Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2738 (10.10.1926)
- Date
- 1926-10-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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e Melk, SomltLly WiAtee Morgettzeistms _Z —-.-^,^-^-.l..l. -_; u—; - Sie Pelljura-Pogrome. Sie digonifotion der «etzeleie». 'i>cm vertrauenswürdiger Seite wird uns geschrieben: In Ihrem geschätzten Blatte vom 12. September finde ich einen Bericht über die furchtbaren Pogrome Petljuras in der Ukraine in den Jahren 1920 und 1921. Als Augenzeuge dieser schrecklichen Pogrome und Metzeleien erlaube ich mir auf Grund meiner Aufzeichnungen. Daten und Materialien. noch mehr aber nach meinen Erinnerungen — da man solche Erlebnisse ja nie vergessen kann — weitere Beweise der begangenen Verbrechen, die nach Sühne schreien, Ihnen zur Veröffentlichuckg zu übergeben. Vor allem möchte ick die Meinung richtigstcllcn, das; die damalige „bolscheivikischc Atmosphäre" ein geeigneter Nährboden für Pogrome war und Pctljura mit seiner „Armee" als Volksvcfreier gelten konnte. Diese Meinung ist fälsch und kann nie die damalige öffentliche europäische Gleichgültigkeit und Passivität cntschu:, .gen. Die europäische O c f f e n t l i ch k e i t hatte sich ja auch früher für die unzähligen schauerlichen Pogrome im zaristischen Rußland, in Kischincw, in Nolvno, Kiew, Minsk rn'iv. pa u m i u t c r e s s i c r t. Obwohl es ja damals sicherlich ein vorbereiteter Massenmord unschuldiger Menschen, Staatsbürger ohne Menschenrechte, in einem mächtigen und geordneten Staatsiveseu!var! Es mutz also entschieden festgestellt iverden, datz alle Behauptungen über einen Kampf gegen das b o l s ch e w i st is ch e Regime, als dessen Begleiterscheinung die Pogrome h i n g c st e l l t werde n, u u r leer e, u n iv ah re A u s r e d»e n sind. Wahr ist vielmehr folgendes: Die letzten Pogrome Petljuras in der Ukraine haben zwar im Jahre 1920 begonnen, waren aber nur die Fortsetzung der im Dezember 1917 begonnenen Judenverfolgungen. Um ein klares Bild von den damaligen- Zuständen in Rutzland zu geben, mutz ich mit einigen Strichen die Zeit charakterisieren, in der das unbeschreibliche russische Chaos begonnen hat. Die russische Revolution nahm bekanntlich ihren Anfang in der gänzlichen Auflösung der Fronttruppen. Zu -dieser Zeit, Ende November 1917, lag an der grotzen öMichen .Hauptfront, an der früheren gälizischen Grenze, entlang des -Flusses Zbrucz, die ganze 88. sibirische Division. Ich befand mich damals in dem kleinen Städtchen C z ernnvow c e am Zknrucz, acht Werst von Husiatyn und vierzig Werst von Kamenec Podolski entfernt, lvo ich nach mehrmonatlichen Irrfahrten als „entsprungene" Geisel bei einem der angesehensten Juden als bessert aus Amerika zurück-, gekehrter Sohn Unterkunft fand. Ich betätigte, mich als Feldscher Und Apotheker und hatte in der Umgebung auch . viel zu tun. Mein Bericht bezieht sich also nur auf den „kleinen Teil" jener lokalen Pogrome, die nach der Auflösung der Truppen stattfanden. Diese bis dahin regulären Truppenkörper meuterten schon im November 1917 und nachdem sie seit Monaten nicht abgelöst und sehr elend verproviantiert wurden, beschlossen die schon damals inmitten der 88. sibirischen Division gewählten Soldatenräte, die Front zu. verlassen. So zerfiel die ganze Division in kleinere und größere Gruppen, die noch immer kriegsmäßig ausgerüstet und mit Munition gut versehen, sich in die naheliegenden Städtchen und Dörfer zerstreut hatten und zu einem währen Schrecken für die ansässige jüdische Bevölkeübergeht, pflegen die Frauen wesentlich längere Z-it auf ihre Bildung zu verwenden. Daraus ergibt sich ganz allgemein, daß der Bildungsgrad der Frau im Durchschnitt höher ist als der des Mannes. Der längere Aufenthalt auf den Bildungsanstalten hat den Uebergang zahlreicher Frauen in den Lehrbetrieb aller Kategorien, von der einfachen Volksschule auf dem Laude bis zu den Colleges und Universitäten zur natürlichen Folge gehabt. Dazu kommt, daß der Einfluß der Frau in der Häuslichkeit ein fast unbegrenzter ist. Die Erziehung der Müder. liegt ausschließlich in ihren Händen... Nach alledern muß es fast so erscheinen, daß die anterikanische Frau, und zwar natürlich nur jette, die überhaupt ein Interesse an der Allgemeinheit nimmt, unendlich viel Zeit für ihre Erziehung und für soziale, sittliche und politische Arbeit übrig hat. In der Tat liegen in U. S/A. besondere Brrhältinsse vor, die sich in keinem 'Laude der Erde. wiederfinden. Das Wesen eines HäuslMes Und eines . Familienlebens, wie es in Europa 511 den Selbstverständlichkeiten des Lebens gehört, ist einein großen Teil des mne- . rikanischen Volkes, abgesehen von von dem pttri-tmtischew Neuengland', frenrd oder'unbequem. Art die Stelle'der cm sich ifchon äus Arbeitsersyärms jeglicher Art eingerichteten eiget rrerr Wohnung mit eigenem Mobiliar und dm schwer zu * beschaffendes Häusgehilsinuen, ist in den meistm Fällen' das „surmshedj apartmenk", d. h. das möblierte Zimmer oder die möblierte Wohnung, und in vielen Fällen aus Be- Memlichkeitsgründen das Hotel getreten. Die Kinde rarmüt tvettev' Kreise erleichtert das. Die Folge davon ist, daß die Fülle der sogenannten häuslichen Arbeiteil, die für die europäische Frau itub beit enropäischm Haushalt charakteristisch sind, rrr ^.U. S. A. zum größten Teil in Fortfall kommen,. Das ist der Hauptgrund für die viele freie Zeit, , die der Amerikanischen Frmt zur Verfügung steht, um nach ihren! .Neigungen und ihren Veranlagungen im Berufsleben!, im Haus, im Auto und auf Reisen, politisch, sozial und sittlich tätig ztt sein. Däinit werden aber dem heutigen Gesicht des Amerikanertums Züge ausgeprägt, die mittelbar oder unmittelbar Folgen der Arbeit unb Lebmsge-vohnheit dtt amerikanischen Frau sind. ' rung Mieden. Dies« der Fro«it naheliegenden Ortschaften ivaren auch die ersten Opfer der Pogrome. Schon damals wurden die Pogrome nach wohlduröftmchten Planen und Einteilungen seitens der Führer organisiert und auch durchgeführt; ohne Ztveifel tvaren es militärische Aktionen, systematisch vorbereitet, wofür schon -deutlich der Ilmstand spricht, daß man in allen diesen Ortschaften genau gewußt hat, tvann eiri Pogrom einsetzen wird, da die Vorposten einer Bande als Allskundschafter einige Tage vorher bei den dortigen Bauern Umschau und Nachfrage über die reichenJuden gehalten haben. Hiezu gesellte sich noch der unglückselige Umstand, daß ein großer Teil der Truppen keine Möglichkeit hatte, in die Heimat, d. h. nach Sibirien zurückzukchrcn. Diese Leute mengten sich rasch mit der Bauernbevölkerung und lebten von Raub unb Plünderung. Die „Srvirmkon" spielten vor, ivähreltd und rlach den Pogromen die wichtigste Rolle. Es wirkt unglaublich und grotesk, ist aber Tatsache, daß diese, obwohl erst seit zwei Wochen ansässigen Soldaten als „Vermittler" zwischen denRäuberban-den und den Juden fungierten und datz von dieser Vermittlung sehr oft das Leben ulld das Schicksal der ganzen jüdischen Bevölkerung eines Städtchens abhängig war. Diese Vermittlung, einige Tage vor den altgekündigten Pogromen, erstreckte sich lediglich auf die Schonung der Menschenleben, wofür schon im vorhineilt die Vermittler für ihre Intervention sich bei dort Führern „unverbindlich" größere Beträge, meist Wertgegenstände, die eine sofort vorgenommenc Sammlung ergab, auszahlen ließen. Es -tvaren dies zunt Unterschiede von blutigen Pogromen die sogenannten „spakojlty Pogrom", r u h i g e n, st i ll e n P 0 g r 0 m e, bei welchen nur geraubt und geplündert wurde, jedes aktive Widersetzcn aber sofort mit dem Tode bestraft wurde. Ich erinnere mich lebhaft an die Pogrome in Czemarowee am 18., 19. und 20. Dezember 1917. Am Freitag früh kamen in das Städtchen zwei bewaffnete » » ■ ■ ■ ■ Wer alle möglichen » » « B ■ Hi durch-emacht hat and ' trotz großer diätischer Entbehrungen keine Gewichtsabnahme erzielen konnte, versuche Dr. Hoffhauerö Entfettnn^Stabletten, die vor allem keine Aendernng der gewohnten Lebensweise, verlangen und in kürzester, Zeit Gewichtsverminderung bewirken. — Depot r Apotheke H. Bayer, WoNzeile Nr. 13 Soldaten, umgeben von einer Schar Bauern, bummelten den ganzen Tag herum und machten bei den jüdischen Kaufleuten größere Einkäufe, ohne aber das geringste zu bezahlcit. Die beiden Soldaten kündigten ganz offen überall an, daß ant Montag, d. h. ant nächsten Wocheltmarkttag, Czemarowee „an die Reihe kommen wird", da man schon überall in der Gegend nichts mehr zu suchen hatte. Die Artkündigung war leider zu glaubloürdig. Ant Montag früh beilterkten wir ein ungewöhnliches Treiben, das beit üblichen Markttagsverkehr weit überschritt. Die jüdische Bevölkerung hielt sich resigniert und tapfer. Wir ließen uns mtt dem am Freitag erschieneiten „Parlamentarier" nachmittags in Verhandlungen ein, versprachen jeden verlangten Betrag im vorhinein zu erlegen, mtter der Bedingung, daß 'die Menschenleben geschont werden. Da cs aber bereits Sonnenuntergang und somit Samstag wurde, erklärten wir, erst am Sonntag oder unmittelbar vor dem Pogrom die Angelegenheit ordnen zu wollen. Auf diese Weise wollten tvir die Movdlust der Bande wenigstens am Anfang durch Geld, Wertsachen usw. dämpfen oder ablenken. Wir ließen auch durch einige jüdische Soldaten oder als Soldateit verkleidete Juden (die sich absichtlich ivährend der Pogrome unter den Plünderern herumtriÄben und die geraubte Ware, welche mau fortschleppen und aufladen muhte, heimlich bei den schon ausgeplünderten Juden zu verstecken) bei den dortigen Bcmern die Nachricht verbreiten, -daß mehrere Sotnien Kosaken von der „neuen Regierung" als Strafexpedition ziehen utrd mtt den „Ruhestörern" abrechnen Iverden. Cs war dies ein sehr geschickter Trick, denn tatsächlich find dadurch von 700 jüdischen Seelen in Czemarowee ungefähr mir 18. außer Leicht- und Schwerverletzten, ums Leben gekommen. Dieser Pogrom hat drei Tage und drei Mchte gedauert. Beraubt un-d ausgeplündert wurden alle jüdischen Einwohner, und zwar so gründlich, datz manche ohne Kleider im strengen Winter und ohne Nahrung halb wahnsinnig herumirrten. Von den üblichen Greueltaten, die die Banden bei vor'hergogangenen Pogromen verübt hatten, blieb auch Czemarowee nicht verschont. So wurden einige Sch-werkranke, darunter eine junge Frau, die bereits ivahnsinnig war, aus d e n Betten geschleppt, da die Räuber in den StroHsäcken verstecktes Geld vermuteten. Es sind Fälle bekannt worden, Ivo die Möcher mtt vorgehaltener Schütz- oder Stichwaffe ein männliches Familienmitglied zwingen wollten, den eigenen Bater oder die Mutter eigenhändig anfzuhängen oder zu erschlagen; bei Widersetzlichkeit wurde z. B. ein Sohn vor den Augen der ganzen Familie erbarmungslos niedevgestochen. Ber- , gewaltigu-ngem, b-e-i ewzw-irwge-ner Anwe- 10. Oktober 1936 Rr. 2738 TEPPICH HAUS S. SCHEIN 1Ü NUR; l.t Bauernmarkt 12—14 m Größtes u. ältestes Haus der Branche Perser- und Smyrna-Teppiche Teppiche aller Arten Bettvorleger Bett- und Tischdecken OttomaneüberwUrfe Vorhänge Halbstoros Steppdecken 8249 Flanelldecken Möbelstoffe ll Bei größter Auswahl konkurrenzlos billige Preise II Besichtigen Sie unsere 33 Schaufenster! Im Souterrain des Teppichhauses zurfickgesetzte Teppiche und Vorleger mit kleinen Webefehlern zu enorm billigen Preisen. senheit des Ehegatten, der Brüder oder der Kinder waren üblich. Jeder Protest wurde mtt dem Tode bestraft. Säuglinge -wurden auf Lanzen aufgepflanzt, Männern brachte man mtt brennenden Fackeln grausame Brandwunden bei. Diese schrecklichen Greueltaten können noch heute die am Leben gebliebenen Beivohner der Ortschaften: Lanokoron, Mohilew, Jampol, Ploskirow, Schitomir u. a. bestätigen. Die Zeit von 1918 bis 1919 verlief verhältnismäßig ruhig. Dakam der „NationalHeld" Petljura! Was war für ihn leichter als durch großzügig arrangierte Pogrome sofort die Sympathien aller jener Banden zu gewinnen?! Er, war diplomatisch oder besser gesagt heimtückisch genug, um das Ausland durch diese „Erfolge in der Bekäntpfung des bolschewikischen Feindes" in dem guten Glauben zu wiegen, daß er, Petljura, der Nationälheld, der „Retter der Menschheit", die einzige Mauer gegen die bolschewikische Invasion sei. Niemals haben sich die Juden, und ganz besonders nicht in Rußland, wo sie froh ivaren, wenn sie nicht ausgeplündert oder gemordet wurden, mit Politik befaßt. Wie konnten von diesert armseligen, kaum das Leben fristenden Juden in der Ukraine politische Aktionen durchgeführt werden? Es ist eine tendenziöse Verdrehung, diese Pogrome mtt einer politischen Schuld der Inden zu rechtfertigen. Diese Pogrome waren nichts anderes als die von Petljura großzügig organisierte Fortsetzung der durch die im Jahre 1917 im November an der Front begonnene Auflösung der Truppen hervorgerufenen Pogrome, die jetzt von regulären Truppen unter der strengsten Diktatur und Disziplin Petljuras durchgeführt tvurden. Gegenivärtig befindet sich (wie von uns bereits gemeldet; Red.) der bekannte siidische Schriftsteller und Publizist H. L e c a ch c aus Paris in der Ukraine, wo er schon ein umfangreiches Material über die Pogrome gesammelt hat. Seine Erhebungen beziehen sich besonders auf die Rolle der französischen Militärmission in der Ukraine. Hoffentlich 1917 im November an der Front begonnenen Auflösung der Zukunft auch in halbkultivierten- Ländern nicht so leicht wird Pogrome organisieren können. Der Stand btt Untersuchung gegen Schwarzbarth. Paris, 7. Oktober.. (I. T. A.) Der Verteidiger das Schälom Schwarzbarth, Herr Henry T o r r e s, hat die Vertreter der jüdischen Presie zu sich geladen, um sie über den gegenwärtigen Stand der Untersuchung gegen Schwarzbarth zu informieren. Bekanntlich ivar eine Untersuchung des Geisteszustandes von Schwarzbarth angeordnet worden. Drei medizinische Sachverständige gäben aber ihr Urteil dahin ab, daß Schwarzbarch zwar ein leidenschaftlicher und exaltierter Mensch, aber für seine Tat als voll verantw örtlich zu bezeichnen sei. Herr Torres teilte mtt, er habe ans Rnßl a ir d. zahlreiche Dokumente über Pogronre erhalten, darnnter eidlich bekräftigte Zeugenaussagen, sowie eine vollständige Liste der Pogromopfer von P r o s kn r o w, dtt von der „Chewra Kadifcha" dieser Stadt angelegt ivordvn ist. Herr Torres ist im Besitze eines Schreibens des bekannten russischen Reaktionärs und Antisemiten B. S ch n l g i n an Petljura, in welchem diesem gesagt wurde, er sei ein Bandit, rmd General Berthelot, der Chef des französischen Korps für Südrnßland, hätte recht gehabt, ivenn er sich weigerte, eine- Abordnung Petljuws zu empfangen unter der Begründmrg» daß Petljnras Regime ein Banditenregime sei. Herr Torres hat Briefe vom flühevetr Minister für jüdische Angelegmhetten itt der Ukraine, Herrn R e v n tz k i» vom früheren dänischen Konsul in Kiew, Gnrwitsch, und vielen anderen Persönlichkeitm erhalten, die sich als Entlastungszeugen für SchivarzVaM anvieten. Die französischen Nachbarn SchwarzbarthS ans dem Stadtviertel Belleville haben sich zirsammengetan, um dem Gericht ehr Memorandmn zu überreichen, in welchem sie ihrer Sympath-e für S ch w a r z V a r t h Ansdruck geben. — Der Prozeß wird ivahrfcheinlich erst im Jänner 1937 stattfindm könnew' 27736477