wilnaer" spielen Kadelbuvg. — Evrejnoffs „Schiff der Gerechten" im ,,Irving Place Kunsttheater". — Eine neue Starrolle der Mali Pico«. Von u n -s e r e an Berichte i* st a t t e r. Neiw-Iork, anfangs Oktober. Äu den jüdischen Theatern New Aorks hat die Saison noch nicht voll eingesetzt, die Bühnenleiter sind mit ihrem „großen Geschütz" noch nicht aufgefahren und einige Theater haben überhaupt noch nicht geöffnet. So wird M'vrris SHwartz* jüdisches Kunsttheater erst am 15. Oktober seine diesjährige Spielzeit beginnen. Gleichzeitigs soll, da es ja bei dem Theater bekanntlich immer anders kommt, trotz des während der ganzen letzten Saison behaupteten Ueberflusses an jüdischen Theatern und der Prophezeiung, daß die neue Saison viel weniger jüdische Theater auftveisen tvürde, als die alte, ein tveiteres jüdisches Theater eröffnet werden. Es toird nämlich tvieder der Versuch gemacht, Theater auf genossenschaftlicher Basis zu führen. Eine Anzahl von Theaterschrrftstellern und Schauspielerin rufen das neue Unternehmen mit Unterstützung der jüdischen Schauspielergewerkschaft ins Leben; es wird im Gebäude des Amphiontheaters in Williamsbürg sein Heim haben. Der Name des neuen Theaters ist noch nicht gefunden, wahrscheinlich svird noch nach einem besonders effektvollen Titel gesucht. Die Hauptattraktion des neuen Unternehmens soll dev Bonvivant Leiser Rosenstein bilden, der in der letzten Saison in New Uork kein Unterkommen hatte, obwohl er dort als Darsteller sehr beliebt ist. Das Prograuun des neuen Theaters ist noch mit einem siebenfachen Schleier des Geheimnisses bedeckt, wahrscheinlich, lucif es noch nicht fertiggestellt ist, obivohl künstlerische Programme auf dem Theater so billig wie Brombeeren sind und es für gewöhnlich nur mit der Durchführung hapert. Mer das Theater mit dem unbekannten Namen, dem unbekannten Programm wird am Ist. Oktober •u spielen beginnen; und das ist wohl die Hauptsache. Es schtcint, daß die viel geschmähte „Literatur" auf der New Parker jüdischen Bühne fixer ist als das iveit populärere sonstige Theater. Von den New Porter „literarischen^ Bühnen sind bereits zwei in vollem Betrieb. Die „Wilnaer Truppe" im Lipzin-Theaier hat allerdings mit leichter Kost begonnen. Sie spielt KadelbUrgs Lustspiel „Der dunkle Punkt". In Europa Hat dieses Lustspiel die vergangene Generation angezogen, ist doch seine besondere — heute mehr als harmlose Attraktion ein Neger, der im Mittelpunkt der Handlung steht und dessen Darstellung durch Arnold Korff den heute leicht angegrauten Burgtheaterbesuchern von Wien und Premierentigern von Berlin als einziger heller Punkt in diesem „dunklen Punkt" in Erinnerung steht. Für New Pork war diese literarische Entdeckung zivanzig Jahre nach 'ihrem 'Entstehen der '„Wilnaer Truppe" und ihrem Leiter Ben Ami Vorbehalten, der als der erwähnte attraktive „dunkle Punkt" seine liebenswürdige Schauspielerei dem Publikum zu Dank entfaltet. Das neueste „literarische" Theater Ndew Pörks, das Irving Place Kunsttheater, ist bereits mit schwerem literarischen Geschütz aufgefahren. Seine erste Saisonpremierv war Evrejnoffs „Das Schiff der Gerechten". Dieses Stück ist, wie fast alles, was Evrejnvst schreibt, nicht gewöhnlich. Sein „Schiff der Gerechten" ist ein« Art Archp Noah, auf der eine Gruppe Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, geführt von einem Dichtermusiker mit dem Beinamen „der Wahnsinnige" und dessen Begleiterin, einer jungen Tänzerin, die das etwas durchsichtige Prädikat „Trauni" führt, der großen Flut von Niedertracht und böser Leidenschaft, Spekulation und Berechnung entfliehen wollen, Um ein Leben der Freiheit, Gerechtigkeit! und wahrer Ideale zu führen. Ern Jahr lang segelt so die moderne Arche, die den Schiffsnamen „Anachoret" trägt, auf dem Weltmeer. Mer, die auf sie flüchteten, haben das Leben ihrer Zeit Und die ihnen angeborenen Justinkto mrd ererbten Leidenschaften, ohne es zu wissen, niitgenommen. Diese wilde Lebenslust, verkörpert in der symbolischen! Figur des Matrosen Vitali, führt sie zUr Erde zurück. Mus denr „Anachorot" beginnt das alte Leben der großen Welt und allmählich zeigt es sich, daß das Dutzend Gerechte, tvelches das Schiff birgt, in feinem Trachten Vöse ivar von Anbegnnr; jeder von diesenr Dutzend hat sich dem idealen Unternehmen aus eigensüchtigen persönlichen Motiven angeschlossen. Die grotesk-satirische Hauptpointe: eüt Passagier, der als Professor der neuen Menschlichkeit die große Heilslehre gepredigt hat, entpuppt sich als Zeitungsreporter, von seinem Blatt auf den „Anachoret" mtsendet. Und das ganze Unternehmen ist von dem Zeitungssyndikat, bei dem der Reporter-Professor angestellt ist, finanziert worden, um eine Sensation zu haben. Der Schiffskapitän ist am Reingewinn beteiligt. Mm gehört auch'das Schiff, das Eigentum der ganzen Gemeinde der Gerechten sein sollte. Evrejnoffs Komödie ist ein Leckerbissen. Das neue jüdische Kunsttheater Hat ihn reinlich, aber nicht allzu raffiniert serviert. Man bekam gut geprobtes EnsemÜlespiel zu sehen, aber der Geist der Komödie kam nicht recht zUm Vorschein und ihr prickelnder Reiz ging in der Aufführung durch zu langsames, vielleicht zu literarisches Tempo der- \ toten. Man gründet nicht ungestraft ein neues literarisches Theater. Weit weniger Literatur, dafür aber reichlich Theater gibt Mali Picon in dem Singspiel „Der kleine Wasy k", d(as Von ihrem Gatten Jakob K alich und dem >Komponisten Rumschinski zurecht gezimmert wurde.Mm kennt idie Stücke, die für Mali Picon geschrieben werden; siü taugen, weiß Gott, nicht viel, sind selten originell, dafür überschreiten sie manchmal die Grenzen des guten Geschmacks. Und das hatte auch bei diesem Stück die Kri-,. tik einmütig festgestellt. Aber, wie es beim Theater immer anders kommt, so lvar „Der kleine Masyk" beim Publikum ein Riesenerfolg. Malt Picon ist erstaunt, daß ihr Stück von der Kritik so rauh angefaßt wurde, aber sie spiüt das Machwerk unbeMmmert weiter. Richtiger, sie spielt, singt und tanzt ettvas, was mit dem gerade gegebenen Bühnenanlaß herzlich wenig zu tun hat. Einige Kritiker haben mit ihren Anwürfen gegen das Stück auch solche gegen die Künstlerin verbunden, weil sie sich dazu hergebe, derlei Schund zu spielen. Mali-Picon hat in einem recht launigen Interview einen Volksentscheid angevufen mid die Kritiker ersucht, sich an ihrer Stelle dem Urteil der AAafsen zu unterwerfen, die jetzt in das so lange verlaffene Keßler-Theater strömen, sich um Sitzplätze balgen und jeden Abend vor Begeisterung rasen. Schließlich hat die kleine Mali Picon, wie sie es sagt, recht: beirn Theater entscheidet der Erfolg und den hat sie in reichem Maße. Der Anlaß für diesen Erfolg ist, so lange es Künstler gibt, die durch eigenes suggestives Fluidunr wirken, nur eine Angelegenheit für kritische Erörterungen. Und die hat Mch kein Publiktnn der Welt angestellt. S.!J< 151

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