Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2731 (3.10.1926)
- Date
- 1926-10-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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£pisode am Genfer See. tyon Stephan ZmeUt. L« ttfec deS Oe^ftr SeeS, in der Nähe der kLeinen Z«W«tzer <§wrftf VillEuvk. wurde ip einer Sommer^ nacht des Jahres ein Mischer, der sein Boot in den Tee hiuausgerudert hatte, eines merkwürdigen Gegenstandes «r der Mitte des Wassers gewahr, und näherfomwerib erkanntc er ein Gefährt aus löse geliefteten Balken das ein nackter Mamr m ungeschickter Weise mit einem als Kvder verwendeten Brett vorwärtszutreiben versuchte. Staunend steuerte der Fischer heran, half dem Erschöpften mitleidig m sein Boot, deckte seine Blöße notdürftig mit Netzen und versuchte dann, mit dem frostzitternden, scheu in deii Mnkel des Bootes gedrückten Menschen zu sprechen: aber dieser antwortete in emcr fremden Lvrachc, von der nicht ein einziges Wort der seinen glich. Bald gab der Hiffreiche jede weitere Mühe auf, raffte seine Netze empor und ruderte mit raschen Schlägen dem Ufer zu. In dem Maße aks im frühen Lichte die Umrisse des Ufers aufglänzten, begann auch das Antlitz des nackten Menschen sich zu erhellen: ein kindliches Lachen schälte sich aus dem Ärrtgewühl seines breiten Mundes, die eine Harü> hob sich hinüber, und immer wieder fragend und haLb schon g^oiß, stammelte er ein Wort, das wie Rossiya klang und immer glückseliger tönte, ft. nd^r der Kiel gegen das User stieß. Endlich knirschte das Boot an den Strarck», des Fischers weibliche Anverwandte, die auf dir nasse Beste harrten, stoben kreischend, wie einst die Mägde Rausikaas, auseinander, da sie des Mannes im Fischernetzc ansichtig wurden; allmählich erst, von. der seltsamen Kunde angelangt, sammelten sich verschiedene Männer des Dorfes, denen sich alsbald würdebewnßt und amtseifrig der wackere Weibel des Dorfes zngesetlte. Ihm war es aus reicher Erfahrung der Kriegszeit und mancher Instruktion sofort gewiß, daß dies ein Deserteur sein müsse, der vom französischen Ufer herbeigeschwommen ivar, und schon rüstete er zum amtlichen Verhör, das aber bald an Würde und Wert durch Nr Tatsache verlor, daß der nackte Mensch (dem inzwischen einige Bewohner eine Jacke und eine Zwilchhose zugeworfen) auf alle Fragen nichts als immer wieder ängstlicher und unsicherer seine Frage „Rossiyal? Rossiya?" wiederholte. Ein wenig ärgerlich über seinen Mißerfolg, befahl der Weibel dem Fremden durch unmißverständliche Gebärde, ihm zu folgen, und unrjohlt von der mMÄchen erwachten Gemeindejugend wurde der nasse, nacktüeinige Mensch in feiner schlotterigen Hose und Jacke auf das Amtshaus verbracht und dort verwahrt.. Er wehrte sich nicht, sprach kein Wort, nur seine Hellen Augen waren dunkel gewordene von Enttäuschung, und seine hohen Schultern duckten sich wie unter gefürchtetem Schlage. Die Kunde von dem menschlichen Fischfang hatte sich inzwischen bis zn den nahen Hotels verbreitet und, einer ergötzlichen Episode in der Eintönigkeit des Tages froh, kamen einige Damen und Herren, den wilden Menschen zu betrachten. Eine Dame schenkte ihm ein Konfekt, das er mißtrauisch wie ein Affe liegen ließ, cm Herr machte eine photographische Aufnahme, alle schwatzten und sprachen lustig um ihn herum, bisendlich der Manager eines großen Gasthofes, deh lange im Ausland gelebt hatte und mehrerer Sprachen mächtig war, an den schon ganz Verängstigten das' Wort nacheinander in Deutsch, Italienisch, Englisch und schließlich Russisch richte. Komm, daß er in der letzten Drache ein Wort an sich vernommen, zuckte der Verängstigte auf, ein breites Lachen teilte fein gutmütiges Gesicht von einem Ohr bis zum anderen, und plötzlich sicher und freimütig, erzählte er feine ganze Geschichte. Sie war sehr lang und verworren, nicht immer auch m ihven Einzelberichten dem zufälligen Dolmetsch verständlich, doch in der Wesenheit war das Schicksal dieses Menschen das folgende: Er hatte in Rußland gekämpft, war oann eines Tages seit Lauset anderen in Waggons verpackt lvorden und sehr wert mit ihnen gefahren, dann wieder ur Schiffe verladen und noch länger mit ihnen gefahren durch Lander, wo es fo heiß war, daß, wie er sagte, einem die Knochen im Fleisch weich gebraten wurden. Schließlich waren sie wieder irgendwo gelandet und in Waggons verpackt worden und hatten dann plötzlich einen Hügäl zu stürmen, worüber er nichts Näheres wußte, weil ihn gleich zu Anfang eine Kugel ins Bein getroffen habe. D«r' Zuhörern, denen der Dolmetsch Rede und Antwort übersetzte, tot# sofort klar, daß dieser Flüchtling ein Angehöriger jener russischen DivPorren in Frankreich war, die mau über die halbe Erde, über Sibirien und Wladiwostok an die französisch Front geschickt hatte, und es regte sich mit eurem gewissen Mitleid bei allen gleichzeitig die Rugier, was ihn vermvö^ habe, dieseseltsame Flucht, zn versuchen. Mit halb gutmütigem, halb listigem Lächeln erzählte bereitwillig der Russe, kaum genesen, habe er die Pfleger gefragt, wo Rußland sei, und sie hätten ihm die Richttrng gedeutet, deren ungefähres Bild er durch die Stellung der Saum und der Sterne sich bewahrt hatte, «nb wie er dann heimlich entwichen sei, nachts wandernd, tagsüber in Heuschobern jpor den Patrouillen sich versteckend. GegeKen habe er Früchte und gebetteltes Brat, zech: Tage lang, bis er endlich au diese« See gekormnen sei. Nun wurden seine Erklärungen undeutlicher; es schien, »daß er, cms der Nähe des Baikalsees stammend, vernceint hatte, m andere« ttfer, dessen bewegte Linien er des AberHs erblickte, müsse Rußland liegen. Jedenfalls hatte « Wh emS einer Hütte zwei Balken gestohlen und war ah »&****- btewüÄms mit eineä wfehftfiiBa erüwsrdeten Steuerruders weit in den See hinausgekommen, wo ihn der Fischer auffand. Die ängstliche Frage, mit der er ferne unklare Erzählung beschloß, ob n schon morgen dayerm sein könne, erweckte, kaum über' enrch ihre Unbelehrtheit erst lautes Gelächter, das aber dato gerührtem Mitleid wich, und jeder stopfte dem unsicher und fast kläglich um sich Blickeirden ein paar Geldmünzen oder Banknoten zu. Jnzwft-.^n war auf telephonische Verständigung aus Montrenr ein höherer Poftz. ioffizier erschieuerr, der mit nicht geringer Mühe ein Protokoll über den Vorfall aufnahm. Denn nicht nur, daß der zufällige Dolmetsch sich als unzulänglich erwies, bald wurde auch die für einen Westlarrder ganz unfaßbare Unbildung dieses Menschen klar, dessen Wissen um sich selbst nicht den eigenen Vornamen Boris überschritt, und der von seinem Heimatdorf nur äußerst verworrene Darstellungen zu geben vermochte,-etwa daß sic Leibeigene des Fürsten Metschcrski seien (er sagte Lei beigem, obwohl doch seit einem Menschenalter diese Fron abgeschafft war), und daß er fünfzig Werst vorn großen See entfernt mit seiner Frau und drei Kindern wohne. Die Beratung über, sein Schicksal ^gann, indes er mit dumpfem Blici g-duckt inmitten der Streitenden stand; die einen meinten, man müsse ihn der russischen Gesandtschaft in Bern überweisen, andere befürchteten von solcher Maßnahme eine Rücksendung nach Frankreich, der Polizeibearrte erläuterte die ganze Schwierigkeit der Frage, ob er als Deserteur oder aks Papierlöser Ausländer behandelt werden sollte, der Gemeindcschreiber des Ortes wehrte gleich von vornl-erein die Möglichkeit ab, daß gerade sic den fremden Esser zu ernähren und zu bergen hätten. Ein Franzose schrie erregt, mau solle mit dem elenden Durchbrenner nicht so viel Geschichten machen, er solle arbeiten oder zurückspcdiert werden, zwei Frauen wandten heftig ein, er sei nicht schuld an seinem Unglück, es fei ein Verbrechen, Menschen stns ihrer Heimat in fremdes Land zu verschicken. Schon drohte aus dem zufälligen Anlaß ein politischer'Zwist sich zu entspinneir, als ein alter Herr, ein Däne, plötzlich dazwischenftchr und energisch erklärte, er bezahle den Unterhalt dieses Menschen für acht Tage, iu- ,zwischen svltten die Behörden mit der Gesandtschaft ein Ueberemkommen treffen, welche unerwartete Lösung sowohl die amtlichen als die privaten Parteien vollkommen zufriedenstellte. Während der immer erregter werdenden Diskussion hatte sich der scheue Blick des Flüchtlings allmählich erhoben und hing unverwandt an den Lippen des einzigen in diesem Getümmel, des Managers, von dem er wußte, daß er ihm verständlich sein Schicksal sagen könnte. Dumpf schien er den Wirbel zn spüren, den seine Gegenwart erregte, und ganz unbewußt, als jetzt der Wortlärm abschwoll, hob er durch die Stille die Hände flehentlich gegen ihn auf wie Frauen vor einem Heiligenbild. Das Rührende dieser Gebärde ergriff unwiderstehlich jeden einzelnen. Der Manager trat herzlich aus ihn zu und. beruhigte ihn, er möge ohne Angst sein, er könne unbehelligt hier verweilen, und im Gasthof würde für die nächste Zeit für ihn vollkommen gesorgt werden. Der 20 hewrtiche {Bücher? Beste Romane der Weltliteratur in soliden Einbänden zwei Schilling pro Bond geben wir an unsere Freunde ab D'Annunzio Die Unschuldige. Roman, 410 S. Bang Die Vatsr.Iandslosen. Roman.355 §. Madelung Die Gezeichneten. Roman, 410 S, Madelung Zirkusmensch. Roman, 365 S. Stiauß Der nackte Mann. Roman, 370 S. Sa/ten Bambi. Line Lebensgescb. 135 S. Strindberg Heiraten. Ehegeschichten. 420 S. Strindberg Schwarze Fahnen, Roman, 355 S. Schmitz Buch der Katastrophen. 230 S. Andersen Märchen. 175 S. Tharaut1 Im Schattend.Kreuzes. Rom. 2805. Qourmont Ein jungfräul. Herz. Roman. 180 8- Qourmont KsmSdien ein« km. lio Boa» is Irlcfto, IR S. Bang Ein herrlicher Tag. Erzlgn. 185 S. - Qejerstam Gutbicbte eil« UajüLcidiriwa. Basum, 175 S. Kohl Die roten Namen. Erzlgn. 170 S. Qorki Märchen der Wirklichkeit. 824 S. Qorki Der Spitzel. Roman, 315 8. Qorki Die Beichte. Roman, 335 S. Qroßmann Die Partei. Roman, 382L. Kommen Sie, eke die Vorräte eraohöpft sind! BÜ CHERSCH WEMME R. LÖWIT, WIEN I w, BotenfonaatreSe SS Ruffe wallte ihm die Hand küssen, die ihm im. andere rücktretend rasch entzog. Dann wies er chm noch da» Nachbarhaus, eine kleine Dorfwirtschaft, wo er Bett und Nahrung finden würde, wiederholte die herzliche Beruhigung und ging dann, ihm noch einmal freundlich zuwinkend, die Straße zu seinem Hotel empor. Unbeiveglich starrte der Flüchtling ihm nach, und i» de« Maße, als der einzige, der seine Sprache verstand, sich entfernte, verdüstettc sich wieder sein schon erhelltes Gesicht. Mit verzehrenden Blicken folgte er dem Entschwindenden bis hinauf zu dem hochgelegenen Hotels ohne die anderen Menschen zu beachten, die sei» seltsame- Gehoben bestaunten und belachten. Ats ihn dam: einer mitleidig anrührte und in den Gasthof wies, fielen seine sckchreren Schuttern gleichsam in sich zusammen, mtb gesenkten Hauptes trat er in die Tür. Man öffnete ihm das Schankzimmer. Gr drückte sich an den Tisch, «utz den die Magd zum Gruß ein GlaS Branntwein stellt, und blieb dort verhangenen Blicks den ganzen Vormittag utebeineglich sitzen. Unablässig spähten vom Fenster die Dorsi kinder herein, lachten und schrien ihm etwa zu —> er hckb nicht den Kopf. Eintretende betrachteten ihn neugierig, er blieb, den Kopf an den Tisch gebannt, mit krummem Rücken sitzen, schamhaft und scheu. Und als mittags zar Essenszeit ein. Schwarm Leute den Raum mit Lachen Mlte, Hunderte Worte ihn umschwirrten, die er nicht verstand, und er, seiner Fvemdheit entsetzlich gewahr, taub und üumm inmitten einer allgemeinen Bewegtheit saß, zitterten ihm die Harchc so sehr, daß er kaum de« Söffet Suppe heben konnte. Plötzlich lief eine dicke Träne die Wangen herunter und tropfte schwer auf den Tisch. Scheu sah er sich um. Die anderen hatten sie bemerkt und schwiegen mit cinemmal. Und er schämte siche immer tiefer beugte sich sein schwerer, struppiger Kvpf gqgm das schwarze Holz. Bis abends blieb er so sitzen. Menschen kamen und gingen. Er fühlte sic md^t nab sie nicht mehr ihm em Stuck Schatten, saß er im Schatten des Ofens, die Hände schwer auf den Tisch gestützt. Älte vergaßen ihn, u»d keiner von ihnen merkte, daß er sich ür der Dämmerung plötzlich aufhob und den Weg gegen das Hrckckl dumpf wie ein Tier hinaufschritt. Eine Stunde und zwei stand er dort vor. der Tür, die Mütze devot in de« Hand, oh« jemanden mit dem Blicke anzurühren: endlich ftel diese seltsame Gestalt, starr und schwarz wie ein Baumstrunk vor dem üchtfunkelnden Eingang des Hotels im Boden wurzelte, einem der Laufburschen auf, und er holte den Manager. Wieder stieg «ine kleine Helligkeit in dem verdüsterten Gesicht auf, als sei.« Sprache ihn grüßte. ^Was willst du, Boris?" fragte der Manager gütig. ,Lshr wollt verzeihen," stammelte der Flüchtling, »ich wollte nur wissen, — ob ich nach Hause darf." „Gewiß, Boris, du dtzxfst nach Hanse", Kchekte der Gefragte. „Morgen schon?" Run ward auch der andere ernst. Das Lächeln verflog auf seinem Gesicht, st» flehentlich waren die Werte gesagt. i „Nein, Borks, jetzt «och nicht . . . Bis der Krieg vorbei ist." „Und wann? Wann ist der Krieg vorbei'^ „Das weiß ich nicht; wir . Menschen wrffen eS nicht" „Urü> früher? Kann ich nicht früher gehend" „Rein, Boris!" ,Lst eS so ,Ziele Tage noch?-" ,^Biele Tage." ,Lkch werde doch gehen, Herr. Ich bi» stark. Ich werde nicht müde." .> „Aber du kannst nicht, BoriS- Es ist noch dm Grenze dazwischen." „Eure Grenze?" Er blickte stumpf. Das Wort war chm fremd. Dann sagte er wieder mit seiner urerLvürdrgeu Hartnäckigkeit: „Ich werde hürüberschwimuten." Der Manager lächelte beinahe. Aber es tat chm doch weh, und er sagte sanft: „Nein, Boris, das geht nicht. Eine Grenze, das ist fremdes Land. Die Menschen lasse» dich nicht durch." „Aber ich tue ihnen doch nichts! Ich habe mein Gewehr weggeworfen. Warum sollen sie mich nicht zu meiner Frau lassen, wenn ich sie bitte um Christi willen?" Der Manager wurde immer ernster. Bitterkeit stteg in ihm auf. „Nein," sagte er, „sie werde» dich nicht hiirüberlassen, Boris; die Mensthen hören jetzt nicht mehr auf Christi Wort." ,Mer, was soll rch tun, Hern? Ich kann doch «echt hier bleiben! Die Menschen verstehen mich hier nicht, «vd ich verstehe sie nicht." „Du wirst es schon lernen, Boris." „R-eirr, Herr," er bvg de» Kopf tief, ^ich Ümu «WS lernen. Ich kann nur am Feld arbeiten, sonst kan» ich nichts. WaS M ich hier tmrS Ich will nach H«chS Zeig' mir de« Weg!" J&& gibt jetzt feine» Weg, Boris." ' t ,Mer, Herr, sie können mir doch nicht verbiete«. M meiner Frau heimzukehre» und zu «eine« Kinder«! Ich M doch nicht Soldat mehr!" . Ü ÄlDW <& BUNs "