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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-06 · Heft 2734 (6.10.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2734 (6.10.1926)
Date
1926-10-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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mm s ■■'BW*', *«««>■ ©fett, Mittwoch «DtSuO »CO^CTjBIWIBg 8. ©Met «Sb -Lr. SSI Der WMropSWe Kongreß Ne Mrtschaftrtammg. — Freihantzü «a Schetzzoll. rik Schttihillse. ' —y Wien, 6. Oktober 1126. iie Sowjetunion ließ gestern durch ihre Telegraphenagentur bekannt geben, dtzß sich die HWofW»»s-' sührer Sinowjew, Trotzki. Rüde?, Pjtchckock, S»tkga «ick Sapronow in die Fabriken beheben hatte«, um dort unter den- Arbeitecn eine TisknssioN emzirleiten. Dieses Vorgehen widerspreche den Beschlüssen der Partei über die Unzulässigkeit von Diskussionen und deshalb hätte das Moskauer Komitee die Maßregelung dieser Führer, verlangt. Die amtliche Nachricht besagt nicht mehr. Sic soll also darauf voröereiten, daß die erbetenen .Maß regeln hereits erwogen werden, und man nnrd wohl in Bälde erfahren, daß diese Sechs aus der Partei hinausgeworfen worden sind. Tie Partei hat Diskussionen untersagt, und es ist oberster Grundsatz für jeden Kommunisten, die Beschlüsse und Taten seiner' Führer, die doch seine Vorgesetzten sind, in stummem Gehorsam hinzunehmen imb als Aeußer,rügen höchster Weisheit zu verehren Dieser Grundsatz gilt freilich nur innerhalb Rußlands. Außerhalb des Kordons ist die Uebung eine andere Und die Kommunisten reklamieren allenthalben die Rechte der freien Meinungsäußerung bis zur äußersten Konsequenz. In Rußland selbst ist dies nicht gestattet, aber der-Versuch der Oppositionsführer zeigt, daß die Ueberzeugnng von der Unfehlbarkeit der Regierung doch auf Widerstand stößt. Wieder dreht sich der unmittelbare Konflikt um die Baucrnfrage. Ein Artikel der „Pratvda" vom b. Oktober, der die „Schreihälse" — das fitib die Sinowjcw, Trotzki, Radek — abkanzelt, erklärt die Situation dahin: „Enttvcder lösen wir unsere gewaltigen Aufgaben' mit der nötigen Vorsicht, langsam aber sicher, und stärken dadurch das Proletariat, oder wir gehen mit der Opposition, versuchen aus Kosten eines übermäßigen Druckes auf die Bauernschaft das Tempo „zu heben", geraten auf eine abschüssige Bahn, entzweien das Proletariat und' und die Bauernschaft und brechen der Diktatur des Proletariats unfehlbar den Hals.". Tic Aufgaben, um. die es sich handelt, sind die Besserung des Warenumsatzes und die Mrrbezichung der kleinen und kleinsten Bauernwirtschaften in das staatssozialistische' Gefüge. Diese Darstellung des offtzitlten Organs beweist, daß die Bauernwirtschästcu noch nicht einbezogen, werden konnten, daß sie; vielmehr um ihren privatwirtschaftlichen Charakter sich wehren. Die Regierung ist zum Kompromiß geneigt, für das ja Lenin selbst in seiner „neuen 'Politik" die Linien gezeichnet hat, Tie Opposition Trotzki's gilt hingegen der unveränderten Aufcechierhültüng des radikalen Sozialismus,--der auch vor den Bauern nicht haltmachen soll, da er/hiedurch wieder dem Kapitalismus sich annäherp -würde.. . \ ’ ";.v': 1 . Der Weg der. russischen Wirtschaft geht auf dieses | Ziel. Es ist nicht das offiziell kundgegebepe Programm,! aber die Macht der Tatsachen erzwingt ihn. Zweifellos steht 'das ' bolschewistische Rußland in einem grandiosen Umsormungsprozcß, der sich bereits auch schon auf die städtische Arbeiterschaft erstreckt.. Ter/Bauer ist. saturiert. Er hat das Seine erreicht; er lftbt .den Sozialismus nicht, aber er hält zu ihm, weil jede Veränderung des Zustandes sich vor allem beim Grundbesitz auswirkeil wüche. Ter Bauer will seine Ernte verkaufen, um Jndustrieerzeugnisse einzukaufen. Tic Industrie ist aber nicht über die ersten Aufbaustadien nach der Zerstörung hin-, aüsgekommen, urck .dies macht sich auch im Leben des Arbeiters fühlbar. Cr hcft die politische Macht oder glaubt sie zu besitzen. Aber nach sieben Jahren möchte er doch über die Versammlungsfrage „Staatskapitalismus oder StäatssoMlismus" Hindus zu einer menschenwürdigen Existenz gelangen. Ihm erscheint der Bauer als das derhstlschefte Kind des Systems" und er fordert die-'gleichen - Urteile urck' Erleichterungen der Situation. Er beginnt nachzudenken und . der Radikalismus der Sinowjew, Trotzki und Radek findet guten Boden.' Trotzki erklärt, daß er seine Gegnerschaft mit dem kürzlich gemaßregelten Sjnowj'ew ausgeglichen habe und daß sie gemeinsam den Kampf aufnchmen. Trotzki', der Organisator der .Armee, ist . populär. Er ist ein zu klüger Mensch, als daß er in der Regierung eine andere Politik als die des Kompromisses machen könnte. Aber ihm geht cs um die Macht und einstweilen um die Taktik. Sein Einfluß auf die FabrikZstlgven wäre zu fürchten und die Regierung muß gegen ihn. Stellung nehmen. Die Arbeiterschaft schwierig, die Bauern .kalt, gesättigt und interesselos.- In dieser Situation, charakterisiert durch den Streit der Führer, der ersten Genvmtion gegen die zweite, reift die endgültige Entscheidung über -Rußlands Zukunft, über seine. Entwicklung zur Demokratie, zu. der Armee. Wer die Kaserne für süh hat, wird Rußland beherrschen, und das ist eine Frage, die weit über den Stacheldrahtzaun' hinausgreift. Mallua pensioniert. Der. »piritue vctor de» Gteiger'Prosestes. Warschau. 1. Oktober. - Gestern wurde amtlich die Pensionierung des Staatsanwaltes Ä Appellationsgerichtshof in Lemberg, Taddäus Maliua, der dom- Steiger-Prozeß her, noch in unrühmlicher Erinnerung ist, vevlautbavt. Die Von' den jüdischen Abgeordneten ruck der gesamten jüdischen' -Dessen tlichkelt schon vor längerer Mt georderte Anttsenthebung Malirms, ist rmn 'etzt durch eine Verordnung des gewesenen JnstizminksterS Mak'owsk'i vollzogen worden Montag nachmittag erstattete der gewesene ungMche Gtaaitj^räftSE Eßemar Ha«tos das Referat iWr Verkehrswesen «ud BerkchrspoMk. Er verlangt die paMuropäcsche Msgsstsltuug des Luft-, Telephonmch EGenbcM-BerkGrs. Max Cohen-Reutz wendet sich gegen die antarkischen, nationaHstrsch bedingten Bestrcbun-gien. Dr. Karl U h l i g sprach über den Kredit als Vorbedingung des Freihandels un-b legt unter anderem dar: Die Schutzzölle sind eine Krankheit der ganzen. Welt. Wem: es nicht schwerwiegende Ursachen gäbe, dann würden nicht die Volkswirtschaft!« ganz Europas prinzipiell frerhandlerisch denken und praktisch schuhzollnerisch handeln. Sie hm dies, weil ein Zwang vorliegt. Er besteht darin, daß alle Staaten Kontinentaleuropas, zum Teil auch schon England. . unter der Valutageißel stehen, das heißt ihre Zahlungsbilanzen derart unelastisch geworden sind, daß eine unkontrollierbare Zunähme der Einfuhr imstande ist, die Zahlungsbilanz lmssiv M machen, das Land der Zahlungsmittel für die Bezahlt mg der Einfuhr berarck-Ar mb damit den Valutastürz herbei führen. Das praktischeste Beispiel dafür aus der letzten Zeit ist Pölen. In ähnlicher Situation sind fast alle Staaten Mitteleuropas mit 'teilweiser Ausrvahnre Her Tschechoslowakei. Ein Blick in die Aktiven und Passiven der H a n d e l s b i l a n z der neuen Staaten und Deutschlands zeigt ganz schreckliche Tatsachen. Während die Tschechoslowakei in!den ersten sechs Jahren ihres Bestandes ein Akttvum von 476 Millionen Golddollar, das ist rund eine halbe Milliarde, -hatte, verzeichnet Oesterreich in derselben,Zeit ein Passivum von rund einerMilliarde Golddollar, Ungarn von einer Fünftel-Milliarde, Polen wcrhvschemltch auch von einer Fünftsl-MMarde, chJ n g o s l a w i e n von \4Q Millionen Dollar, Ru man rcn von 80 Millionen Dollar (in Wirklichkeit dürste das Passivum 200 Mllionen Dollar betragen haben) und D «e u t s ch ha n d dürste in diesen sechs Jahren mit rund 5 Milliarden Dollar passiv gewesen sein. Da nichts Effektives da war, um die -Mehreinfuhr zu bezahlen, gab man schldeUich Papiergeld, -heraus, bis dieses Papiergeld wertlos ttnirbe und kontrollierte dann die Einfuhr und sperrte sie aus. Poimare in Men. Die Schulden Fraykrejchs a« AmeriSa. Paris. 5. Oktober. Tie Mißstim-rnigkeiten innerhalb der Finänzkommifsion der Kammer sind heute durch' dir Demission des Vizepräsidenten Deyris offen zutage getreten. Es läßt sich bereits heute .feststellen, daß die Frage der Ratifizierung des W a s h i n g -t o n e rSchulden -"A bko m m e n s zu einer "schwereil i n n e r p ol i t i s ch e n K r ise führen wird. Die Unterkommission' für .Finanzen, die sich mit dem Kriegsschitldenabkoinmen zu befassen hat, lvird am kommenden Dienstag zusämmentveten. Ihr ist eine Entschließung der S o z i a l i st e nzugegangen, worin sie die .Vertagung der Ratifizierungsdcbatte upd die Aufnahme neuer Verhandlungen in Washington verlattgev- Die Sonalistentreten damit der Auffassung der Regierung entgegen, die die so f o r t ige Ratifizierung mit Vorbehalten verlangt. Meder ein zwischensoll im besetzte« Gebiet. Paris, 5. Oktober. In Neustadt an der Hardt hat der Ka-ufmaim Retter, sin früherer Offizier, in einem Gasthairslokal einen franz öfischen F l i e q c r u n t e t o f f i z ier durch suron Dolch st o.ß.in -die Herzgegend schwer vsriletzt, üachdenl Sr.vorher mit ihm gezecht und ihn genötigt hatte, aus soinenr Glas zu trinken. Reiter vevstetz dann das Lokal, schtva-ng sich auf fern Mot or'rad und-fuhr davon. Ms heute -ist \rm\ seiner nicht habhäft g-Ävorden. Es scheint sich -um eine durch übermäßigen AWohoLgenuß b^Mrkbe Tat.zu handeln. . Mtz«a«r b» Atzsislkttk. Wir haben am 30. Dsptember Ätzer die Aussprache Mischen dem Präsidenten der zionistischen Weltorgani* Sw Weizmann und dem Ehef der italiemschen erung Mussolini berichtet. Die „I. T.Äl. et nunmehr die folgenden Einzscheiten'- Der Präsident der zionistischen Weltorganisation Doktor Ehaim Weizmann, der sich in d« letzten Zeit mit seiner Familie zur Erholung in Italien aufhielt, weWe in den letzten Tagen in Rom, wo er mit dem Chef der italienischen Regierung, Mussolini, eine Zusammenkunft hatte. Die Unterredung, die eine halbe Stunde in Anspruch nahm, hatte die Haltung Italiens zum Aufbauwerk in Palästina zmn JrchaLDoktor Woizmann gab eine Darstellung der Lage in Palästina und schildette die Beziehungen zwischen den Juden und den Arabern in diesem Lande. Das Gespräch berührte dann auch die Fragen des Ausbaues der Handelsbeziehungen -wischen Italien und Palästina. Am 23. Oktober wich Dr. Weizmalen die Reise »ach den Bereinigten Staaten antreten. Das Problem, Mttteleuropa zum Frechandsl ü-Ser. znDhron, darf nicht Mit einem bloßen Appell an den Wie» Willen angefaßt werden. Da kein Zweifel besteht, daß in der Wett genügend Kapital vorhanden ist, nm da- Kradttbedürfnis zu decken, wird die Kredvkversichernng die eNkscheide-nde Frage. Da von 'den mittsleuropäischen Staaten in den letzten Jahren so ziemlich jeder ganz oder teilweise in Konkurs gegangen ist undseine Verbindlichkeiten abgeleugnst hat, sind diese Staaten dem internationalen Kapital kreditunwürdig geworden. Das europäische Schutzzollprobibem kann nicht durch einen, auch noch so rührenden Appell an das Gewissen rmd den guten Willen der verantwortlichen Volkswirtschaftler gelöst werden. Die Lösnng kann nur eine mit Kreditgewährung verbünden« Sanievungsaktion bringen, welche den vo.rübergehenderi. Verzicht auf einen Teil der .gegenwärtrg so viel, mißbrauchten Hoheiisrechtc der neuen Staaten, das heißt eine weise SelbstbeschränkU'Ng mr Gebrauche ihrer Souveränität, zur Voraussetzung -hat. Darauf muß hingearbeitet werden, Jede andere Agitation, die sich in einer Anpreisung des Frei- Handels erschöpft, ist leeres Görede. (Lebhafter Beifall.) ES, sprachen noch Heinrich Kolowrat-Krakowsky (Prag), Dr. Auer (Bu'dapest), der bekannte Vertreter -Frankreichs in den Fälscherprozessen und Rechtsanwalt Dr. Flügge (Charlottenburg). Mit -diesen Reden vst auch >dtzx zweite Teil des Kongresses, die wirtschaftliche Tagung geschlossen, und es folgt die geistige Tagung, die gestern abend stattfand. Die geistige Tagung. Gestern abend hielt Schriftsteller Emil Ludwig -das Referat über „Goethe als.Europäer". Nach einigen weiiteren Rehen beendete Jda R oland die Tagung mit einem Dortrag des Gedichtes „E u r o P a" von Siegfried Vegesack. Sie wirrde bei ihrem Erscheinen vom Publikurn mit langanhalteniden Ovationen begrüßt,- die sich nach dein Vortrag wi-öderhotten. Sie galten ebenso der. Künstlerin, wie noch viel mehr der Mtavbeiterm an denr Werke ihres Gatten Coudenhove-Katerg-i. Rem Streildrohungeu der öfterreichWeft Wamten. DaS Gtreiktomitee ist bereits gebildet. Die Beamten hatten nach der letzten Aussprache mit dem. Bundeskanzler erwartet, daß dieser ihnen bis. längstens 8. d.,M. eine Antwort auf ihre Forderrmgen geben und rmhere Mitteilungen über die. für. das kommeiche Jahr in Aussicht genommene dostnitive Bezugsregulierung machen werde.- Montag erhielten sw nun die Verständigung, daß der Kanzler erst amr 12. d. M. mit ihnen. reden wolle. In dieser Verschieb bung des Termins erblicken sie gewisse dunkle Absichten der. Regierung. Bor allem meinen sie, Doktor Ramek wolle die Verhandlungen bis in den Dezember hinausziehen, weil in diesem Monat mit Rücksicht auf das Weihnachtsgeschäft ein allfälliger Beamtenstrcik, der zur.Unterstützung der Forderungen inszeniert würde, sehr unpopulär wäre. Das Exekutivkomitee des FünfundzwanzigeransschnsseS und die Technische Union beschlossen dccher gestern, dem Kanzler mitzüteilen, daß sie auf dem Verhcmdlungs-' beginn Mit 8. d. M. bestehen müssen. Sie wollten noch am Abend eine Aussprache mit Dr. Ramek herbeiführen. Dieser lehnte aber ab, Aus diesem Grunde tvntt>e beschossen, für heute den FünfurchzwanzigerauSschuß und "die Technische Union zu einer gemeinsamen Sitzung einzuberufen. An den Bundeskanzler wurde ein Schreiben des Inhaltes abgesendet, daß die Beamtenvertretung die Verschiebung des BerhaMungsbeginnes auf den 12. d. M. nicht zur Kenntnis nehmen könne und daß die Gegenvorschläge der Regierung spätestens am 8. Oktober gemacht werden müssen. Fm übrigen lehnen die Organisationsvertreter jede Verantwortung für die aus einer Verschiebung deS BerhaMungSbeginnes entstehende Situation ab. Eine von dm Boamtenvertretungen inspirierte Korrespondenz teilt hiezu mit,' daß die Beamten mit dem Abbruch der Verhandlungen und dem Girpsetzen des Kampfes für den Fall rechnen, daß dü: Regierung nicht noch in letzter Stunde ein Entgogeukormnen zeigt. Di-e Organisationen hätten bereits beschaffen, die vprbereitenden Streikweisun-- gen an die Aktionsausschüsse in den Ländern abzrrsendsn. Die StreikhaMungon totmn jedoch erst über telegraphische Weisung ernsetzen. Die Ttthnische Union der Telegraphen- und Telephvnangestellten faßte einen ähnlich lautenden Beschluß und richtete an älle Mandatare und Funktionäre des Berbanhes ein Schreiben, ln dem es -heißt: „Die Situation ist eine äußerst ernste und es wechen bereits all«; Vorbereitungen getroffen, um für dm Fcckl, als die Regierung ihre Haltung nicht ändert, mit dem S t re'i k rechtzeitig ernsetzen zu können. Das Streikt&ntvtm ift bereits a-ebibdeit."

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