Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2718 (19.9.1926)
- Date
- 1926-09-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Men, Sonntag ffiHettet MorWAzeltUKg 19. Mpremoer 1920 Dene s fft8__ Ser volitische Kampf in -er Mecho« fiowalei. ikrrs Gteibrnys öfterreichischer Vergangenheit. 18. September. Die „Lidove Noviny" bringen engen über die Rolle, die Stribrny zu Beginn des 4e8 gespielt hat, als er im Jahre 1914 beim Statthalter Fürsten Thun intervenierte und ihm eine loyale faltung des „Ceske Slovo" versprach, falls er vom Miliar d i e n st e befreit würde. „Lidove Noviny" geben das Monogramm der telephonischen Meldung wieder, die Fürst shun an den Ministerpräsidenten Grafen Stürkh am >6. Juli gelangen ließ. Darin heißt es u. a.: Das Statthaltereipräsidium teilt über Auftrag des Statthalters mit, daß heute die Abgeordneten der nationalzialistischen Partei, Stribrny und Wojna, in der rtatthalterei erschienen sind und erklärten, daß ihr Organ Ceske Slovo" eine gute Haltung einzunehmen' beabsichtige, dazu sei aber nötig, daß das Blatt in festen Händen bleibe. Stribrny fürchte, daß er einrücken müsse und Bojna müsse ach Beendigung der Session neuerlich sein Amt als Offiziant ei der Prager Eisenbahndirektion antrcten. Bojna glaube, aß man geeigneter Weise auf die Verwaltung der Staatsahnen einwirken könne. Statthalter Fürst Thun ist der Meinung, daß man in iesem Falle ein Entgegenkommen empfehlen könne. Graf ktürgkh lehnte dies ab und erklärte, daß nach der Norm orzugehen sei. Das Versprechen der guten Haltung ist nur nter dem Druck der Umstände abgegeben und für lich kein Beweggrund, von der angegebenen Linie abzuehen, um so weniger, als die getroffenen Ausnahmsmaßahmen genug Mittel in die Hand geben, eine gute H a lu n g zu erzwingen, eventuell durch Un te rrücknng des Blattes. Benesch tritt einen Urlaub an? Genf, 18. September. (Tel.-Komp.) Der tschecholowakische Außenminister Dr. Benesch beabsichtigt, nach Schluß der Völkerbundtagung eigen zweimonatigen lrlaub anzutreten, den er in Oberitalien verbrin- «« Wi" Ihre Gesundheit können Sie vollständig wieder zurück erlangen, von allen Ihren Schmerzen werden Sie gründlich befreit, wenn Sie DIANA- FRANZBRANNTWEIN . MIT MENTHOL äusserlich zu Einreibungen, innerlich, auf Zucker, tropfenweise genommen, verwenden. Das beste Hausmittel. _ÜBERALL ERHÄLTLICH!_ Eine mysteriöse Angelegenheit. Zwei verschwundene Flieger. Aus Warschau wird uns gemeldet: Wie seinerzeit berichtet, sind vor einiger Zeit an der polnbch-lttauischen Grenze zwei lirauische Flieger unter Sptonageverdachtverhaftet worden. Bis zur Klärung der Angelegenheit wuiden sie in der Festung M 0 d l y n interniert. Von dort sind sie nun auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Bisher waren alle Nachforschungen ergebnislos. _ Sie MnainwrMse in Sobrzyn. Warschau, 18. September. (I. T. A.) Der Jnnenrninister hat Anordnungen zur Eindämmung der in der Gegend von D 0 b c z y n überhandnehmenden Ritualmordhetze getroffen. Der Woiwode von Zamosze meldete dem Innenminister, daß nunmehr auch in Golub die Ruhe wiederhergestellt sei. Der Innenminister hat ferner angeordnet, daß die Z i g e u n e r b a n d e, die Anlaß zur Ritualmordhetze gegeben hat, in eine andere Gegend abgeschoben wird. MussaUni verhaftet weiter. Rom, 18. September. Die Polizei verhaftete in der letzten Nacht 571 Personen. Es wurden ungefähr 1000 persönliche Durchsuchungen vorgenommen und 300 Kneipen, Restaurants und andere öffentliche Anstalten durchsu.,. Ser Tvvhnr in Sentschiand. Aus Berlin wird berichtet: Die Typhusepidemie in Hannover greift noch immer weiter um sich. Die Zahl der Erkrankten nähert sich bereits dem zweiten Lausend; sie beträgt 1693. Bisher sind 49 Todesopfer der Epidemie zu beklagen. Typhusfälle ln Böhmen. Wie aus Prag gemeldet wirv, sind in den letzten Tagen in P ü r st e i n gegen 2 0 Pers 0 nen an T y p h u s erkrankt. Gestern und vorgestern wurden 16 Personen in die Krankenhäuser der Umgebung eingeliefert. Die Ursache der Erkrankungen ist noch nicht nicht festgestellt. _ Ultimatum der Technischen Union an die Regierung. Die permanente Streikdrohung der Beamten. Zu den verschiedenen UnMgenherten, Zentralbank« a>sifäre, Konflikt wegen der Getränkesteuern u. ä., mit welchen die Regierung Ramek nicht fertig werden kann, «kommt jetzt auch die in Oesterreich nun schon einmal chronische B eamtenfrage. Vor seiner Abreise nach Genf hat der Bundeskanzler zu dem Seipchchen Rezept gegrifferr, eine Angestelltenorgamsatian gegen die andere auszuspielen. Diesmal wurde die Z. .2 ganz besonders schlau angelegt, indem die Regierung mit den Postangestellten ein für alle Bnndes'angestellten bindendes Abkommen traf, durch das statt des geforderten Minimal, gchaltes von 170 S. ein Mindchgchalt von 150 S. und eine einmalige Notstandsunterstützung in der Höhe eines halben Monatsgehaltes zugebilligt wurde. Unter den Postlern spielt die sozialdemokratische Pastgewerkschaft die erste Geige. Sofort nach Abschluß dieser Vereinbarung geriet sie in einen Konflikt mit der Technischen Union, das sind die sozialdemokratischen Telegraphen- und Telephonangestellten, welche das eben skizzierte Abkommen nicht als für die Gesamtheit der Bunüesangestellten verbindlich erklärten. Der Führer der Technischen Union, Mg. Zelenka, erschien am Freitag im Bundeskanzleramt und legte dort ein u mfangreiches Forderungsprogramm vor, das unter anderem den 170-iS.Mindestgehalt verlangt. Dr. Ramek erklärte, er habe in Genf nur schwer die Zustimmung zu den bebewilligten Mehraufwendungen sür die Beamten erhalten können, mchr könne er nicht geben. Zelenka wurde daraufhin sehr ausfällig und fragte, ob die Regierung nur Geld für die Zentralbank habe. Das Vorgehen des Bundeskanzlers, sagte er, sei einfach skandalös. Die armen Teufel werden von der Regierung hinausgeworfen, aber der Zentralbank stecke sie Milliarden zu. Das bedeute den Kamps mit allen möglichen Folgen. Zelenka ist es auch gelungen, den F uns und z Wanzigerausschuß der Bundes angesteilten für sein Forderungsprogramm zu gewinnen. Das gemeinsam mit der Technischen Union beschlossene Forderungsprogramm des Fünfundzwanzigerausschusses wurde bereits der Regierung über- , mittelt. Schon heißt es, die Situation sei sehr ernst. Auch die * Postangestellten seien mit den von ihren Vertretern mit der Regierung getroffenen Vereinbraungen nicht zufrieden. Kurz und gut, alle Gehalts- und Lohnempfänger des Bundes bilden jetzt eine Einheitsfront, die sich zum Sturm gegen die Regierung anschickt. Die Technische Union hat der Regierung ein Ultimatum gestellt, das am 2 7. d. ab «läuft. Für Montag sind die Vertrauensmänner sämtlicher Bundesbetriebe zu einer Versammlung einberusen. Ende der näch>ften Woche findet eine zweite Ver-•. trauensmännerversammlung statt, in der die endgültigen Beschlüsse gefaßt werden sollen. Sie Wirischastsiage der Juden in Polen. Sas Präsidium des jüdischen Sejmklubs beim polnischen Finanzminister. L,'. Warschau, 18. September. Das Präsidium des jüdischen karlamentsklubs hat beim Ftnanzminister K l a r n e r vorge »rochen ind ihm die F 0 r d e r u n g e n der jüdische n B e v ö l k eung Polens im Zusammentang mit der F i n a n z p 0 l i t i k er Regierung dargelegt; sie betreffen zumeist Steuerfragen. Ser Minister versvrach, in UeLereinstimmung mit dem Versprechen, as Ministerpräsident B a r t e l der parlamentarischen Vertretung er jüdischen Bevölkerung gegeben hatte, die Forderungen zu b e- «ü ck s ich t i g e n. >r ■ Bor neuen Gemeindewahlen in Polen. ' Warschau, 18. September. Wie Ihr Korrespondent er- Khrt, beabsichtigt der Minister für Inneres, Mlodziel 0 w s k i, im Ministerrat einen Antrag auf Durchführung lener Wahlen zu den Gemeinderäten in Kongreßpolen und Aeinpolen einzubringen. Diese Wahlen sollen auf Grund «er Wahlordnung vom Jahre 1919 erfolgen, die bisher nür Ür Kongreßpolen galt, jetzt also auch ans Kleinpolen sich «rstrecken soll. Alls diese Weise soll mit allen jenen Vorriegsgemeinderäten Schluß gemacht werden, die sich seither tur durch Ernennungell und Kooptierungen ergänzt habeil. ewige Marottotne«. Paris, 18. September. Einer Meldung aus Rabat zufolge sind die S p a n i e r vor dem Stamme der Beni Khaled z u r ü ck g e g a n g e ll, so daß die Franzosen nunmehr allein auf einer Front von mehr als 100 Kilometer den andrängenden kriegerischen Stämineu Stand zu halten haben. Daraus ergäbe sich für die franzosentreuen Stämme und die französischen Truppen selbst während des Winters eine schwierige Lage. Sie fran-ößsche Anleihe in Holland. . Paris, 18, ^HepteAb.eH. ^W.ie.. ans .H a a g gemeldet wird, wivd die s r a n z ö s üs ch e Ä n l e ih e in Holland tot Betrage von 30 Millionen Gulden am 21. d. aufgelegt werden. Die Anleihe wird in Obligationen von 1000 Gulden zum Kurs von 94 und mit einer Verzinsung von 7 Prozent ausgegebeu. Frau Kollontai geht nach Mexiko. Paris, 18. September. Nach einer Meldung der Agence Haoas aus Moskau wird offiziell angekündigt, daß die frühere Vertreterin der S 0 wjetregierung in Norwegen, Frau Kollontai, zum Gesandten der SowjetrepMik in Mexiko ernannt worden ist. Was Henri Serand in Moskau gesehen hat. . Der französische Schriftsteller Henri Beraub ist, wie er ^zählt, in Rußland gewesen und hat sich dort einen Monat ,äng anfgehalten. Seine Erfahrungen legt er in einem ziemlich pretent-iös austretenden Buch*) dem Publikput vor. Das Titelblatt schmücken ein Tschinownik und ein Schieber, die m Marionettenschnüren hängen. Das Bild ist ziemlich deutlich und läßt allerhand aufsehenerregende Enthüllungen ahnen. Aber diese Hoffnung trügt. Herr Beraud hat nichts anderes mitzuteilen, als die abgedroschene Tendenz, daß die Juden an allem schuld sind. Er tut dies in einer anerkennenswert guten Diktion. Das Buch ist flüssig und rasch geschrieben, vermeidet Ueberflüssigke-iten wie Statistiken und wissenschaftliches oder pseudowissenschaftliches Material; es vermeidet auch Beweise. Der Kern ist: Der Bolschewismus ist eine jüdische Erfindung, die Juden haben Rußland unglücklich gemacht und sie wollen, nachdem sie dies erreicht haben, auch die übrige Welt unglücklich machen. Es ist eine mit einer französischen Feder geschriebene Pogrombroschüre. Cs lohnt sich aber trotzdem, näher auf den Inhalt einzngehen und einmal an einem krassen Beispiel zu zeigen, wie das Werk der Hetze betrieben wird. Was der Autor an Tatsächlichem vorbringt, ist nicht neu. lieber Sowjetrußland ist bereits eine riesenhafte Bibliothek zusammengeschrieben worden und wem diese uichts besagen, würde, dein muß doch der Umstand auffallen, daß sich Rußland noch heute gegen die übrige Welt durch einen Stacheldrahtverhau absperrt. Die selbstgewählte Isolierung soll es verhindern, daß die volle Wahrheit über das System der Beglückung bekannt wird, das sich seit sieben Jahren in dem Raum zwischen Kronstadt und Wladiwostok ausbreitet. Wir wissen genau von Bolschewiken und Antibolschewiten, von Weißen und Roten, daß es in Rußland kein Versamm¬ *) Henri Berand: „Was ich in Moskau gesehen habe." Deutsche Nebersetzung von Lili Wärndorfer. 1926. Verlag SteyrermiiM. 9Uri>ir lungsrecht gibt, keine Preßfreiheit, keine Redefreiheit, kein Koalitionsrecht und keine Freiheit der Meinungsäußerung. Der Bolschewismus, die ins Politische übersetzte Theorie von der Welteiskälte, duldet keine Kritik, weil er sie nicht verträgt und weil er in wenigen Stunden weggeblasen wäre, wenn er sie freigeben würde. Er steht noch int ersten Stadium seiner Entwicklung, aber er hat ba§ Spiel heute schon verloren. Es gibt keine Regierung der Arbeiter und Bauern; es gibt nur eine Handvoll Volkskommissüre, die mit Hilfe einer Arnree von Spitzeln und Beamten das ganze Reich Niederhalten. Der Bauer sitzt auf seinem Boden und interessiert sich herzlich wenig für das, was die Mächtigen in Moskau vorschreiben. Er hat keine Herrschaftsgelüste, kein Expansionsbedürfnis, kein Verständnis für Gemeinwohl. Der Bauer ist ein Bauer und sein Dorf sist seine Welt. Sein Interesse wird erst lebendig, wenn es ihm an die Tasche geht. Die Anteilnahme des russischen Bauern an der Revolution ist keine Aufwallung des Freiheitssinnes gewesen. Es war ein Aufstand von Kasernensklaven, die in ihrer besinnungslosen Wut die Welt, die sie dumpf als feindlich empfanden, zertrampelten und sich dann höchst zufrieden znm heimatlichen Herd zurückzogen. Diesen Millionen steht die Arbeiterschaft gegenüber, in Parteien gespalten, ihrer Schwäche bewußt und in einer heimlichen Angst vor dem Morgen. Der russische Arbeiter muß mit der Diktatur durch dick und dünn gehen. Er steht und fällt mit ihr. Aber er ist ohnmächtig, über diese Passivität hinauszugehen, weil er nicht mehr die Anlehnung an das Bürgertum hat, dessen Erhebung gegen die Romanows die Einleitung der Revolution war. Ohne Kerenski ist Lenin undenkbar. Aber dieses Bürgertum, das sich gegen die Ochrana des Zaren gestemmt hatte, würde auch die Tscheka nicht dulden und deshalb ist das Bürgertom vernichtet worden. Der Prozeß, der sich in Rußland vollzogen hat, steht nicht für sich allein da, er schließt sich sehr folgerichtig in die russische Geschichte ein und es wird eines Tages sein zweiter Akt kommen. Wird Europa vernünftig, gelingt es, den Völkerbund zu einer anerkannten überpvlitischen Autorität ansr.ubauen und das Kriegsgespenst durch Vertrüge zu bannen, gelingt es, in Ostasien Ordnung zu schaffen und die chinesischen Condottieres mit ihren Landsknechthaufen zu entwaffnen, gelingt es, kurz gesagt, in Europa ein bißchen Klugheit zu erzeugen, dann wird der zweite Akt der neuesten russischen Geschichte rascher eintreten. Gelingt dies nicht, dauern die Katzbalgereien zwischen den europäischen Nationalisten untereinander und die Intrigen im Orient weiter, dann bekommt auch Sowjetrußland Ellbogenfreiheit für seine Ränke und es ist in allem und jedem ein guter Schüler des Zarismus, ja mehr noch als das, sein getreues Spiegelbild. Wie gesagt, das ist alles längst bekannt und es wäre tatsächlich heute sehr schwer für jeden, der nach Rußland reist und von dort zurückkehrt, in das Stimmengewirr eine neue Note zu bringen. Auch das Lied von der jüdischen Schuld ist schon so abgeklappert, daß es nur mehr noch von den unentwegten Nationalsozialisten deutscher und anderer Zungen gesungen wird. Aber die geben sich doch wenigstens die Mühe, einen Beweis zu führen. Sie erfinden irgend eine Lüge, putzen sie auf und verbreiten sie, so. daß es schließlich schwer wird, den Ursprung genau zu erkennen. Henri Berapp macht sich das viel leichter. Er sagt bei jeder Gelegenheit einfach und fröhlich: Jud. Er ist nicht brutal, sondern bringt seine Tendenz in einer hübschen, unverfänglichen Form. Aber man erwischt ihn deshalb um so geschwinder. Wenn jemand schon einer solchen.Ansicht ist, dann muß er sich auch bemühen, Argumente zu liefern, zumindest, sie zu erfinden. Und wenn er schon Jud sagt, dann muß das in irgend einem inneren Zusammenhang mit der eben besprochenen Angelegenheit stehen. Es geht aber nicht an, daß Beraud am Mausoleum Lenins unvermittelt in die Frage ansbricht, ob nicht dieser Grabstein das erste Monument Israels ist, „das erste auf der ganzen Welt seit dem Einstürze des salomonischen Tempels?" Nun ist Lenin gar kein Jude gewesen, sondern ein altadeliger Russe. Das gleiche passiert dem Autor, wenn er das Leben in Moskau schildert und es kurzer Hand als israelitischen Faszismus begackert. Was ist israelitisch an diesen geräuschvollen Straßenzügen? Allerdings gibt Herr Beraud eine gewisse Definition: der israelitische Faszismus hat seine Fahnen aus den Bciykgebäude«