Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2740 (12.10.1926)
- Date
- 1926-10-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte s Wien, Dienstag Wiener Morgenzeiturrg 12. Oktober 1923 Nr. 2740 Richtigstellungen Franz Oppenheimers. Die mißveeftenvene Wiener Rede. Die Zionistische Korrespondenz versendet ein Gespräch, Las Herr Dr. Hugo Herrmann mit Franz Oppenheimer hatte und das sich hauptsächlich auf dessen Wiener Vortrag bezog, lieber fite Wiedergabe seiner Ausführungen sagt Professor Oppenheimer: „Ich bin machtlos dagegen, daß irgendein Zuhörer aus meinen Wirten gerade das heraussuchi» ivas ihitr in seinen Kram faßt. In dm Berichten, vcn denen Sie sprechen, ist kaum ein Wort, von dem man sagen könnte, eZ sei g er a d e z u gefälscht. Wer das ganze Bild wurde u nheilbar verzerrt, wurde zu einer Karikatur. Ich kann ja nicht jedem Berichterstatter nachlaufen und ihn zurechtweisen. Ich hatte meinen Vortrag mit der Feststellung ein-geleitet, daß leider niemand Palästina ohne Brillen sehen will; der eine sieht alles rosig, der andere alles grau. Diese Journalisten haben auch meinem Vortrag gegenüber ihre Brillen nicht ablegen wollen. Es kommt aber schließlich nicht darauf an, es kommt darauf an, daß man aus meinem Gutachten die richtigen Konsequenzen zieht." Zum Meritorium der Frage bemerkt Oppenheimer, daß er nach wie vor sornen Plan der Siedlungsgenossenschaft als den besten Weg für die landwirtschaftliche Ansiedlung, von Inden in Palästtna änsehe. Seit sechseinhalb Jahren leitet er eine Musterwirtschaft nach seinem System in Bärnklau, und er hält diesen Versuch fite einen vollen Erfolg. In Palästina ist eine Siedlungsform entstanden, die zunächst große Ähnlichkeit mit dem Oppenheimerschen Plan hat, nämlich die große K w u z a h. Es erfüllt ihn mit Erbitterung, daß diese Siedlungen durch erneu einzigen Charatterzug in das Gegenteil dessen unvgebogen wurden, was er allein für richtig hält: . Sie haben an Stelle der anteilmäßigen Verteilung des Ertrages nach der Leistung des einzelnen Mitgliedes diegleicheVerteilung des Ertrages auf alle Mitglieder gesetzt und stellen so gerade die kommunistische Wirtschaftsform dar, die Oppenheimer aufs schärfste perhorresziert. Dort herrscht, so sagt er, völlige wirtschaftliche Z ü g e.l l oft gkeit, die dann mich auf andere Lebensgebiete übergreift, und wenn mit dieser Form nicht Schluß gemacht wird/ .dann sieht Oppenheimer die größten Gefahren für das landwirtschaftliche Aufbauwerk. Natürlich kann ihm auch TelAwiw nicht gefallen, wenngleich er die starke jüdische Leistung nicht verkennt, die durch diese Stadt repräsentiert wird. Er hat Tel Äwiw in einer Zett gesehen, wo die mit der Liquidierung so mancher unerfreulichen ErfHkinung-Mr- Alijah" verbundene Krise schon in vollem Maß eingetreten war, und es ist kein Wunder, daß er, der, wie wohl die ganze zionistische Organisation, die landwirtschaftliche Ansiedlung für die Trägerin unserer zukünftigen Entwicklung ansieht, von Tel Awiw nichts weniger als entzückt war. Dagegen sieht er i n d e r k l e i n e n K w u z a h sehr gute Entwicklungskeime und Ansätze und weiß insbesonders über den Moschaw owdim sehr viel Schönes und Gutes zu berichten, Er glaubt, daß die bisherige Arbeit gezeigt hat, daß eine landwirtschaftliche Entwicklung in Palästina möglich ist, und daß die Juden die Menschen haben, die diese Arbeit mit Erfolg durchführen können. „Ich bin jetzt zum dritten Male in Palästina gewesen, und der letzte Zwischenraum war recht lang> denn ich hatte das Land seit der Zeit vor dem Kriege nicht wiedergesehen. Ich muß wahrheitsgemäß feststellen, daß ich von einemmal zum anderen und insbesondere jetzt ein en ganz g e walt i g en F o rt s ch riti unb eine mächtige Steigerung der jüdischen Arbeit feststellen konnte. Man darf von Palästina keine Wunder erwarten, und vor allem darf man sich nicht als Ziel setzen, aus Palästina ein jüdisches Herrenland mit e i n e m a r a b i s ch e n K n e ch t s v o l k zu machen. Palästina wird, davon bin ich überzeugt, i m m e r e i n jüdisch-arabisches Land sein, und wir sollten uns in unserer wirtschaftlichen Arbeit, aber auchpsych o l o g i s ch auf diese Perspektive emstellen. Und natürlich müssen wir verstehen, daß in Palästina, -wie in jedem Land der Welt, Erfolge und Mißerfolge sein müssen, daß eine öffentliche staatsähnliche Ad min ist r a t i o n, die überall in der Welt mit einem sehr geringen Erfolgsprozent arbeitet, in Palästtna nicht hundertprozentig erfolgreich sein kann. Aber, wenn wir das verstehen und berücksichtigen, dann haben wir, so glaube ich, alles Recht, große weitere Erfolg e zu erwarten. Ich hoffe, daß die Zionistische Exekutive d i e Vorschläge, die ich ihr gemacht habe, auch wirklich äuSführen wird, und ich glaube, daß man dann mit Zuversicht an die weitere Arbeit gehen kann." * Soweit der Bericht über das Gespräch. Diese Aeutzerungen Oppenheimers tragen nicht mehr den Charakter der Pikanterie, der ihnen in Wien zu der freudigen Aufnahme in der sonst auf Zionismus nicht neugierigen Sensationspresie verholfen hat. Es fehlen auch die ultimativen Formulierungen, and denen der Zuhörer auf eine mißgünstige Stellung des Vortragenden zu dem Palästinaproblem schließen konnte. Vorhanden aber ist auch jetzt noch — und darauf kommt es vor allem an — die absolute Verkennung der politisch-nationalen Seite der Frage. Die Warnung Oppenheimers vor „einem jüdischen Herrenland mtt einem arabischen Knechtvolk" rennt offene Türen ein. Niemals ist etwas ähnliches im Zionismus oder auch riur don, einem seiner Werte bewußten Zionisten angestrebt worden. Franz Oppenheimer hat aber in Wien es ausdrücklich als nicht möglich und auch als nicht erstrebenswert bezeichnet, di: jüdische Majorität in Palästina zu erreichen. Diese zu schaffen ist und bleibt unverrückbares Ziel der zionistischen Organisation, die die Heimstätte für das jüdische Volk zu errichten hat. Jnsolange dies nicht erreicht ist, hangt alles, waS wir tun, in der Luft. Von imperialistischen Pelleitäten wissen ioir uns frei, wir haben keine nationalistischen Ziele, aber Nationale, und wenn der tiefe Unterschied zwischen diesen Begriffen bewußt oder unbewußt zum Zwecke einer auch nur freundlich gemeinten Warnung übersehen wird, so geschieht uns und der Sache kein Gefallen. Wir brauchen diese Warnung nicht; aber sie findet im jüdischen und nichtjüdischen Antisemitismus, wie sich ja bereits gezeigt hat, enthusiastischen Beifall. Abefstznien will seine Unabhängigkeit wahren. Gegen England und Italien. Genf, 11. Oktober. Im Völkerbundsekretariat wurde heute die Note der abessynischen Regierung veröffentlicht. In dieser Note legt die Regierung Abessyniens noch einmal allen Nachdruck auf ihren Protest gegen das englisch-italienische Abkommen, ohne jedoch eine Intervention des Völkerbundes zu fordern. Sie will nur zum Ausdruck bringen, daß ihr aus diesem Mkommen keinerlei Verpflichtungen erwachsen und sie deshalb tute bisher allein. über abessynischr Jnteres'en zu entscheiden habe. Raczynski — Vertreter Polens beim Böllerdund. Warschau, 11. Oktober. Der gewesene Ackerbauminister Raczynski wird in der nächsten Zeit das Amt e i n es polnischen Delegierten beim Völkerbund antreten. Ter bisherige Delegierte Sokal soll inMd- -klmst. -die. polnische; Negierung bescher -Exekutive/. dySu internationalen. ArbettsamteH in . Genf. vertreten, ... v 8in Sberster Kriegsrat in Polen. Warschau, 11. Oktober. Der M i n i st e r r a t hat in seiner letzten Sitzung einen Berovdnungscntwurf des Präsidenten der Republik über die Schaffung eines -Komitees zur Verteidigung des Staates" (Oberster. Kriegsrat) genehmigt. Dieses Komitee wird alle Fragen beraten, die im Zusammenhang mit. der Staatsverteidigung stehen und Richtlinien für den Mobilisierungsfall ausarbeiten. Der Vorsitzende dieses Komitees ist der Präsident der Republik. Mitglieder sind der Ministerpräsident, der Heeresminister, der Minister für Inneres, der'Finanzminister und der Generalinspektor der Armee, der zugleich als Hauptreserent des Verteidigungskomittes fungiert. Ile Botschasterkonfereuz oege» die Hohen- ' rolleragS,,e. Paris, 11; Oktober. Am Quai d'Orsay wird mitgeteilt, daß die Botschafterkonferenz voraussichtlich am Dienstag nächster Woche zusammentreten und sich unter anderem auch mit der Affäre des Prinzen Wilhelm von Preußen, die zum Rücktritt des Generals von S e e ck t vom Reichswehrko-rnmando geführt hat, beschäftigen wird. Amerikanische Anleihe für Bndapeir. Budapest, 11. Ottober. (Tel.-Comp.) Heute nachmittags ist zwischen Vertretern des Newyorker Bankhauses Speyer u. Co. und der Hauptstadt Budapest ein Abkommen über die Gewährung einer Anleihe von neun Million.en Dollar abgeschlossen worden. Die Anleihe wird mit 7 Prozent verzinst und zu einem Kurs von 89 Prozent aufgelegt werden. ein Unterstaatssekretariat fflr nationale Minverhelten in Polen. Warschau, 11. Oktober. Der Ministerrat wird sich in den nächsten Tagen mit dem Vorschlag zur Schaffung eines UnterstaatssekretariatS für die Fragen der nationalen Minderheiten befassen. Der ernsteste Anwärter auf diesen Posten ist der gewesene Minister des Aeuhern und das jetzige Mitglied der Sachverständigenkommission für die nationalen Minderheiten Leo Wasilenski. Salzburger Kongreß der Völkerbunvligen. Bon Dr. Oskar Karbäch. Die bet jeweiligen Herbsttagung 'des Generalrat.es vorbehattene Wahl des greisen Professors Äulard zum Präsidenten der Union für das kommende Arbeitsjahr, die auf . Wunsch der Lj eut scheu Liga für Völkerbund, der Gastgeberin der nächsten Plenarversammlung, erfolgt ist, berührt uns Inden auf das angenehmste. Professor Aulard, ehemals Historiker der Sorbonne und Verfasser einer bekannten Geschichte der französischen Revolution, gehört zu den bekanntesten Vorkämpfern des Völkerbundgedani'ens Und zu den entschiedensten Gegnern jedes Systems der Entrechtung; er hat dem Pariser Eomitee des delegations häufig schwerwiegende Gutachten in juristischen Fragen erstattet und fungiert feit feiner Gründung im Jahre 1923 als Vorsitzender des pccmanenten Subkomitees der Union für das Studium des Numerus clausus. Die bekannte Resolution der Union über diese Frage, 1924 in Lyon gefaßt und besonders von ungarischer und polnischer Seite lebhaft konrmentiert und angegriffen, ist sein Werk. lieber den Kreis unserer jüdischen Liga für Oesterreich" hinaus interessiert die jüdische Oeffcntlichkeit auch die Tatsache, daß zum ersten Male Oberrabbiner Professor Dr. Ch ajes als Präsident und der Vorsitzende der zionistischen Organisation in Oesterreich Dr. Destder Fried mann als Vorstandsmitglied dieser Liga Gelegenheit genommen haben, mit den nahezu au^.MtMs-- los erschienenen prominenten Vertretern M Völkerbundgedankens zusainmenzutressen und in Gedankenaustausch einzutreten, insbesondere auch mit dem in Salzburg anwesenden Präsidenten des Minrritätenkongr.sfts Abg..o.dneten Dr. Wilfan (Triest), dessen warmes Eintreten für den Zionismus bekannt ist. Da das Sekretariat der Minoritätenbewegung in der nächsten Zeit nach Wien verlegt werden wird, erscheint diese-Tatsache doppelt bedeutsam. Die jüdische Völkerbunds ga 'für Bulgarien Hatto ein ausführliches Demorandüm vorgelegt; das sich* mit den schweren wirtschaftlichen Schäden befaßte, die durch die kürzlich erfölgte Aufhebung des alten Rechtes der Juden in Saloniki, an Sonntagen ihren Geschäften nachzugehen, für dieses, numerisch Und ökonomisch für diese Handelsstadt außerordentlich wichtige Element entstanden sind. In Abwesenheit bk Vertreter dieser Liga, machte der Delegierte der hellenischen Liga, Professor Andre Andrea d e s von der Athener Universität, Dr. Chajes ausführliche und-beruhigende Mitteilungen über die Lage der Juden in Grie- ' chenland und - erklärtesich zup Ergänzung; derselben vurH ■ stkne Liga bereit. '• ' - ' ' " ’ Ueberhaupt muß die Tatsache festgehalten werden, daß im Wege der Tagesordnung und der Resolutioüen aus dem Boden der Union wesentlich juristische, erzieherische und ökonomische' Probleme mit Erfolg zur Behandlung gelangen: konkreten politischen Detailsragen kann weit besser durch eine freundschaftliche und verständnisvolle Auseinandersetzung der daran interessierten Delegationen Rechnung getragen werden, die dort eine Atmosphäre denkbar günstigster Art vorfinden. Erscheinen diese Fragen uns der Tagesordnung, so bedeutet dies ein. letztes Mittel, nach der Erschöpfung aller anderen Verständigungsversuche, wie etwa im Falle der deutschen Minorität in Italien. Bei der ablchnenden-Haltung Italiens, Angelegenheiten seiner Jnnenpolittk zum Gegenstände internationaler Diskussionen.zu machen, bedeutete die neuerliche Aufrollung der hier bestehenden Gegensätze, die in dem deutschen Abg. Baron Sternbach einen mutigen und überzeugungssesten und in dom Vertrauensmann Mussolinis, Staatssekretär a. D. Giamini, einen' routinierten und schlagfertigen Repräsentanten hatten, einen zweifellos bedeutenden moralischen Erfolg der Union. Eine Minoritätentagu« g in Wien. Wie wir erfahren, ist für Mitte Dezember eine Sitzung der Exekutive der Minoritätenvereinigung nach Wien . einberusen worden. Das Sekretariat soll noch vor Ende Herbst aktivier werden. Herr Dr. Amende (Riga) weilt seit einigen Tagen in Wien, um die nöttgen Vorbereitungen zu treffen. Ler Leiter des MAcn 8rz!eh«ngswefens in PyWlna. Jerusalem, 11. Oktober. Da David Jellin die auf ihn gefallene Wahl nicht angenommen hat, wurde -er frühere Letter des Waad Hachinuch^ Dr. Lürie, erneut -um Leiter des TrzrehungS-DeipavtementS der zionistischen Pcnästtna-Exekutive gewählt. Her Prozeß gegen die SisrnbahnatteulNer von Lehrte. HllbeSheim, 11. Oktober (Wolfs). In dein Bruzeß geaen die Lehrter Eisenbahnattentäter Schlrsluaer uiub Ge« nassem ist fite Verhandlung vor dem hiesige,: Gchimuryerlcht aus den 3. November anbevaumt. Da die ttngenagten keine Verteidiger gewählt Häben, wurden ihnen Offizialverteidiger beigestellt. 1*-VORANZEIGE! -1* p»- VORANZEIGE! SCHWEDISCHER CIRKVS A0O1E1 Galapremiere 15. Oktober, 8 Uhr abends, Renzgebäude, II. Zirkusgasse 44, Telephon 46-4-77 Karten an der Zirkuskasna von 10—1 und ab 4 Uhr; I., Rotenturmstroße 16. Im Basar, Telephon 71556; km Theaterkartenbüro Leopold Schnitzer, Vi„ Mariabjlferatraße 57, Telephon 4216; Kau _ Ws Wodicka, XXI., Am Spitz 16, Telephon 10260. 10»