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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-02 · Heft 2730 (2.10.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2730 (2.10.1926)
Date
1926-10-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite l Men. Samstag *■!? —- ■———'^ — Neu «rttiffnetff Herren- und Bamenstoffe ln große* Auswahl zu billigsten Preisen bekommen Sie bei ADOLF LEIB, L, Raft0nst0lf Nr. 3 (Nähe RotenttirffistraC'*.:) laManqserlelcIiterung Mn« Mliaafsdilagl Das ertüchtigte Sesterreich. Im Finanzausschuß des österreichischen Nationalrates „ k es eine Militärdebatte gegeben. Das ist eine einigermaßen ungewohnte Aussprach:. Das Militär ist in Oesterreich eine Zache von untergeordneter Bedeutung geworden: man vergißt dabei freilich, daß die AnsrechtcryaOang dieser Armee selbst in dem Ztvergansmaß, das der Friedensvertrag dem kleinen Staat gestattet, das Budget zu fast einem Neuntel belastet, Die Präsenz ist in dem erlaubten Stand nicht erreicht, das Heer zählt fast mehr Offiziere und Chargen als Mannschatten. Trotzdem verschlingt es genau das Dreifache des Betrages, der für die doch ungleich wichtigere Volksbildung ausgeworfen wird. Den Daseinszweck dieser Armee kann niemand ergründen. Auch ihre begeistertsten Anhänger können ihn nicht ang-ven. Einen Krieg kan»» und braucht Oesterreich »licht zu führen. Seine Integrität ist durch Friedenspakt und Genfer Protokoll verbürgt, mehr »roch aber durch die geringe Verlockung, österreichisches Gebiet zu erobern. Die Assistenzen bei Elementarkatastrophcn, die der Heeresminister hcrvort)vb, sind gewiß sehr lobenswert, aber sie könnten doch ebensogut von den Feuerwehren und Sportvereinen geleistet werden, die sich sicherlich an Hilfsbereitschaft nicht übertreffen ließen. > Entspricht nun die Armee keinem tatsächlichen außenpolitischen Bedürfnis, fo scheint sie doch ein geistiges Bedürfnis zu erfülle»!. Es deckt sich wahrscheinlich genau mit der Spannung im Budget für Schule und Exerzierplatz. Die Armee ist ein Mittel der geistigen Erziehung, so wie eine solche hierzulande gewünscht wird. Die Ablösung der Burgwache ist hier als Volksnahrungsmittel nicht mehr in Uebung, aber ihr innerer Sinn ist geblieben. Die Welt da draußen erschöpft sich in Abrüflungssorgen, Kommissionen der Regierungen und des Völkerbundes reden sich heiser in pro und contra Militarismus. Oesterreich klopft seine Gewehrgriffe und wenn einmal die soziale Frage bei Bodenbach Halt machte, so ist jetzt Buchs ein unüberwindbares Hindernis geworden. Man -behauptet, daß Oesterr'eich nur ans dtnn Rückweg zum Kalbfell ganz genesen könne. Die Ertüchtigung der Jugend — Verzeihung für dieses schreckliche Wort! —, ihre körperliche Ausbildung, ihre Gewöhnung an Selbstdisziplin, Verantwortlichkeitsgesühl, Kameradschaft — das alles könne nur durch den Feldwebel und das Dienstreglement erreicht lverden. Diese Argumentation fällt allerdings in sich zusammen, we»»»> man an die Vereinigten Staaten von Nordamerika denkt, die sich als Gemeinwesen neben irgendeinem Militärstaat noch imrner sehen lassen können und den Militarismus in diesem europäischen Sinn gar nicht kennen. Aber bei uns geht es gar nicht um diese Dinge, sondern um politische Zwecke. Hier handelt es sich darums, den Korporalsgeist nicht aussterben zu lassen, die Waffe und die Beschäftigung mit ihr als adelig zu erklären, und in die Gehirne die Ueberzcugung zu pumpen, daß nicht die Arbeit des Mannes, sein Wissen und seine Leistung seinen Wert bestimmen, sondern seine Tauglichkeit zunr Gehorsanl. Nicht für irgendeine geistige Idee, sondern für einen Befehl, einen höheren, eine Obrigkeit. Daraus ergibt sich dann die Scheidung der Menschen in Kasteiy. in befehlende und gehorchende. Das masochistische Prinzip beschrankt sich nicht auf die Parteien des Militarismus und der Reaktion, es ist auch bei den Parteien anzutrefsen, die für die Menschlichkeit einzutreten vorgeben. Und so sehen wir in Oesterreich natronäliftische und sozialistische^ agrarische und städtische Wehrformationen; der Prvfvsr ist in die politische Entwicklung eingetreten, ja er ist sogar einer ihrer.wichtigsten Träger. Aus diesem Zustaud, den man hierzulande Republik nennt, ergibt sich mit zwingender Logik, daß auch die Volksvertretung über das Militär debattiert und daß sie sich bmnit. abfinden muß. wenn erwachsene Me, scheu zur Strafe zehnmal abschreiben müssen: „Ich soll in der Einteilung nicht lachen!" Denn in dieser Republik ist die infantile Auffassung politische Maxime, daß der Menst, in die Einteilung gehört, das; er in Reih' und Glied stehen muß. Welche Fahne vor seiner Gruppe getragen wird, ist eigentlich nebensächlich. Hauptsache ist, daß »narschiert wird und daß die Freude am Rhythmus zu einem wesentlichen Bestandteil der Parteiprogramme wird. Die Weltanschauung und ihre Känipfc reduzieren sich hier auf rechts oder links g'schaut! Und was anderivärts sich in geistiges Kämpfen um Ideen vollzieht, das manifestieren hier die Signalbläser. Ist es da verwunderlich, das; der Heeresminister, ohne auf Widerspruch der Opposition zu stoßen, mit Bedauern konstatiert, daß wir keine Flugzeuge bauen und keine Giftgase fabrizieren? Die Opposition und die Mehrheit haben nichts einzuwenden, höchstens das eine, daß der verdaunnte Friedensvertrag es verhindert, daß auch die diversen Einwohnerwehren, Sturmtrupps und Schntzbiinde mit Flugzeugen und Gasbomben r- < werden. Zieme Margenzeming Haust 9u.sne.nen Gigier, hau ich Seinen hieuMtf! Wegen der Doppelrölle, die der sozialdemokratische Abgeordnete Tk. Eisler als scharfer Ankläger gegen Mitglieder der steirischen Landesregierung im Centralbank-UntetücchungsauDhußlind als bezahlter Anwalt derselben steiriM n LanMregiekNng 4 6ei Abschluß ihres DeUaran eb.'ns spielte, verlangt die christlichsoziale Presse den Ma n d at v v ürzicht- Eisl er s. Ter . Geger.zug erfechte nun gestern im sozialistischen Abendblatt, das von denehemaligen Finanzrnirnster Tr. K i e n b ö ck Amwort auf die Frage verlangt, ob cs wahr sei, daß die Vertrag e, die die Bodenkrcditanstalt bei Aufnahme des ö-Milliow'n-Dollar-AnlehenS' für die niedcrösterreichischc Lanowir-schitst mit ihren amerikanischen Geldgebern schloß in srinec Kanzlei zustande .kamen und daß seine Kanzlei dmür die ansehnliche Summe von 3Vs Milliarden erhielt. Darauf antwortete nun Dr. Kienböck nach dem Muster der bekannten Anekdote vom entliehenen Topf. Erstens habe die Anleihe nicht 5 Miniem»» Dollax, sondern nur 2,409.000 Dollar ausgemacht. Er habe nur zusam men mit einem amerikanischen Anwalt di: amerikanischenglische Gruppe, welche die Anleihe mit der Bodcnkredit anstatt abschloß, in juristischer Beziehung beraten und vertreten. Sein Honorar habe übrigens nicht!d r e i Milliarden, sondern nicht einmal eine halbe Milliarde betragen und sei von den Amerikanern bezahlt worden. Unterdessen haben die Christlichsozialen gegen Eisler eine »reue Mine aufflattern lassen. Tic seit einigen Tagen von ihnen für solche Zwecke benützte Wochenschrift „Das Tribunal" stellt nämlich die Behauptung auf, daß Tr. Eis «er seit einigen Tagen im Wege seiner Parteifreunde zum A n w a l t der Wiener Straßenbahnen bestellt worden sei. Slnheltriront der Hakenkreuz»« n«o Monarchisten. Von Waber bis Schager. — Eine neue Knüppelgarde. Wie die „Korr. Herwei" .erfährt, treffen bereits eine Reihe antisemitischer Organisationen Vorbereitungen für die Gahlen in den Ratioiialrat. Vor einigen Tagen hat in Linz eine Beratung der Führer des Alldeutschen Verbandes stattgesunden, bei der beschlossen wurde; eine gemeinsame Wahlplattform der Grohdeutschen, der Landbündler und der Nattonal s o g i a l i st e n zu schassen und diesen Gruppen auch die konservative Volkspartei (Schagecpartei) anzuschließen. Fiir die Aufnahme der Schagerpartei sei der Umstand maßgebend gewesen, das; diese auf national-monarch i st i s ch e r - G r u.n d l a g e steht und sich den anderen nationalen Gruppen dadurch genähert hat, daß sie die dpnastische Frage a»»s ihrem Programm völlig allsgeschaltet hat und lediglich für daö monarchistische Prinzip auf nationaler Grundlage eintritt. Nach den Vorbesprechungen ist beabsichtigt, eine Wahl- Vereinbarung auf der Grundlage Zustande 'zu bringen, daß in Wahlkreisen, in denen ein Kandidat dieser vier Gruppen auftriti, kein Kaildidat einer, der drei anderen Gruppen kanditieren darf. Schwierigkeiten'ergeben sich noch durch das derzeitige Verhältnis der Großdeutschen zu den Christlichsoziale!!, doch hofft man, diese durch de u D v u ä t c t n a t '• o u a I c i; V c v - e: n c nbernünden zukönnen. Ans Anregung der Schagerpartei lvur.de auch ein deutschösterreichischer Schutzbund namens „A [per u" gegründet, der bei den kommenden Wahlen auch den Versanunlungsschutz übernehmen will. Es wurde auch ein gemeinsames Vorgeh c n m t i d e m V a t c r l ä n d i s ch c n S ch u tz b u n d der Nalionaliozialisien, der Front! ä m l’r nn r r c i n i g n v g und den £i e i m w e >3 v e n voröcrel Beschlagnahme »on MnniliimserzerrsmigrimalÄine». Die interalliierte Mi.uä^out.)ltlom»nissiou hat durch ihr Liquid >ru»»gsorgcm einen vom Ing. Aldcr ans Wöllersdors wew>cb ach en Maschinenpark Lesch ag ahmen lassen, der nach Meinung der iuleraNii eten Kontrollkommission zur Erzeugung von M it nirion u n b anderen: Kriegsmaterial verwendbar und daher nach den Bestimmung,en des Fricd.'UsvertrageS n »r v r a u'ch bar zu machen 'ist. Halb offiziös wird hiezu nutze, teilt, daß es sich in diesem Falle um Bcaustündnngen von stüen des Liguidierungsorgans handelt, deren Berechtigung nicht einfach bestritten wer den kann und über die gegenwärtig Verhandln"-'"' mit dem Liqui dierungsvrgan im Gange sind. Sethlen« wahrer Gesicht. Der Rassenschützler Eipöcz — Bü'.'gcrmeistcr von Budapest. Budapest. 1. -Oktober. Heute »lachinittags fand un Neuen Nathans die S t i ch w « h l für den Bürgerrncisterposten statt. Es wurden 302 Stimmen abgegeben. Kurz vor 7 Uhr abends verkündete Vizebürgermeister Folkgshazy das Wahlergebnis. Danach hat ber bisherige Bürgermeister Tr. Eugen Sipöcz 166, der demokratische Kandidat und frühere Bürgermeister Stefan Barezy 136 Stimnlen erhalten. Dr. S i w ö c z, der Kandidat der christlich nationalen Parteien, ist somit zum Bür germeister der Hauptstadt g e w ä h l t- Di? Erregung in Budapest war joähkend des gcmzen Tages außerordentlich groß. Das Rathaus gl bände war von einer riesigen Menschenmenge dicht umlagert und auch vor den Zeitungsredaktionen sammelten sich Hum 2. Oktober li&i 9ft. 8780 derte von Menschen an, um chcstellS Kenntnis vvn . - Ausgang der Stichwahl zu klangen. * Die Bethlen-Regierung: hat jetzt wieder chr n-a. Gesicht gezeigt. Graf Bethlen hat, als er vom Bub? pester Rathävs Gefahr für seine Politik witterte, fetret Urlaub unterbrochen urck» nach dem Ergebnis der Han - l Wahl am Mittwoch die vvn ihm ernannten Mitglieder b;r Gtadtrepräsentänz zur Abstimmung für den christlichnat-- nalen i^ipörz, dessen Antisemitismus und kormpte Wirt schast die Ungarische Hauptstadt an den Ruin gebracht haben, kommandiert. Tie Glocken der Jnnerstädtc. Pfarriirche lälüeten zu Ehren des christlichnationalen Bür germeisters. Im Gemeinderat selbst wird dieses echt nn garische Wahlergebnis wohl ein anderes Echo finden. Di - Ruhe und Eirttracht im Budcchester Stadthaus, die durch diese Wahl hätten Mrchert werden sollen, ivird mit SI pöcz als Bürger,neister kaum möglich sein. Am »enefch. Pr»rg. 1. Oktober. In: Zusamme»lhang mit der bevorstehenden Parlamentarisierung des tschechoslowakischen Kabinetts wird der Kämpf u»n die Person des Außenministers Dr. Benesch wieder attuell. „Pravo Lidu" zufolge verlangen die Klerikalen, Nationaldemokraten un''^ Agrarier die Opferung des Außenministers. Um die Stelle Dr. Benesch' bewirbt sich der Agrarierführer Milan Hob za. Die Haltung Svehlas ist, wie das zitierte Blatt an gibt, zwiespältig. Er liebt Benesch nicht, respektiert ab/ anderseits die Wünsche des Präsidenten Masaryk und ha l auch Hozba nicht- 'für qualifiziert, um das Aüßenporte feuitte zu iibernehinen. Das Blatt sicht voraus, daß man versuchen wird, Tr. Benesch im Parlament zu stürzen, wa? allerdings nur mit Hilfe der Deutschen möglich wäre. mi UEE UUilElUimUi Iioett. Eröffnnng der Tagung in Salzoncg. Salzburg, 1. Oktober. Nachmittags wurde im 9tuteisaale der Residenz in besonders sererlicher Weise di»e Tagung des G e n e r a l r a t e s öerVölkerbundl'i-gen in Anweseicheit des Erzbischofs Dr. Nieder, des Landeshauptmannes, des Bürgernleisters und der Spitzen der Behörden vom Vorsitzen'ken Dr. D o l l f ü s (Schweiz) eröffnet. Die erste Sitzung brachte Begrüßungen der Bundes- und Landesregierung sowie der Stß-t« Vertretung Salzburg. Sodann skizzierte Vorsitzender Roger Dollfus die Aufgaben dör Völtevbundligen Mwie die Zusammenarbeitzwischen Dolkerb-und und Völkerbundligen-Umon und gab dein Wurrsche Ausdruck, daß die Resultate der Saß-burger Tagung die Bestrebungen der Union ein gutes Stück ihrem Ziele -näher bringen mögend -Hieraus wurde die offizielle Eröffnungssitzung geschlossen. In der sich nach kurzer Pause anschließenden Arbeitssitzuug des Gen-eralrat-eS wurde zunächst auf deirtsctten Vorschlag Professor Aulard von der Sorbonne unter lebhaftem Beifall der Versammlung für 1027 zum Präsidenten d e r U n i o n gewählt. In seiner Ztntrittsrede dan-kte Professor Aulard für die ihm znüeil gewordene Ehre, die zugleich eine Anerkeirnung jener vös'keimerbindendLn Ibsen fei, die die .große französische Revolution formuliert habe, was wohl in gleicher Weise ein Ausdruck der Sympathie für Frankreich und eine Ehre für seine Person sei. Zu Vizepräsidenten wurden gewählt: an Stelle Aulavds der bisherige Visepräsid-ent Roger D o l l f u S, an Stelle des stat-ntengemäß ausscheidenden Vizepräsidenten Bernstorff (Deutschlanb) der Vizepräsident -der deutschen Völkerbnndliga in Berlin, Regierungspräsident a. D. Dr. Jung mann, an Stelle des griechischen Vizepräsidenten Rektor Pankraty (Bukarest). Eine lebhafte Debatte entspann sich über die Wahl des Voosißenden der italierci'schcn Vötkerbnndliga G i an i n i; Professor V o n v e t. der Vertreter -der Schweizer Völkerbnndl'i'gen. sowie Baron Sternbach, der Vertreter der M'mderheitsligen in Italien, traten für eine Vertretllng Italiens ein, die auch schließlich gegen die Stimme Spaniens angenommen wurde. Damil schlossen die Beratungen, die »norgen fortgesel^ Ae palSMnensischen Araber. Die Berhandluiigeu uuii England abgebrochen. Jevusalem, 1. Oktober. In den Verhandlungen, die zroischeir einen» Vertreter der 'palästilrerrsischen Regierung und gewissen arabischen Notabeln bezüglich der Einsetzung, eines Legislative Council in Palästina stattfin- -den, ist, wje „Felestin", das offizielle Organ der palästinenlsischen arabischen Exekutive, bestätigt, eine Stockung eingetreten, und Mar derart, daß die Ver-hand-lungen abgebrochen werden inußten. Der „Felostin" fordert, daß die.Notabeln nunmehr -die Einzelheiten der Verhandlungen wie auch alle dlrzngehörigen Dokumente bür Oeffentl'Weit übermitteln. (Die „Wiener Morgenzeitung" hat am Donnerstag die Antwort der Regierung auf 'ba$ Mcmorairduln mitgeteilt, J pnonnchmbar erklärt wurde. Red.)

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