Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2735 (7.10.1926)
- Date
- 1926-10-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«M» 4 C31«mv 9k'WSB 7. £Ä t l$98 Jer paneuropSische Kongreß. m Schlußsitzung. - ein Monist«. Dienstag abend? hat die geistige Sitzung des Kongress fes stattgeftmdcn. Es sprach die dänische Schriftstellerin An rin Michaelis, die insbesondere den Weltgerichtshos forderte. Emil Ludwig feierte Goethe mertwürösgcrweise als demokratischen Minister, wogegen doch alles in Goethes amtlicher Wirksamkeit protestiert. Marcel Dünau, der Wiener Korrespondent des „Tcmvs" prieS Napoleon als Europäer, wobl wegen der Kontinentalsperre. Kurt Hiller wandte sich gegen die Demokratie unH das Publikum zischte ihn cm--. Der deutsche Reichstagspräsidcnl Lvebe erklärte, Hiller habe die Entwicklung der Demokratie mit der Demokracie verwechselt. Gestern mittag ging der Kongreß zu Ende. Es sprachen Minister a. D. Dubost ^Frankreich), der für die Verständi» gung Frankreichmit Deutschland eintrat und Frau Anita A u g - v u r g. die die Militärbudgets kritisierte. Professor Pru'no Kafka au> Prag, der Führer der.deutjchliberalen Kasiuovartei, verlas die Komnnssionsanträge. M folgte eine schöne Szene, indem sich die anwesenden Studentenvertreter c.!) '. riet und Siufiaitc nach einigm herzlichen Worten'umarmten und küßten. Der Student Wladislaw Landau aus Polen schloß sich ihnen an. .Hieraus schloß der Präsident den Kongreß. Dr. Eoudenhove-Kalergi rat dies in einer vom Herkömmlichen abiveichenden und deshalb sehr wirkungsvollen Rede. Er sagte u. a.: „Die friedliche Verwirklichung Paneuropas liegt in den Händen von höchstens 500 Menschen... Man wirb Ihnen vorwerfen, daß Sie Ihr nationales Ideal verraten an einen internationalen Gedanken. Sie sollen antworten, daß 'niemand heute seiner Nation einen größeren Dienst erweisen kann, als jener Europäer, der sein Volk vor Krieg, Bedrohung, Bedrückung schützt und trennende Grenzen abbaut. Daß Paneuropa den nationalen Gedanken heiligt und die Nahionen Europas nicht auflöst, sondern zu gemeinsamem Schaffen zusammenführt. Daß jedes andere Programm zur wirtschaftlichen oder geistigen oder politischen Unabhängigkeit von anderen Weltteilen führt, während Paneuropa allein die nationalen Kulturen rettet, auf denen die europäische beruht. Andere werden Ihnen vorwersen, daß Sie Feinde der menschlichen Ordnung sind, weil Sie den labilen Zustand des heutigen Europa Umstürzen wollen; andere wieder werden einwenden, daß Sie Feinde der menschlichen Entwicklung sind, weil Sie den unsinnigen Zustand des heutigen Europas festhalten wollen. Lassen Sie sich durch diese lächerlichen Borwürfe nicht beirren; gehen Sie zielbewußt den Weg Pgneuropas, der Evolution heißt und jede Erstarrung ebenso ablehnt wie jede Katastrophe! Andere werden - Ihnen vorwerfen, Sie wollen zuviel, andere, Sie wollen zu wenig. Sie werden von den Pazifisten den Vorwurf des Imperialismus — von den I m p e r i a l iste u den Vorwurf des Pazifismus hören; manche werden Ihnen vorwerfen, Sie sind zu frerhändlerijch, andere, Sie seien es zu wenig; manche werden Ihnen verübeln, daß Sie f ü r d e n Völkerbund e i n t r i-1 c n, andere, daß Sie ihn kritisieren. " - Paneuropa wirb als Werkzeug des angelsächsischen Imperialismus gegen den Bolschewismus verschrien werden — und als Komplott des Bolschewismus gegen den angelsächsischen Kapitalismus. Man wird Ihnen vorwersen, antirussischo, antibritische, antiamerikanischc, antiasiatische Politik zu treiben. Man wird Ihnen vorwersen, Sie arbeiten für die Hegemonie Frankreichs oder Deutschlands, für den Vatikan oder für die Freimaurer, für die Inden oder Jesuiten, für den Kapitalismus oder für den Sozialismus. Ihre Werk« und Ihre Worte müssen alle diese lächerlichen Bartvürfe widerlegen. Der erste Paneuropakongreß ist ein großes historisches Ereignis: die Grundsteinlegung eines kommenden Reiches." Unter stürmischem Beifall beschloß die Versammlung hierauf das folgende SNuRIfCft * Europäer! DaS europäische Gewissen ist erwach,! Der erste, paneuropSische Kongreß hat den Willen unseres . Erdteiles offenbart, sich einigen und zu behaupten. Wir haben uns vereinigt, um den europäischen Bruderzwist zu beenden; um den politischen, wirtschaftlichen und nationalen Haß der Völker Europas zu begraben und an dessen Stelle die friedliche Zusammenarbeit freier Nationen zu setzen. Wir haben uns vereinigt, um die europäischen Grenzen, die ein Hindernis des Frieden- und der wirtschaftlich.'!« Entwicklung sind, unsichtbar zu machen. Um Kriege durch Schiedsgerichte zu ersehen, Zölle durch europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Haß und Unterdrückung durch nationale Gleichberechtigung. Vor dieser einen großen Lebensfrage Europas verschwur, den alle Gegensätze der Partei, Nation, Konfession; aber auch alle Gegensätze in Einzelsragen müssen zurückgestellt werden, um alle Kraft in den Dienst des einen großen gemeinsamen Zweckes zu stelleir. Dieses Programm allein rettet Europa vor dem politischen und wirtschaftlichen Untergange; vor neuen Kriegen, die angesichts der technischen Entwicklung Sieger und Besiegte mit dem völligen Untergang bedrohten. Bor dem wirtschaftlichen Ruin, der für Europa unabwendbar ist, wenn es weiter zersplittert bleibt, während die übrige Welt sich in riesige Wirtschaftsgebilde gliedert. Wir rufen alle Europäer auf, uns bei diesem Werke der europäischen Einigung und Auferstehung zu. helfen und der. Paneuropäischen Union beizütreton, die der Ausdruck und das . Organ des europäischen EinigungSwollens ist. Wir rufen alle europäischen Regierungen auf, das Werk des europäischen Zusammenschlusses in die Hand zu nehmen und eine paneuropäische Konferenz der europäischen Staaten c-iuzuberufen, die diesen Zusammenschluß vorbereitet! Wir appellieren an den Völkerbund, die Einigung Europas zu fördern, die sogleich die sicherste Gewähr ist für den Frieden der Welt. Wir appelliern an die Frauen Europas, Hie Wunden zu heilen, die der Weltkrieg geschlagen hat und mitzuwirken am Aufbau eines geeinigten und bleibenden Europas! Wir appellieren an die Jugend Europas, in unserem Geiste ein neues Europa zu schassen und zu erkämpfen! Wir appellieren an alle Menschen des guten Willens, und an alle Völker im Osten und-im Westen unserer Erde, Europa die stolze Leuchte der Menschheit, nicht verlöschen zu lassen! wirken vorbeugendI und lindernd die dritlieh erprobten und empfohlenen StfBäftweaum•Knoblauchtropfen. Vorzüglich bei Frauen In den Wechseljahren. Preis S 3.50. Erhältlich in allen Apotheken. iai Erzeugung: Alte Feldapotheke, Wien, I. Stephansplatz. Hierauf spielte Brouislaw Hub ermann den ersten Satz ans dem zweiten Druckkonzert und den Chopinwalzcr. DaS Publikum bereitete dem Künstler langanhaltende, stürmische Ovationen. Sodann wurde der Kongreß unter begeisterten Kundgebungen und Hochrufen airf Coudenhove-Kalergi geschlossen. Ser akavemische Terror. Bei den letzten Dekanat§lvahten an der Wiener Universität ist der Professor H » p k a zum Dekan der juristischen Fakultät gclvählt worden. Da er Jude ist, hat die „Deutsche Studentenschaft", die Bereinigung der chauvinistischen hakenkrenzleri scheu Minderheit, an den Senat eine Eingabe gerichtet, die zunächst deshalb interessant ist, lveil sie sich auf die bekannten Rechtsverletzungen des VerfassungSgcrichtShofeS gegen jüdische Optanten und auf die Beschlüsse der diversen H o ch s ch u l t a g e beruft. Die Eingabe besagt sodann: „Die deutsche Studentenschaft i.j; ich jeffen bewußt, daß auf ihrer Seite nicht nur daS Recht und die Wahrheit, nicht nur die wissenschaftlichen Tatsachen und Ergebnisse stehen, sondern vor allem auch die gesamte deutsche Bopöl-kerung Deutschösterreichs, di-e diese Wahl als eine schwere Verletzung des S elb stb e st i in in u n g ß.- rechtes der deutschen BeblWerung betrachtet, sollen doch künftighin Tausende von Gesuchen und Bitten der Söhne unserer deutschen Heimat von der Gnade und cem freien Ermessen eines Juden abhängig sein, sollen die deutschen Studenten Prüfungen unter_ dem Vorsitz eines Inden machen, soll dieser die wichtige, oft änKschlaggobende Stimme bei dein endgültigen Ergebnis der Prüfungen abgeÄen, sollen d-cutische Studenten in ihrem deutschen Heimatlandc von einem Juden >ie Doktorwürde, -nipfangcii!" Die Sbera« muß geröumt werde«. Im Bund:,-tanzierami.« ja'.'.dcn gestern Vergantungen! zur Beendigung des nun schon seit drei Wech:n dauernden ungesetzlichen! Zustande5 in der Oberau statt. An der Konferenz nahm Polizeipräsident Schober, der Minister für Land- und Forstwirtschaft T h a l e r mit beit SeklionSchefs Dr. Rennet und Kopetzky, der BezirkShanptmann von Floridsdorf Hofrat Dr. Erb, Vertreter der LandcSrcgierimg und aller übrigen beteiligten Stellen ttft. In der Debatte wurde übereinstimmend erklärt,, daß di: w c11 e r c Duldung der Kolonisten in der Ol'eran eine' begrenzte sein müsse. Bereits heute werden die Detailverhandlungen darüber beginnen, tvelcher Vorgang bei der Räumung der Oberau einzuschlagen ist. Minister Thal er steht auf dem Standpunkt, daß die Kolonisten u nb edi n g t zuer st die Oberau räume u müssen, worauf erst das Ministerium mit ihnen bezüglich der Zuweisung anderer geeigneterer Siedlungsplätze verhandeln kömie. In der Oberau selbst ist die Situation unverändert. Gestern wurden wieder einige Bäume für die Barackenanlage von den Kolonisten gefällt. Der. Sicherheitsdienst wird vo". 4S Gendarmen besorg'. Di' bettittglen Regierung-stelwar zu hören. Sichtlich verurjuchte es hohe Freude, wenn das Fett zwischen den Fingern quatschend hervordraug. Das Kamelfleisch erschien im Geschmack dem Ziegenfleische ähnlich, doch grobfasriger und wohl dunkler an Farbe als dieses. Nur Ivenig bli§b auf den cherausgeschaffteii Platten. Nun begann wieder das aufmerksame Zuschauen bei der Bereitung des mit dem aus Indien eingefiihrlen Hel (Cardamomum minus) versetzten Kaffees, das offenbar den gleichen Genuß wie das Trinken gewährte. Daß sich bei einer solchen Massenvcrtilgung, besonders nach langer Entbehrung oder gar Fasten, leicht üble Verdauung.chcschwerdcn ciustellen, erscheint begreiflich. Der an Verstopfung Leidend;' nimmt zu frischgemükener Kamels milch, der vom Durchsall Betroffene aber zu kalter seine Zuflucht, und die Störungen sind schnell behoben. Gespräche über Getreide und Sal^Handel, Raubzüge benachbarter Stämme, Jagd und Dattelzucht bildeten den einzigen Unterhaltung-stoff bei den zufrieden die kurze, rohrlose Tonpfeife schmauchenden Gruppen. Nach den üblichen zwei Tassen wand ich mich, den Säbel in der Rechten, 'hindurch, upd gelangte bi - zum Durchgang zum Weiberhofe. Im Abstande von anderthalb Dutzend Schritten stan- "dew sich zwei Reihen von je zehn barhäuptigen und barfüßigen Mädchen gegenüber. Nach einer Weile wurde die etwa zwölfjährige Braut in ihren neuen, feurig-roten, plumpen, lzalbwadigeu Reiterstieseln, die Absätze wie bei Männern durch dreigriffige Eisen bewehrt, von Freundinnen in die Mitte geführt. Ihr neues blaues Bauinwollgetvand tvar mit einem Gürtel aus buntem Kaschinirstosf über den Hüften am Körper seftgehalten. Um den Hals trug das vollentwickeltt Mädchen eine silberne, reichgegliedrrte Kette, an der unten ein schiveres, übergroßes Anhängsel, vielleicht mit eiligestanztenk Blumenmuster hing. Die eine Mädchenreihe näherte sich dann mit wippendem Oberkörper der gegenüberstehenden und zog sich, in die Hände klatschend zurück, um der andern, schlangenartige Bewegungen des Unterleibes voiiführ.M'cn G.Ui-pe, P.a^, zu ma y..u, wäirend die Braut abwechselnd der einen oder anderen Reihe, die Hände auf der Brust verschränkt, cnigegenging. Dann drehten sie sich den Rücken zu, und dasselbe-Spiel von Aniläherung und Entfernung wechselte bei Gesang und Klatschen, schneller und immer schneller werdenp. Immer lauter, die Endsilbe jedesmal überlang dehnend und kreischend betonend, drangen aus den Gemächern die übermültgen Freudenschreie der Frauen. Einen eigenartigen Reiz gewährte es, wenn die oft mehr denn vierzig pechschtvarze ^Zöpfe. jedes Mädchenkopses ineinander flatterten und sich der eine oder andere äuflöste. Währeitd in den Orten des platten Landes die Wahl der Gattin den Verwandten des Jünglings obliegt, der seine Zukünftige kaum vor der Hochzeit sieht, herrsch in der Wüste, besonders bei nicht ganz jungen Paareic, große Freiheit, und die Neigung des Mädchens wird tunlichst berücksichtigt. Beim Schechsohn in Kas spielte indes der Wille seines Vaters, des uneingeschränkten Herrn des Hauses« und der Familie, und das Ansehen wie die Vermögensverhältnisse des Brautvaters eine gewisse Rolle. Zwei Reitkamele und zehn Schafe hatte der Bräutigam dem Brautpater als Morgengabe dargeboten. Frühe Heiraten liegen im Wunsche nach einem selbständigen Hausstande begründet; alte Jungfern sind hier unbekannt, denn auch die von der Natur stiefntütterlich Bedachte findet ihren Mann. Heutigentags ist das anmutige Bräutchen von damals längst eine ehrwürdige, mit tiefen Runzeln bedeckte Frau, die einer zweiten una dritten Platz gemacht hat. Dieses schnelle Altern hat seine Ursache in den hällfigen Geburten und in der mindestens zwei Jahre währenden Stillung der Kinder, die eine uralte, später durch Vorschriften des Korans gebotene Sitte darstellt. Als Mutter eines Knaben erhält sie die Kunja (den Ehrennamen). Heißt ihr Erstgeborener beispielsweise Ali, dann wird sie als Umm Ali, Mutier des Ali, ehrenhalber angeredet. Brirrgt die Arrne aber keim männlichen Kinder zur Welt, dann dvotzt ihr die Verstoßung, doch ist ihr nach Ablauf von vierzig Tagen eilte neue Eheschließung nicht versagt, die wiederum ohne jedwede Förmlichkeit und Aufzeichnung vor sich geht. Hat hittgegenchie Frau, etwa wegen grober Mißhandlung, Gründe, die Ehe gelüst zu sehen, dann flüchtet sie in das-Haus ihres Paters oder nächsten Anvertvandten, der ihre Berstoßung durchzusetzen sucht. Doch kann der Ehegatte das Aussprechen det Schnduligsformel verweigern, so daß ihre Wiederverehelichung unmöglich gemacht wird. Die überaus leichten Entbindungen stören die Frauen, nicht in ihren! häuslichen Obliegenheiten. Die dem Säuglingsalter entrückten Kinder bleiben sich meist selbst überlassen, so daß schwächliche Kinder zugrunde gehen. Im Alter von vier Jahren werden die Knaben beschnitten, während die Beduinenmädchen im Gegensatz z-u ihrrn Geschlschtsgenossinnen auf dem flachen Lande und in den Ssädten, dem künstlichen! Eingriffe in ihre natürlichen Anlagen entraten. Irgendwelcher Unterricht ist unbekannt, so daß die Knaben den Spuren ihres Paters folgen, der es nur zu gern sieht, wenn sein Sohn frühzeitig die Männlichkeit erlangt und vielleicht, kaum entwöhnt, zur Tabakspfeife greift. Kinder, beforchers in einem Hauswesen wie drS Käfer SchechS, mit seinen drei oder vier eifersüchtigen, zänkischen und klatschsüchtigen Gattinnen, sehen und hören Dinge, die Vor unseren Kvnidem ängstlich verborgen würden. Im großen und. ganzen erscheinen die Lebensbchingnngen in den drei Oasen als außerordentlich hart. Der stattliche Gewinn an der Salzausbeute kommt fast ausschließlich den Schechen zugute, denen auch die meistm, je etwa 360 Kilogramm Früchte tragenden Dattelbäume, gehören. Die Kleinvieh- und Gemüsezucht sind unbedeutend und genügett kaum dem Eigenbedarf. Nicht alle besitzen einen Mantel und viele liegen, vor der kühlen Nachtülft ungeschützt, aus der blanken Erd«. Manchen treibt der HUuger nächtlichertveile zu kleinen RMbzügen in die Umgebung, wobei tvahrscheinlich der unvorsichtige Sanddurchwater iplnfach erschlagen, wird.