Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1926-09-26 · Heft 2725 (26.9.1926) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2725 (26.9.1926)
Date
1926-09-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2979076-2981549-2981812--27672-3015633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 9 Wen, Sonntng Memer MsrsenzerLuM S6. September 1SV6 Nr. mi ARNOLD Deta uchhaus SCHNEIDER DAMEN u HEPRLNUOrrt I. BaJuumiimaHd 21 v<M FUr.rhmrtH/l; TAILVEßKAUFzuEH0&O5PPEI5EN Aus der Werkstatt des Rationalismus. Im Zuge eines inneren Streites in der deutschböhmischen Häuslichkeit geriet Lodgemann, ehemals Demokrat im Wiener Zentralparlament und dann Revanchechauvinist, mit seinem agrarischen Gegner Krepek vor Gericht. Es handelte sich um eine Ehrenbeleldjgurig, kn der auch ein von Lodgemann an Krepek während des Umsturzes übergebenes Kuvert mit 20.000 K. eine Rolle spielte. Lodgemann war Angeklagter. In seiner Bertcidigungsrede bezeichnete er seinen, gleich ihm auf den Nationalismus geeichten Gegner als den Angehörigen eines „Systems der Zwiespciktwzkekt^ das im höchsten nationalen Pathos spricht Und auf der anderen Seite mit recht gekrümmtem Rücken Und ausgestreckter Hand dastehl, um die Gnadengaben der Regierung kn Empfang zu nehmen". Das ist eine Charakteristik, die nicht bloß für den Maul- Nationalismus deutschböhmischer Marke stimmt. Dieser Radikalismus ist vielmehr überall nur dgs Aviso an den Gegner, die Bedingungen für ein Kompromiß und die Höhe der Bezahlung nur recht rasch zu nennen. Herr Lodgemann, der diesen Radikalismus einige Jahre lang leitete, hat schon bei einer fti'lhereü Gelegenheit seine genaue Kenntnis >. dieser Psychologie bewiesen, als er in einem offenen Brief die Persönlichkeit BaeraNs an den Pranger stellte. Das alles hat natürlich Lodgemann nicht abgehalten, jederzeit in das antisemitische Geschrei einznstimmött Und' auf die Protokolle der Weisen von Zion zu schwören. Lodgemanns Politik ist damit nicht weiter gekommen und die Logik der Entwicklung treibt heute die deutsche Minorität zu einer realeren Anschauung. Das ist Lodgemann nicht recht, weil sein Nationalismus obdachlos wird, wenn einmal ein Ausgleich zustande kommt. Daher auch die scharfe Sprache gegen den Agrarier, der verhandlungsbereiter ist. Wie antwortet nun dieser Nationalist: „Mit Be- . geisterung hat Lodgemann gesagt, wir werden Deutschböhmen mit unserem Herzblut verteidigen! Aber als noch gar kein Schuß gefallen war, da ergriff Lodgemann die Flucht und ließ Deutschböhmen in der größten Verwirrung zurück ... Eine Politik der Jrredentä kann nicht mit dem Maul geytacht-werden, sie kann nur mit Taten gemacht werden. Aber die Taten blieben aus." Der eine wirft Kor ruption vor, der andere klagt Über Feigheit. Man geht nicht in die Irre, wenn man beides zusammen als die Essenz des Nationalismus ansieht. Er nimmt Geld von sämtlichen Altären und betreibt seinen Heldenmut nur gegen Juden. Ihre Ehre darf ungestraft zertreten werden. Aber wenn die Heroen die Gelegenheit für günstig finden, so fahren sie einander wie Furien in die Haare, reißen die Vorhänge weg, zeigen sich maskenlos mit enthüllter Fratze und weisen mit den Fingern auf einander. Sie werden sich aber nachher wieder vertragen und gemeinsam das Lied von den Juden singen. Das Pack, das sich schlägt, verträgt sich hernach. Aber es bleibt Pack und sein Mut schwillt, weil und so lange das Judentum dies duldet. Gäbe es in der Tai eine zentrale Leitung des Judentums, dann würde sich das Bild sehr bald andern. Denn es wäre dann möglich,, der Organisation eine Organisation entgegenzusetzen unb die Judenfrage immer dann auf. die. Tagesordnung zu stellen, wenn es dem Vogromgeist unbequem ist. Der jüdische Sejmklub m Polen hat dies jetzt getan und durch einen energischen Schritt ein Kulissenmanöver enthüllt. Der Klub hat einen Mißtrauensantrag gegen den Unterrichtsminister gestellt. Der Antrag ist angenommen worden und obzwar er fürsich allein keine direkte Wirkung gehabt hätte, hat er doch m Verbindung mit einem anderen gleichartigen Votum den Sturz der Regierung verursacht. Welche taktischen Züge immer dem Votum die Mehrheit verschafften, ist nur für Couloirpraktiker von Interesse. Nach autzenhin ergibt sich die Tatsache, daß die illegale Anwendung des Numerus clausus in dem Augenblick, wo sich die Möglichkeit ergab, gestraft wurde. Der jüdische Klub will nicht dulden, daß Polen aus das magyarische Niveau gedrückt wird; er duldet auch keine List. Der Minister batte das skandalöse Dekret Glombinskis m einem Zeitpunkt zurückgezogen, in dem es gar nicht mehr wirksam war. Dieses TaschensPlelerkunMick verfing nicht, obzwar es aus der bewährten Regie des gouvernementalen Hintertreppensyftems stammte. Es konnte nicht verfangen, weil der Sprecher des indischen Klubs zugleich auch in die Werkstatt hineinleuchlete und dabei die moralische Minderwertigkeit der Iudenfresserei aufzeigen konnte. Es zeigte sich, daß man es sich richten kann, das heißt, daß die Bekenner des Antisemitismus Verständnis für Bakschisch besitzen. Und das ist, wie Hamlet sagt, der Humor davon. Das Spiel geht aber nur so lange, als eS keinen Widerstand findet. Der jüdische Klub hat einen Mißtrauensantrvg gestellt und der Minister ist gestürzt. lieber den Numerus clausus. Das ist eine Tatsache, die das jüdische Volk in Polen gesetzt hat, und diese Tatsache spricht für sich. Sie wirkt überall hm, wo man in der oder jener Form sich mit ähnlichen Plänen trägt und sie ist von nicht zu bestreitendem Wert iy dem Augenblick, wo der Völkerbund seine Session schließt ohne sein Versprechen erfüllt äu haben, Ungarn zur Revokation seines Schandgesetzes zu zwingen. Sppenhelmer über den ~ “ . Segen die SSwmMtt. — Palstlsina — dar Aeaber-guden-Land. - ran SM» der Aufbaa» entscheidet die LandvIMast. — Sp-endeimer« VorschlÜgr jnr flnieJiitng einer Mischen »aneralchaft. Der berühmte Rattenalökonom und SkMteg« P«fsffor Franz Oppenheimer hielt gestern Übe« Einladtttig dsk östtrreichischeu KereN^Hajessob-Konimission im dicht gefüllten Witteren Kott-erthauss^ale einen sehr interessanten» scharf prsftlterten Vortrag über seine Bkltdienroise durch das jüdische Palästina, übet ivelche er auch der Zionistischen Exekutive einen Bericht Erstattet hat, der demnächst publiziert werden soll. Wir geben nachstehend im wesentlichen den Inhalt seiner fast zweistündigen Ausfüh rnngen wieder.! Oppenheim« nxmvre sich zunächst gegen die Kritiker, welche just von der jüdischen Arbeit in Palästina einen lobprozentigen Erfolg fordern. Dies sei Ungerecht, Senn noch nirgends habe man einen derartigen Evfolg staatlicher Maßnahmen erlebt, und es fei eine durch die Erfahrung erhärtete Tatsache, daß in aller Welt von rund 106 Unternehmungen NUI drei vollkommen pro spevtereN. Wenn diejenigen, welche die politische und wirtschaftliche Entwicklung in Palästina schwarz sehen,, sich in gleicher Weise auf europäische Zustände einstellen würden, müßten sie nach Verlauf von zehn Jahren furchtbare Verhältnisse gewärtigen. Das wich tigsre Aktivum in der BilatH der Zukunft sei, daß in Palästina mit einem dorbildlichen und heiligen Eifer gearbeitet wird. Es sei schön, zu sehen, daß jeder Vermeint, von der Erfüllung seiner Spezialcknfgabe hänge das Wohl und Weihe des Ganzen ab. Drei Probleme hätten ihn beschäftigt und beunruhigt, als er sich a »schickte, nunmehr zum dritten Male Palästina zn besuchen: das Araberproblem, der Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus und das Problem der lan'd wirtschaftlichen Siedlungen. Was di« Arabersrage anßelangt, sieht'Oppenheimer die Lage als durchaus günstig und gefahrlos, so lauge England seine Hand über Palästina hält. Die Araber kommen, unter der englischen Herrschaft in die Höhe und werden durch die jüdische Kolonisation gefördert. Der Fellache rührt sich, wird in der Bestellung seiner Felder erfahrener und wirtschaftlich kräftiger. Nach Oppenhelmers Ansicht würde-eine Gefahr erst dann eintreten, wenn die arabische Majorität des Landes , in die Minoritätgedrängt würde. Diese Möglichkeit hält er nicht für gegeben. Das Tempo einer Einwanderung, wie es während der vierten Alisah einsetzte, sei nicht durchguhaltM'. Nnd - da ^tzi« .Wische Frau m Palästina nicht geneigt sei, sich zum Kinderautomaten degradieren zu lassen, sei mit dem enormen Kinderzrtwachs' der Araber nicht zn konkur« JEDER ART IN IWNSfEft AUSFUHftUNtif BlLUtilT BEI GEBRÜDER BRAININ WIEN, II., 8L0CKEN6ASSE 8 / TEL. 4S-4-33 ÖW rieren. Folgerung ans diesen Prämissen sei die jetzt von den Meisten geteilte Erkenntnis, Palästina könne nur ein Juden-Araber-Land sein oder — werde ein reines Äraberland bleiben. Was das zweite Problem. den Gegensatz zwischen Kapitalismus und S^ialismus anbelangt, so komme in Palästina die europäische Mentalität deutlrchst zum Ausdruck. Es sei nun eine Abnornlalität, daß ein bis auf die Zähne gewappneter Gewerkschastssozia lis-- mus dastehe — ohne daß ein Gegner zu sehen ist. Es gibt nämlich in Palästina keinen organisierten Kapitalismus. Die Neberspannung des. Begriffes „Ausbeutung" werde sich erst beseitigen, lassen, wenn der orthodoxe Marxismus überwunden seim wird. Er habe «inen Windmühlenkampf gegen nicht existierende Gegner währgenommen. Die übertriebene Gewerkschaftspolltik schädige den Arbeiter selbst, weil sie den Arbeitsmarkt verengt. Keine Gewerkschaft ist stark genug, um die Gesetze des Marktes um-nftohen. Es gebe nur einen gefährlichen kapitalistisch.m Feind im Lande und diesen habe mau nicht rechtzeitig gesehen und trotz Oppenheimers Warnung nicht reAzrittg bekämpft. Es sei der Bodenwnrher, der als «ländlicher und städtischer Bodenbesitz die BevaAerung bedränge. Opperchemier äußerte seine Genugtuung darüber, daß «die Boden- und WchmlngÄoncheror i«n der letzten Zeit eine furcht«bare Niederlage erlitten hätten, hie sie nicht so leicht verwinden werden. Ueber Tel-Äwiw fällt Oppenheimer eth sehr abfälliges Urteil. Man habe den Aufbau der Stadt den kulturlosesten Elementen ausgeliefert und sei gegen die Ausbeutung der Aermsten durch sie nicht genügend tatÜrMig e-ngesch ritten. TelMviw biete ein Bklb «der Sttlllosigkeit, wie etwa l:t Knrfürstendamm in Berlin. Oppenheimer Born dabei attj Details zu sprechen und bemerkt: Die 'Hotelpreise m Palästina bewegen sich auf box Höhe derer von'Kairo, die Gegenleistung hingegen aus der von Lettmeritz. Die aussichtsreichste Stadt — vielleicht der ganzen Levante — sei der Ausgangspunkt «der Petroleumlinie von Mossui ans Midteiimer. der Dtünftigo große Petroleum- und Krirgchasen. ES sei wünschenswert, saß sich der jndkche Natioualsonds in Haifa möglichst viel den sicheze. DadriM PrMM $ tzckS Wichtigste: Ick lartdwittfchastliche Siedlung. Handel M Industrie sind nur Asste am BLNW ver KaiMEitschsst. Der Awnismus siche Md M «tt dem Svfch dsv KiMöivilschLftlichen Kolonisation. Es gebe «drei Formen der kaiMvrvtfchaftLichen Arbeit, nämlich die als Landarbeiter, als Baues unb ölS landwirtfchastliicher Unterneymeki Der AtMsivtschafkliche Arbeiter muß schr Viel und vielerlei SSnm«. KMt lvenn er hochgualifizilevt ist, muß er aber noch iARsk Nicht die Sllgfottttg zum stSMndigen Umevnchner Wen, der die GevantwMtKg Dr Erfolg und Mißerfolg feiner Unternehmung zu tragen h»t. Mw ebenso tm»gt mich der tüchtitze Bauer lange nicht dazu, «inen Groß« amnb zu administrieren. Diese Erkenntnis, auf das Mifche PaMtSna anMvendei, fei Mlstellen: Wk HOökl mch schk tSSiiiM voll Msgebildete Landctkbelter M Von dtsssn P ibichek iW Sitre geri«nge Zahl gesigneh eine BMemw!vtfHch M ksW«. Was die einzelnen Wirtschaftsformen anbelangt, so fand Oppenheimer den Mascha«, wie er gegenwärtig itt Palästina besteht, für durchaus zweckmäßig und erfoligverspkechenv. Schlimm sei nur die Ättgst der Einzel- Wirtschafter vor dem Begriff „llntsrnchtner". Sie haßen eine Höllenangst davsr, in die kapitalistischr KatsgMe eingesrdnet zu Werden und versagen sich Väher setöst, Hilfskräfte anzustellen. Dies hat die schlimme Folge, daß st« sich mit Untauglichen Familienangehörigen belasten und die nöch tvett fchkiMMöre, daß im Moschaw Nicht die Möglichkeit ibestcht, qn-aüfizitzkie Landarbeiter herünzübildeN. Was die Kwüzah anlangt, so rönne man der MS güvAgtt Zähl von GeNSsisN bestehenden Kleinen Kwuzah" eine leidliche Prognose stellen, die große Kwuzah hingegen hält Oppeiihsimei für unmöglich. Sie fei ein Zerrbild der von ihm empfohlenen Siedlungsgensstsuschsst. Die sNtscheideWe Differertzwischen bissen beiden SiedlttttgSfsrmsn bestche darin, daß dir kosperatwe Gruppe nach der Leistung, die kommnnistlschs Gruppe hingegen nach der Kopfzahl verteile. Oppsnhslmer Sank M Mgenben Schlüssen: Mr die ztM-' stlfche lanidwirtfchcrftMchs Arbeit konmen m ©«heute tn Betracht, wellche entweder bereits ansgebilbst« Bauern sinh^ abtzr soiichle, welche in Mer Antellswirtschaft mit eiserner Disziplin zu tauglichen kcmbwirtschastkchen Elementen erzogen mch späterhin stWstäMg gewacht werden, bvziehungslwei.se in Krim bvt. Sied'lnngS geuvssenschaft aneinander gebunden Äteiben. Die Ausführungen des Gelchrtsn., der mit großer Offenheit fein Urteil fällte und seiner besonderen CinfteviMdg zum PalästinaprMsm AuÄ)mck gab, wurden min starksm Beifall austgenommen. . , Sie Uurahe in Stzrkrn. London, 25. September. Die Aufständischen in Syrien haben in den Straßen von Damaskus Anschläge angebracht, in denen ge die Einwohner ausfordern, die Aufstmtdischen zu unterstützen. - BoN den „Times" wird bestätigt, daß der Stamm Hauran sich den Aufstandlschen angeschlossen hat. Ein Bericht au- Aleppo besagt«, daß drei größere Abteilungen Aufständischen kürzlich wieder Mehrere. Raubzüge ansgesührt haben. ( ■ m bient Ute Freundschaftt Düwini berhaftet« Rom, 25. September. Heute abends ist hier der ans dem bekannte D u m i it t wegen B e l e i d i-! güng des Mlnisterpräfidenten Mussolini verhaftet worden. - »elvrechmigm der Valkaamkulfkr In «r«f. Berlin, 25. September. (Tel.-Komp.) Die „Tägliche Rundschau" veröffentlicht ein Telegramm ihres Genfer Sonderberichterstatters, wonach die in Gens versammelten Außenminister der Balkanstaaten unter Teilnahme ihres griechischen Kollegen A r g h r o p u l o s Besprechungen von großer Bedeutung abgehakten haben. Bon einem Balkanpakt nach dem Muster von Locarno zu reden, sei heute zwar noch verfrüht, aber die zwischenstaatlichen Beziehungen, insbesondere das Verhältnis Bulgarienzu feinen Nachbarstaaten würden geklärt werden. Sie erste Mische Siedltmg ln Palästina entdeckt. „Daily Expreß" evfährt aus Jerusalem, daß esder intewationalen ArchäologeiVexpedition, dte von Professor Belli u von der Berliner Universität geleitet wird, gelungen sein soll, die Ruinen der ersten jüdischen Siedlung in Palästina, in Nab lue, 36 Meilen nördlich von Jerusalem, zu entdecken. Professor Sellin erklärt, haß die cmsgesundenen Ruinen die Stätte sti, .tpo Abraham seinen Altar zur Opferung de- Jfaat ousbcmte, und wo, der Sage nach, Joses von seiner Familie nach seiner RüMchr aus Aegypten begraben wurde. Dte Expedition .hak Leite einer Stadtmauer, Tore und Türme und mit Säulen geschmückte Vorbogen ausgegraben. Es witrden auch wertvolle kunstgewerbliche Fnn?e gemacht, dte ntehr als drestauzend Jahre alt sind. 33

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.