Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2740 (12.10.1926)
- Date
- 1926-10-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenzrttrmg 12. Oktober 1S2S Nr. 2740 Sekte 4 Wien. Dienstag das tapfere Herz in die Hofen. Was tun? So wie ein Landstreicher darf sich doch ein Landsknecht nicht benehmen. Mfo beleidigt er den Ausschuß. Er kommt mit den Händen in der Hosentasche und nimmt sie nicht heraus. Und nun ist der Ausschuß bewundernswert. Er mißbilligt dieses Benehmen. Nach geheimer Abstimmung. Das wird dann dem General mit gehöriger Feierlichkeit vorgetragen. Dann folgen Feststellungen. Ein Völkischer stellt fest, daß er sich bewußt ferngehalten hat. Ein zweiter, ein Deutschnationaler, legt auch Wert auf die Feststellung, daß . . . Ist das nicht köstlich? Sodann Irnrd der General zum Eid gerufen. Er gibt die Hände nicht aus der Hosentasche, und verlangt zuerst zu wissen, worüber man ihn fragen werde. Denn, nicht wahr, die Sache ist brenzlich, und er kann doch einen Eid nicht auf Vorschuß leisten. Er ist nämlich sütlich-veligiös und kann einen Mann killen, besonders einen waffenlosen, aber nicht darüber reden. Hernach macht er eine persönliche Feststellung, nämlich die, daß es ihm darauf ankommt, wer ihn mißbilligt und wer ihn billigt. Das ist elegant. Der Vagabund in der Dorfamtsstube pflegt in diesem Falle Goethes Götz zu zitieren. Der General hat Formen. Und Mut. Er sagt nichts aus. Er hält sein Herz in der Hosentasche, in die es sich verkrümmelt hat, fest und gibt Vieser ganzen Justizkomödie auch den ihr gebührenden komödienhaften Charakter. Soweit hier von Charakter die Rede sein darf. Ner Streif an der Hochschule skr Welthandel. Das Handelsminister »um ver.augt Vorschläge. In der Aula der Hochschule für Welthandel versammelten sich gestern die streikenden Hörer, um ihren Forderungen nach Erlangung der Promotion und Unterstellung urtter das Unterrichtsministerium Nachdruck zu verlechen. In der Versammlung teilte der Rektor Professor Dr. Gruntzel mit, er sei vom Handelsministerium aufgesvrdert worden, über die Forderungen dar Hörerschaft konkrete Vorschläge zu erstatten. Die Versammlung nahm eine Resolution an, in der die Fortsetzung des Jnskriptionsstreiks für so lange ausgesprochen wird, als nicht die Forderungen der Hörerschaft bewilligt sind. Der Streik wird noch ln der Weise verschärft, als auch der Besuch der Vorlesungen eingestellt wird. Soldbergwerke in de» KrledhSsen. Der Oesamtvorstand des Unterstützungsveremes „Esrau wünscht seinem Obmanne Herrn Kudus- Vorsteher M. Scharfstetn anläßlich der Vermählung seiner Tochtet Frl. £u0cntc mit Herrn Mmttm* herzlichsten Masel Tow, ssso Hrusa, Powalatz, Marek, Duschek, Koezirz, StejSkal, Kazirek, Barylewicz, Röschka, Malenica, Krotschek und Llschka. Vorstehende Namensliste ist nicht etwa das Mttgliederverzeichnis des „Sokol" von Chotebor, sondern eine Blütenlese aus dem sechsten Ausweis der Trutzspende für den Deutschen Turnerbund, dessen Angehörige bekanntlich das Hakenkreuz als Abzeichen ihrer unverfälschten Deutschblütigkeit tragen. Diese Novosad, Cmyral, Kazirek und Perdill — der letztere scheint das Wohlklangs-E und das zweite L seinem Namen yinzugeftigt zu haben, um nicht fatale Assoziationen auözulösen — stammen natürlich alle zumindest von Hermann dem Cherusker ab. So sehen sie aus ... * Das Wetter. Die Voraussage lautet: Rasche Wetteränderungen, schönes Wetter nicht lange andauernd, rasche Temperaturzunahme. * Für die Blinden Wiens. Am 16. und 17. Oktober d. I. findet der behördlich bewilligte Sammeltag für die Blinden Wiens statt, welchen der Verband der Blindenvereine Oesterreichs durchführt. — Die Blind e nschaft richtet an alle Kreise der Bevölkerung Wiens die herzliche Bitte um regste Beteiligung an dieser Mion, welche einem so hohen und edlen Zwecke dient. * 15. österreichische Klaffenlotterie. Bei der am 11. d. M, abgehaltenen Ziehung des ersten Tages der fünften Klaffe gewannen: 20.000 Schilling das Los Nr. 95.147; 6000 Schkllmfl das Los Nr. 63.999; je 2000 Schilling die Lose Nr. 24b, 12.894, 81.747; je 1000 Schilling die Lose Nr. 50.096, 69.339; außerdem wurden 1798 Gewinne zwischen 600 Schilling und 160 Schilling ausgelost. * Ein Wacheveamter von einer Bisamratte angefallen. Vor einigen Tagen wurde der Oberwachmann Eduard K u b e r t gegen 4 Uhr ftüh, als er über den Sterneckplatz schritt, von einer ausgewachsenen Bisamratte von ungefähr einem halben Meter Länge, die aus der Richtung des dort befindlichen Parkes kam, angefallen. Das Tier sprang ihm an die Brust. Mit dem Säbel gelang es ihm, die Ratte zu erschlagen. * Selbstmord. Gestern vormittags hat sich der 81jährige Beamte Leopold Schwigrofskh, Säulengasse 7, in der Wohnung durch Einatmen von Leuchtgas vergiftet. Cr hat die Tat vermutlich aus Furcht vor Wahnsinn begangen. * Brandpanlk in einem Kino. In einem Nachbarhaus eines Kinos in Eilenburg, wo eine Kindervorstellung veranstaltet wurde, brach, wie au- Berlin gemeldet wird, aus bisher noch nicht aufgeklärter Ursache Feuer aus. Große Benzin- und Oelvorräte wurden von oen Flammen ergriffen, so daß sich starker Qualm entwickelte, der in dichten Schwaden in das K i n ot h e a t e r eindrang. Unter den 200 anwesenden Kindern entstand eine furchtbare Panik. Alles drängte dem Ausgang zu, wo die Kinder übereinander stürzten und die Treppen herunterfielen. Mehr als 30 Kinder wurden schwer verletzt. * Eine jüdische Trauung im Gefängnis. Aus Lodz wird uns geschrieben: Die zu vier Jahren schweren KerkerS für antistaatuche Propaganda verurteilte 19jährige Malla S r e b e rnik wandte sich an die Staatsanwaltschaft mit der Bitte, ihr die Eheschließung mit dem 24jährigen Boruch Spiro zu gestatten. Die Staatsanwaltschaft hat die Erlaubnis erteilt, und so fand vor einigen Tagen in der Kanzlei des Lodzer Gefängnisses die Trauung statt. Außer den Eltern des Brautpaares waren der Vorstand des Zivilamtes Alexi R z e w s k i, der Direktor des Gefängnisses Sarge! und die Zeugen anwesend. Nach der Trauungszeremonie und der Unterschrift der TrauungSakte wurde dem jungen Ehepaar ein halbstündiges Beisammensein gewährt. * Die „Alimentenkönigin" und die Altmmtenwktwm. Schwindeleien bet Alimentenprozessen sind, wie die russischen Zeitungen berichten, in Rußland eine allgemeine Plage geworden. Viele Frauen gründen sich durch Alimentenschwmdel eine recht erträgliche Existenz, indem sie für jedes Kind recht hohe Alimente beziehen, wobei die Alimente immer der zu bezahlen hat, dessen materielle Lage es am besten erlaubt. Für die Verurteilung genügen die Aussagen zweier Zeugen, die für Geld immer leicht zu finden sind. Vor kurzem ist sogar eine höchst aktuelle Schlageroperette „Die Königin der Alimente" komponiert worden. Die Frauen, die von Alimenten leben, tragen in Rußland den Spitznamen „Alimentenlvitlven". Die Schuld an diesem Unfug trägt, wie die Rätepresse erklärt, nicht zuletzt die Leichtigkeit der Scheidung. Vor kurzem ist die Scheidung noch erleichtert worden: die Scheidungsklage unterliegt nicht einmal der Stempelgebühr. .Außerdem genügt ein einseitiges Gesuch, wobei die Gegenpartei nur eine Bestätigung der vollzogenen Scheidung zugestellt bekommt. Die Scheidung kann in jedem Kommissariat und nicht, wie es früher war, in dem Kommissariat, wo die Che registtiert wurde, erfolgen. * Ein Mädchenhandelsschiff. Wie dem „Pcster Lloyd" aus Bukarest gemeldet wird, fand die Hafenpolizei bei Untersuchung des vor einigen Tagen in Galatz eingelaufenen Dampfers „Jsmaola" im Unterdeck eine Falltür, von der eine schmale Stiege in eine winzige Kajüte führte, in der geknebelt und halberstickt 16 junge Mädchen lagen. Es waren vorwiegend slowakische und ungarische Bauernmädchen, die durch Agenten von Mädchenhändlern unter der Vorspiegelung, daß sie in der Stadt durch §jhre Vermittlnug leichte und einträgliche Arbeit finden würdest, verschleppt worden waren. Der Kapitän und die gesamte Besatzung des Schiffes wurden verhaftet. Der Kapitän gab an, daß er den Transport im Aufträge des berüchtigten Mädchenhändlers Jurko Skmic durchgeführt habe und daß die Mädchen nach K l e t n a s i e n verkauft werden sollten. Schon vor geraumer Zeit hauen 2eme, Ote »Muffe für derartige Erwägungen haben, errechnet, daß in den Friedhöfe« der Großstädte mehr Gold vergraben liegt als in den Goldbergwerken Klondykes. Der Vizepräsident der Standesvertretung der befugten Zahnlechrnker, Kommerzialrat Alfred Raubitschek, hat neuerdings errechnet, daß in Wien allein die Toten jährlich 300 Kilogramm Gold und Platin mit unter die Erde nehmen i« Form von Zahnersatzstücken und Zahnfüllungen aus EdeliMall. An Feinsilber in den Zahnpwmben sinkt jährlich mit den Wiener Toten ein Wert von rund 80.000 Schilling ins Grab. Kommerzialrat Raubitschek kommt zu dem Endresultate, daß in ganz. Oesterreich im Munde der Verstorbenen Edelmetall im Werte von rund ö Millionen Schillings Pro Jahr verloren geht. Dis Zahntechnikerorgamfationen haben nun eine auf diese Voraussetzungen fußende Denkschrift dem Stadtrat Professor Dr. Tandler überreicht und meinen nun, in einer Zeit, wo so viele Arbeitslose am Hungertuche nagen, wo so viele. Kriegsmvalide und andere Kriegsopfer nicht wissen, wie sie ihr Leben notdürftig fristen sollen, sei es ein Gebot zwingendster Notwendigkeit, die Frage nach Rettung der Milliardenwerte ins Rollen zu bringen. Professor Dr. Tandler antwortete, daß ihn die Sache sehr interessiere, allerdings vorderhand nur akademisch. Es Handle sich hier um eine sehr heikle Frage der Pietät. Bor «allem sei Aufllärung nötig. Es müsse eine Regelungaus dem allgemeinen Volksbewußtsein hervorgehen, .zu deren Durchführung er gerne bereit H Zunächst sei abzuwavten, wie die Öffentlichkeit auf diese Anregung reagiere. Die Denkschrift führt selbst die Bedenken an, welche d'em Plan«, aus den Friedhöfen das Gold wieder/ugewmnen, entgegenstehrn. Diese sind vor allem religiöser Natur. Aber auch auf rechtlichem Gebiete ergeben sich Schwierigkeiten. Schließlich wäre nach den Darlegungen des Kommerzialrates Raubitschek zu untersuchen, ob es nicht möglich . wäre, daß Personen in ihrem Testament über das Edelmetall in ihrem Mund verfügen. Bei Auflassung der Friedhöfe könnte das vorgefundme Edelmetall dem Staate, dem Lande oder der Gemeinde für wohltätig» Zwecke Zufällen. . Wien, 18. Oktober 1926. *Die alten Germanen. Nowosad, Janeschitz, StaSka, Dokoupil, Korbuly, Kral, Sikora, Janowski, Laeina, Ottawa, Aieschnitzky,. Indern«, Skorzeny, Stritar, Wratschko, Mikulovskh, Steffny, Bartak, Czevmäk, Kweton, Zawalae, MarkotvSki, Wiklicki, KojettnSky, Juriskovie, Jurschik, DobrzanSki, Jedlteka, Perdill, Dworfchak, Htzidutschek, Cmyral, Weiwod, Bei den Soden auf Korfu. Ein Reisebrref. Malta, anfangs Oktober. Einer alten Gewohnheit folgend, verließ ich nach der Landung in Korfu dem Troß meiner Mitreisenden. der sich, um in drei. Stunden Korfus Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen, Cooh'Ä Führung anvertraute. Ich jedoch fragte nach dem Templa ebrea, zu dem mich ein dienstbereiter Korfioter Lastträger führte. Trinkgeld wies er für den kleinen Führerdienst zurück und sagte: „Auche io sona ebreo." Ich fand ein schönes, würdiges Gotteshaus und hatte nun das Verlangen, auch den Hirt der jüdischen Gemeinde kennen zu lernen. Die Bewohner des Ghettos wiesen mir bereitwillig den Weg zu ihrem Oberrabbtner. Ich fand einen Mann in den besten Jahren, einen Angehörigen der bekannten Rabbinerdynastie Schreiber gleichen Namens. Was der liebenswürdige Mann mir auf meinem Spaziergang durch Korfu erzählte, war interessanter für mich als all das, was Cooh'S Schergen meinen Schiffahrtsgenoffen zeigen konnten. Die ältesten jüdischen Familien leben nachweisbar feit 1000 Jahren auf Korfu, waren also schon vor den Griechen hier seßhaft. Das Gros wanderte jedoch vor.600 Jahren aus Italien ein, von wo man sie vertrieben hatte. Diese Juden sprechen noch heute italienisch. DaS Italienische gilt darum bet der sonst griechisch sprechenden Bevölkerung als die Sprache der Juden, kein Vorteil für sie, da doch gegenwärtig Hellenismus Trumpf ist. Ungefähr 2000 jüdische Seelen gibt es jetzt — 10.000 waren es noch jm Jahre 1891. Wieder einmal hatte die Ermordung eines jüdischen Mädchens Veranlaffung geboten, die Tat als die Ermordung etpeS ChrtstenmädchenS zu verdrehen. Sechs Wochen waren die Juden in ihrem Ghetto zerntert, wer es zu verlaffen wagte, mutzte es mit dem Leben büßen. Erst das Erscheinen englischer Kriegsschiffe brachte die Korfioten zur Berunst und verschaffte den Juden die Freiheit. Nim wanderten sie massenhaft aus. So entstanden damals; vier Korfioter Judengemeinden tn Kairo, Alexandrien,. Triest und Mailand. Bier Fünftel der heute in Korfu lebenden Juden sind Schwerarbeiter und Lastträger. Ms Kaufleute haben sie neben den kommerziell sehr begabten Griechen einen schweren Kampf. Die Sabbath-Ruhe wird von allen Juden streng eingehalten. Am Samstag ruht auch jeder Verkehr im Hafen. . Der große Kummer meines gelehrten Führers ist die l .rffe Unbildung der Korfioter Juden, unter welchen fünfzig Prozent Analphabeten find. Er bemüht sich. Bildung zu verbreiten, hat es jedoch durch den Mangel an Mitteln recht schwer. Kultussteuer gibt eS nicht. Um so mehr staatliche Steuern und militärische Dienstpflicht, die sogar einäugige nicht dispensiert. Die» ist auch der Grund dafür, daß manche Ehe nicht geschloffen werden kann, wiewohl schon die Anwesenheit zweier Kinder die Errichtung eines eigenen Herdes als wünschenswert erscheinen ließe. Jedoch trifft die ledige Mutter nie gesellschaftliche Aechturig. Auch der Oberrabbiner läßt es sie in keiner Weise fühlen, daß sie ihm noch nicht Gelegenheit gegeben habe, den freigewählten Bund zu legitimieren. Ist eS dann soweit, so werden die Kinder als in die Ehe mitgebracht tm Ghehertrag angeführt. Nie noch hat ein junger Jude seine Braut sitzen lassen. Bei den hiesigen christlichen Familien sind die jüdischen Dienstmädchen sehr geschätzt. Streng an den rituellen Speisegesehen festhaltend, nehmen diese Mädchen von ihrem Dienstgeber nur Brot, die andere Nahrung erhalten sie von den Eltern, bei denen sie auch schlafen. Der christliche Korfiote ist faul, sitzt tagelang im Kaffeehaus, politisiert und überläßt alle Arbeit-ex schwergeplagten Weib. Jm Gegensatz zu den Christen kommt bei den Juden nie eine Geschlechtskrankheit vor. Jeder jüdische Hausvater versieht hier die rituelle Funktion eines Schächters, für welches Amt er sich schule» läßt. Mtt dem griechisch-orthodoxen Bischof verbindet den Oöerrabbiner innige Freundschaft, ein glückliches Vorbild für die Bevölkerung, die jetzt keinen Antisemitismus kennt. Einen Kanonenschuß entfernt liegt die albanische Küste. Dort herrscht jetzt, unter dem Regime des energischen 26M« eigen Präsidenten von europäischer Bildung, Ruhe und Ordnung. Dort leben Juden als Schafhirten und gehen mtt dem geschulterten Gewehr ihrem Berufe nach. Ich möchte nicht schließen, ohne meinem Führer aus Korfu den Dank abstatten und die Leser der „Wiener Morgenzeitung" zu bitten, durch Bücherspenden die erst im Entstehen begriffene Bibliothek der Juden auf Korfu zu fördern, Arnold Barber. Httnsatlwiells erbst-Angebote aualUiii u. Ainwohlf M- LUmm SM-M.WL Strick-und Iflrlirirt. BBOfSSBBBSBBBSSOBBSB ILIaWM Telophen 471*79,43-408 ED M kn detail 0102025032310102023200000232000102