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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-10 · Heft 2738 (10.10.1926) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2738 (10.10.1926)
Date
1926-10-10
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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OCTw o AMN, TVMMdfl <mam mmmtum kJ. aSWowet J926 Nr. 27M 19*8 by «. LöwH-V«lSg, ^ien-LelpJig. Nacbätuck »erboten rptfg. ' - Die ErbselMitt. Ich weiß eigentlich nicht, tvarum mir, gerade jetzt die Me Ehaje-L'cjV mit' khter alten' Truhe ciHfnttt, deren ich mich wie im Traum aus . meiner Kindheit her eriDere. Vielleicht, weil in dieser Erinnerung irgend ein Lieferer Sinn liegt. Darum, glaube ich, lohnt es sich «räch, sic in Worte , zu fassen. Das Urteil darüber hat freilich der Leser: ich aber muß mich von dieser EritAernng befreien, die schon vor einiger Zeit in mir c Horcht ist, in meinem Innern rumort, wie ein Ge- Mpf aus Blut und Leben sich vor mir bewegt und mich geradezu zwingt, sic iü Worten wiederzügeben. Tie alte Chaje-Leje war die Mutter unseres Nachbars, des Feldschers Chaim, der in meinem Heimatstädtchen einen. Spitznamen hatte, wie er für die. heutige Zeit höchst unpassend ist; man nannte ihn nämlich -Chaim, der Klistiermann". In jenen vergangenen Zeiten aber,'da man gewohnt umc.; bio; Dinge (ßctm richtigen Namen zu . nennen, hatte dieser Spitzname? gär nichts' Verächtliches oder Beleidigendes, .im -Gegenteils es war ein Titel, der so klang wie etwa heute der Titel „Doktor der gesamten Heilttmdc". Traf man Chaim mit/'destr-'großen Klistier unterdem Arm aus der Gasse, - so wußte die ganze Stadt, daß einer ihrer achtbaren Bürger.sich üöere.sscuhatte» und man ihm. einen Krankenbesuch machen mußte. - - . Chaim der K'listiermann war gewissermaßen ein Atttiquitätcnstück. Sein, ärztlicher Beruf und die Art, wie. er ihn ausübte,' atmete Mittelalter; mit. dem alten, lang erprobten. Mittel; dem Klistier, kurierte ' er alle . MaNkheiten; hals das Klistier nichts, so wandte, er sein. Rcäkikalmittel au, gehackte Blutegel, die er mit ' einem heißen Bad verordpete. Hielt es aber, Gott behüte, ein- ' mal bei den Blutegeln, dann stand es schlecht. Traf man Chaim mit der Tasche mit Blutegeln unter dem Arm und der Wachskerze in der Hand auf der Gasse, dann pü^n man im stillen von dem Kranken,, zudem.er ging, Abschied,, und dessen, Angehörige und Verwandte liefen vlrg in die Schul, um Hsälmen zu .sagen. Außer, den zwei altLrprobten. Mitteln, Klistier und Blutegel, besaß- Chaim . noch eine große Zahl von Fläschchen mit Heitwässern. Für jede Krankheit hatte er ein besonders, Wunderwasser: .ein Cholerawasser, ein Epitepsiewasser, ein Jom-Kippurwasser „und sofort eine Unzahl anderer Wässer, die nach einem geheimnisvollen,'nur Chaim allein' bekannten Rezept hergestellt wurden. - * Es hieß, daß Chaim dev Jechscher alle seine Ge-;> Heimmittel von .seiner alten Mutter überrömmen' hätteL die -m früherer 'Wik Hebamme ' geioeM>'-M^;--»-sie chaWi mit Höchsteigener Hand alle würdigen und hochgeachteten Bürger der Stadt ans Licht der Welt befördert, die jetzt reiche Leute, Gemeindeväter, Vorsteher und sonstige ausgezeichnete Mitglieder der menschlichen Gesellschaft waren. Die alte Chaje-Leje hatte die Ehre gehabt, di?, ers^n Schläge auf die Gesäße all der hochgeachteten .Persönlichkeiten der Stadt zu geben. Mer selbst das verringerte nicht die Autorität des Feldschers Chaim und mindere nicht das Ansehen, das er s in feinem Beruf genoß; im Gegenteil, es gab seinem- Beruf eine 'Glorios?^ und stärkte sogar seine Autorität... ■ .;r? ' ■ An die Zeit, da die alte Chaje-Leje ihren' Beruf auäüUe, tann ich mich nicht mehr erinnern.. Zu Meiner - Zeit war sie bereits eine uralte Frau, die die ganze Woche im Bett lag. Nur am Sabbath und an Feiertagen zog ihr der Sohn ihre altmodischen Kleider - an,, die große Haube, das glänzende Stirntuch und -den-, steifen Brustlatz, von dem ein paar. zweifelhafte Steine auf grünem Samtuntergrund gleißten. So setzte Chaim seine Mutter auf den kleinen. Holzbalkon und'-alle Vorübergehenden grüßten sie ehrfürchtigund, wünschten-ihr „guten Schabbes". Denn Chaje-Leje war-nicht nur die älteste Frau in der Judengemeinde, sondern sie war auch die Hebamme aller Väter und Mütter der Stadt,, und alle riefen sie „die. Madame". Und dann — aitf ihren altmodischen Sabbathskeidern glänzte zwischen dem Schmuck im Sonnenschein. ein goldenes Schlüsselchen, das an einem goldenen Kettchen um ihrem Hals hing; und wenn die Vorübergehenden das goldene Schlüsselchen sahen, dann entstand ein Flüstern und Wispern und einer zeigte es dem andern: „Siehst du? Siehst du?" „Der goldene Schlüssel von der Truhe:" „Gott weiß, was für Schätze sie in der Truhe liegen hat." „Ein Geschenk Napoleons." „Da wird Chaiml , einmal einen tüchtigen Bissen kriegen." „Ich geb' ihm für die Erbschaft gleich, mein Haus samt meinem Stand auf dem alten Muckt." „Narr, er hat einen richtigen Schatz zu erwarten! Kleinigkeit, ein Geschenk Napoleons." Unter dem Bett der. alten Chaje-Leje stand eine uralte Truhe aus vier Rädern'. Der Schlüssel dieser alten Truhe war aus Gold und hing amHerzen'der Frau... Sie hütete ihn wie ihr eigenes Auge. Wenn sie schlief, lag der Schlüssel stets unter ihrem Kissen, und hörte sie einen Schritt oder ein Geräusch, so war ihre erste Bewegung, nach, dem Schlüssel zu tasten. Sie ivar schon blind vor Alter und bei ihrem Bett stand ein alter Stock mit einem Beinknopf. Hörte sie einen Schritt, so griff sie nach dem Stock und schlug damit gegen die Von Sciacilom Asch. Truhe, nm sich zu vergewissern, ob sie noch da sei. Es hieß, daß sie an dem Klang erkannte, ob die Truhe noch unberührt sei. Niemand wußte, tvas die Truhe barg . . . Keinem ihrer Kinder vertraut« Chaje-Leje den Schlüssel an, keinem etwas übet den Inhalt der Truhe, nur dann imb wann, wenn eines ihrer Enkelkinder sehr lieb und zärtlich zu ihr war, warf sie nebenher hin: „Mein Kind, ich habe für alle gesorgt, keinen vergessen, keinen." „Großmutter, warum hat die Truhe Räder?" fragte sie einmal eines ihrer Enkelkinder. ' „Früher einmal, mein Kind,", antwortete Chaje-Leje, „in den alten Zeiten, da hatte man Angst vor Ueberfällen; man mußte immer fürchten, die Gojim würden, sich auf uns stürzen, und darum hatte maw immer eine Truhe auf Rädern bereit; in der Truhe war das bißchen Armut verschlossen, das man besaß, und gab es, Gott behüte, einen Üeberfall, so spannte man sich vor die Truhe und floh mit ihr. Deshalb hat die Truhe Räder." In der Stadt war das . Gerücht verbreitet — wer j es aufgebracht hatte, läßt sich nicht sagen — die eiserne Truhe unter' deni Bett der alten Frau berge einen Schcch. Bald fand sich auch ivgenbciti alter Jude, der ungefähr im gleichen Atter standwie Chaje-Leje und sich an ein Ereignis aus seiner Jugend zu erinnern wüßte: als Napoleon in der' Stadt war, war Chaje- Leje eine junge Frau; sie wurde an Napoleons Hof berufen — und seit damals besaß sie die Truhe. Andere erzähtten, der Schatz stamme von einer reichen Gutsherrin aus der Umgebung, die keine Kinder hatte und deshalb von ihrem Manne verstoßen werden soltte; damals habe Chaje-Leje der Gutsherrin Tropfen gegeben, die der Kinderlosigkeit abhalfen, und zum Dank dafür habe sie Chaje-Leje den Schatz geschenkt. Mancher Leut? Phantasie ging noch weiter und raunte den Nachbarn Schauermären von einem geheimnisvollen Verbrechen in die Ohren, das Chaje-Leje, als sie . noch jung war und ihren Beruf ausübte, begangen haben sollte: sic habe Kinder verkauft, und zu unterst in der Truhe sei zu-, sammen mit .dem Schatz ein: tiefes, furchtbares Geheimnis-.verborgey. Wie ivgmer. dem auch.sein "mochte. — die Existenz des Stahes-bezweifelte niemand. Chaje- Leje selbst tat . auch nichts, um 'den Schatz in der Truhe wegzuleügnen, ja, ihre geheimnisvollen, zweideutige^,' manchmal geradezu mystischen'''Bemerkungen ^vstärkten l.nochr dMrGMubest. anV dWÄtzgenden, die siM um die j Truhe., spannen.' Als . 'ihr Ehn vor .ihr kliDe, - daß nichts habe, 4tm seine Tochter auszuheiratm,- beruhigte sie ihn: „Mein Kind, nur Geduld, bis hundertzwanzig Jahre; ich habe für alle gesorgt, für alle meine Enkelkinder." Selbstverständlich verheiratete Chaim seine Tochter, in die Mitgift war die Truhe einbczogen: „Sie hat ja — nach hundertzwanzig Jahren — einen Anteil an der Erbschaft, an der Truhe" — er- / lätte er dem Pater-des-Bräutigams, . . .. •*•''lL i In meinem Verlag soeben erschienen neuen Oer BHWrlstto StuW Ble ZäubMjjrin Von Kastilien Ein GlaHbei^aiiärtyrlHin . neHke, Her Dieb Onkel Hosei Oie Bünde sind sämtlich auf bestem, bluten* welßem Papler gedruckt und . gediegenst In Ganzleinen-gebunden Preis pi*o Öand brpsch. S^SH |ib. -8 8"~ Das schttitsfaGoschenkwsrk Vllrs jüdische Haus! ... - -. BUCHHANOLUNQ UND VERLAG R. LÖWIT / WIEN i ROTENTURMSTRASSE 22 Die Truhe verheiratete nicht nur Chaims drei Töchter, 'sondern sie beschaffte, auch dem Feldscher Geld, so oft er welches brauchte. Die Eriche war wie die Be schwörungsformel eines Zauberers; der Feldscher brauchte nur das Wort „Ttuhe" auszusprechen und die Taschen der Geldverleiher öffneten sich ihm viel leichter als den Leuten, die Gold und Silber zum Pfand geben konnten. Der Ruf der Truhe verbreitete sich bald über die Stadt hiuaiuH, fand zielsicher nahe und entfernte Verwandte auf und zog sie an das Bett der alten Chaje-Leje. Zwei Töchter, die ini tiefsten Rußland wohnten (sie hatten jüdische Soldaten geheiratet, die einmal in der StM in Garnison gewesen waren), kamen hergercist, um die Mutter zu. sich, zu nehmen. „Was, du willst alles behalten, die Mutter ganz für dich haben? Sind wir denn keine Kinder'?" fuhren sie ans den Bruder los. „Aber, kann sich denn die Mutter in ihren alten Jahren in so ferne Länder schleppen?" „Ganz richtig, liebe Kinder, wie soll ich, alte Frau jetzt in die weite Welt wandern, mit der Truhe? Seid unbesorgt, Kinder, ich habe für alle gesorgt — nach hundert .unözwanzig Jahren — für alle meine Kinder, für alle mein« Enkelkinder." . Die beiden Töchter übersiedelten nach der Stadt, um die Truhe zu bewachen . . . Fast jede Woche kam cm«, andere Familie zu 'Besuch mrd brächte einen "Stamnibaum mit, der bewies, sic sei mit Choje-Leje verwandt oder verschwistert. Die Truhe glich einem Edelstein, der nicht nur Lichtstrahlen aussendet, sondern auch alle Strahlen an sich zieht und auffängt; so fanden und sanrmelten sich alle umi die Truhe und alle beschwichtigte Chaje-Leje mit der Ver§ sicherung^ ... „Ich habe keinen vergessen, liebe Kinder, ich habe für alle gesorgt. Alle seid ihr meine Kinder, meine Enkelkinder." - - - 'Selbstverständlich -hatte Chaje-Lejeein schönes Alter, geehrt und geächtet von ^Kindern und 'Kindeskindern, und. garmanche reiche Frau im Städtchen beneidete sie und wünschte sich den Lebensabend, den Chaje-Leje hatte. Der Sühncjund die Töchter, die Enkelkinder und die . übrigen Verwandten, die allmählich aus allen Weltgegenden in düs Städtchen' übersiedelteu, erwiesen. Chaje-Leje übertriebene Liebe und Freundlichkeit. Jeder einzelne vonihnenwollte vor . den blinden Augen der Greisin schön tun mrd eine bevorzugte Stellung 'bei ihr crialigen. Blieb einer mt ißt allein, > soversäumte er nicht, ein übles Wort übe«? die anderen fallen zu lassen. . . - .; ..-^Großmutter»-- l-isbste'--.Geaßnmtt^ ach,., .habe., äch.»die Großmutter lieb! Ich bete" Tag und"4?ächt zu" "Gött, er möge uns die Großmutter erhalten, sic möge uns alle überleben — nicht so wie die arrderen — nun, wozu erst viel vebcv ..." „Mein Kind, ich Hab' auch für dich gesorgt — keinen habe ich vergessen, nach hundertzwanzig Jahren .. unterbrach die Alte die Schmeicheleien. iAber nicht mir die Kinder hegten und pflegten Chajc- -Leje, sondernauch frenide Leute, alle' Einwohner'des Stadtchelis. Man erinnerte stch, daß sie die Hebamme des Städtchensgewesen Ivar und kanr an Sabbath und Feiertagen zu Grüß sund Besuch; wurde in einem Bürgerhause eine kräftige -Suppe gekocht, so bekanr „Groß'mütterchen" davon einen. Topf zur Herzstärkung; jede*fette „"Kugel" mrd jeden tvohlgerÄenen "Butterkuchen nrÜßte „Äroßmütterchen" kosten. Denn jedermann..in der Stadt erwartete etwas: „Man kann nie wissen,. was so. einer alten Frau einfällt .. Ms die Zeit gekommen war, da die alte Chaje-Leje diese Welt - verlassen mußte, beschied sie ihren Sohn zu sich und hieß-alle anderen- Besucher das-Zimmer verlassen. Als sie nrkt ihrem Sohn allein blieb, übergab sie ihm das goldene Schlüsselchen und beschwor ihn, -treulich das Testament zu erfüllen, das sie zusmnmen mit dem'Erbe in der'Truhp betvahrte, und jedem sein Teil zu geben, wie sie es bestimmt hatte; mit -Träuon in den Augen schvor es ihr der Sohn zu. i Än Chaje-Lejes Sterbebettstanden wie an dem eines großen-Zäddik alle Kinder und. Enkelkinder, alle Verwandten von!?fern und nah,'und die angesehensten Bürger"oer Stadt sagtenl Psalmen. Chaje-Leje wurde mit Schifre mtb Paje, den saßenberühmten jüdischen Hebammen von Aeghpterr verglichen. 'Me hohen Ehren, die ihr-noch bei Lebzeiten zuteil Ivürden, bekamen ihre Motivierung, dadurch, daß Chaje-Leje soi vielen jüdischen Kindern zum Licht der Welt verholfeu hatte — tü»ud so entschlief die Greisin mit einem sanften Lächeln' ans den Lippen, das alle alte Güte, die sich in die Runzeln ihres Gesichtes eingegräben hatte, "in diesem Antlitz zu verewigen schien. Nach der Mutter Tod versammelte Chaim der Feldscher die Familie im Nebenzimmer, und getreu dem Schwur, den er der Mutter aus dem Totenbett geleistet, berichtete er, was die Mutter ihm aufgetragen hatte. Zwei' Familienmitglieder schoben sachte und vorsichtig die Truhe mtter dem Bett der Toten hervor, trugen sie ins Nebenzimmer und stellten sie dort auf den Tisch. Die Fensterläden wurden verschlossen, die Lampe, obwohl es Heller Tag war, angezündet, damit niemand von draußen hereinsähe mid erkennen könnte, was die Truhe birgt. Doch die ganze Stadt wußte, daß jetzt die Truhe geöffnet wurde, und war beim Hause des

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