Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2725 (26.9.1926)
- Date
- 1926-09-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4 Dien, Sonntag Wiener Morgemeitung 26. September 1926 Nr. 2725 8» Quarantäne. Selbfterlebiu von Dr. k. M. Zweig iIerusalcm). federn, der eine Fahrt nach Palästina vor hat, schwebt -ic Quarantäne dort als ein dunkles Schreckgespenst vor, dem man — wenn irgend möglich — ausweichen soll. Niemand aber von den Palästinafahrern weiß recht, was matt bei dieser Quarantäne riskiert. Wie kommt das? Die maßgebenden Zionisten, die nach Erez Israel reisen, machen eben, da sie die höheren Schiffsklassen benützen, die Quarantäne nicht mit; hat man ja schon von der Impfung gegen Pocken, welche jedermann, der ins Land kommt, zu überstehen hat, gerade genug. Und die anderen, welche sich der Quarantäne unterziehen müssen, lassen von ihren Erfahrungen nichts verlauten: denn sie sind herzlich froh, diese Leiden hinter sich zu haben, und das neue Leben im Lande mit seiner Fülle von Arbeit und Mühsal verwischt rasch die ersten Eindrücke bei der Landung. Um diesem Mangel an Information ein wenig abzuhelfen, seien meine Erfahrungen, soweit dies im Interesse der Sache gelegen scheint, hier vorgebracht. Und zwar will ich speziell von Jaffa sprechen; denn in Haifa oder Kantara ist es ja wieder anders — schlechter oder besser — bestellt, und hierüber mögen andere zum allgemeinen Besten berichten. Als ich jüngst mit der seit Jahresfrist zwischen Triest und Jaffa verkehrenden direkten Linie des Lloyd nach Erez Israel heimkehrte, benützte ich auf dem Dampfer „Carniolia" mit Absicht die dritte Klasse, um persönlich festznstcllen, was an der Quarantäne daran sei. Im Morgengrauen des 1. September warfen wir vor den Hafenklippen von Jaffa Anker. Alsbald legte an unserem Schiff ein mit der gelben Q':arantäneflagge gekennzeichnetes Boot an, dem die Prüfungskommission ' entstieg. Bon dem Quarantäne- und dem Schiffsarzt mußten dann alle Passagiere defilieren, worauf jene der ersten und zweiten Klasse rasch abgefertigt und ausgebootet wurden. Nun erst kam die Misera Plebs der dritten Klasse vor die Kommission und jeder bekam — es waltete schönste Unparteilichkeit, die niemanden, welch' Standes und Herkunft er auch war, eine Ausnahme gönnte — die vorschriftsmäßige gelbe Karte mit der odiosen Inschrift ausgefolgt: „In Quarantäne!" Das ronwntische Kapitel der Ausbootung, zwischen den umbrandeten Klippen durch, ist genügsam bekannt. Die erste peinliche Ueberraschuug war, kaum daß wir festen Boden unter den Füßen hatten, daß sich die arabischen Bootsleute mit lairtem Geschrei aus uns stürzten und stürmisch 25 Piaster pro Kopf Fährlohn verlangten. Die laichenden Juden, die natürlich kein Wort arabisch verstanden und von denen viele noch an der Seekrankheit litten, waren ganz verwirrt und hilflos und ohne Ahnung, ob das Verlangte eine Gebühr oder eine Willkür sei.'Nirgends ein Organ des Misrad Haalija (des zionistischen Einwanderungsamtes) und nirgends sonst ein Dolmetsch — handelte cs sich ja um Seuchenverdächtige, die streng zu isolieren sind. Schon hier zeigte sich die Zurücksetzung der Quarantänepflichtigen hinter den anderen Reisenden, die, von jeder solchen Belästigung frei, beim Misrad die Gcsamtabrechnnng über alle Landungskosten erhalten und begleichen. Inzwischen tvaren wir auch schon von Polizisten des P. H. D. (Palestine Health Departement), durchwegs Arabern und Halbnegern, in Beschlag genommen? Das Handgepäck hatten wir schon bei der Ausbootung aus den Augen verloren. Die Polizisten führen uns dem Quarantänearzt Doktor Shami, einen! orientalischen Juden, in seinem Bureau vor, wo man uns verhört und registriert. Tann ntüssen wir auf einen! sehr knapp begrenzten Teil des Hafendammes, im vollen Sonnenbrand stehend — es gibt dort weder Dach noch Bank — auf irgendetwas warten. Die Bekannten und Verwandten, welche zum Empfang nach dem Hafen geeilt sind, darf man nur von weitem begrüßen. Um 10 Uhr vorinittags endlich fährt der „grüne Wagen", ein vom Misrad Haalija beigestellter Autobus, vor, der die Wartenden partienweise nach der Quarantänestation bringt. Diese liegt südlich der Stadt, laut internationalem Reglement, fünf Kiloineter entfernt, ain Seeufer. Ein großes Viereck im Dünensand ist mit Stacheldraht abgcs p e r r t. An der Frontseite gegen das Meer, wie auf beiden Flügeln, Steinhäuser und in der Mitte des Platzes ein Längszelt mit Tischen und Bänken darunter. Nun werden Männer und Frauen gesondert in je einen Raum eskortiert. Ein Polizist überreicht jedem ein blaues Büßerhemd mit verdächtigen Flecken darauf und erteilt den inehr als schroffen Befehl, sich rasch zu entkleiden. Vergebens siehst du dich nach einer Kabine, Zwischenwand oder einem Vorhang um. Diese Art Zwangsgemeinschaft ist, besonders für alte Männer oder Frauen oder für Leute mit Körpergebrechen, zweifellos höchst peinlich. Schuhe sowie Geld und Wertsachen darf n!an beiseite tun; diese letzteren nniß inan daun, mangels eines Safes oder einer sonstigen Verwahrungsmöglichkeit, stundenlang in einen! Sacktuch rnit sich hcruintragen. Alles ' übrige, was man anr Leibe hat, Wäsche und Kleider, wird in numerierte Säcke gestopft, diese schleift der Polizist z«m Lesinsektwnsapparat. Nachdem man von dem arabischen Badeknecht geduscht und mit Lysol emgeschmiert worden ist, mutz man über den brennheißen Dünensand — Sandalen oder sonstigen Fußschutz gibt es nicht — zum vorerwähnten Zelt voltigieren und neuerdings warten. Endlich ersolgt der Vor^ ruf zur Pockenimpfung. Die Frauen da, die Männer dort, ziehen im Gänfemarsch an der Krankenschwester, einer Jüdin, vorbei, welche die Impfung mit Assistenz zweier arabischer Polizisten zu besorgen hat. Jede Berufung auf frühere Impfungen, und seien sie rwch so glaubwürdig von Aerzten oder Ämtsstellen inr Auslände attestiert, bleibt grundsätzlich unbeachtet. Ja auch Impfungen, die bei einem früheren Eintritt ins Land von den palästinensischen Quarantänebehörden vorgenommen worden waren, nützen nichts. Höchstens ein noch frisches Jmpfmal kann dich befreien. Recht mißtrauisch verfolgt man nun die Jrnpfmanipulation; immerhin wird, so oft ein neuer vorkommt, die Jmpfnadel leicht im Feuer geglüht. Ein kleines, recht lehrreiches Intermezzo: erst eine, dann drei weitere Damen ersuchen, statt am Arm — am Bein geimpft zu werden. Die Schwester erklärt zunächst dezidiert, das sei gegen ihre Vorschrift, fügt sich aber, als die Damen mit Streik drohen. Wieder muß man im Zelt warten, und zwar — wie allmählich durchsickert — auf den Quarantänearzt. Die Ungeduld steigt, und als die Polizisten ankünden, jetzt werde ein Mittagmahl verabreicht, verlangt die Mehrzahl, trotz Hunger und Durst, man solle sie doch lieber freilassen. Die Polizisten zucken darauf die Achseln und setzen Tee mit Brot und Jam, für jeden ein Ei und für je zwei Personen eine Sardinenschachtel auf deu Tisch. Endlich erscheint der Arzt. Neuerdings werden Schafe und Böcke geschieden: dioTouristenund Rückwanderer freigegeben und die eigentlichen Einwanderer zur Impfung gegen Typhus rückabgeführt. Für das bisherige Vergnügen hatte ich au einen Beamten, anscheinend von der Regierung — eS war wenigstens der erste Europäer, der mir bisher zu Gesicht kam — 16 Piaster zu bezahlen, wofür mir statt der gÄlÜen eine Weiße Karte ausgefolgt wurde, mit der Bescheinigung, daß ich — vorbehaltlich weiterer Meldungen bei der Quaräntänebehörde meines Wohnortes Jerusalem — als entseucht zu betrachten sei. Nachdem ich n:ir aufatmend beim Desinfektor meinen Sack geholt hatte, hüpfte ich den anderen Freigelassenen nach, es waren zwei würdige Talmudisten im Partriarchenalter darunter, über den weiten Hof in den Aufnahmeraum Sensationelle Herbst-Angebotei M Unerreicht in Auswahl, Qualität und Preis II im führenden Leopoldstädter Warenhaus Brüder Schiffmann, II., Taborstr. 48 A Telephon 47-1-79 Telephon 43-408 Neuefntiifirung! Sämtliche Schneider- und Modisten-Zugehöre / Billige E InJU h rungspreise! Jedes Kind erhält ein Geschenk! 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