Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2721 (22.9.1926)
- Date
- 1926-09-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mt I Nr. S721 MM. MiMoH " Wsenev MSeftMßeMMü " r? SeprMVtt KM Sie Sntwicklung zum KoioniaUand. Von Lr. Fritz Loewenstein (Jerusalem). Im Zusammenhang mit Ser.Erholungsreise des OberkommissärS Lord Plumer nach Europa beginnen die englische und palästinensische Oesfentlichkeit die Frage des zukünftigen OberkommissärS von Palästina erneut zu diskutieren. Als Herbert Samaels fünfjährige Dienstzeit als Oberkommissär abgelaufen war. wurde eine Reihe von Kandidaten für die Nachfolge. genannt; Wie erinnerlich, erschien Lord Plumeb — der damalige Oberkomnussär von Malta — in diesen Debatten überhaupt nicht. Man dachte vielmehr an hohe palästinensische Berwaltungsbeamte, wie insbesondere den damaligen Zivilsekretär der Palästinaverwaltung, Sir Gilbert Clayton. Daneben aber taucht« schon damals eine ganz andere Kombination auf. indem namentlich davon gesprochen wurde, daß England Palästina zum militärischen Zentrum, zum Schutze des Suezkanals und der ganzen britischen Position im vorderen Orient auszubauen gedenke. Das erschien um so einleuchtender, als die Notwendigkeit eines Abbaues der britischen Machtposition in Aegypten unvermeidlich schien und doch niemand zweifelte, daß die Engländer auf den entscheidenden Einfluß am Suezkanal, nicht verzichten würden. Dann wurde Lord Plumer ernannt, der während des Weltkrieges wichtige Kommanden innegehabt hatte und den Feldmarschalltitel führt. Diese Ernennung schien die genannten Kombinationen zu befestigen. . . , , . Fkeilich muß gleich hinzugefügt werden, daß in den anderthalb Jahren d^r bisherigen Verwaltungstätigkeit Lord Plumers kaum Schritte zu verzeichnen sind, die als Ausbau der strategischen Position zu deuten sind. Im Gegenteil wurden die britischen Streitkräfte rm Lande in konsequenter Fortführung Herbert Samuelscher Politik vermindert. Das vor einigen Wochen aufgetauchte Gerücht, wonach England den am Ostufer des Suezkanals auf ägyptischem Gebiete gelegenen kleinen Hafen Port Fuad zu einem Kriegshafen auszubauen beabsichtige, wurde dementiert, freilich nicht gerade in einer sehr kategorischen Form. Schon damals, als die Ernennung Lord Plumers publiziert wurde,' wollten eingeweihte Kreise wissen, daß Lord Plumer, der bei seiner Ernennung 68 Jahre alt war, nicht, wie Herbert Samuel, fünf Jahre, sondern nur zwei Jahre sein Amt bekleiden würde. Da diese Frist nun bald verflossen ist, beginnt man naturgemäß die Frage seiner Nachfolge erneut zu diskutieren. Drei Kandidaten werden genannt. Der erste ist wiederum Clayton, der zweite ist der bisherige - Gouverneur von Jerusalem, Sir Ronald Storrs. Die letztere Kandidatur kann ernsthaft nicht in Frage kominen, da soeben die Ernennung Storrs zum Oberkommissär von Cypern offiziell bekanntgegeben wurde, während Clayton, was allerdings noch nicht offiziell bestätigt wurde, zum Gouverneur des Sudans ausersehen ist. Dagegen taucht mit immer größerer Bestimmtheit der Name Lord Menbys auf. Allen by war, wie bekannt, der.Befehlshaber der von Aegypten aus gegen Palästina operierenden Armee; er ist der Eroberer.Palästinas und Syriens und Leiter^der Militärverwaltung Palästinas in den ersten Jahren. Er war dann jahrelang britischer Oberkötiimifsär 'in Aegypten und hat als solcher der Einweihung der hebräischen Universität in Jerusalem beigewohnt, wobei er seinen Sympathien für die zionistische Sache starken Ausdruck gab. Man behauptet, daß er zum Oberkommissär Palästinas aus ersehen sei, aber nicht nur zu dieser Stellung, sondern zugleich zum Oberbefehlshaber der gesamten britischen Streitkräfte in Aegypten und im Sudan, in Palästina, Transjordanien und im Irak. Im Zusammenhang damit meldet man Vorbereitungen für die Ueberführung der in Aegypten stehenden Truppen nach der Sinaihalbinsel, wo Kautarah, am Ostuser des Suezkanals gelegen, als militärisches Zentrum ausgebaut werden soll. Es ist unmöglich, zu beurteilen, wie weit diese Kombinationen der Wahrheit entsprechen, wie weit sie ihr vielleicht vorauseilen oder wie weit sie vielleicht unrichtig sind. Unzweifelhaft passen diese Nachrichten recht gut zueinander und sie entsprechen der in den letzten Wochen sich immer deutlicher ausprägenden Tendenz, Palästina-mehr als bisher in den Rahmen des britischen Weltreiches einzuspannen und es dem britischen Interesse dienstbar zu machen. Wie weit diese Politik sich mit den palästinensischen Mandatsverpflichtungen verträgt, soll hier nicht von neuem, untersucht werden. Wohl aber ist eine Tatsache zu erwähnen, die in dieser Woche aus dem Stadium der Erwägungen in das der Verwirklichung getreten zu sein scheint. Seit Jahren verlangt man, daß an Stelle der heute in Palästina geltenden ägyptischen Währung eine eigene palästinensische Valuta geschaffen wird. Daß heute noch die während der Okkupationszeit provisorisch eingeführte ägyptische Pfundwährung unverändert besteht, ist nur aus der Langsamkeit der britischen Verwaltung zu erklären, denn bei der völligen Trennung der „königlich-ägyptischen" Regierung von der britischen Mandatsverwaltung in Palästina ist diese Gemeinsamkeit der Valuta in nichts zu rechtfertigen. Schon seit Jahren petitionieren palästinensische Handelskammern und andere Wirtschaftskreise wegen einer eigenen Valuta. Ein Gesichtspunkt ist hiebei besonders wichtig. Die ägyptische Valuta entspricht dem hochentwickelten Wirtschaftsleben dieses Landes, paßt aber in keiner Weis« zu dem wirtschaftlich noch viel W«an rin Wischer ProWor in Busaveft ernannt wird. Neue Heldentaten der „erwachenden" Jugend. Budapest, 21. September. (Tel.Mmp.) Nach längerer Ruhepause ist die Hetze an den Budapester Universitäten wieder entfacht. Vor einer Woche wurde ein jüd tjd) e r Professor, der bekannt« Chefarzt des Parkfanatoriums, Doktor Julius Ada m, von der Regierung, unter Umgehung des Vorschlages der Universität» zum Professor der medizinischen Fakultät erirannt. Diese Ernennung erregte lebhaften Widerspruch itu Lager der Erwachenden Studenten. Als mm vor einigen Tagen auch die neuey Verordnungen über den Numerus clausus bekannt wurden, beschlossen die rassenschützlerischen Studenten eine Protestvers ammlung abzuhalten und der Regierung ein Memorandum zu überreichen. Dieses Memorandum wurde gestern'auf einer Versammlung der Studentenschaft im Universitätsgebäude abgefaßt. Nach der Versammlung zogen die Studenten vor die Wohnung des Professors Adam amd entfernten das Wohnungsschild des Professors von der H a u s t ü r e. Die rasch herbeigerufene Polizei schaffte Ordnung und verhaftete einen renitenten Studenten, dessen Kollegen ihn aber wieder befreiten, indem sie ihn durch Gewalt der Polizei entrissen und in das Universitätsgebäude brachten, wo bekanntlich die Polizei keinen Zutritt hat. Heute vormittags wurden die-verschiedenen Universitätsgebäude von großem Polizeiaufgebot zu Fuß und ZU Pferd umzingelt und boten die Straßen um die Gebäude das Bild, einer regelrechten Belagerung. Starke Pvlizeipatrouillen marschierten in den Straßen, um jeden Zusammenstoß zu vermeiden. Die Ruhe' wurde im Laufe des Vormittags nirgends gestört. Der Rektor der Universität hat in allen Universitätsgebäudeu einen Aufruf an die Studentenschaft affichieren lassen, in dem jeder Student, der sich zu hetzerischen Kundgebungen hinreißen läßt, mit Relegierung bestraft wird. Abends versammelten sich ungefähr 150 Erwachende Studenten wiederum im Park der philosophischen Fakultät und beschlossen, wieder vor die Wohnung des Professors Adam zu ziehen, um dort zu demonstrieren. Die Polizei umzingelte den.Park und besetzte alle Ausgänge, so daß die Studenten. nicht hinaus konnten. Nach" 7 Uhr,. als sich die Stimmung beruhigte, wurden die Ausgänge freigemacht. Kaum befanden sich die Studenten auf der Straße, so formierten sie sich zu einem Zug und versuchten vor die Wohnung des Professors Adam zu marschieren. Sie wurden jedoch bald von Polizisten zerstreut. Verletzt wurde niem a n.d. Die drei Hauptradelsführcr wurden verhaftet. Ler Numerus clausus an der Lemberg» UnwerMt. WarjDu. 2Ü. 'Aechemüer.' Ministerpräsident Bartel und Justizminister Sujkowski erhielten heute vom Klub der jüdischen Abgeordneten aus Lemberg ein Telegramm, in dem, umer Beruf,lng auf die Aus'prache des Präsidiums des jüdischen Sejmklubs mit dem Mmisterpräsidenteu,-Zah len und Tatsachen über oie Anwendung des N'u m e r u s c l a u su s an der Lemberger Universität'angeführt werden. Der Klub verlangt die josortiae Aujhebüitg'der Maßregel. , PMftinenstsche Mrger können nicht amgewiesen werben. Jerusalem, 20. September. (I. T. A.) Wie erinnerlich, wurde im vergangenen 'Jahre der Kommunistenführer B a rz i l a i aus Palästina ausgewiesen; sein Gesuch um ein Visum zur R ü ck k e h r wurde wiederholt abgewiesen. Sein Rechtsvertreter Harry Sacher erhob Beschwerde vor Gericht und wies darauf hin, daß Barzilai im Jahre 1922 in Palästina naturalisiert worden ist und also ein Recht habe, nach Palästina zurückzukehren. Das Gericht gab der Beschwerde Folge. Barzilai erhielt sein Visum. Demnach können Kommunisten, die palästinensische Bürger sind, in Zukunft nicht mehr ausgewiesen werden rrnd ihre Rückkehr ins Land' kann nicht mehr behindert werden. primitiveren Palästina, dessen Standard durch diese Valuta unnötig Verteuert wird. Ist doch die kleinste im Gebrauch befindliche Minze, der Halbpiaster, ein verhältnismäßig sehr hohes Geldstück. Nun hat die Londoner Regierung eine Kommission eingesetzt, die die Schaffung, einer palästinensischen Valuta und ihre Ueberwachung zuV Aufgabe hat. Die Kommission hat ihren Sitz in London, ihre Mitglieder sind in England wohnende Engländer, kein einziger Palästinenser, weder Jude noch Araber, gehört ihr an. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß, so erfreulich die Initiative der Regierung in dieser Frage ist, ebenso überraschend die Tatsache gewirkt hat, daß man Palästina hier nicht wie ein Mandatsland, sondern wie eine Kolonie keines sehr hohen Ranges behandelt hat. Auch hier zeigt sich die schon oben geschilderte Tendenz zur Eingliederung Palästinas in den Rahmen des Weltreiches ohne besondere Berücksichtigung ihres Charakters als Mandatsland. , Kolonel Kisch in Rumänien. Eine Aussprache Mt Minister Prinz Ghiea. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Bukarest, IS. September. , Am Mittwoch den 15. d. langte Kolonel Kisch, der Leiter der zionistischen Palästinaexekutive, aus Budapest kommend, im Aeroplatt in Bukarest an. Eine große Anzahl zionistischer Freunde war im Lufthafen versammelt, um den bedeutenden Gast zu ,begrüßen. Auch die gesamte Tagespresse hatte von der Ankunft Kolonel Kisch' wohlwollende Notiz genommen und seine Ankunft in Begleitung kurzes biographischer Notizen gemeldet. Am Abend fand ein Presseempfang statt, an dem außer den jüdischen und rumänischen Bukarester Blättern auch der Vertreter der „Associated Preß" und einige Korrespondenten siebenbürgischer Zeitungen erschienen. In seinem Expose an die hiesige Presse war Kolonel Kisch ebenso aufrichtig, wie er es in den Mitteilungen an die Wiener Zeitungen war, und er verschwieg ebensowenig unsere schwierigen Probleme wie die Wellengänge unserer politischen Tätigkeit in- und außerhalb Palästinas. Kisch betonte, England habe sicherlich ein direktes Interesse an der jüdischen Arbeit in -Palästina, und es wäre traurig, wenn der Gegenkontrahent des jüdischen Volkes gar keine eigenen Interessen an einem jüdischen Palästina hätte. Ein politisches Plus sei, daß auch Amerika, welches ja in allen den Völkerbund angehenden Dingen, und insbesondere in der Frage der Mandatspolitik desselben, mehr als reserviert ist, dem britischen Mandat über Palästina und der Gründung des Nationalheims für das jüdische Volk dortselbst durch die höchsten Organe seiner politischen und gesetzgeberischen Leitung rückhaltlos z n g e st i m m t hat. Kolonel Kisch sprach noch über die großen Fortschritte, die in der Araberfrage erreicht worden sind. Die bevorstehende Arbeitsgesetzgebung, über unser Betreiben in Angriff genommen, ' werde der arabischen Bevölkerung einen Segen bringen, den sie nicht undankbar hinnehmen wird. Am nächsten Tage besuchte dann Kolonel Kisch den stellvertretenden Minister des Aeußern, Prinz Ghiea, der während der Friedenskonferenz in Versailles des östereu mit Kolonel Kisch zusammenkanr und ihn kennen und schätze» lernte. Der Minister empfing Kolonel Kisch mit ausgesuchter Freundlichkeit und unterhielt sich mit ihm eine halbe Stunde über die Arbeit in Palästina und die Aussichten derselben. Kolonel Kisch hob hervor/ daß die Handelsbeziehungen zwischen PalästFna und Rumänien recht bedeutend s ei e n und in demselben Maße sortschreiten würden, in welchem die ökonomische Entwicklung Palästinas selbst vorwärts gehe. Der Minister erkundigte sich noch nach' dem Anteil der, rumänischen Juden an dem Wiideraufbauwerk in Palästina'und entließ'Herrn Kisch mit herzlichen Abschiedsworten, indem er ihn seiner Sympathie für vas jüdische Werk in Palästina versicherte. Während der Anwesenheit Kolonel Kisch' in Bukarest hatte er Gelegenheit, die Spitzen der Zionistischen Organisation sowie die bedeutendsten Palästinafreunde verschiedentlich zu sprechen. Zu seinen Ehren wurde vom Präsidenten der Zionistischen Landesorganifatron, Herrn Adolf Bernhard t, ein großer ✓ Empfang veranstaltet, an deck an die hundert jüdischen Notabeln und prominente Zionisten teilnahmen. Kolonel Kisch machte ein sehr interessantes Expose über die politische-Lage" des Zionismus, über die Arbeit in Palästina und über die Voraussetzungen zu deren Gelingen. Am Freitag früh reiste Kolonel Kisch dann nach K o n st a n z a ab, von wo er sich am Nachmittag desselben Tages einschiffte. * Prof. Franz Oppenheimer liest heute im Rahmen der Wiener Internationalen Hochschulkurse (6. Bez., PoltzmanNgasse Nr. Iß) von halb 6 bis 7 Uhr abends ein eineinhälbstündiges Kolleg über den Staat.' Liprlv über die MandaisdoMik. New-Aork, 20. September. Louis Lipsky, der Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas und Mitglied der Zionistischen Weltexokutivtz, erklärte dem Vertreter der I. T. A., es sei schon in der nächsten Zukunft eine Aender u ng der britischen P 0 litik mit Bezug aus den Aufbau des jüdischen Nationalheims in. Palästina zu erwarten. Die britische Regierung hätte sich überzeugt, daß es nach dem Mandat und den Umständen ihre dringende Aufgabe sei, dem jüdischen Aufbauwerk in Palästina alle Unterstützung und Erleichterung zu gewähren. Die Arbeitl.o s i g k e i t in Palästina, schloß Herr Lipsky, so kompliziert und unangenehm sie ist, könnte doch leicht überwunden werden, wenn nur der Zionistischen Exekutive die nötigen Fonds zur Verfügung gestellt würden. J u d e, hast du an den hohen Feiertagen für den Keren Kajemeth gespendet? 'wenn ja, so führe deinen Ne der aucn sofort ab! Karen Kajemeth, Wien, I. Kärntnerstraße 28, Tel. 77-4-8S, 77-4-88