Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2718 (19.9.1926)
- Date
- 1926-09-19
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Metel Nr. 3718 Wien, Sonntag 19. September 1926 Seite T gesetzliche Handhabe, weil die Staatsanwaltschaft keinen derartigen Antrag gestellt hat. Die Gründe für diese Haltung der Anklagebehörde kenne ich nicht, vermute aber, daß sie taktischer Natur waren. Man wollte der Götze nicht die Wohltat der Entschlagung einer Aussage zubilligen, was im Falle einer Verhaftung möglich war. Als Zeugin war sie gezwungen, auszusagen. Ich halte es jetzt für höchstwahrscheinlich, daß gegen die Götze ein Strafverfahren eingeleitet werden wird." Der Hund des BNkerdundes. Ein Hund, der von fünfzig Völkern erhalten wurde. Seinerzeit veröffentlichten die führenden englischen Blätter folgende Meldung: Als der Völkerbund in Genf in sein ueues Palais übersiedelte, wurde im Gebäude ein wunderschöner Hund, ein Bernhardiner, vorgefunden. Dieser Hund weigerte sich unter allen Umständen, das Haus zu verlassen, trotzdem alle Mieter das Gebäude schon längst verlassen hatten. Der Fall wurde dem Präsidium des'Völkerbundes zur Kenntnis gebracht, es wurde eine Konferenz einberufen und über den Hund debattiert. Die Konferenz beschloß, daß der Hund aus dem Palais zu entfernen sei. Aber alle Versuche, das Tier aus dem Hause zu locken, endeten mit einem Mißerfolg, denn der Hi^nd verließ das Haus nicht. Da halfen keine Bitten, keine Drohungen., Es wurde eine neue Konferenz einberufen, und nun wurde beschlossen, daß das Tier im Hause bleiben könne, daß der Völkerbund zu seiner Erhaltung einen bestimmten Betrag aus den Summen, die ihm zur Verfügung stehen, fixiere. Der Hund wurde in die Listen des Dienstpersott a l s des Gebäudes des Völkerbundes eingetragen und hatte somit eine offizielle Stellung erhalten. Seit jener Zeit wurde alljährlich bei der Besprechung des Budgets des Völkerbundes auch die Summe von einem Schweizer Franken täglich für den Hund angefordert und diese Summe wurde gewöhnlich eü n st i m m i g von den Vertretern der fünfzig Nationen, die Mitglieder des Völkerbundes sind, bewilligt. Der Hund kostete daher dem Völkerbund jährlich 365 Schweizer Franken. Ein Mitarbeiter eines führenden Pariser Blattes wollte nun kürzlich den Hund, der auf Kosten von fünfzig Nationen erhalten wurde, kennen lernen. Er fuhr nach Genf, sprach dort im Palais der Nationen vor, aber im Präsidium des Völkerbundes konnte man ihm auf die ihn interessierende Frage keine detaillierte Auskunft geben. Der Journalist ließ nicht locker, erwirkte eine Audienz beim Sekretär des Völkerbundes und kam da an den richtigen Mann- Dieser hohe Würdenträger erwies sich als ein großer Hundeliebhaber und ihn: war der Fall mit dem Völkerbundhund wohlbekannt. „Gewiß, mein Herr", erwiderte er lächelnd auf die Frage des Journalisten, „ich erinnere mich sehr gut an diese Affäre. Die Sache ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern hat sich tatsächlich ereignet." „Das ist interessant. Und kann ich diesen berühmten Hund, der unter dem Schutze des Völkerbundes steht, sehen?" „Leider geht es nicht mehr", bemerkte der Sekretär, „Sie kommen zu spät." „Was heißt zu spät?" fragte der Journalist. „Ich werde Ihnen den Fall erzählen. Ms wir nach Genf kamen, kaufte der Völkerbund das Hotel Internationale wie es liegt un^ steht, mit der gesamten Einrichtung und Liegenschaften. Die Gäste, welche im Hotel wohnten, verließen es am Donnerstag und wir übersiedelten am nächsten Tag, an einem Freitag. Als einer unserer Inspektoren das Haus besichtigte, fand er in der Ecke eines Zimmers einen großen Hund, einen Bernhardiner. Dieser Hund war das einzige Lebewesen, das im Hotel zurückgeblieben war. Wie mir Nachbarn erzählten, hieß der Hund Bristol; da er nicht aus dem Hanse zu bringen war, nahinen wir ihn unter unseren Schutz, er bekam von uns das Gnadenbrot, lief im Garten herunl und bewachte das Haus des Völkerbundes vor Dieben. Er war ein braver, treuer Wächter, der von den 200 Stenotypistinnen des Völkerbundes verhätschelt wurde... Er bekam täglich von den Damen zwei Kilo Zucker." „Herr Sekretär, kann ich diesen Hund sehen?" bemerkte der Journalist. „Ich möchte ihn für inein Blatt photographieren." „Das geht nicht. Bristol ift, inzwischen eingegangen Wir haben das treue Tier im Garten des Palais des Völkerbundes begraben... Sein Grab befindet sich in der Nähe der Widmnngstafel, dw für den Präsidenten Wilson aufge stellt wurde." _ 6s lohnt nicht. In einer kleiinen Stadt im Süden der Vereinigten Staaten erösineie vor vielen Jahren, noch vor der großen jiWschen Einwanderum, ein Jude einen Schnittwarenladen. Er war der erste Jude, der sich in der S:adt ansässig machte, und die christliche Schuljugend, der im Religionsunterricht allerhand Schauermären von 'den Juden er,Mt worden waren, nahm sich vor, dem vechaßten Neuankömmling das Leben recht sauer zu machen. So oft die Kinder seiner ansichtig worden, schrien sie im Chor: „Jud', Jud'!" Eines Tages ließ der jüdische Kaufmann folgendes Inserat im Lokalblättchrn erscheinen: „Kinder! Ansgepaßt! Morgen, Punkt 4 Uhr nachmittags, werde ich mit einem großen Sack NickelgÄd vor dem Postamt stehen. Jeder von euch, der nrir „J«lde" zürnst, erhält einen Nickel. Stellt euch alle, Knaben und Mädchen, in einer Reihe gegenülber dem Postamt auf! Max Rosen'feld." Am nächsten Tag stand um' 4 Uhr nachmittags vor dem Postantt eine lange Reihe von Knaben und Mädchen. Eines nach dem anderen traten sie aus Rosenselo p, riefen ihm bas Wort „Jude" zu und erhielten das versprochene Fünf-Centstiick, zugleich die Aufforderung, am nächsten Tag wieder,znkommen. Beim nächsten Male wiederholte sich der Vorgang genau wie am vorigen Tag, nur bekam diesmal jeder Rufer nur 3 Cents; man sah zwar manch' enttäuschtes Gesicht wegen der „Lohnherabsetzung", aber die Aufforderung, am nächsten Tag wiederzukommen, versammelte wieder die ganze Schuljugend. Diesmal aber bekamen 'die Kinder für ihre Bemühung, dem Rosenfeld „Jude" znzurufen, nur einen Cent. Da brach die Unzufriedenheit aus: ,Mr einen Cent rufen wir Sie Nicht „Jude!" — rief der Chor — ,Has ist Ausbeutung". ,/So? Na denn nicht — da läßt sich nichts tun!" — erklärte der „Ausbeutec gleichgültig. Seither rief ihm niemand mehr „Jude" nach. Es lohnte nicht. Diese jüdische Anekdote, in der geradezu grimmige Satire liegt, ist einer englischen Sammlung, „Das Lachen im jüdischen' Folklor", enmommen. Die Sammlung, von dem bekannten jüdischamevikanischen Vauhevillekomiier Ri chm an herausgegeben, enthält etwa 300 mit Geschmack zusammengestellte Witze und Anekdoten, die eine gute, sozusagen sMoristische Illustration des Themas „jüdischer Humor" geben. Unter anderem enthält diese Sammlung eine wenig bekannte Heine-Bosheit: Als Haine aus dem Totenbett lag, bestimmte er in seinem Testament seine Frau Machilde zur Uuiverfa'lerbin unter der Bedingung, daß sie ein Kveites Mal heirate. Um den Grund dieser sonderbar anmutenden Vorschrift befragt, sagte Heine: „Wenn Mathilde wieder heiratet, wirb es wenigstens einen Menschen geben, der meinen Tod be- :b a iu c r t." N Wer hat die Null erfunden? Die Zahl Null hat wohl die größte Revolution hevvorgeruftri, die jemals im Zahlensystem der, Müschen sich bemerkbar gemacht hat. Die Erfindung dieses kleinen Zeichens kann in ihrer Bedeutung auf dieselbe Stuse gestellt werden, wie sie in der Schrift ^die Erfindung einzelner Buchstaben hat. Noch die alten Römer hatten.von der Null keine Ahnung, ebensowenig wie die Griechen, Aeghpter, Assyrer usw. Die Zählen der Aeghpter Ware:: Hieroglyphen, die Zahlen der Assyrer einzelne Keile und bei den Griechen und Römern ebenso wie hei den Juden wurden die Zahlen durch Buchstaben ausgedrückt. Da aber der Begriff der Null vollkommen fehlte, so war die Rechnung ebenso umständlich wie das Schreiben der Ziffern, denn es gehörte eine ungeheure Anzahl von Buchstaben dazu, um zum Beispiel eine Zahl von 6,715.842 zum Ausdruck bringen zu wollen. Erst durch die Erfindung der Null, die von den Indern im 6. Jahrhundert n. Chr. vollzogen worden war, ist die ungeheure und mühselige Arbeit des Zerlegens und Addierens der Zählen, wie sie die alten Völker hatten, überflüssig geworden, denn die einzelnen Zahlen von 1 bis 9 haben eine ungeheure Beoentung erlangt. Sie sind nämlich nicht nur die Einheiten geblieben, sondern je nach der Stellung, die sie von rechts nach links zur Null haben, stellen sie Zehner, Hunderter, Tausender, Zehntausender usw. dar. Während die Ziffern der alten Römer nnr ihren eigenen Wert, hatten und zusammengezähll werden mußten, haben unsere Ziffern durch die Erfindung der Null auch noch eineen zweiten Wert erhalten, uämlicf) den Stellenwert. Erst dadurch wurde die Grundlage aller Rechnungen geschaffen, wie wir sie augenblicklich haben. Es gehörte sicherlich dazu ein ganz besonderes Genie, ein Zeichen zu erfinden, das die Eigenschaft hat, alle bisherigen Zahlen »mr durch eine ganz gringe Abweichung in der Stellung zu ganz besonderen Werten zu erhöhen. . Dadurch kommt die moderne Rechnung mit 9 einzelnen Zeichen aus, nämlich mit den Zahlen 1 bis 9, während früher sehr viel Zeichen und mehr Zeichen notwendig waren. Die Inder Äs philosophisches Volk haben den Ruhm, diese geniale Erfindung vollbracht zu haben. Von ihnen übernahmen sie die Araber, die bekanntlich vor mehr als 1000 Jahren nicht nur eins der größten Kulturvölker der Welt waren, sondern sich vor allen Dingen in Philosophie uiw Mathematik auszeichneten. Die Kenntnis der Null hi sicherlich ihre malheinatische Begabung noch bedeutend erhöht. Man erkennt ans dieser Darstellung, welche nngchiure .Bedeutung die Null hat und wie eng verwandt sie mit der Ersiadunt der einzelnen Buchstaben ist. * LuftverkGr Gleiwitz—Wien. In den nächsten deutschen Flugplan wird, wie ans Berlin' berichtet wird, auch eine Luftlinie G l e i w i tz—W i e n als Fortsetzung einer bereits bestehenden Linie ausgenommen. Man rechnet mit einer Flugdauer von zwei Stunden, während die Eisenbahn neun Stunden für diese Strecke braucht. Ferner soll auch ritte Verbindung nach Budapest und Belgrad sowie eine weitere nach Venedig und Rorn angelegt lMdegr MALOWAN WRM. MALOWAN & FRANZ WIEN, I., OPERNRING 43 bringt für die heurige Herbst- und Wintersaison ROCKE in herrlichen Dessins und Farben auf Seide O IDA ***, gearbeitet, zum Preise von ..il iOU« HAARHUTE .ill!lllllllllllllilllll!lll!l!lllllllll!lllllllllllll!lllllllllllllllllr in den modernsten Fassons, durchwegs mit IJ Ag_ Seide gefüttert, dazu passend, zum Preise von A Sie Rechnung. Ein Erlebnis von Arkadij Awertschenko. Ich und meine kleine Freundin, ein entzückendes junges Mädchen mit einem reizenden, blonden Bubikopf, kamen ans dem Walde, gingen zum Abhang und blieben entzückt stehen . . .. Ich fand ihre kleine, schmale Hand, drückte sie fest in meiner und flüsterte halblaut: „Schatz, es war schön, daß wir uns im Walde verirrt haben« . . Wir wären sonst nie auf dieses, herrliche Plätzchen gekommen. Schau, Kind, wie herrlich das weiße Hemd des Knalben, der dort mit der Angel steht, von dem dunkelgrünen Grund absticht . . . Und dieser. Fluß . . . welch ein herrliches blausilbernes BaH!" . . „Schweig .7. schweig * , ." flüsterte sie leise und schmiegte sich enger an mich an . . Wir blieben stumm und verzückt stchen und konnten unsere Blicke nicht von der Landschaft wenden . . ■< „Was ist das? Wer seid Ihr? Was macht Ihr da?" ertönte plötzlich hinter uns eine kreischende Stimme. Wir wendeten uns erschreckt um. Hinter uns stand ein kleiner, dicker, untersetzter Mannn in einem Rock aus chinesischer Rohseide, in langen Hosen, die in Falten auf seine Schuhe fielen. Seine kleinen, verschmitzten Angen lugten hinter einer grauen Brille hervor, sein leicht graues Haar klebte an seiner verschwitzten Stirne . . . Die . Kappe war nach rückwärts gerutscht und die Hand spielte nervös mit einer gelben Reitgerte - * > ,Mas machen Sie hier? Was wollest Sie hier? Ah?" „Was geht das Sie an!", fuhr ich ihn grob an ... „Ha, das gefällt mir!", rief der Kleine m*d schlug - die Hände zusammen * * . „Was geht das mich an? Und wessen Grund und Boden ist das? Wessen Wald? Wessen Fluß? Gehört dieser Abhang dem Kaiser von China? Mir gehört alles . . - alles gehört mir, * „Möglich ,?." erwiderte ich trocken•< '„aber wir werden odch nicht » . „Darf man auf fremden Grund und Boden gehen?" „Da steht keine Dafel: Verbotener Weg!" „So . . - Und wie kommen Sie hierher?" ,Mr haben uns im Walde verirrt . * ." „Verirrt?! Wenn Menschen sich verirren, so trachten sk so rasch als möglich auf den rechten Weg zu kommen . . . Und sie stehen eine halbe Stunde da, bewundern die Landschaft . . ,/Haben Sie einen Schaden, wenn wir die Landschaft bewundern?" rief ich voll Wut. „Nein, aber auch keinen Nutzen!" ,Melchen ' Nutzen wollen Sie denn haben?" , „Gestatten Sie, junger Mann, gestatten Sie - < ", rief er nervös und setzte sich auf eine Bankunter einem Fliederbusch - . . ' . . ■ „Wie urteilen Sie denn? Dieses Land,' dieser Fluß, dieser Abhang haben mich beim Kauf viel Geld gekostet. . ." ,Möglich!" „Haben Sie einen Genuß beim Anschauen der Landschaft gehabt?" ,ßk Aussicht ist reizend," bemerkte meine Begleiterin. „So. Weshalb dürfen Sie hier stehen bleiben und alles bewundern? Wenn Sie in in Theater gehen, um dort ein schönes Ballett oder eine Revue zu schen, müssen' Sie zahlen . . - Und hier wollen Sie einen Genuß kostenlos haben? Nein, das geht nicht, junger Mann •. > . Weshalb kostet ein Theater Geld und diese Aussicht nichts?" „Ganz einfach: der Direktor muß die Schauspieler, die Musiker, die Maler bezahlen. . ." „So - . , Und ich habe hier alles geschenkt bekommen . . . Ich habe kein Geld gezahlt. . .? Die Schauspieler — lächerlich; Ich habe auch alles hübsch inszeniert . >... jener Knabe in der weißen Bluse, der dort im saftigen Grün steht — wirkt schön .; . Ich zahle ihm monatlich fünf Rubel . . . Zahle ich ihm oder zahle ich ihm nicht?" Ich zuckte die Achseln: „Möglich, daß Sie ihm zahlen, aber keinesfalls, daß er dort im saftigen Grün steht - . „Stimmt ... Er ist mein Kutscher -. > Aber von wem hat er das weiße Hemd? Von mir, . . Und wenn er dort in einem roten oder orange Hemd stehen würde, so würde er das Landschaftsbild verpatzen . . „Hören Sie," rief ich empört. „Was wollen Sie eigentlich? Ich stche hier, bewundere mit einer Dame die Landschaft. Ist das Ihre Landschaft? Sie wollen Geld haben? Bitte, schreiben Sie mir eine Rechnung!" „Gleich werde ich Ihnen die Rechnung überreichen .. sagte der Gutsbesitzer. „Schon gut . . . Und jetzt lassen Sie uns in Ruhe *,s Wir wollen allein ssin. Wenn wir Sie nötig haben, werde iih Sie rujeL WM"- 4