Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2718 (19.9.1926)
- Date
- 1926-09-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Leite 6 Men. Sonntqg Wiener Moraenzettuns 18. Isptembcr 1886 Skr. ms Schröder zum Lode verutteilt. Ler Magdeburger Prozeß. Ter Vrozeß in Magdeburg ist am Freitag abends $u Ende gegangen und schloß damit, daß der Mörder des Buchhalters Helling, der Rentenempfänger Schröde r, *unt Tode verurteilt wurde. Am zweiten Verhandlungstag wurde der Industrielle Rudolf Haas auf sein dringendes Ersuchen als Zeuge einvernommcn. Seine Aussagen erbrachten nochmals den strikten Beweis, daF er mit der Mordtat in keiner Verbindung tvar. Auch die Bemerkung des Schröder, daß zwischen ihm und Haas trotzdem gewisse persönliche Beziehungen bestanden, erwies sich als erlöge n. Eine Aufklärung der Frage, wieso, trotzdem Haas in die Affäre hineingczogen werden konnte, ist nicht erfolgt, und das Gericht gab sich auch keine Mühe, diesen dunklen Punkt aufzuhellen. Der Kommissar Ten Holt, der ebenfalls einvernommen wurde, gab zu, daß er kein Material gegen Haas besessen habe. Das Gericht ließ es dabei bewenden und zeigte keine weitere Neugier, obzwar für eine nähere Prüfung jeder Anlaß vorhanden gewesen wäre. Dem Gericht lagen nämlich die Briefe vor, die Schröder aus dem Gefängnis an feine Braut Götze hinausgeschmuggelt hatte und die dann in Köln beschlagnahmt worden waren. In inem dieser Briefe heißt es: „Glaube ja nicht, was die Zeitungen schreiben. Du wirft von einem sehr guten alten Herrn, dem Untersuchungsrichter K ö l l i n g, vernommen werden. Du verweigerst jede Aussage an einen anderen als Untersuchungsrichter Kölling oder Kriminalkommissar Ten Holt auf Grund des § 52 der Strafprozeßordnung. Ich habe es dem Untersuchungsrichter schon gesagt. Wenn sich jemand als Ten Holt arlsgibt, so glaube ihm nicht. Ich werde dabei sein und ihn Dir bezeichnen. Die Gegenseite will mich um jeden Preis hineindrängen und den jüdischen Millionär Herausreißen. Die Gegenseite arbeitet mit allen Mitteln." Das läßt doch darauf schließen, daß Schröder über die ^colle dieser beiden ungemein gut informiert war. Noch besser schreibt er in einem zweiten Brief: „Haas ist ein sehr reicher Jude. Die Zeitungen.sind alle bezahlt. Ab er Ten Holt, der Großinquisitor von Magdeburg, wird schon dafür sorgen, daß er nicht herauskommt. Meinethalben mach Dir keine Gedanken. Ich komme bald heraus, hoffe ich." Diese Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen. Daran aber ist die Magdeburger Justiz unschuldig. Sie hat für Schröder alles getan, was sie tun konnte, und wenn nicht Berlin dazwischen gefahren wäre, hätte den reichen Inden das Schicksal ereilt. Für Schröder, dem auch noch die Ermordung seiner Mutter nachgewiesen war, bestand alle Sympathie. Er stand politisch dem Ten Holt nahe und gehörte auch sonst in die Kategorie der mit allem Verständnis behandelten Jugend. Er hat bei der Reichswehr gedient, das Hakenkreuz getragen und sich in seinem Minderwertigkeitsempfinden allen Sitten der Gesellschaft anbequcmt, in die ihn seine. Neigung geführt hatte. Mit dem Rasiermesser rnachte er sich seinen Schmiß auf die Wange, trug die tmntc Alanenmütze nnd auch die Sprechweise dieser Edelsten der Nation machte er sich zu eigen. Der Tod seiner Mutter hat auf ihn „ganz kolossal' gewirkt. Und nachdem er sie erschossen hatte, noch am selben Tag, ließ er seine Braut stehen und ging mit einer anderen ins Hotel. Am Todestage der Mutier. Aber er ist doch noch sympathischer als der Kommissär Ten Holt, der vor Gericht einfach alles bestreitet. Aber das Verhör bleibt ihm erspart, obzwar Schröder in seiner Gegenwart auf Aufforderung des Vorsitzenden in Gegenwart des Fabrikanten Haas deutlich erklärt, er habe Haas nie gekannt und habe nie mit ihm gesprochen. Das Disziplinarverfahren gegen Kölling und Len Holt. X. Berlin, 18. September. In einer der nächsten Sitzungen des preußischen Landtages wird die Anfrage der sozialdemokratischen Fraktion über den Untersuchungsrichter Kölling nnd den Polizeikommissär Ten Holt zur Sprache kommen. Die Anfrage ersucht lim Auskunft, ob das Staatsministerium gegen Ten Holt, und Kölling nicht nur im Disziplinarverfahren, sondern auch strafrechtlich Vorgehen werde. Angesichts der schweren Beschuldigungen dürfte die Untersuchung für beide mit einer Dienstentlassung enden. In minder schweren Fällen wäre wohl mit einem Verweis, einer Geldstrafe oder einer Versetzung zu rechnen, doch ist in Fällen, in denen auch eine strafrechtliche Untersuchung mit Erfolg eingeleitet wird, mit einer unbedingten Entlassung zu rechnen. Die Strafuntersuchung wird sich auf das Verbrechen des Mißbrauches der Amtsgewalt erstrecken. Schröder wird sich in kürzester Zeit noch wegen des Mordversuches an dem Instizoberwachmeiste 1 Blanke zu verantworten haben, der bei einem Ausbruchsversuch Schröders nnd seines Zellengenossen Schulze schwer verletzt tvnrde. Außerdem wird ein Verfahren wegen Verleumdung gegen ihn über Anzeige des Industriellen Haas abgeführt werden. Der Anwalt HaaS', Dr. Braun, hat sich zu dieser Anzeige entschlossen, um die Möglichkeit zu haben, endlich einmal Klarheit darüber zu erhalten, '-'er den Namen Haas mit der Mordaffare in Zusammenhang gebracht hat. Haas wird in diesem Verfahren als Nebenkläger attftreten. Dr. Braun hat den Antrag gestellt, dieses Verfahren mit dem noch schwebenden Verfahren wegen des Mordversuches zn vereinigen. Die Nehabilitierung Haas' und der beiden fälschlich Beschuldigten Fischer und Reuter ist durch die Erklärung des Oberstaatsanwaltes in dem Mprdprozeß endgültig erfolgt. Außerdem hat ein Gerichtsbeschluß den unschuldig Verhafteten eine Entschädigung für die ansgcstandene Untersuchungshaft zugesprochen. Durch die Verhaftung Haas' ist seiner Firma ein beträchtlicher Schaden erwachsen, weil viele Geschäftsfreunde nach Bckanntwerden der schweren Beschuldigungen gegen Haas die Geschäftsverbindungen mit seiner Firma gelöst haben. Die Wiederve ehaftung der Götze. der Braut des Mörders Schröder, steht unmittelbar bevor. Sie dürfte wahrscheinlich n o ch heute erfolgen. Die Götze befindet sich augenblicklich unter strengster Bewachung in der Magdeburger Fürsorge. Nach Schluß der Verhandlung wurde sie gestern von einer Schwester dieses Vereines, von einem Justizsoldaten und einem Kriminalkommissär abgeführt, nachdem sie längere Zeit in einem abgeschlossenen Zimmer des Gerichtsgebändes verweilen mußte. Als die Menge ihrer auf der Straße ansichtig wurde, wollte sie sie lynchen. Nur mit Mühe gelang es, sie vor dem wütenden Publikum zu schützen. Gegen die Götze wird das Verfahren wegen Beteiligung an der Ermordung Hellings, wegen Begünstigung des Mordes und wegen Hehlerei ejnge^ leitet werden. . Der Vorsitzende in dem' Strafprozeß gegen Schröder, Landesgerichtsdirektor Dr. Löwenthal, äußerte sich Ihrem Korrespondenten gegenüber über die Verhaftung der Götze folgendermaßen: „Ich habe schon gestern gehört, daß man darüber sprach, daß ich die Götze im Gerichtssaal verhaften lassen wolle. Zu einer solchen Maßnahme fehlte mir aber jede Sensationelle Herbst-Angebote!! Unerreicht in Auswahl, Qualität und Preis 11 im führenden Leopoldstädter Warenhaus Brüder Schiff mann, il., Taborsfir. 48 i Telephon 47-1-79 Telephon 43-408 Iper* Neuelnflihrung! -MG Sämtliche Schneider- und Modisten-Zugehore / Billige ElnffU hr un^sn reisel naanrw;«,. Jedes Kind erhält ein Geschenk! Qualitätsware! «g Unser Motto: „Großer Umsatz — kleiner Nutzen" ln unserer Seidenabteilung: CrSpe de Chine, in allen erdenklichen Farben .... 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