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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-09 · Heft 2737 (9.10.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2737 (9.10.1926)
Date
1926-10-09
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Gelte a Men, GamMtz t M m M M am m aa ■ ü ii ■ aif #na ai » <5HrtvllvV 8. Oktober 1908 Mt~'8W * A«fsteS»ng des Grabsteines für Rudolf Tausfig. Sonntag, ven 10. Oktober, halb 12 Uhr vormittags, findet am Zentral« frielchof (.'1. Tor) am.Grabe de§ verewigten Vorkämpfers der zionistischen Idee und edlen Menschenfreundes H ofral Rudolf Taus.sig, die Feier der Aufstellung des Gedenksteines statt. * Das Inkognito des Scharfrichters. Ans Warschau wird gemeldet: Mittwoch abends meldete sich auf dem Polizeikommissariat der polnische Scharfrichter mit der Mitteilung, daß vor etwa einer Stunde drei unbekannte Männer gegen ihn ein Attentat verübten. Er konnte noch rechtzeitig flüchten. Die Untersuchung ergab, daß der Scharfrichter vor dem Ueberfall in einem Restaurant weilte, wo er sein Inkognito verriet, und damit die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Nach dem Verlassen des Restaurants kam es zu dem oben erwähnten Ueberfall. * Hinkemann. Aus Budapest wird uns geschrieben: Mt dem Wunsch verhaftet zu werden, meldete sich bei der Polizei der früher in Europa sehr bekannte Artist Adolf Meller, da er fürchte, daß er sonst unter unwiderstehlichem Zwang seine Frau ermorden werde. Meller ist im Kriege invalid geworden und hat dadurch die Liebe seiner Frau verloren. Er wurde in Schlitzhaft genommen. * Milzbrand durch Fliegenstich Übertragen. In Raszkow (Rumänien, cm der tschechoslowakischen Grenze) verendete eine Kuh des Bauern P o l l a k an Milzbrand. Bevor der Bauer das Tier begraben ließ, zog er ihm die Haut ab, die dann in seinem Gehöft einen Anziehungspunkt für Fliegen bildete. Bon einer dieser Fliegen wurde die.Frau des Pollak in die Hand gestochen, wodurch diese anschwoll. Die ihr bekannte Frau Stechner behandelte sie mit Hausmitteln und infizierte sich selbst dabei. Erst als es schon zu spät war, zogen die beiden Frauen einen Arzt zu Rate, der selbst bei der Behandlung sich infizierte. Me drei Personen sind gestorben. * Ein kurzer Oktober. Der 4. Oktober war nicht immer der Vortag des 5. Oktobers. Im Jahre 1582 ordnete Papst Gregor XII. an, daß auf den 4. sofort der 15. Oktober folgen sollte, der dann in den 5. verwandelt wurde. Damit schuf er die gregorianische Jahreseinteilung, die mit heute noch, haben. SMer kam auf Veranlassung von Heinrich HI. eine weitere Aende« rung hinzu: der Tag nach dem Sonntag, 9. Dezember 1582, wurde zum Montag, den 20. Dezember. Damals änderten alle Protestanten und Katholiken ihre Kalender um 10 Tage. Nur die russische Kirche folgte dem Beispiele der anderen Nationen nicht. Ihr Kalender ist um 12 Tage nach dem mistigen zurück, seit dem Jahre 1900 sogar um 13 Tage. Wenn wir nun annehmen, die Russen würden ihr. System bis zum Jahre 28.708 behalten, würde ihr Sommer in ihre Mntermonate Men und der 31. Dezember auf den 1. IM. * 45.000 Lire für einen Stock Napoleons. Gin Soldat des 15. Artillerie-Regiments der Arm« Bonapartes während des italienischen Feldzuges, der Auguste Dupont hieß, verwandte seine Mußestunden nach dem Siege bei Areole darauf, einen schönen Buchsbaumstock zu schnitzen, dessen Griff die Züge des siegreichen Generals zeigte und auf dessen Seiten Episoden der Schlacht dargestellt waren. Diesen Stock. machte er Napoleon zum Geschenk, und dieser trug ihn während seines Aufenthaltes in Arcole. Dann ließ er ihn in dem Hause zurück, in dem er damals wohnte. Die Familie des Besitzers bewahrte das historische Andenken sorgsam auf, und jetzt hat es ein Triester Antiquar für 45.000 Lire erworben. * Das Glasauge in der Politik. Eine hübsche Geschichte aus dem Sudan-Krieg gegen den Mahdi erzählt Generalmajor Sir Leopold Swaine in seinem soeben erschienenen Buch „Lager und Abenteuer eines Soldatenlebens". Zu dem Obersten Sir James Dormer wurde ein eingeborener Gefangener gebracht. „Glauben die Anhänger des Mahdi an seine Allmacht?" fragte ihn der Oberst. Der Eingeborene versicherte, daß sie es täten. „Dann frage ich dich: kann der Mahdi auch das?" fragte Sir James, nahm sein Glasauge heraus, warf es in die Luft, fing es wieder auf und steckte es ruhig in die Augenhöhle. Der Ein« geborene, zitternd vor Furcht, erklärte, daß der Mahdi nicht imstande sei, ein solches Zauberstück zu vollführen. Er wurde freigelassen und verbreitete die Kunde von dem weißen Zauberer im ganzen Lande, wodurch er viel dazu beitrug, das Ansehen der Engländer zu heben und das des Mahdi herabzusetzen. JÜDISCHE WEIT Bor dem Schwarzbarth-Prozeß. Mus Paris meldet I. T. A.: Für Dienstag, den 24. Oktober, hat der Untechuchungsrichter m dem Verfahren gegen Schwarzbarth eine Reihe weiterer Zeugen zum Verhör geladen. Nachdem im vorigen Verhör ukrainische politische Führer ausgesagt hatten, werden diesmal fast ausschließlich jüdische Persönlichkeiten zu Wort kämmen, unter ihnen die Herren Wlaidinrir Temkin, einer der Führer der ukrm^nischen Juden, der Historiker Dr. E.Tscherik o w e r und der jüdische Publizist Dr. A. C o r a Inük, die zur Zeit »der grauenvollen Pogrome in der Ukraine weilten und in deren Besitz ein reiches Material, ■m welchem sich die furchtbare Zeit widerspiegelt, vorhanden ist. Wie jetzt bekannt wird, hat Schalom Schwarzbarth am 2. November 1923 einen. Brief an seinen Freund Dr. Salkind in London gerichtet, aus welchem zu ersehen ist, daß Schwarzbarth all die Jahre hindurch unter pshchifchen Dvuck der furchtbaren Erlebnisse in Rußland gestanden hat. In dem Brief heißt es unter anderem: „Diese Erinnerungen vergällen mir das Leben. Ich kann diese bestialischen Bluttaten, die sich vor meinen Augen abspielen, nicht vergessen. Die Leute halten mich für einen glücklichen Menschen, ich habe ein Weib, ein gutgehendes Geschäft, was soll ich mir noch mehr wünschen? Wie aber kann ich es den Leuten begreiflich machen, daß das Blut meiner Angehörigen, das ungesühnte Blut des heldenmütigen Schames von Ki sch i n ew, das Blut der Hunderttausende, die durch die Horden von 'Chmelnicki, Gonscha, P e t l.j u ra, Sokol, Balachowitsch, Denikin usw. mir meine Ruhe raubt und meinen Sinn verdunkelt! Was weiß die Welt von all den grauenvollen Dingen?" In dem gleichen Schreiben spricht sich Schwarzbarth unzweideutig gegen das S o w j e t s y st e m in Rußland aus und schildert die Enttäuschung einiger seiner Genossen, <bie nach Rußland reisten, in ein Land, wo für die Arbeiter angeblich Milch und Honig fließt, und die 'kirnt enttäuscht zurückkehrten. In diesem Schreiben spiegelt sich der Seelenzustand Schwarzbavths, aus welchem heraus der Entschluß zur Tat in ihm gereift war; andererseits ersieht man daraus, daß Schwarzbarth in einem gegnerischen Verhältnis zum Sowjetismus stand und er also nicht, wie von manchen Erainischen Kreisen behauptet wird, das Attentat auf Petljura im kommunistischen Auftrag verübt haben kann. , vom Wiener georgischen Piidagogium. Gastvorlesungen Prof. Kleins von der Jerusalemer Universität. — Neue Dozenten. Wie wir erfahren, ist es der Leitung des Wiener Hebräischen Pädagogiums gelungen, Professor Dr. K lein für das Wintersemester als Vortragenden zu ge- Winnen. Der hervorragende Gelehrte, welcher früher als Rabbiner in Nowe ZamLy wirkte, war bereits im voriigein Jahre an der hebräischen Universität in Jerusalem tätig und ist durch Familienangelegenheiten gezwungen, sich während des Wintersemesters in Europa aufzuhalten. Die Hauptfächer des Gelehrten sind die Geographie Palästinas und die Gelschichte der biblislchen Zeit. Sein wissenschaMiches hebräisch geschriebenes Hauptwerk betitelt sich „Die Geographie Evez Israels". Professor Klein wird am Wiener hebräischen Pädagogium zwei Vorlesungen.wöchentlich halten und zwar jeden Montag von 11 bis 12 Uhr vormittags über „Erez Israel zur Zeit Davids" und 'von 12 bis 1 Uhr über „Galiläa zur Zeit des zweiten Tempels". Zu diesen Vorlesungen werden auch Gäste zugelassen. Zwei Dozenten des hebräischen Pädagogiums für hebräische Literatur beziehungsweise jüdische Geschichte, die Herren Dr. Diesen druck und Dr. Baron halben bekanntlich einer Berufung für eine Gastprofessur am New N o r ker jüdischen R eIi g i>o n sinst i t u t Folge geleistet. In ihrer Vertvetung wird Professor Dr. Samueil Kraus jüdische Geschichte und Herr Abraham Sonne über hebräische Literatur losen. Außerdem hält Herr Dr. Ernst Müller eine Vorlesung über Kabbala. Reformen in der Wischen Gemeinde in «An. DaL- Frauenwahlrecht. — Ein jüdisches Jugendamt. Aus Köln wird uns berichtet: Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde hat nach langen, lebhaften Debatten und trotz der heftigsten Opposition der Konservativen^ >das. aktive und passive Wahlrecht der F r a u e n in der Gemeinde mit großer Mehrheit beschlossen. Die Gegner des Antrages versuchten durch einen Antrag, wonach den Frauen jede Mitwirkung bei den Beratungen über kulturelle und rituelle Angelegenheiten sowie über irgendwelche aktive Betätigung im synagogalen Dienst versagt werden soll, das passive Wahlrecht der Frauen unwirksam zu machen. Dieser Antrag wurde schließlich a b g e I e h n t, so Laß die Frauen, die künftighin in die Kölner jüdische Gemeinderepräsentanz oingreifen werden, ihr Mandat uneingeschränkt als vollberechtigte Kultusvorsteherinnen werden ausüben können. .» Das vom Vorstand der.. W ie n e r jüdischen Gemeinde vor einigen Monaten errichtete Jugendamt, hat ausländische Judengomeinden zur Nachahmung angeregt. So hat, wie man uns aus Köln berichtet, der dortige israelitische Frauenverein' die Initiative zu einer Aktion ergriffen, die die Schaffung eines Jugendamtes als Zentrale der gesamten jüdischen Jugendfürsorge in Köln anstvebt. In einer vor einigen Tagen von Vertretern der Vereinigung für Jugendfürsorge und Jugendpflege abgehaltenen Konferenz wurde -das Projekt des Frauenvereines einstimmig gut« geheißen und beschlossen,, beim Vorstand der Gemeinde wegen raschester Durchführung des Planes zu intervenieren. . eine SfiDin im Kloster. Äus Lemberg wird uns geschrieven: Bor einiger Zeit lernte in Lublin ein gewisser Herr Mazurkiewicz, ein Christ, die Jüdin Chaja Blumenfeld kennen. Aus der Bekanntschaft wurde eine Liebe und die beiden wollten heiraten. Selbstverständlich wollten die orthodoxen Eltern des Mädchens die Heirat nicht zulassen. Das Paar, flüchtete nach Lemberg, wo das Mädchen in das Ursnlinerinnenkloster eintrat, um sich zur Taufe vorzubereiten. Die Familie wußte nicht, wohin das Mädchen geflohen sei und erst nach langen Bemühungen gelang es dem Bruder, den Aufenthaltsort der Schwester aufzufinden. Er tvandte sich an die Lemberger Behörden mit dem Ersuchen um Intervention, doch erklärten die Klostervorsteherinnen, daß das Mädchen freiwillig im Kloster erschienen sei. Das Sicherheitsbureau lehnte daher das Ersuchen des Bruders ab, der sich nun an das Rabbinat wandte und außerdem eine Reihe von orthodoxen Juden zur gewaltsamen Befreiung des jüdischen Mädchens aus dem Kloster überredete. Tatsächlich sammelte sich eine Anzahl von Juden vor dem Kloster und verlangte die Herausgabe des Mädchens. Die Polizei mußte den Platz gewaltsam räumen, wobei es zu einigen Verhästungen kam. Mumenfeld, der Bruder, wurde nach Lublin abgeschoben 8er spanische Antisemitismus. Es ist bekannt, daß einige spanische Intellektuelle unter der Fühmng des Senators Pullido eine Art Repatriierung des vor 500 Jahren vertriebenen Judentums anstreben. Weniger bekannt ist, daß diesen Tendenzen eine in der letzten Zeit entstandene antisemitische Bewegung ewtgegenarbeitet, die hauptsächlich von Zeitung Korrespondenten, die im deutschen Kulturkreiß arbeiten, erzeugt wurde. Von dem in Wien arbeitenden Sardv y Vikar haben nur schon deS öfteren gesprochen. Einem Brief einer Leserin des Hamburger „Jsr. Familienblattes" entnehmen wir den Namen eines zweiten Brunnen Vergifters und nebenbei eine neue Bestätigung für die sudenfresserische Tätigkeit des Auslandsdeutschtums. Die Dame schreibt: „Es ist eine bekannte Tatsache, daß das Auslandsdeutschtum antisemitisch eingestellt ist. Von der Judenhetze in der deutschen Kolonie Madrids aber kan man sich keinen Begriff machen. Nur die besten und^-zuverlässrgen Bekannten meiner dort lebenden Tante wissen, daß sie Jüdin ist, und sie m u tz ihre Abkunft, besonders nach der Revolution, wegen der Hetze geheim halten; sie leidet natürlich sehr darunter. So ist die Stimmung unter den Deuffchen in Spanien. Während des Krieges weilte in Berlin ein Kriegsberichterstatter der spanischen Zeitung „A. B. C." Antonio Aspeituo (Mü dem bürgerlichen Namen Buenos. Dieser hat sich in Berlin durchaus deutschen- und judenfreundlich gezeigt und sehr viel , mit Juden verkehrt. Daneben hat er schon während des Krieges im „A. B. C." eine schändliche : Judenhetze betrieben. Die Saat äber, die dieser Mann, der mit einer deuffchen Jüdin verheiratet ist, in Spanien gesät hat, ist furchtbar aufgegangen. Meine Tante traf eines Tages auf der Straße einen spanischen Bekannten, der ihr, unter dem Eindruck eines eben gelesenen Artikels von B. zurief: „Sagen Sie, Donna H., fft es wirklich wahr, daß die deutschen Juden schuld am Kriege sind?" Taffache ist, daß wohl kein Jude in der Haupfftadt Spaniens eine hervorragende gesellschaftliche Stellung einnimmt, außer, wenn er — getauft ist. Die Juden Spaniens haben vor Jahrhunderten die große Tragödie mitgemacht; ich. würde ihnen keine Wiederholung wünschen.. Ae Wischen Katakomben in Rom. Fürst Tor lo n i a, in dessen römischer Villa vor kurzem! eine jüdische Katakombe entdeckt wurde, hat denk Prof. Dr. Hans Ließ mann, dem kirchengeschichtlichen Ordinarius an der Berliner Universität, die Möglichkeit gegeben, eine gründliche Untersuchung dieses wichtigen Monumentes durchzufühven. Das unterirdische Heiligtum in der Villa Torlonia ist nicht nur durch seine 52 Inschriften von Wert, es enthält auch eine Reihe architektonisch ausgestatteter Grabkammern und Grabnischen, die mit teilweise recht gut erhaltenen 'Malereien geschmückt sind. Prof. Lietzmann betont, daß es jetzt Haßnahmen zu treffen gilt, die geeignet sind, der Zerstörung der noch übrigen jüdischen Katakomben vorzubeugen und vor allem sie wissenschaftlich zu erschließen. rraaerseier sür gsrael ' “in Rewpork. In der Carnegie Hall in Neiw Nork wurde vor einigen Tagen eine vom amerikanischen jüdischen Kcmlgreß und dem amerikanischen jüdischen Komitee arrangierte Trauerfeier für den verstorbenen englisch-jüdischen Dichter Israel Z a n g w i l l abgehaldon, der mehr als 3000 Personen beiwohnten. Ms erster Redner schilderte der bekannte Phil-cmtrop Nathan St ran's seine persönlichen Beziehungen zu dem verstorbenen Dichter und sagte, Zangwill war der moderne Prophet fli«r den Völkerfrieden und für sozialen Frieden, fein Volk aberliebte er mit derselben Glut wie einst die alten Propheten, und deshalb hatte er den Mut, ihm stets die Wahrheit zu sagen. Der amevikgnische Literaturkritiker Professor Robert. M od s würdigte die schriftstellerische Persönlichkeit Zangwills, worauf Louis Mars hall Zangwill als den großen Dichter und Mann der Tat zugleich schilderte. Zum Schluß sprach Dr. Stephen S. Wi'se über 16

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