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Wiener Morgenzeitung · 1926-09-19 · Heft 2718 (19.9.1926) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2718 (19.9.1926)
Date
1926-09-19
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Will man Zwei ganz verschiedenartige musikalische Kulturen, wie es die abendländische und die jüdisch-orientalische sind, gegeneinander abgrenzen, so Handelt es sich vor allem darum, die Melodie, das Um und Auf aller Musiki in ihrem tonalen u-nd formalen Ban da und dort richtig zu erfassen. Das „Liedthema" der abendländischen klassischen" Periode gliedert sich in zwei qualitativ gleiche Teile, die wieder irgendwie analog -nntergegliedert sind, und jeder der beiden Teile ist formal abgeschlossen, der Vordersatz durch einen Halbschluß, der Nachsatz durch einen Ganzschluß. Hier ist die strenge Ordnung und Logik, welche die Knust des Abendlandes beherrscht, gewissermaßen in die Moleküle nrtd Atome der Melodie eingedrungen, deren Form und Architektur immer wieder die gleiche ist, so mannigfach auch die melodische Linie iin Einzelfall profiliert ist. Doch auch im melodischen Profil gibt es hier eine gewisse Familienähnlichkeit, welche einem Orientalen, der in einer ganz anderen musikalischen Formenwelt ausgewachsen ist, diese Melodien mitunter zum Berwechseln ähnlich erscheinen lassen mag. Die besitzen im allgemeinen nur Dur und Moll, während deren Zwischenglieder im großen und ganzen fehlen, sie haben immer wieder als Stütz- . punkte Tonika, Dominante und Unterdominante, ja selbst! die modulatorische Veränderung innerhalb des Sonatensatzes näherte sich der Stereotypie, solange die Wendungen nach den Ober- und Unterdominanten und Medianten Alleinherrscher; waren. *) Siehe „Wiener Morgenzeitung" vom 9. und 12. d. In dieser strengen mnsikalifchen Formenwelt ist noch der unabhängige Nomantiker Mendelssohn ausgewachsen. Eine spätere Zeit wird vielleicht noch einmal in die Lage kommen, durch Vergleichung einer großen Anzahl von Komponisten jüdischer Abstammung das spezifisch Jüdische in der Musik des Abendländers Mendelssohn und seiner Berufs- und Rassegenossen festznstellen; heute bewegt man sich bei derlei Untersuchungen immer nur in dem gleichen Kreislauf alter, wenig überzeugender Schlagworie! Betrachten wir nun im Gegensatz zur abendländischen Melodik die morgenländische. Auch hier wird wie im Abendland die Melodik voll einem kleinen Motiv beherrscht, doch mit dem wesentlichen Unterschied, daß sich das abendländische Motiv in seiner Entwicklung und in seiner Fortspinnnng zu einem thematischen Gebilde organisch verdichtet und in dieser thematischen Resultierenden ein für allemal fertig und unveränderlich dasteht, wogegen im Orient gerade die freie Beränderbarkeit, die Freude am Variationstrieb ein Primäres Kompositionsprinzip ist. Irgend eine Erzährung, irgend ein Gefühlserlebnis, ein Abschnitt der Thora, eine Sure des Korans, ein Bruchstück des indischen Veda — ähnlich wie die mit der altjüdischen Musik noch enge zusammenhängende Lesart der Lektion des kalholischen gregorianischen Chorals — wird im Zusammenhang mit den Sprachengesetzen auf einen fortlau senden Mittelton und ans einen oder mehrere verschiedene scharf akzentuierte, das Wichtigere heransarbei lende Hochtörn vorgetragen. So kehrt ein Motiv mit seiner Kadenz immer wieder. Im Augenblick, ans einer Stimmllng heraus, wird es durch Improvisation frei verändert, durch Bedungen nnd Triller, durch Zwischentöne, die oft kleiner sind als die im Abendland beglaubigten Halbtöne, bereichert. Naturgemäß gibt eS auch hier eine Stufenleiter nach aufwärts bis zum —ilrnjOTärn»'. ”1-T' •' im—B—MBMg umfangreicheren, gliederten Thema, aber es findet sich hier im allgemeinen keine enge, gleichsam chemische Verbindung der einzelnen melodischen Bestandteile, es ist gleichsam nur ein mechanisches Gemenge, das bei geänderter Stimmung, bei anderer Textunterlage, bei freier Wiederholung usw. durch Improvisation in seine Bestandteile wieder zerfällt. So frei demnach öinerfeits die melodische Entwicklung in ihrem Variationstriebe schaltet, so gebunden ist sie doch andererseits in ihrer ursprünglich melodischen Erfindung, die sich immer wieder auf alte, feststehende Melodietypen stützt. Im Abendland bestehen seit dom 17. Jahrhundert zwei verschiedenartige Skalen — Dur und Moll —, auf deren Grundlage immer neue Melodien frei erfunden werden können. Dur und Moll, welches freilich kein reines Moll mehr ist, kein Negativ, keine Umkehrung der Dur, sind die Grundlagen, auf denen sich die verschiedenen Melodien emporrankm. Ganz anders im Orient: Da gibt es nicht Dur und Moll, sondern, ähnlich wie in der altgriechvschen Musik und in der daraus' mißverständlich abgeleiteten mittelalterlichen Kirchentonarten, eine stattliche Reihe von Skalen, welche durchaus nicht nur ein Material, ein Tonvorrat sind, vielmehr an sich schon .'thiisch und temperamentmäßig verschieden gerichtete Melodien. Aus diesen Skalenmelodien haben sich verschiedene N'undschemen gebildet, an welche der Musiker in der Komosition irgendwie gebunden ist. (Freilich werden diese Skaen- und Skalenausschnittmotive in der Ekstase des Vortragenden, welcher die hohen Töne immer noch höher hinaufschranbt, oft unwillkürlich verändert.) So zeigt auch der shnagogale nnd außersynagogale Gesang der europäischen'nnd nichteuropäifchen Inden lrotz aller durch Wanderung und Umwelt erfolgten Verfälschnngen bestimmte melodische Grundthpen, die vielleicht in ihrer A-uä- 4 5933

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