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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-10 · Heft 2738 (10.10.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2738 (10.10.1926)
Date
1926-10-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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?rm iüini n ,■ Mötctt/ sÄviw »wy Me«ee Morgenzettuug 10. DAober 1908 Nr.SMtz Sie Bloüade der Sbera«. Krlegrzaftaad bei Me«. Wie bedichtet, hat Äe niederoft« rrerchi § «He Landssregierung <mr Donnerstag' den Beschluß gefaßt, per illegalen Siedlung m .5et •JD&ctau ein Ende zu machen und den Platz gewaltsam zu räumen. Dieser Beschluß soll a-m Montag durchgeführit weiten. Cs stunden somit den Kolonisten mindestens drei Tage zur Verfügung, um die Besetzung freiwillig auf-uheben, und der Gewaltanwendung vorzubeugen. Die Landesregierung hat, um ihren Entschluß rls unwiderr-usiich zu beweisen, am Freitag alle Maßnahmen ergriffen, die Absperrung des fraglichen Terrains zn einer förmlichen Belageru»«* werden lassen. Die „Landnahme" ist am Freitag vor drei Wochen erfolgt. Etwa 200 Mitglieder des VeroineZ „Kolon': en >i n d e r Heimat" waren, mit Lebensmitteln und ArbeiitAzeug ausgerüstet, von Wien aus über Groß-Enzersdorf in die Oberau bei Orth an der Donau marschiert und hatten die %u in der Nacht beisetzt. Es waren zumeist Arbeitslose, unter ihnen auch Intellektuelle. Sie begannen sofort das Schilf und Buschwerk zu roten und Bäume für den Bau von - Baracken und Blockhütten umAulegen. Auch unterirdische U n t e r st ä n d e wurden eingerichtet, N o tw e g e gezogen und mit einem W i r t s >h a -u s in Ortih ein Abkommen behufs Lebensmittelversorgung getroffen. Die Siedler kampierten des Nachts in Wolldecken gehüllt, unter freiem Himmel, andere unterhielten ständig Reiisigfeuer, um sich zu wärmen oder abzukochen. Im Verlaufe der ersten Woche wuchs die Zahl der Kolonisten auf 300 Köpfe an. Die Bezirkshauiptmannschaft Floridsdorf, in deren Verw-altungAüereich die Oberau gehört, verhielt sich zunächst abwartend, stellte aber das Gebiet unterstrenge Kontrolle und zog 60 Gendarmen zusammen. Inzwischen wurden seitens der Regierung Verhandlungen mit den Siedlern ausgenommen, . Die Kolonisten!hatten miik Hrer Besetzung den Zweck verfolgt, eine vollendete.Tatsache zu schaffen^ um einem Kompetenz, und Besitzstrsit ein Ende zu bereiten. Der Verein Kolonien in der Heimat", der von dem ehemaligen sozialdemokratischen Lanidtagsabgeordneten Wagner vor einigen Monaten gegründet wurde, setzt sich zum Ziel, Arbeitslose, die Lust und Liebe zu Landwirtschaft haben, auf brach liegendem Gebiet anzusiedeln, und wendete sich zu diesem Zweck an den Präsidenten des Kviegsbeschädigtenfonds, den Minister Dr. Re sch/mit dem Ersuchen, ihm zur Anlage einer Versuchskolonie in der Oberau Gelände zu überlassen. Der Minister wies den Verein an die land- und forstwirtschaftliche Betriebsgesellschaft, an der die Gemeinde Wien z>u 90 Prozent beteiligt ist. Diese hat nämlich das Augebiet vom Kriegsbeschädlgtenfonds in Pacht genommen und wäre also in der Lage, das gewünschte Siedlungstervain dem Verein in Subpacht zu geben. Die Bauerngemeinden der Umgebung, die an dem Wildgehege der Oberau wegen der Jagden interessiert sind, erhoben gegen die Besiedlung Einspruch und verlangten. man möge das strittige Gelände ihnen in Pacht geben. Auch der Ackerbauminister T h a l e r wurde irgendwie mit der Sache befaßt. Er sagte den Siedlern einige freundliche Worte. Das half ihnen allerdings nicht zu Grund und Boden, da die land- und forstwirtschaftliche Betriebsgesellschaft in der Oberau wie bisher Wild hegen will und darum das Gelände als für Siedlnngszwecke ungeeiguet bezeichnet. Im Zuge der Verhaftungen wurde ein Sachverstand igengiutachten vorgelegt, welches die Oberau rls Ueberschwemmungsgebiet qualifiziere und deshalb von einer Kolonisation abriet. Die Siedler verwarfen jedoch dieses Gutachten und be- riefen sich darauf, daß auch die letzte U e b e rzwei Seelen wohnen och! in meiner Brust. Die eine will sich von orr andern trennen! Ser einen ist Huder-Likör höchste Last, Ile andere will Hudet'Brand nur kennen. Aebevall «rrhitltlich. .öS schwemm 4 n g im heurigen Sommer, die : außer-, ordentliche Dimensionen angenommen hatte, gerade dieses Gebiet nicht erreicht hatte. Es wurde nun den Siedlern in' Aussicht gestellt, daß man ihnen anderes Land ru der Nähe von Krems zuweisen werde. Die Leute antworteten jedoch mit der Erklärung, keine u n b. e st i m M t e n V e r s p r e ch u ng^n anzupehmen. Sie wollW solange auf der Insel verbleiben, &U. ihnen - nicht ein; bestimmtes .Gebiet - zai einem bestimmten Termin zugewiesen sei. Nunmehr entschloß sich die Landesregierung, den 11. Oktober als den Termin der Räumung zu bestimmen. Sie hat die Zahl der Gendarmen aus 160 Mann erhöht, deren Leitung sich in Orth befindet. Alle Zugänge zur Oberau sickd seit gestern mit Doppelposten besetzt. Die Gendarmen tragen aufgepflanztes Seitengewehr und üben ihren Dienst sehr streng aus. Jeder-Zutritt zur Oberau ist untersagt und auch die Lebensm*$ Es abttrflUssTt durch sein Renommee, seine riesige Wirkung der echte DIANA- FRANZBRAN NTWEB M ■J- MIT MENTHOL sämtliche ausländischen Erzeugnisse und Hausmittel. At N«rveslläS und Koprschmcrzert Leidende wenden nur eine Massage an, um sich zu erfrische» und ihre ermüdende Tagesarbeit fortsetzen zu können. tJe&arall erhältlich. m i t t e l z u fu H r ist unterbunden. Da die Kolonisten, deren Zahl wieder auf 200 zurückgegangen ist. über keine Vorräte verfügen, kann man sogar von einer regelrechten Blockade sprechen. Es ist ein unerträglicher Z u st a n d geschaffen worden: Wenige Gtraßenbahnkilometer von Wien entfernt herrscht Krieg. 200 Leute sind abgeschlossen uni" nähren sich seit Freitag von v Kartoffeln, Rüben und Kräutern. Gestern mittag sind 16 Kolonisten bei den Gendarmen erschi-nen und haben um den Rücktransport nach Wien gebeten. Sie wurden in die Gendarmsriestation m Orth gesliihrt, konnten sich dort wärmen und bekamen eine heiße Suppe. Sie erzählen, daß ein Teil der SiMer bereits kapitulieren will, während ein anderer erklärt hat, nur der Gewalt zu weichen. Man hofft, daß der heutige Tag eine Milderung bringen wird, so daß es nicht nötig sein wird, die Bajonette in Tätigkeit zu setzeu. Das Ministerium für Landwirtsichast ist in den letzten Tagen bemüht gewesen, den Sintern durch Mittelspevsonen abermals Pachtgrund anbieten zu lassen. Der Kolonistenführer Weitert, der im Ministerium verhandelt hatte, versicherte zunächst die Zustimmung der in Wien weilenden Siedler zur Räumung der Oberau und schickte gestern den Siedler Polls als Beauftragten zu 'den wilden Siedlern, um sie zur sofortigen Einstellung der Schlägerungen und zum Verla s s e n der Oberau zu bewogen. Die A rb eiten wurden auch tatsächlich eingestellt und ein Terik der Kolon:st en rüstet bereits zum Abm a r s ch. Dagegen will der ehemalige soz-ialdemokratische Landtcigsabgeovdnete Wagner mit seinem Anhang nicht aus der Oberau weichen, ehe den,Kolonisten nicht tatsächlich nsues Siedlungsland übergeben wird. Nie amerikanische Frau. Bon Dr. Bruno Dietrich. Dieser Aufsatz bildet tzas Schlußlapitel des joeben im Verlag FeÄinand Hirt in DreSlav erschienenen reich illustrierten Buches/,,11. S. 21. —— Do « heutige Gesicht", das den Breslauer Professor Dr. Bruno Dietrich zum Verfasser hat. DaS Buch, das aus einer lanp vorbereiteten Studienreise des Verfassers entstanden ist, stellt eine Art soziologischen Führers durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika oor; der Verfasser spürt den Problemen nach, welche die charakteristischen Züge im heutigen Gesicht Amerikas bestimmen und entrollt ein mrt scharfem Auge gesehenes Bild der heutigen amerikanischen Gesellschaft; der Vorzug des Buches ist. daß es die U. S. A. nicht bloß aas der iMichen Äew- Yovker Perspektive sicht. Die Darlegungen vom Weisen der amerikanischen Frau, d-ie "wir hier mit Erlaubnis des Verlages folgen lassen, werden unseren Lesern sicher willkommen sein. ES liegt in der Entwicklung des Amerikamrtums begründet, daß in der Gegenwart mittelbar oder unmittewar die amerikanische Frau wäsentlicho Züge des Lebeirs in allen Kreisen des Volkes bestimnck. 'Das ist der Grund dafür, daß eine Darstellung des heutigen Gesichts von U. S. A. ohne die Schilderung des Einflusses, den die amerikanische Iran hat, unvollständig wäre. , In erster Linie ist es die soziale Fürsorge, die der amerikanischen Frau ein lveiteS Betätigungsfeld eröffnet hckt. Früher wurden nur gewisse Berufe von den Frauen bevorzugt, heute gibt es kaum eine Stellung, in der nicht Frauen mit Erfolg arbeiten. Sie sind mehr als etwa pur vereinzelte Eindringlinge in das Berufsleben; oft übertrifst ihre Zahl die der Männer. Es dürfte nicht zu weit gegangei: sein, wenn mau die Frauen als die weserüUchm Träger der sogenannten Bildungsschicht des amerikanischen Volkes bezeichnet, Gewisse Einwirkungen im heutigen Leben des amerikanischen Volkes zweifellos auf die starke Beeinflussung durch die Frau seit Schaffung des Stimmrechtes znrückznführen. Die Prohibition, d. h. die alkoholische Trockenlegung von U. S. Ä. seit dem ll5. Jänner 1920, die ohne das Frauenstimmrecht rann: zustande gewinnum khuj, verursachte im ganzen Lande nicht nur eine Umstellung der Lebensweise, stuckern schuf tiefgreifende V.-.ränderungen in allen Jrckustriezwcigen, die mit der Alkoholherstellung oder dem Alkoholverknus znsammenhängen. Daneblw gibt es Beeinflussungen, bei denen der oberfiäch- .iche Bevbach-ter kaum die Ursache in der amerikanischen Frau sucht. Ein bestick.-res Beispiel hierfür sind dir rings um die kleinen und großen amerikanischen Städte nt sichenden Landhäuser, Stätten der Wohnung in den Sommermonaten für die Frau und die Familie des in der Stadt selber hart arbeitenden Amerikaners. DaS gilt natürlich nur für jene, wenn auch große Zahl der Fälle, wo die Frau nicht selbst berufstätig ist. Der Erholungsaufenthalt 'am Woch ncucke gehört zum heutigen Leben des Amerikaners, der, wenn er überhaupt dazu in der Lage ist, seiner Familie ein solches Landhaus außerhalb der eigentlichen Arbeitsstätte baut. Unverkennbar ist der Zusammenhang zioisthen den wachsenden Landhausbezirken, dem immer enger gezogenen Netz der Landstraßen mü» dem gesteigerten Bckarf an Automobilen, die ebenso oft von Frauen wie von Männern gelenkt rverden. Eines greift hier eng ins andere. Die anreritanische Frau hat immer eine bevorzugte Stellung eingeiwmmen; manche möchten sogar an eine übergroße Hochschätzung der Stellung des toeiblichen Geschlechtes in U. S. A. glauben. In der Tat ist heute genau so iwc zu Beginn der Kolonisation des Landes die Zahl der Frmren gegeirüber der der Männer kleiner. Das Verhältnis der beiden Geschlechter in U. S. A. ist gegenwärtig 43:51. In dm landroirtschaftlichen Staaten ist die Zahl der Fraum wesentlich geringer; vor einem Jahrhundert oder gar in der Zeit der ersten Landnahme, waren die Frauen «noch, viel mehr in der Minderzahl. Tie Ursache dafür liegt in der kolonialen Entwicklung von U. S. A. So wie heute in den neum, in Bodenkultur genommenen Landesteilen stets die Zahl der Männer übenoiegt, war es früher beim Vordringen der Landnahme von Olten nach Westen. Aus alledem ist verständlich, daß die Frau schon in' dm Zeiten der Kulturpioniere des Landes eine besvlwere Wertschätzung erfuhr. Die mchere Seite der Entivicktung aber war, daß namentlich auf dem flacher: Lande in den Fanngebieten, wo die Frau die harte. Arbeit mit dem Manne zu teilen hatte, in ihr dieselbe Aussassung vor: Freiheit urür Selbständigkeit entstand, die der Mann besaß. Tie große Idee des freien Weltbürgertums ist in U. S. A. auf diese Weise durch den Erckwicklungsgang der Bevölkerung zu gleichen Teilen auf beide Geschlechter überkommen. Unverkem:bar ist das starke Einidringm der Frau in das städtische Erwerbsleben. In der Zeit des Menscher:hu::gers des Landes und des großm Bedarfes an Arbeitskräften hat sich die Idee entwickelt, daß Berufsarbeit an sich sozial in keiner Weise disqualifiziert. Tie Folge davon ist eeine immer stärkere Durchdringung nahezu aller Berufe durch die Frau. JÄe Stelle war ihnen zugänglich, sowohl die freien wie die beamtetein Berufe. Heute sind etwa 42 Millionm Mmschm und davon fast neun Millionen Frauen berufstätig. Merdings entsalleu aus selbständige Berufe nur etwa eine Viertelnrinion Frauen. Zumeist sind sie Bureauangvslellte oder aber auch Jndnstriearbeiterinnen, wobei bernerkt werden muß, daß für die letzterm Berufe im lvesemliehen die EiiNvanberer die lvillkommmm und billigen Arbcüsrräfte sind... Euren fast ebenso großen Einfluß wie im Sozralleben hat die Frau in: Blldungstvesen des Landes. Die Möglichkeit, alle Berufe ergreifm zu können, und die Gleichberechtigung den Männern gegenüber hat dazu geführt, daß ein großer TeU der Bildmrgsarbett in den Händm der Frau liegt. Abgesehen von einigen tveniigen höheren Schulen, die lediglich für Fraumerzichung vorbchalten sürd, geschieht die Bildungsentwicklung der berdm Geschlechter gemeinsam und gleichartig. Jedoch besteht ein für die Stellung der Frau bedeutender Unterschied. Während der Durchschnitt der Amerikaner nach etwa vierjähriger Cvllegeerzichung tu das Bernfslebm

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