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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-09 · Heft 2737 (9.10.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2737 (9.10.1926)
Date
1926-10-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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SSt. £787 WlnTWnp 9.m*mirn Tagesbericht »galia Kiddafch/ "Die alten "Präger jüdischen Legenden ’ftnb tn Mer "Lebendigkeit uitb naiven "Diktion inte rannte Dokument aus dem Leben des Judentums der Zeit, in welcher sie entstanden sind. Eine der schönsten jüdischen Sagen aus der Zeit der letzten Pr.einysliden ist die Geschichte von dem jiidischen Verräter Jtzlg Klebler, der aus Rache ein Ritualmordmärch n inszenierte, um über die Jugendgemeinde unsäglich's Ung ück zu br'ngen, jedoch — wie dieses Märchen mit großer Genugtuung berich et — kläglich Schiffbruch litt. Die jüdischm Feste Purim und Passah, das jüdische Familienleben, von denen damals die Juden ständig bedroht waren — daalles ist hier ursprüng'ich geschildert und temperamentvoll berich et. In der neuen Auflage der Prager jüdischen Legenden „Si-'purim" wird die Erzählung enthalten sein, die wir mit Erlaubnis des Berlages R. Löwit, Wien und Leipzig, in unserem Romanteile zum M druck bringen. Wir beginnen mit der Verö'fe 'tstchimig der Vo^ksefählung, die gewiß den Beifall unserer Leser finden wird, 2er P'ychiatrr Seheimral Kraeprlln gestororn. Wie aus Münch e >i gemelkt iviro, ist der Vorstand der dortigen! Klinik für Nerven- und Geiste, krankheiten Geheim-- rat Emil Kraep elin im 71. Lebensjahre gestorben. Kraepelin, ein Schüler Wundts, übernahm im Jahre 1904 die Leitung der psych'atrischen Klinik in München. Er hat sich hauptsächlich mit Forschungen auf den Grenzgebieten zwischen Psychologie und Psychiatrie befaßt. Sein in einem sehv berühmten und populären Lehrbuch der Psychiatrie niede> gehegtes System der Geistestrankheiten bildet bis heute die Grundige für die landläufige K^assisi sterung psychopathologischer Ersch inungen. Das leicht faß i.he Wer schon zeigt die pädagogischen Fähig "eiten des Verstorbenen der mich als Lehrer Weltruf geiioß. Ein Prozeß um die Rassenreinheit. Der Bndapester Zivilg.richtshvs beschäftigte sich gestern, wie von dort berichtet wird, mit einer eigenartigen Prozeß. Als Privatklägerin erschiedie Witwe des kürzlich verstorbenen Universitäts pwfessors Josef B a r s o n y, eines Fanatikers der Rasse,; theorie, in Vertretung chrer Tochter, der minderjähri gen Eva Barsony. Professor Barsony hat, wie er innerlich, testamentarisch verfügt, daß sein ganzes nicht unbeträchtliches Vermögen seiner Tochter zu^ fällt, jedoch nur dann, wenn sie einen hundert prozentig rassenreinen Arier heiratet. Der Rechtsanioalt der minderjährigen Eva Barsony focht das Testament mit der Begründung an, daß es wissenschaftlich überhaupt nicht festgestellt werden könne, ob das Blut eines Menschen von jüdischem Einichlaa sr-' Ihre Gesundheit können Sie vollständig wieder 2Ufückeflangen, von allen Ihren Schtneraen werden Sie gründlich befreit, wem. Sie DIANA 662 FRANZBRANNTWEIN MIT MENTHOL äußerlich zu Einreibungen, innerlich auf Zucker, tropfenweise genommen, verwenden. Das beste Hausmittel. tt B E R \ K £ ERHALTEICH.I sei. Eva Barsony müßte also, in getreuer Erfüllung des Wunsches ihres Vaters, eine alte Jungfer werden. Da das Testament des rassenschützlerischen Professors auch die Klausel enthält, daß sein Vermögen den Verwandten zufalle, wenn seine Tochter sich dennoch mit einem Manne jüdischer Abstammung verehelichen sollte, brachten die nahen und entfernten Verwandten des Professors eine Gegenklage ein, mit der sich der Gerichtshof eb.nfalls zu befassen hatte. Tie Familie Barsony sucht in der Gegenklage zu beweisen, daß die Bedingung, an welche Professor Barsony den Erbantritt seiner Tochter geknüpft hat, toohl zu erfüllen sei, weil es in Ungarn genug Familien gebe, die ihre kernmagyacische Abstammung bis zur Zeit der Landnahme verfolgen können. Ter Gerichtshof hat in diesem kuriosen Prozeß noch keinen Beschluß gefaßt. 2er DoppeliSnger der Papier. Wie die Pariser Blätter mtbteile.i, hat eine amerikanische Filmgesellschaft dem Abbe Vernarb, einem Dorfpfarrer im De'partement Oise, eine Million Franken geboten, falls er sich bereit erklärt, in einem Film als — Papst Pius XI. nttfeu* treten. Das hohe Angebot findet seine Erklärung darin, daß Abbe Bernav nach jeder Hinsicht ein vollkommener. Doppelgänger des P a p st e s ist. Die Aehnlichkeit des französischen Abbe mit dem Heiligen Vater ist so außerordentlich daß die päpstliche Leibwache vor ihm die Hellebarden präsentierte, als er vor einigen Monaten in Rom weilte, und die vatikanischen Museen besichtigte. Päpstliche Kämmerer wurden getäuscht und machten vor Abbe Bernavd die Kniebeuge, als sie ihn erblickten. Der^ Papst selbst, der von der wunderbaren Aehnlichkeit des französischen Geistlichen mit ihm hörte, empfing Abbe Bernard in Audienz und war verblüfft, als er sein leibhaftiges Abbild vor sich knien sah.- Ob Abbe Bernard das Angebot der amerikanischen Filmgesellschaft annimmt, hängt nunmehr von der Bewilligung seines Vorgesetzten Kirchenfürsten, des Bischofs von Beanvais, ab. Warum Profeffor Kammem Selbst« mord beging. Dime Kölsch*«- an eiltet feiner Moskau, 8. Oktober. In einem erst jetzt veröffeM- Achten Abschiedsbriefe an das Präsidrum der Akademie in Moskau legt Professor K a m m e -r e r die Gründe, die ihn zum Selbstmord getrieben haben, dar; er schreibt unter anderen: Sie alle haben vermutlich Kenntnis von dem Angriff, den Professor Noble in der „Nature London" vom 7. August 1926 gegen mich gerichtet hat. Der Angriff beruht auf einer Untersuchung meines Belegexemplares von Achtes mvd Brunstschwiele, die Dr. Noble in der Wiener biologischen Versuchsanstalt mit Professor Przibrams und meiner Bewilligung ausgeführt hat. Das Hauptimoment dabei ist eine künstliche, wahrscheinlich Tuschfärbung, wodurch die schwarze Hautverfärbung der fchwielentragenden Region borgetäuscht worden sein sollte. Es würde sich also um eine Fälschung handeln, die voraussichtlich um m i r zur Last g'elegt werden würde. Ich fand die Angabe Dr. Nobles vollkommen bestätigt. Wer außer mir ein Interesse daran hat, solche Fälschungen vorzunchmen, kan nur ganz entfernt vermutet werden. Gewiß jedoch ist es, daß so gut wie meine gesamte Lebensarbeit dadurch in Zweifel steht. Ich sehe mich außerstande, diese Vereitlung meiner Lebensarbeit zu ertragen, und hoffentlich werde ich Mut und Kraft ausbringen, meinem verfehlten Leben morgen ein Ende zu bereiten. Ich wünsche, daß die kommunistische Akademie in Moskau meine Bibliothek in Empfang nimmt und dadurch für alle Leistungen, die sie an mich verschwendet hat, schadlos gehalten wird. Ae „Wag" liquidiert. Der Vizepräsident der Wiener Wasserkraftwerke A.-G. („Wag"), Professor Dr. Siegmund Franke I, hat überraschenderweise seine Stelle niedergelegt, was zu den verschiedensten Gerüchten Anlaß gab, zumal die „Wag" aufgelöst und ein Teil der Beamtenschaft von den Elektrizitätswerken, ein anderer Teil von der Gsmemde Wien übernommen wurde. Fünf Beamte wurden abgefertigt entlassen. Man führte «die plötzliche. Liquidation des großen Unternehmens, das die Stromversorgung Wiens durch Ausnützung der Wasserkräfte zur Aufgabe hatte, auf einen persönlichen Konflikt des Vizepräsidenten Professors Fränkel und des Staibtrates Breitner zurück. In der gestrigen Gemeinderatssitzung stellte mm der christlichsoziale Gemeinderat Z i m m e r l eine dringliche Anfrage, um diese Affäre aufzuklären. Gemeinderat Frän-kl ergriff daraufhin das Wort, um die im Umlauf befindlichen Gerüchte zu widerlegen. Er erklärte, daß die Auflösung «der „Wag" und seine Demission lediglich daraus zurückzuführen seien, daß die „Wag" nach der Fertigstellung der Kraftwerke ,/Opponitz" und „Gaming" kein Betätigungsfeld mehr habe. Der persönliche Konflikt mit Stwdtrvt Breitner habe in einer eg»»"ü. /iachdruck verboten. Der Wes §um Glück. Von Offip Dymow. „Meine liebe, teure, süße, kluge, schöne Bestie! Sen deiner Abreise sind volle zwei Wochen vergangen — nein noch nicht, es sin: genau zwölf Tage, zwei Wochen werden es erst Mon'tag; doch es konimt mir vor. als wär^ es schon viel länger. Jeder Tag den ich dich nicht sehe, scheint mir wie eine Woche, jede Stunde wie ein Dag, und die Abende sind jetzt ebenso lang wie sie früher, da du cher warst, kurz uni herrlich waren." „Meine kluge, reizende, einzige Bestie! Ich gehe denselben Weg, den wir so oft zusammen Hand in Hand gegangen sind. Er ist so traurig ohne dich mein Mädel,, und ich glaube — der groß« Baum, der Zaun beim Feld imfi der Fluß, sie alle haben Sehnsucht nach dir und denken an die schöne Zeit, da sie dich in ihrer Mitte sahen. Und sie Wauen mich fragend an: Wo ist sie? Wann kehvt sie wieder? Wird si«e je zu uns wiederkehren?" „Dasselbe frage auch ich mich. Du hast versprochen, auf die Farm zurück-nlkehrm; es war kein direktes Versprechen, aber du hast gesagt: „Vielleicht komme ich wieder; werden Sie aus mich warten?" — Welche Frage! Wenn es auch zwanzig Jahre sein müßte, ich warte!" Der Weg, den wir gewöhnlich gingen, führt von der Farm zur Eisenbahnstation. Dort werde ich diesen Brief ausgeben, damit er früher abgeht und du ihn noch morgen früh erhältst, bevor du ins Kontor gehst; ich bitte dich, mein liebes süßes Mädel, du mein einziger Freund, mach mich bald durch deine Antwort zum glücklichsten aller Menschen." „Hier auf der Farm, wo wir so herrliche sechs Wachen verlebt haben, sind noch immer viele Gäste und es kommen immer wieder neue. Unser „Herbergsvater" wird also eine gute Saison haben; ich wünsche sie ihm von ganzem Herzen, denn in seinem Haus, unter seinem Dach haben wir uns zum erstenmal getroffen; also hat er Anrecht auf das beste, was er sich wünscht." „Die Abende sind noch immer lebhaft;?s wird getanzt, gescherzt, gesungen. Doch ich habe für all' «das kein Interesse. Vor drei Tagen ist ein neuer weiblicher Gast angskowmen, ei>n junges Mädchen, das sehr schön singt: sie heißt, wenn ich mich recht erinnere, Ethel Green. Ich habe sie singen gehört — es ist wirklich ein Genuß; da mich keine Frau interessiert, weiß ich wahrhaftig nicht, ob sie schön ist oder häßlich, ich weiß nur, daß du, meine reizende Liebste, schön und süß bist, und in meinem Herzen wird es hell, wenn ich an dich denke." In. diesem Ton schrieb Jack Black,ield weiter, am Bettraud in seinem kleinen Zimmer sitzend. Als er mit dem Brief fertig war, legte er ihn mit liebevoller Sorgfalt iu Jen Umsch ag. schrieb die Adresse, klebte eine Marke auf und verließ' das Haus. Auf der Veranda saß ein kleines schwarzäugiges Mädchen, das seinen Gruß freundlich erwiderte: „Wohin so eilig?" Jack blieb stehen. „Das ist ja Ethel Green," fiel ihm ein, „die so schön singt und von der ich soeben Bestie geschrieben habe." " gehe in die Stadt, zum Bahnhof, einen Brief aufzugeben," beantwortete er Ethels Frage. „Das ist ein hübscher Spaziergang," setzte Ethel das Gespräch fort und ihre glänzendschwarzen Augen blitzten auf, „darf ich mitgehen? Ich gehe so gern spazieren." „Selbstverständlich," antworteteiJack höflich. Was hätte ev auch wirklich sagm sollen? Vielleicht: „Nein, bleiben Sie zu Hause?!" „Ich bin fertig, kommen Sie!" rief Ethel, „gehen wir! Wollen Sie schnell gehen, sehr schnell?!" „Sehr gern," erwiderte Jack freudig. „Ich möchte näm-. lich, daß mein Brief noch heute abgeht; und der Postzug geht schon in diesig Minuten." Beide begannen ihren Marsch in die Stadt. Es war ein schöner, nicht allzu heißer Augustnachmitrag. Die Sonne stand schon tief und der klare Himmel wurde hell und beinahe durchsichtig, wie er es stets ein paar Stunden vor Sonnenuntergang ist. ' Me beiden jungen Menschenkinder schritten in fwhem Geplauder dahin. Der Brief war in Jacks Rocktasche, er spürte geradezu das Kuvert und wider seinen Willen betrachtete er das junge Gesicht feiltet Begleiterin. Während sie sprach stellte er fest, daß ihre Zähne weiß und schön waren. „Ich habe Sie gestern singe« gehört," platzte er, ofyte öS zu woicen, heraus. Ethel antwortete nicht, doch nach einer Weile begann sie ein melancholisches kleinrussisches Lied zu singen. Ringsum dehnten sich schweigend die weitenDelder. 'Niemand störte. „Wunderschön!" sagte Jack. Plötzlich sah er den großen Baum und wurde traurig. Rn gs um den Baum, so schien es, wvo sich Trauer. Ethel begann wieder zu plaudern. Äe war jung und glaubte, alles, was sie erzählte, sei interessant. Jack hörte lächelnd zu und sagte sich: Lassen wer sie weiten plaudern, was kümmert das mich? Sie schritten den Zaun entlang, der Jack so teuer war; wieder spürte er den'Brief. „Sie sehen meinem Bruder ähnlich," saAe Eihieh „mein Bruder ist ein sehr hübscher Mensch." „Schöner als Sie?" fragte Jack, ohne zu wissen^ warum er es gesagt hatte. „Bin ich denn schön?" erwiderte sie kokett mit einer Gegenfrage. „Nein, Sie machen sich über mich lustig." „O nein, ich glaube es wirklich" „So, dann ist's recht! Wünschen Sre> daß ich Ihnen noch etwas Vorsingen Scheinbar unabsichtlich nahm ihn das junge ^Mädchen unter den Arm und begann leise zu fronest — diesmal ein jüdisches Volkslied. Still gingen, sie nebeneinander weiter. Beim Muß blieben sie stehen und schauten in das klare, ruhige Wasser. „.Ich habe geglaubt. Sie seien gary anders," begann Ethel. ,^Jch hielt Sie für einen Griesgram, Philosophen." „Einen Philosophen?" „Ja. Ich hasse Philosophen. AVer Sie sind st) grch" Sie schmiegte sich an seinen Arm — ein kleines, graziöses, schwarzes Kätzchens „So schön ist es hier." Dann fuhr sie auf. „Kommen Sie, wir müssen schnell zum Bahnhof wir müssen doch den Brief wegschicken." Jack antwortete: „Ach, wir haben ohnchies schon den PofiWg betsäumt; und der Brief ist nicht so wichtig.. Als sie zurückgingen und wieder zu dem großen allen Baum kamen, wob sich nicht mehr Trauer um ihn, wie es Hack ftühsr geWenm hatt^,,.-

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