Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2730 (2.10.1926)
- Date
- 1926-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2736 Msn, Samstag Tagesbericht. Martin »nt« in M«n. Nie wrr berSttZ bsrichiewii, wurde Martin Bttdsr vom Kulturbiitid (Vmband für kulturelle ZusamntsnarbötL) ointzeläÄen, in Dion öinün Zyklus von dxol BoktrLggu zu haltan. Bnlwr traf gestern in Dion üin. tz'N üiner nachmittäüS m den Wumon Ssö Kulturbutldss adgühalicr^nön Prüssskottfsrznz ciußcrts sich Mut* Htt Buber über den Unterau ZUfamincnhang dsr drei Vorträge, die er in der nächsten Zeit in Wien hatten will. Der erste Vortrag, betitelt ,.L e n w i r i it b e r Wirklichkeit-, soll AllgnMeiNLö, Grundsätzliches, ZeitkMschsö önthaltün, VuLex bemerkt aber gleich, daß «k unter Züitkritik nicht ein Börlagen der Zeit versohl, er hat keim reformatsrischmoraldstischen Atrfichlon, fon- .dern, SS soll nur ein Hinweisen auf das verkehrte Verhältnis das MsnsckM zur Wirklichkeit sein. Es koiniNt wiüLrrr nicht auf eilte nt sw physische Spekulation an, sondern, es soll die tatsächliche AnseinandersstzltNg des Menschen mit jedem Ding untersucht werden. Der zweite Vortrag „Gandhis Aotschaft an das Abend* la n ö" soll eine Gersönlichkeit in den Vordergrund schieben, die für dieses Verhältnis zur Wirklichkeit MG» weisend sein kann. Im dritten Vortrag will Buber zeigen, in welchem Maße die Bibel, d. h. das Alte Tsstamsnt divseK Verhältnis zur Wirklichkeit beeinflussen kann. Wie kann durch dio Bibel die Beziehung des Men» schon zur Wirklichkeit recht mäßig werden- — Auf eine Frage eines Pressevertreters, ob sin Fortschritt in der Religiosität der Menschen in der letzten Zeit zu bemerken sei, antwortete Äubör, in den heutigen religiösen Bewegungen sei es den Menschen mdjt mit die Religion als 11m ihren Anhalt zu Lun. Für Buber ist Religiosität nämlich nur insoweit ein Wert, als sie den Menfchsn in oine nähere Bezishung zur Welt bringt. 'Der Krieg hat nur auf dis von ihm unmittelbür erfaßten Menschen Mts jedes Unglück religiös gewirkt, während die Folgen des Krieges in den Menschen im allgemeinen stwas zerstört, eilte Leere geschafs'än haben, die Baum für eine neue Wirklichkeit bieten Knute. Buber erzählte ferner über seine Berufung an die Universität in Frankfurt a. M. Da auf dieser Universität keine theologische Fakultät bestecht, räumte man den drei Religionsgemeinschaften, den Prottzstant-Sn, Katholiken und Anden das Recht ein, Lehrstühle zu besehen. Der Lehrstuhl für jüdische Zksligionswissenschast und Ethik war ursprünglich dem Frankfurter Rabbiner Nobel zu-gedacht, die Bestätigung dom Un terrichtsmliristep kam albsx einen Lag vor dem Tod des Rabbiners an. Buber wurde nun ersucht, den Lehrauftrag zu übernehmen, wobei «r betont, daß der Lehrauftrag keineswegs eine Professur darstelle. Cr halte wohl, ein Kolleg und ein Seminar an der Frankfurter Universität, fei aber nicht in die Univ ersitätsovganisation eingefügt. Wiener Morgevzeitnng ihr« Gesundheit Rönnen Sie vollständig wieder snrüekerläö«enl von allen ihren Schmerzen werden Sie gründlich befreit, wenn Sie DIANA m FRANZBRANNTWEIN MIT MSNTHOL äußerlich m Einreibungen, Innerlich aut Zucker, fröntenweise genommen, verwanden. Das beste Hausmittel. ÜBERALL ERKALTIICH! ÜBERALL EKHALTL1CH! Schließlich sprach Buber über seine BlbMbersetzung, die er gemeinsam mit Franz Rosenzweig, dem Autor des Buches ,Der Stern der Erlösung" unternimmt. Die beiden N Übersetzer Haben vornehmlich zwei Dinge im Auge: die Uebersetzung der Worte nicht nach ihrem abgeleiteten, sondern nach ihrem Wurzelsinn und bie Erhaltung der eigenartigen Rhythm \ k der Bibel (nicht der Metrik). .Wir fassen" «*- sagte Buber — „die Bibel nicht als geschriebenes, sondern als gesprochenes Wort auf." w Der.üvste Vortrag Martin Bubers: ^eoen wir in der W i rklichkeit? findet h >e u t c,'-Lams» tag, 7 Uhr abendS, im Neuen Saale der Hofburg statt. (Zugang: Aeußerer Bnrgplatz, Festsaalstiege.) Die spateren Vorträge sind wie folgt festgesetzt: Montag, 4. Oktober: „Gandhis Botschaft an das Äben-dland." -r Doniverötag. 7. Oktober: „Der heutige Me ns ch u n 'd die B i b e l." Nestl'kche Karten im Sekretariate des Kulturbundes, 1. Bez., ÄnNagassü o. - % Gemeinde Wien «wnopolifiert die Mefferellame. Wie das „Skonigkeits-Weltblatt" erfährt, hat die Wiener Messe A.»G., die ihr angeglisderte Wsrbüzentrale an das Monopol-NMaMeuttternchmett der Gemeinde Wien, die „W i p a g" verkauft. Die Werbazentrale hatt§ die Aufgabe, die für die Wiener Messe notwendige REame und Propaganda im Anun!d Ausland zu besorgen. An letzter Zeit hat sie sich auch mit der F r e m d e n v e r k e h r s f o r d o r fr n g befaßt. Die Anteilscheine der Werbezentrale wurden nun von-der Messe A.-Ä. aufg Batist und an dio „Wipag" weitsrg?gMn. S'ohin wird sich der E i n f I u ß der Gvmeindq Wiött auf die Wiener Messe noch 6 e 'b e it t e ü b erböbe n. Zer jüdische Musiker Korngold. Boa Heinrich Be Wir entnahmen den nachstehendsn Abschnitt dem soeben erschienenen Buche Berls „Das Judenr u m i n d e r M n s i k" (Tcu^che Vo,£aa^. nst.llt S.utt=* gart. Berlin und Leipzig) mit Erlaubnis des Verlages. Crtch Wolfgang Korngold ist ein jüdischer Mnsiler. Das erscheint unzweifelhaft. Es fragt sich nur, wo sein Judentum anfängt und wo es aufhört. Wienerische Sentimentalität wechselt mit puceinesker Trivialität. Aber Halt! Haben wir nicht wieder die beiden berüchtigten Kennzeichen der jüdischen Musik: Sentimentalität und Trivialität? Sind wir ihnen nicht schon bei M.y^rbeer und Offenbach, bei Mendelssohn und Mahler begegnet? Sind c8 allgemein menschliche, sind es spezifisch jüdische Merkmale? Wienerische Sentimentalität, pucci.^eske Trivialität: also otwaS, waS da und dort vorlommi, was überall vorlvmmt, was nicht spezifisch jüdisch sein kann! Und doch ist es etwas Merkwürdiges um diese beiden Dinge: Sentimentalität und Trivialität. Der Wiener mag sentimental sein, der Italiener trivial: b5ideö zusammm in solchen Ausmaßen, daß sie zu typisch psychologischen Merrmalen werden können, ist nur der Jude. Sentimentalität hat er nicht erst in Wien gelernt und Trivialität bei den Italienern: sondern dort, wo cs vorhanden ist, greift er es vorzugsweise auf, und wo es nicht vorhanden ist, träg! er es hin. De« Franzose ist ganz gewiß nicht sentimental und trivial, aber MeyerLeer, Offenbach und Halevy haben doch in Frankreich sentimentale und triviale Musik gemacht. Es ist nur wichtig, daß wir die falsche Wertung der Sentimentalität und Trivialität aufgeb eil: daß wir sie in die Sphäre des Herzens verlegen, nicht in bi: Sphäre des Wertlosen. Musik besteht zum Glück nicht bloß aus Form, sondern auch aus Gehalt; und wenn der Gehalt kein ideeller ist, soiwern ein wesentlich gofühlshafter, so können wir damit nicht einfach sagttl, daß eS keine Kunst sei. Getviß ist die ganz große Kunst eine Synthese zwischen Gefühl und Form, aber wer diese Synthese etwa einem Mendelssohn oder Mahler streitig machen möchte, der hat keine Ahnung von dom, womit diese Musiker gerungen haben. (Boir anderen ganz zu schweigen.) Wo wir also bei Juden auf Sentimentalität und Trivialität stoßen — und wir stoßen fast immec auf sie — handelt es sich tatsächlich um sin großes volkspfychologischeL Moment. Darum gehören diese beiden Merkmale bei Korngold zu den besonderen Eharaneristiia seines in der Musik wirksam gewordenen Judentums. Ein anderes wichtiges psychologisches Moment, das auf Korngolds Judentum hinweist, ist die ihm immer heftig vorgeworsene Anpassung. Korngold weiß sich allen Ausdrucksarten und formalen Mitteln, selbst den modernsten, mit einer fabelhaften Sicherheit auznpassen, er vermag alles zu reproduzieren, was er irgendwie einmal gehört hat, weshalb seine Musi? schon frühzeitig mit den modernsten Klängen und Klangkonrbinationen frappierte, ohne daß man den Eindruck des Gesuchten oder Errechneten hatte. Also wirklich doch ein Wunderkind? Oder vielmehr: nur eine anpassungsfähige Natur? — Man sieht, die Antithese ist weit genug zugespitzt! Die Anpassung Korngolds ist ganz und gar ein jüdisches SNonrent und sie fordert uns natürlich zu der Frage heraus, ob sie dadurch auch ein unschäpferisches Moment ist. Angepaßt haben die Juden sich schon seit sie existieren: Aegypten ist das große historische Beispiel. Und selbst Mose konnte die Befreiung des Volkes nur vollziehen, indem er sich theoretisch und praktisch den Mitteln der ägyptischen Zivilisaiion anpaßte. Tie Juden sind das einzige Volk der Welt> das dauernd in der Anpassung gelebt und geschaffen hat. Sind wir darum aber auch notwendig das unschöpserischstö? Ist die Bibel darum unschöpserisch, weil er sich den Elementen des griechischen Denkens angepaßt hat? Ist der Talmud darum un- .schöpferisch, weil er sich den Elementen des griechischer Denkens angepaßt hat? Ist die.Kabbala darum unschöpferisch, weil sie sich in ihren EleMetcken dem alten Orient angepaßt hat? Ist der Talmud darum unsamkest, die die der Elemente beiwAlem übertrifft. Das Schöpferische liegt offenbar nicht auf der Ebene der „originellen Produliivir": sonst rnüßten die Amerikaner heute das schöpferischste Volk sein. Warum ist ihr Sensativnstaumel gerade dnS Unschöpserischste, was heute auf der Welt geschieht? Offenbar nur, weil das Schöpferische niemals allein bet dev Produktion liegen kann, sondern sich nur des Mittels der Produktion bedient, wie es sich umgekehrt auch des Mittels der Anpassung bedionerr kann. Anpassung ist die schöpferische Leistung des Weibes, die Produktion ist die schöpferische Leistung des Ä)kannes. Korngold ist ein durch und durch femininer Musiker — daher seine starke Anpassungsfähigkeit. Was also dabci wichtig ist, ist die Tatsache, daß Korngolds vielgerügte Anpassung durchaus nicht als uuschöpferisch z>.l werten ist, sorchovm einzig als nicht auf der Ebene der „originellen Produktion" liegend. Darnit haben wir die Möglichkeit 2. Oktober 1936 Serke S I Msgestaliutig des radakverschlerßes. LaAkdUtomatt» und NachtWslken. Aus der Generaldirektion der Tabakregie wird mitge teilt, daß dort Pläne für neue Verschleißmöglichkeiten ftt Erwägung stehen. Man will insbesondere dafür sorgen, daß der Raucher des nachts vor dem bisher geschonten Unfug bewahrt ivird, in Cafes od§e Nestanrants seinen Bedarf decken zu müssen. Tie Tabakregic will TabakaMomaten, Zunächst versuchsweise, aufstclien- Doch macht sich dagegen ein scharfer Widerstand der Tabaktrasikanten geltend. Sfr meinen, daß dis Qualität der Ware durch die Verpackung in den Automaten rnbeu würde. Das ist nicht richtig. In vielen Städten Deutschlands sind auf den Bahnhöfen To Üakautomaten aufgestM, die zu keiner Beschwerde Airlaß geben. Es liegt auch der Plärr der Errichtung von Nachttrafiien vor, dis ms» an den Hauptverkchrsstcllen der Inneren Stadt eröffnen will. Doch besteht die Erwägung, -söraa rrmmaA uu rojUg uZqvJ aa^ic 9urnw)aML tzm nommstt werden soll. Entscherdcnde Beschlüsse wurden brs.- her nlchl 15.000 Meilen in der Lust. Cvolram- Mug London—Anstraliett und znrüick Lvudott, l. Oktober. (Reuter.) Unter großen BegeriteruNHs^Nndgebnttgen ist heute der Flieger Co bh s. m auf dar Themse vor dem Parlament nach fernem Fluge über 28.000 Meilen n a ch A u st r a l i e tt it it D zurück gelandet. Die an den Uferit des Flusses zu mchreren Tausend ÄtMsaMmelte Menge brach in A k l! ö nt a i i ö it e tt aus, als sie das dem Flußlaust folgende Wasserfltlgzeug erblickte. Cobham wunde vom Sprecher des UtsterhauseS, dem M i n t st c r f it r L fr ft* fä h rtwe f e n und aiiöci-eit Spitzen der Behörden antpfangen. Der König hatte citt GMckwitnfchieleäwnftffl gesandt. Der Flug Cobham wurde vline durch einen Schade^ des?lpparntes hervorgerufenen Aufenthalt durchgeführt. Dre Zahl der tatsächlichen FlitgstNttden betrug 321. EoMhüm begüttn am 30. -I u n i feinen Flug, der durch schlechtes Wetter sowie durch «Sitten Aufenthalt von einer Woche in B a s r a infolge des?l b l e b e u § .f e i- N e s Mechanikers verzögert wurde- »ber iit vollem Fluge in dar WWö von efrmdti§ch einen SC r a b c r ab-- ■sefeuerbn ugel g etto f f c.tt worden war. Der Apparat hatte bereits mit. demselben Motor bei citietn Mtkge Nach INdie n. uttd zurück sowie nach S Ü >^ a f r i k a UW Muck Wrwendung gefun>derr. einer anderen Entstellung zu ihm, ivte zu beni Judettiwnt überhaupt. 4 ... Was mir an Korttgvlds Musik noch als spezifisch jüdisch erscheint, das ist seine starke Betonung der rhythmischen und melodischest Elemente — etwa die Tanzmotive in „Biolanta" und Mariettas Tanz in der „Toten ©tobt" als rhythmische Betonung ebenso die von Meyerbeer und dSr Grattde opera her bekamnen dokorativinr Auf züge, die er illustrierend umschreibt, aber doch nicht int Sinne der äußeren Nachahntuug, wie etwa bei Richard Ärauß, sondern mehr im Sinne dev orientalischen Musik, die, wie wir gesehen haben, nicht denkbar ist ohne den sinnlichen Slusdruck des Tanzes oder dcs Aufzuges. . Wie sehr Korngold iit seiner Musik vorn Rhythmus ausgegangsn ist, sitzen wir nicht ttur daran, sottdern auch an der freietr Handhabung dos Taktes, besonders in feinet, Opern. Mat, vergleiche. dazu als schlagendes Beispiel die deklamätonscheit Partie:: der „Biolanta", die dort der Takt - einteilung vollkommen uttabhängig sind. SRarschlieder begegnen uns in der „Biolania", wie Kinderlieber in der „Toten Stadt": zwei weitere Merkmale der jüdischen Mitsik. Interessant — und nicht nur interessant! — ist auch vre Tatsache, daß bereits in der „Biolanta" mehrfach die Ganztonleiter erscheint, in einer Zeit also, in der Konigold ganz gewiß noch nichts von ihrer brennenden Aktualität wußte. Tie Gattztonloiter ist bei ihm so elementar jüdisch wie bei Schönberg oder wie bci Mahler die Petrtatonik uttd bei Bertthard Sekles die Slnklättge an das arabische Tonsysiem. Hier drängt sich überall aus dem Unterbewußten Verschüttetes hervör; die Tonsprache des Judett ist eben nicht dev Treitlang, sondert: einzig das, was er vom Oriottt her noch> im Blute trägt. „Der Ring des Polhkrates" ist bei Korngold ebenfalls kein Zufall, wie die -Rusik zu Shakespeares „Biel Lärm um nichts^: vielmehr ist dieser eigenartige Humor mit seiner letfeu Ironie ein psychologisches Merkmal, dem wir im ostjüdischen Volkslied ebenso oft begegnet, wie bei Mahler und wofür Offenbach bis jetzt der klassische Ausdruck geworden ist. Auch hier klingt überall viel Berdrättgres hindurch -** das ist es wohl, was diese sonst allgemeinmenschliche Erscheinung zu eitler spczisisch jüdischen macht. Dia jüdische Ironie uttd der jüdische Humor sind immer von einer verstecktett Wehmut durchzogen, tzentt dahinter liegt etwas, daS schreiert möchte uttd doch nur lnchett darf. Ist Korttgvlds Musik auch tticht so sehr dort dieser sceii schen Problematik besclßvert, s» trügsie doch Keime ' Versteckten, bis ihr verdrängt?«! Jndentttt't