Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2723 (24.9.1926)
- Date
- 1926-09-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2723 Mm, Freitag Wiener Morgenzeitung 24. September *926 Seite S Tagesbericht. Kleiner als dar dealbar Kleinste. Bedeutsmne Entdeckung eines Wiener Physikers. Auf dem Naturforscher- und Aerztetage in Düsseldorf hat der ordentliche Professor für Physik an der Wiener Universität, Dr. Ehrenhaft, die Mitteilung gemacht, daß es ihm durch experimentelle Forschungen gelungen ist, die Existenz von elektrischen Elementarkörpern nachzmveisen, die noch kleiner sind als das Elektron, welches bisher als unteilbar galt. Dieses bedeutsame Ergebnis gelang Ehrenhast, indem er einen außerordentlich kleinen Magneten baute, dessen Pole von verschiedener Größe sind und zwei Millimeter von einander entfernt liegen. Durch das Mikroskop beobachtete nun Ehrenhaft die Bewegung kleiner Körperchen von der Größe eines 10.000tel Millimeters. Solche kleine Körperchen bewegen sich, wenn sie ans Platin und Nickel bestehen, von den Stellen geringerer, zu den Stellen stärkerer magnetischer Kraft, dagegen, wenn sie ans Gold, Silber und Selen bestehen, entsprechend besonderen magnetischen Eigenschaften dieser Elemente in umgekehrter Richtung. Aus dieser Bewegung konnte Ehrenhaft feststellen, daß diese kleinen Körperchen kugelförmig und von normaler Dichte sind. Wurden sie aber elektrisch geladen, so betrug die Ladung zumeist nur die Hälfte derjenigen eines Elektrons, Daraus ist der Schluß gerechtfertigt, daß das Elektron, das bisher als der letzte Baustein der Materie galt, teilbar ist. Dieser Nachweis, der analog den theoretischen Grundlagen für die Atomteilung sehr bedeutsam ist, eröffnet der physikalischen Theorie große Perspektiven. Sie erste zigeunerschule in tzurova. Ans Uzhorod wird bevichtet: Auf Anregung des hiesigen Schnlreferates soll an der Peripherie der Stadt die erste Zigeunerschule Europas errichtet werden. Der Unterricht der Zigeuner verursachte bereits den Schulbehörden des alten Oesterreich große Sorgen, denn man. wußte nicht in welcher Form man diese an ein ungebundenes Leben gewöhnten Zigeuner und deren Kinder zum Schulbesuch zwingen soll. Jetzt wurde eine entsprechende Form gefunden und in Fachkreisen nimmt man an, daß sowohl in Rumänien, wie auch Jugoslawien und Ungarn — in den Ländern, Ivo Zigeuner leben — Zigeunerschulen nach dem Uzhoroder Muster eingerichtet werden. Für die Zigeunevschnle in Uzhorod wurde ein besonderer Lohrplan ausgearbeitet und die Kinder werdennur Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Alle anderen Gegenstände der normalen Elementarschule wurden gestrichen. Demgegenüber wird auf den Musikunterricht großes Gewicht gelegt und die im allgemeinen musikalisch sehr begabten Zigeunerkinder in der Musik allsgebildet. Dieser Lohrplan fand die Zustimmung der Zigeuner, die jetzt am Bau des Schulgebäudes fleißig Mitarbeiten. ü—»ja!■■.., ■■■■■■■" ■■■; .ggaeag Rhkon und das Alte Testament. Bon Georg Hirschfeld. Der in nächster Zeit im Verlag Karl König in Wien erscheinenden Biographie Lord Byrons von Georg Hirschfcld entnehmen wir, mit Erlaubnis des Verlages, die folgenden interessanten Ausführungen über Byrons Beziehungen zum Alten Testament und insbesondere zum Kain-Problem. Ter Zusammenhang mit dem Alten Testament ist tief in Byrons Natur begründet. Er war von Anbeginn ein Kind Gottes, das mit seinem Schöpfer hadert. Er widerspricht wie Kain dem Sinn des Opfers, während sein Bruder Abel in der Zufriedenheit des Durchschnittes gedeiht. Luzifer begleitet Byron im Unsichtbaren, aus der Tiefe seiner dichterischeu Sendung, aus deiy Bösen, das unverstandene Güte wird. Auch dieser Poet, der so ganz von Gott erfüllt war, daß er Gott nicht anbeten konnte, hatte Stunden des Zornes. Er hat Abel in Gedanken oft erschlagen und ruhelos ging er von Land zu Land. Die ersten Menschen sind das Urbild unserer Schuld und Sühne. Wer ihre Kräfte geerbt hat, mag es der „christlichste" Aristokrat sein — älter doch findet er sein Bild bei den Juden. Dies hat Byron unmittelbar empfunden. Vor seiner schönen und gebrechlichen Rittergestalt fällt der Stttnlpfsinn Antisemitismus zusammen. Er mußte in seiner ringenden Seele tolerant sein — es galt ihm den Weg des Menschen durch Jahrtausende. Die „Hebräischen Melodien", deren stille Schwermut in der Londoner Glanzzeit von 1814 entstanden ist, geben Zeugnis voll dem „Juden" in Byron. Hier ist ein Ton, als ob Nahe! am Brunnen den schönen Lord gesehen hätte, der lahm Vvrüberwandern mußte. Sie hätte ihm zugerufen: „Bruder, ich will dich pflegen und mit Gott versöhnen." Er traf Rahel nicht, aber dieser Christ konnte den Juden die Verse geben: Wir wandern wie das weife Laub Zur Gruft tu fremder Welt, llnd nie zu unsrer Väter Staub Wird unter Staub geiellt Bon Jephtas Tochter sagt er: ttuv vergiß mch'r sie läckelte, ehe sie starb. Eilt bescheidener jüdischer Musiker, Nathan geheißen, dürfte die Gedichte des Peers von England in Höne setzen. Dieser Nathan überlieferte unß die merkwürdigste Byron- Anekdote. Er erlebte die Entstehung des schönsten Stückes in den „Hebräische» Melodien": „Biele Leute hielten Lord Byrvli wirklich für verrückt« was ihn höchlich, ergötzte. Eines ßrMung »cs gnftaulchaltllnsrrinler. Wie berichtet, hat der deutschösterreichische Gewerbebund unter Berufung auf die allgemeine Steigerung der Auslagen für die Instandhaltung der Häuser, die Einberufung der im Mietengesetz vorgesehenen Landeskommission angeregt, die die Angemessenheit des gesetzlichen Jnstandhaltungszinses' (gegenwärtig der 150fache Friedenszins) zu überprüfen und ihn entsprechend der Steigerung der Mckterialpreise und Arbeitslöhne zu erhöhen hätte. Die Anregung des Gewerbebundes wird nlmmehr den Landeshauptleuten zur Kenntnis gebracht. Schweres «utoutmM bei Wodnia«. Die Gräfin Schönborn tot. Wie die Blätter aus Budweis melden, ist heute vormittags bei W o d n i a n ein dem Grafen Adalbert Schimborn, Herrschastsbesitzer auf Kaitth, gehöriges Auto aus der Landstraße verunglückt. Von den drei Insassen wllrde die Gräfin Adalbert Schönborn, geborene Prinzessin Adelheid Löwenstein-Wert- Heim-Rosenberg ans dem Wagen geschleudert und war aus der Stelle tot; Graf Zdenko Schönborn erlitt schwere Verletzungen am Rücken, seine Gattin Christine bvach sich den rechten Arnr. Der Chauffeur blieb unverletzt, wurde jedoch vor Schrecken wahnsinnig. Bemerkenswert ist die Ursache des schweren Unfalls. Ein Jagdhund sprang einem Hasen nach und lies in die Räder des Autos. Der Chauffeur zvg die Bremse an, wobei auf der steilen Straße die Pneumatiks an den Vorderrädern platzten. Der Wagen geriet ins Schlendern und überschlug sich. Der Chauffeur wollte Selbstmord verüben, wurde aber daran verhindert. Frankreich» Rot an Menschen. Eine Aktion der Liga für Menschenrechte. Am 31. Oktober findet in Metz die Jahresversammlung der französischen Liga für Menschenrechte statt. Eine der führenden Persönlichkeiten der Liga, der Pariser Professor Picard, wird in dieser Versammlung eine Resolution zugunsten einer weitgehenden Einwander ungsaktion beantragen. Er stützt seinen Antrag üuf die Tatsache, daß die Bevölkerung in Frankreich seit dem Jahre 1911 um rund 2,5 Millionen zurückgegangen ist. Dieses Manko wird durch natürlichen Zuwachs im Lande kaum wettgemacht werden, abgesehen davon, daß es geradezu eine E x i st e n z f r a g e für Frankreich geworden ist, sich das notwendige Menschemnaterial in der möglichst kürzesten Frist zu sichern. Daß dies bloß durch einen Zufluß von außen möglich ist, wird bereits von allen, außer den Chauvinisten, anerkannt. . Prof. Picard weist nun an der Hand eines reichen Ziffernmaterials nach, daß in Frankreich noch Platz fiir zumindest 700.000 ausländische Einwanderer ist, ohne die Frankreich weder in der Landwirtschaft, noch in der Industrie vorwärts kommen könne. Die maßgebenden Faktoren in Frankreich müßten sich dessen bewußt werden, daß nicht Frankreich den Einwanderern einen Gefallen erweist, wenn es sie hereinläßt, sondern umgekehrt die Einwanderer der französischen Republik unendlichen Tages brachte er selbst die Rede auf dieses Thema und sagte, er wolle einmal versuchen, wie ein Toller schreiben könne. Darauf ergriff er hastig die Feder, starrte einen Augenblick wild und majestätisch in den Raum, unb dann auf einmal, wie in plötzlicher Inspiration, schrieb er, ohne eine Silbe zu streichen, diese Verse: In mir ist Nacht — o schnell besaite D>e Harfe, die den Gram bezwingt. Erweckt von lei en F ngern gleite Der Schall, der süß und schmelzend kl'ngt. Wenn noch dies Herz nach Hoffnung ringt, Dem Zauberton läßt sie erblüh'», Wenn Tratte noch im Aug' entkvringt. Sie fließt, anstatt im Hirn zu glüh'n. W'lo sei und tief der Töne Fluß, Kein Lied, von Glück und Lust verklärt. Ich ag' dir, daß ich weinen muß — Sonst springt das Herz, von Qual verzehrt. Denn sieh, es ward von Gram genäim, Schlaflos und schweigend kämpft' es lang, Und nun, wo es das Schlimmst' erfährt, Brtcht's — ober detlet durch Gelang. Ein Feind der Pfaffen mit ihren: Buchstabenglauben und ihrer schlecht erfundenen Hölle, betritt der Kain-Dichter den heiligen. Boden der Genesis. Aber obwohl seine großartige Naivität nach dem heikelsten Stoff greift, gestaltet er ihn doch nur im eigensten Ringen, als Abhängiger, Beladener, der den Bruch mit dem Kinderglauben selbst erlebt und aus diesem Erleben dichten kann. Wir Gegenwärtigen ahnen nur, daß unsere junge Generation ein Nettland betritt, in allen Zweifelsqualen und Enttäuschungen das Licht einer inneren Umwälzung findet. Wir wünschen ihr den Sühneweg des Brudermörders Kain. Vor hundert Jahren, als die menschliche Kraft noch nicht von technischer Findigkeit verwässert war, als der Glaube ebenso stark war wie seine Feinde — in jener Zeit erlebte Kain noch einmal sich selbst, indem er der Kritiker einer allmächtigen Ueberlieferung wurde. Das kühnste Wagnis ist nur ein Schritt, keine seelenlose Kilometerleistung. Als Napoleon siegte und unterging, als Goethe, Kleist und Byron dichteten, als Beethoven, Schubert und Weber ihre Müsik schufen, da gab e8 noch den Blick in ent altes und ein neues Paradies, der Mensch sah Erzengel bei den Brenschen, Gott in jedem dunklen Rätsel. Man soll seiner eigenen Epoche keine Vorwürfe machest, denn inan bleibt ihr Geschöpf. Aber es ist sicher, daß unsere Probleme größer sind als unsere Menschen, daß unser ganzer Kennen Sie schon * die grandiose Wirkung des DIANA- FRANZBRANNTWEIN Jeder GESUNDE und Jeder KRANKE wird es Ihnen bestätigen, dass die denkbar beste Wirkung durch Dionn-Franzbranntweln mit Menthol erzielt wird. _ÜBERALL ERHÄLTLICH!_ N u tzen bringen. Frankreich müsse sich daher zu weitestgehenden Einwanderungs- und Naturalisierungserleichterungen verstehen. Bloß zwei Bedingungen seien zulässig: einwandfreier Gesundheitszustand der..Einwanderer und Verhütung einer Lohndvückung durch die Einwanderer. _ Sie Serie der Cisenbahnkalaftropheil. In Frankreich und Japan. Wie aus Parts gemeldet wird, stieß' geuern morgens der Schnellzug Lyon- Paris in der.Stailon M e l u n > n r S e i n e mit mehreren Wagen eines Perionenzuges zusammen, die infolge Bruli es derKuppelungauf dem Geleise sieben geblieben waren. Tender, zwei Packwagen und drei Personenwagen wurden völlig zertrümmert. Bisher zählt mau neun Tote und über zwanzig Verletzte. Unter den Leichtverletzten, befindet sich ein O e st e r r e t ch e r. namens Otto Alexander, in JnnSb uck gebürtig. Nach Meldungen' aus Tokio ist der E x p r e ß z u g Shtmonosek i—T okto entgleist 28 Per onen wurden getötet und bOverletzt. Die EifenvahNattentate in Deutschland. Aus B e r l t n wird berichtet: Drei Schüler tm Älter von 12 und 13 Jahren haben auf der Strecke A I ch e r 8 l e b e n— Halber st adt einen Anschlag verübt, der glücklicherweise ohne Folgen blieb. Sie hatten in mehreren Abständen große Steine auf dieS ch Te nen gelegt und mit ,Dra. tgeflechten befestigt. Da d e Strecke hier im Gefälle liegt und wegen einer starken Kurve unübersichtlich ist, waren die Z ü g e betderFahrtrichtungen in größterGefahr. Der Perionenzug Halle—Halberstadt überfuhrdasHindern i 8 des e nen Gel.tses. ohne zu entgleisen. Nur die schwere Ma- >ch ne wurde stark erschüttert. Die übrigen Hindernisse konnten rechtzeitig beseitigt werden. Die drei Schüler hatten sich an der Böschung v e r st e ck t, um Augenzeugen der ZugSentgleisüng zu fern. Bei dem Erscheinen der Beamten ergriffen sie die Flucht, konnten jedoch verhaftet werden. Wie die Neichsbahndirektion Altona mitteilt, entdeckte und meldete gestern vormittags ein Streckenläufer auf seinsm Dienstgang zwilchen den Bahnhöfen B r a h l st o r f und P r i tz i e t, oaß am Kop f einer Schiene ein kurze 8 Stück herausgebrochen sei. Das betrrffende Geleise zwischen Bradlstorf und Pritz-er wurdesofort g e s p^e r r t. übergescheiter Bildungsapparat in Lässigkeit verdorrt, weil wir auf eine erlösende Natur warten, während rtnsere Zeugungskraft sich an Zivilisation verschwendet. Byron betrat noch den Urboden als Wortführer der Jugend. Die Zeit war reif — ein' kostbares Wort —, unsere Revolutionäre griffen nach grünen Früchten. „Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an", sagt Faust, als er Gleichen in den Kerker gestürzt hat. Es ist der kleinere Faust, der so spricht — er weiß nicht mehr, daß das größte Leid der Menschheit in seinem ringenden Mannestum gewesen, als er an Himmel und Erde verzweifelte und durch den Ostergesang der Einfältigen am Selbstmord verhindert wurde. Nicht betrogene Mädchenliebe ist der tragische , Gipfel des Seins, sondern der Fluch auf Gott und Eltern,'der Mord an dem Bruder, dessen Opfer erhört wird. Diese Auseittandersetzung mit den letzten Dingen,' dichterisch meisterhaft gestaltet, erhebt den „Kain" als Ganzheit über „Faust", wenn dieser auch selbstverständlich in seinen einzelnen Gebilden unerreichbar ist. Byrons Mysterium ist die Legende vom Menschen: Geburt, Leiden, Schuld und Tod. Der Zweifler, der sich treu bleibt, ist der tragischste Held, denn nur Glaube gibt Seligkeit, und Seligkeit ist Nichtsuchen, Nichtwisien. Kein niederer Menschenthp, durch den höllischen Funken ins Große erhoben, tritt als Versucher zu Byrons Faust. Luzifer ist kein höhnender Teufel, sondern der düstere Genius des Leids, der Vernichter des Menschen durch Licht und Wissen. Dieser Mephistopheles erscheint nicht als Pamphletist, sondern als freier gewaltiger Kritiker. Nicht Begierde, und Genuß, sondern den ersten Blick in die Schätze des Weltgeistes gibt Luzifer dem Kain. Seiner Schwester Adah ist. Luzifers Anblick nicht unerträglich wie Mephistopheles dem Gretchen, sondern sie hält ihn für einen der Engel, welche die wunderbare Einfalt der Parädieseskinder oft gesehen hat. Eine leuchtende Symbolkraft, abgrundtief und greifbar zugleich, ist der Dichtung eigen. Immer wieder findet der „moderne" Mensch sich selbst, und doch bleibt gewährt! was biblisch ist. Auch über Vater und Sohn in unseren Tage» könnten die Worte stehen: K a i tu Ich habe nichts zu bitten. A d a mr Nichts zu danken? Kain: Nein. * Aoamr Lebst du nicht? Katnr Muß ich nicht sterben? Gott als Rätsel, Gott als Konstruktion ~ tarntet wieder stehen sich Eltern und Kinder mit diesen Waffengegenüber.