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Wiener Morgenzeitung · 1926-09-24 · Heft 2723 (24.9.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2723 (24.9.1926)
Date
1926-09-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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feit« I DK«, Freitag Wiener Morsteniettuns 24. September 1926 Nr. 9728 Ungarisches. Bor einigen Tagen erst mußten die durch die Jüdische Telegraphenagetttur verbreiteten, bewußt falschen und jesuitischen Angaben des Grafen Klebelsberg zu rückgewiesen und ins richtige Licht gesetzt werden. Heute liegt wieder eine durch die Jüdische'Telegraphenagentur ausgegebene Erklärung des stellvertretenden Ministerpräsidenten und Bolkswohlfahrtsnnnisters, Prälaten Dr. Josef Baß, vor, in welcher der politische Geistliche das Entstehen und die Verbreitung des Antisemitismus zu erklären und zu rechtfertigen bemüht ist. Wie Graf Klebelsberg, verbindet auch Minister Vaß die Gelegenheit des Interviews mit Erpressungen poli tischer und wirtschaftlicher Natur an den Juden Ungarns und des Auslandes. Einleitend stellt Dr. Vaß seiner Re gierung das lobende Zeugnis aus, daß es ihr trotz aller bekannten Schwierigkeiten gelungen sei, das Geld zu stab lisieren und das Land wirtschaftlich allmählich wieder emporzubringen. Dabei bekommen auch die Juden ein Stückchen vom Lob ab, wenn der Minister feststellt: „An dieser Arbeit nehmen die Juden bedeutenden An teil. Tie stellen die durch den Krieg zerrissenen Zusammenhänge mit den F'.nanzkräften des Auslandes wieder her und nehmen wie vor dem Kriege, einen starken Anteil an der Industrie und dem Handel des Landes. Der starke Anteil der Juden an der Industrie und dem Handel des Landes und die Herstellung der Verbin düngen mit der ausländischen Finanz wird also vom stell vertretenden Minister selbst als patriotische Tat begriißt und gutgeheißen. Aber schon bei der Beantwortung der Frage, welchen Ursachen die antisemitische' Bewegung in Ungarn entspringe, erklärte derselbe Minister Vaß, daß die erste Quelle des Antisemitismus in Ungarn „der über große Anteil und die bedeutenden Positionen, die die In den in Handel, Finanz und Industrie erworben haben," sei. Es. fragt sich nun, warum dasselbe, was die Juden in Ungarn jetzt in lobenswerter Weise tun, heute patriotisch ist und vor der Herrschaft des christlichnationalen Kurses geeignet war, eine antisemitische Bewegung zu entfachen? Dr. Baß weiß es genau so gut wie jeder Kenner der Geschichte Ungarns,daß das wirtschaftliche und kulturelle Aufblühen Ungarns vor dem Kriege gerade diesem angeblich „übergroßen" Anteil der Juden am Wirtschaftsleben zu danken war. Ist das ein genügender Grund zur Entfachung des Antisemitismus, dann müßten sich die Juden sehr hütep, jetzt wieder durch Teilnahme an der indu striellen und finanziellen Mederaufrichtung des Landes einen Vorwand für Judenverfolgungen, Judenmorde und Erpressungen -zu schaffen. Aber Prälat und Minister Baß weiß noch zwei andere, nicht minder giftige Quellen des magyarischen Anti semitismus: 2. Haben nicht alle ungarischen Juden den Zustrom von neuen tausenden jüdischen Emigranten, die vor und während deS Krieges ihren Weg nach Ungarn fanden, abzuwehren gesucht Es ist wahr, daß eine Anzahl Juden die Gefahr erkannten und Abwehrmaßnahmen trafen, aber die Nichtjuden, die sich mit der von altersher eingebürgerten und eingesessenen jüdischen Be völkerung abgefunden und sich an sie gewöhnt hatten, konnten nicht die gleiche Empfindung den Taufenden von jüdischen Emigranten oder Flüchtlingen entgegenbringen, die damals ins Land geströmt waren; diese haben viel zur Stärkung der anti semitischen Bewegung beigetragen. 3. Der übergroße Anteil, den die Juden an den radikalen Bewegungen nehmen. Es ist wahr, daß die Juden in allen Parteien zu finden waren, aber in keiner, anderen Partei haben sie einen so starken und führenden Anteil, wie in den radikalen Parteien. Um dieses zu illustrieren, will ich nur darauf verweisen, daß, während die Juden bloß 5 bis 6 Prozent unserer Bevölkerung darstellen, in der Führung der radikalen Parteien 50 Prozent der führenden Personalstellen Juden waren; so ist es klar, daß dies ein Uebermaß darstellt." Das sind zwei perfide Verleumdungen und Erpressungsversuche. Man lese doch diese Enunziation genau. Kein Wort von Gleichberechtigung, von dem Rechte der freien, politischen Gesinnungsäußerung. Die Nichtjuden haben sich mit einem Teile der Juden „abgefunden", mit einem anderen nicht. Die „geduldeten" Juden begingen noch überdies das Verbrechen, nicht in ausgiebigem Maße an der Vertreibung der ausländischen Juden mitgewirkt zu haben. „Eine Anzahl Juden," d. h. die extremen Assiniilanten, waren ja ehrlos genug, mit den Christlichnationalen gemeinsame chauvinistische Sache zu machen, wurden aber, als das große Morden kam, ebensowenig verschont wie die übrigen. Das heutige Lob des Ministers, daß sie gegen ihre eigenen Brüder „Abwehrmaßnahmen trafen", ist ein Kainsmal, eine verdiente Brandmarkung. Ueber die im Punkt 3 enthaltene politische Erpressung ist eigentlich kein weiteres Wort zu verlieren. Der stellvertretende Ministerpräsident Ungarns konstruiert hier einen Numerus clausus der Gesinnung, wie er wohl von einem Staatsmann noch nie erfunden wurde. Dabei wird mit dem Wort Radikalismus ein falsches Spiel getrieben, denn für Dr. Baß gilt die bürgerliche Demokratie bereits als Radikalismus. Salbungsvoll spricht der Minister zum Schlüsse die und der Ungarn (!)" aus, „um so mehr, als die alteingebürgerten Juden Ungarns in den Nachkriegsjahren politisch bedeutend behutsamer und klüger Vorgehen.. .".Zum Lohn dafür ernten diese Lakaien den Numerus clausus, der aufrecht bleibt. 8« Budapest werde« wieder Juden geprügelt. Mittwoch nachts hat sich in Budapest in der Rottenbillerstpaße ein S t r a ß e n e x z e ß zugetragen. In der Nähe der Tierärztlichen Hochschule wurde ein Beamter namens Georg Doktor von drei Leuten überfallen. Sie forderten ihn auf, sich auszuweisen. Als er auf die Frage, ob er ein Jude sei, bejahend antwortete, fielen sie mit ihren Stöcken über ihn her. Er suchte sich zu verteidigen als aber sein Spazierstock, mit dem er die Schläge abwehrte zerbrach, rissensieihmdieKleider vom Leib u n d s ch l u g e n i h n b l u t i g, b i s er zusammen b r a ch. Nach einer Viertelstunde konnte sich Doktor wieder erheben und schleppte sich in die nächstgelegene Polizeiwach stube, wo er über den Vorfall die Anzeige erstattete. Ser amtsmfibe Diktator. Paris, 23. September. Aach einer Meldung der Agence HavaS aus Athen beabsichtigt Ministerpräsident K o n d y t i sich vompolitischenLeben zurück zuzteben. Er habe in einer PotschaftandaS Bolk die'en Entschluß bekanntgegeben. Seine Reg'erung werde jedoch bis zu denWahlsndteGeschäfteweiterftthren. anr Was geschieht mit der zentralbant? Am 31. Oktober lauft das Moratorium ab. Die Angestellten der Zentralbank deutscher Sparkassen, die Montag vom Kuratorium die Kündigung bekommen haben, hielten gestern eine Versammlung ab, in der verlangt wurde, daß die Schuldigen am Zusammenbruch des Instituts eruiert, zur Haftung herangezogen und einer gerichtlichen Ver antwortung zugeführt werden. Als einer der Hauptschuldigen wurde der Präsident R a k u s bezeichnet, der von der Industrie und Handelsbank übernommen worden ist. Die Regierung, welche eine Garantieerklärung abgegeben habe, sei auch verpflichtet, die Ansprüche der Angestellten zu befriedigen. Abg. Allina meinte unter anderem: Am 81. Oktober läuft das Moratorium ab. Bis zu diesem Datum wird auch di» Negierung sich darüber klar werden müssen, was mit der Zentralbank nunmehr zu geschehen hat. Will man etwa einen Ausgleich herbeiführen? Ein solches Vorgehen würde zu einem Rattenschwanz von Prozessen gegen die Bairk, das-Kuratorium und di'e Regierung führen. Wir haben ein Bankhaftungsgesetz. Man wird an die österreichische Justiz die Aufforderung richten, die Gesetze endlich zu handhaben und die Gelder von dort zurückzuholen, wohin sie auf unrechtmäßige Weise hingekommen sind. Es wird sich dann Herausstellen, daß der, Staatsschatz micht in so großem Maße herangezogen werden ntuß, weil das gestohlene Geld noch vorhanden ist. Die Tagung der Bölkerbundiigeu in Salzburg. Die jüdischen Vertreter. An der diesjährigen Generalratstagung der Union der Bölkerbundligen, welche, wie wir bereits meldeten, in Salzburg am 1. Oktober feierlich eröffnet wird, nehmen als Vertreter der österreichischen jüdischen BöAerbundliga die Herren Oberrabbiner Prof. Dr. C Hajes, Dr. Defider Fried mann und Dr. Oskar K a r b a ch teil. Zn den Aufgaben dieser Tagung gehörten -unter anderen die Wahl des Präsidiums der Union für das nächste Jahr und die Bestimmung des Ortes, der nächstjährigen Plenarversammlung, die zum ersten Male auf deutschem Boden, wahrscheinlich in Dresden, stattsinden dürfte. Auf der Tagesordnungder Minoritätenkommission steht unter zahlreichen anderen Agenden die Frage der Deutschen in Südtirol zur neuerlichen Behandlung, ferner ein Antrag der jüdischen Liga für Bulgarien, der sich mit den Härten der obligatorischen Sonntagsruhe beschäftigt. Wilhelm 8iruer-B«bua tot aufgefunden. Selbstmord oder Verbrechen?- Frankfurt a. d. Oder, 23. September. (Wolfs.) Vorgestern war oberhalb der Stadt Lebus eine Leiche aus der Oder geborgen worden. Der Tote wurde heute als der Oberst a. D. und ehemalige Chef des österreichischen Kriegspressequartiers Wilhelm Eisner-Bubna festgestellt. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft liegtSelbstm o r d vor. Eisner-Bubna, der zuletzt Teilhaber einer Berliner Firma war, dürfte die Tat aus wirtschaftlichen Gründen begangen haben. Nach einer anderen Meldung wurdeil bei dem Toten Schriftstücke gefunden, die auf eine Verbindung mit rechtsa d i k a l e n Kreisen schließen lassen. Es besteht deshalb der Verdacht, bafe Eisner-Bubna einem Fememord zum Opfer gefallen ist.' Dafür würde auch sprechen, daß GisnerS Aktuelle jüdische Fragen. Ein Gespräch mit dem Sejmabgeordneten Dr. W«SA Federbnsch. Die Verhältnisse tot Polen. — Dto Wsttkonferenz des Misrachi in Antwerpen. Seimdeputittter Dr. Simon F e d e r b u s ch, der seit einigen Tagen in Wien weilt, hat einen unserer Mitarbeiter empfangen und ihm die folgenden Miteilungen gemacht: Der Mische Klub im polnischen Sejm hatte für die Erteilung der Vollmachten an die Regierung Bartel gestimmt, in der Erwartung, daß mit dem aufrichtig liberalen Regime des Professors Bartel die Verhältnisse eine radikale Wendung zum Bessern erfahren würden. Leider müssen wir jetzt, nach vier Monaten der Regierung Bartel, feststellen, daß sie diesen Erwartungen nicht oder noch nicht gerecht wurde. Mit großer Zufriedenheit möchte ich aber betonen, daß das^sn den letzten Jahren sehr gespannte Verhältnis zwischen der polnischen und jüdischen Bevölkerung sich jetzt bedeutend gebessert hat.'Weite Kresse der polnsschen Gesellschaft sehen gegenwärtig in den Juden ein staatstreues und -bauende- Element. In erster Reihe ist dies ein Verdienst des jüdischen Klubs, der durch feine vierjährige Arbeit im Parlament diesen Umschwung in großen Teilen der öffentlichen Meinung herbeigeführt hat.^ Andererseits aber muß mit Bedauern festgestellt werden, daß die sehr schwierige Lage der Inden in Polen sowohl in wirtschaftlicher wie auch in kultureller Hinsicht keine Besserung aufzuweisen hat. Ja, die jüdischen Vertreter müssen sogar noch gegen manche neue Gesetzesvorschläge kämpfen, die viele jüdische Existenzen bedrohen, wie daS Projekt wegen der Handwerkerzünfte, Monopolisierung des Getreideexports und des Alkoholhandels. Nicht besser ist es auch mit den kulturellen Forderungen der Juden bestellt. Trotz des Versprechens des Ministerpräsidenten ist bisher der Numerus clausus auf den polnischen Universitäten nicht abgeschafft worden. Die Erklärung des Bildungsministers Sujkowski, daß die Beschränkungen auf den Hochschulen eine Notwendigkeit seien, hervorgerufen sozusagen als „Numerus technicus" durch den herrschenden Platzmangel, ist doch nichts anderes als die alte Ausflucht-.aller bisherigen Bildungsminister, die die Einführung des Numerus clausus durch die UnivevsitätSsenate geduldet und sogar angeregt haben, wobei immer der Platzmangel an den Hochschulen als Grund angegeben wurde. In Wirklichkeit.fand der Numerus clauifus seine Anwendung fast ausschließlich nur gegen die jüdischen Hörer. Auch in den Mittelschulen herrscht de facto ein Numerus clausus,. und nur selten werden Juden in die Staatsmittelschulen ausgenommen. Die Mischen Mittelschulen in Polen sind daher neben ihrer nationalen Wichtigkeit eine Notwendigkeit für die jüdische Jugend. Wenn auch die Regierung den jüdischen Mittelschulen keine Schwierigkeiten in den Weg legt und manchen sogar das QeffentlichkeitSrecht erteilt, so bekommen sie doch keine Subvention aus dem Staatsbudget. Der Mische Bürger muß daher eine zweifache Steuer für die Erziehung zahlen, für die Erhaltung, der fast judenveinen Staatsschulen und für die der jüdischen Schulen. In einer noch größeren Not befindet sich das jüdische Volksschulwesen in Polen. Infolge der triften Lage der Judenheit Polens ist die Mehrheit der Eltern nicht imtande, die Schulgelder zu entrichten, und die jüdischen Schulorganssationen wie die zionistische Tarbuth und. die des MiSvachi sind gegenwärtig ernstlich besorgt um den Weiterbestand der zahlreichen hebräischen Volksschulen. Trotz des Versailler Vertrages, der die Regierung verpflichtet, die Volksschulen der Mindecheiten zu subventionieren, haben bis nun die Mischen Schulen vom Staatsbudget keinen Groschen bekommen. Leiche eine Schlinge um den Hals trug; unter dem Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben „der Juden Arm war eine leere Aktentasche befestigt. Die Welttonforenz des Misrachi, üe vor einem Monat in Antwerpen stattgefunden hat, war für die Misrachibewegung von großer Bedeutung. Cs wurde oie Stellung des Misrachi zu den anderen jüdischen Parteien und die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit ihnen be- »rochen. Unsere Stellung in der zionistsschen Bewegung wurde in dem von der Konferenz angenommenen Organisai o n s st a t u t klargelegt, welches zeigt, daß der Misrachi einem Wesen nach ein i n t e g r a l e r T e il d e r z i o n i st i^ ch e n Bewegung ist, wie' immer sich auch sein Verhältnis zu der zionistischen Leitung gestalten mag. Die Misrachikonferenz hat beschlossen, nicht nur das bisherige Arbeitsgebiet in Palästina fernerhin aufrechtzuerhalten, sondern es noch bedeutend zu erweitern und auszubauen. Für das G, r z i e h ungswesen und die kolonisatorische Tätigkeit wurde ein Budget von ungefähr 30.000 Pfund' bestätigt. Ein weiterer Beschluß der Konferenz verpflichtet joden Misrachisten, an den Arbeiten des Keren Kajemeth und des Keren Hajessod tatkräftigst mttzuwivken. Morsen Ssmstas den 25. Sevt., 8 W abends. Im Mittleren Konzertdouslaal Restliche Korten r Bitro des Keren Hajessod, I., rtärrltueistraße 28. Tel.77--1-8S. 77-4-80

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