Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2718 (19.9.1926)
- Date
- 1926-09-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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IO \> - Gelte 2 Wien, Sonntag ■GtxGt&ceaiKicwctiOMXx&TOBaootBoeieernooaaooo»' JAZZ ‘30000000OOOOOOftOOOOOOCOO xKX>oooooäoocoooocoooo>. im Familien-Caf6 Produktenbörse II., Taborstraße 10 / Telephon 49-1-52 * Täglich '/i9 Uhr KAPELLE B.WOLFSTHAL Heute Sonntag 5-UHR-TEE Mäßige Praiss ✓ Warme Küche Bier vom Fass Jeden Mittwoch ä i ILJO ET DH SU u. Samstag bis 4 UhK rKUn geöffnet ms Lueger. Heute wird in Wien das Denkmal Karl Luegers, enthüllt. Die Feier gibt Anlaß zu einer großen Demonstration, die sich im Rahmen eines Festzuges abspielt. Die Festordnung ist sehr umfangreich. Ein Reiterbanderium leitet den Aufmarsch ein, Frontkämpfer schließen ihn ab. Das gibt dieser Feier den Stempel und läßt keinen Zweifel an ihrem Sinn. Die Demonstration gilt der Republik, ihrem Wesen und ihrer Art. Der Zug, der sich heute in den Prachtstraßen entwickeln wird, ist eine Kundgebung an sich und die Denkmalsenthüll-ung nur ein äußerlicher Anlaß. Die Aufrufe der gesinnungsgenössischen Presse reden eine unmißverständilche Sprache. Die Feier soll und will vergangene Zeiten zurückrufen, sie will den Teilnehmern und den Zuschauern die Ueberzeugung beibringen, daß die Tage, in denen Wien dem „großen Volksbürgermeister" huldigte, doch noch wiederkommen können in dem Sinne, dm sie damals hatten. Die Veranstalter der Demonstration verfolgen ihre eigenen Zwecke. Mit dem Namen Luegers verbinden sie den Begriff der christlichen Monarchie, des Militärstaates und der Herrschaft in Mitteleuropa. Das ist ancien regime. Aber auch Luegers Geschichte paßt schlecht in das Konzept der Stürmer und Dränger von heute. Lueger hat seine Karriere als ein Revolutionär begonnen. Er mobilisierte die Massen und führte sie auf die Straße. Er kämpfte gegen die Obrigkeit an und forderte — was zu jener Zeit sehr viel hieß — das Mißfallen des Hofes heraus. Er ist sogar ein Stück Sozialist gewesen, obzlvar ihm die Theorie des- Sozialismus sowie jebe andere Theorie zeitlebens fern und fremd geblieben war. Seinen politischen Erfolg verdankt er freilich nicht diesem Tropfen sozialistischer Anschaung, sondern seinem frischen und bedenkenlosen Antisemitismus, den er in tausend Versammlungen mit stets neuen und verblüffenden Wortprägungen zu predigen verstand. Seine Gmossm von gestern, die verkrachten und in ihrem satten Spießertum erstickenden Liberalen, sahen neidisch auf seine von Tag zu Tag wachsende Popularität, deren Ursprung sie nicht verstehen konnten. Lueger, der.Mann aus dem Volk, sprach zu den Instinkten. Die Massen ködern, sie durch Witz, Schlagfertigkeit und vorgetäuschte Natürlichkeit an sich fesseln, ihnen schmeicheln, vor allem aber ihnen einen Sündenbock vorstellen, darauf kam es an und das hat er mit bestem Erfolg getroffen. Er begann mit dem Krieg gegen die Rothschilds und die Masse folgte ihm gerne. Er söhnte sich dann mit den Rothschilds, mit der jüdischen Großbourgeoisie aus und es blieb der jüdische Hausierer, der jüdische Marktfahrer, der jüdische Ratenhändler übrig. Gegen diese richtete sich Luegers System, diese hat es mit vollster Wucht getroffen. Die jüdischen Lehrer und Beamten wurden die Opfer dieses Kurses. Die Revolution, die Lueger gemacht hatte, verlief sich sehr bald; der Hof erwies sich als stärker, als gewandter, und schlauer. Lueger nahm die Staatsidee der Burg auf; aber seine Garde aus St. Marx konnte seine Kompromisse nicht mitmachen. Sie war von Lueger auf die Stöckerschen Ideen vereidigt worden und sie beherrschte den Meister. Das gemütliche Wienertum beugte sich dem preußischen Geist, den Lueger ansonsten nicht goutierte. Im Gegenteil: Der Schönerersche Nationalismus war ihm verhaßt und er lehnte ihn um so schroffer ab, je weiter er in den Bannkreis der Habsburgerschen Ideen geriet. Etwas aus den Reoolutwnstagen blieb immer in dem Volksmann lebendig: Seine Verachtung.für das Gesetz. Angestellt wurde nur, wer zu seiner Partei gehörte. Der Sittenkodex der Korruption, der da besagt, wess' Brot ich ess', dess' Lied ich pfeif', war Luegers Richtschnur von dem Tage an, da er Brot zu vergeben hatte. Der Patriotismus, der unter ihm zur Parteifähne wurde, galt für ihn nur insoweit, als er sich auf Wien beziehen ließ. Zu den großen Problemen des Staates hatte er keine Beziehung und die Geßmannscheu Pläne der ReichstzaM huldM jfcs ßiit Wselzuckerr, Metier MoraenMnntz 19. September 1926 Nr. 2718 Die Monarchie ist vergangen, der Orkan des Weltkrieges hat sie zerbrochen. Luegers Partei besteht nur nnhr dem Namen nach, den Kämpfen der Diadochen ist ein Skandal nach dem anderen ans Tageslicht gekommen und der Hrabasche Gott Ninun zeigte sich als das Symbol der Moralretter. Die Partei ist vom Krieg hart mitgenommen worden. Sie hat den bitteren Weg von der Großmacht bis zur kleinen Republik mitmachen müssen und sie kann, so sehr sie sich auch anstrengt, die tlhr nicht mehr zurückstcllcn. Luegers Haupt- und Residenzstadt muß cs sich gefallen lassen, von seinen agrarischen Nachfahren als Wasserkopf behandelt zu werden. Für Lueger kann heute nicht demonstriert werden. Wohl aber gegen die Geschichte, deren eiserne Hand alles umgeändert hat. Der Zug, angefangen von den Reitern bis ul den Frontkämpfern, soll wohl protestieren gegen die Logik der Tatsachen. Mehr nicht. Es wird nicht viele geben, die daran glauben, daß sie noch einmal in Prag und in Serajewo eirnnarschieren. Es gibt auch unter ihnen wenig Verbindendes, nur dos eine Essentielle alls dem Lnegerschen politischen Werdegang, das Wort vom Inden, der an allem schuld ist. Keine limrchm in zenilalem. Eine Falschmeldung dkr „United PresI. London, io. September. Q. T. A.) Die von der „United Pres; of Amerika" verbreitete Nachricht (d'e von uns mit aller Vorsicht wirdergcgebcu wurdr). daß an ersten Rosch-Haschauah-Tage in Jerusalem a n t i i ii d i; ck c A u sschreitungen stattgefmrdcrr hätte::, wobei drei Juden getötet und vier verwundet sein sollten, hak hier großes Erstaunen hervoraerussn. An keiner amtlichen oder nichtamtlichen Stelle in London weis; man etwas von einem solchen oder ähnlichen Oorkommms. Es ist unerfindlich, wie „Unried Preß" dazu gekommen ist, eine solche Nachricht zu verbreiten. Aus W a r s ch n u wird uns gemeldet, daß die Art, Uüe die Polnische Telcgraphei'.agentur diese Nachricht verbreitet hat, scharfe Kritik hrrvorgernfen hat. Die Polnische Telegraphcnagentur gab der" Mitteilungdie. Form eines O r i g i n a l t e l e g r a m m s ans Jerusalenr und v e rs ch w i e g, daß sie die Nachricht von der Berliner Abteilung der „United Preß" übernommen hat. Ans diese Weise wurde eine unnötige Beunruhigung erzeugt. Das Warschauer Keren-Hajessod-Komitee erhielt von der Zentrale des Keren Hajessod in Jerusalem die telegraphische Mitteilung, daß sich dort keinerlei Unruhen ereignet hätten. Sie syrischen AuMndischen in VkilWtaa. Jerusalem, 18. September. (I. T. A.) Die französischen Behörden in Syrien ersuchten die palästinensischen Behörden mit die Auslieferung der nach Palästina geflüchteten syrischen Rebellenführer Emir Abdel A r s l a n und A b d u l H a l i m e l I o n r d i. C'in solches Ersuchen wurde schon einmal gestellt. Die fränzöfipche Forderung stützt sich auf den syrrsch-palästinensischett Aluslicferungsvertrag. Eine „SrinokrMch-imtisemitische Partei" in knglimv. London, 17. September. Die Schriftsteller Eheste ton und Belloc ivcrden eine neue politische Partei, die B c r t e i l e r p a r t e i, bilden, die sich den besonderen Schutz des Kleinbauern, Handwerkers und Kaufmannes zmr Aufgabe setzt. Ter führende Kopf ist Hilaire Belloc, während Chesterton nur als sein Jünger zn betrachten ist. Beide haben sich einen individualistischen demokratischen Katholizismus m i t st a r k c m a n t i s e m i t i s ch e n E i n s ch l a g zurechtgelegt, der sowohl gegen den Sozalisnms wie gegen den Großkapitalismns Front machen und dem „kleinen Mann" auf die Benie helfen will. Auch eine starke Gegnerschaft gegen d e n P a r l a m c it t a r : § nt u 8 gehört dazu. Hilaire Belloc, der Sohn eines Franzosen und einer Engländerin, hat seinerzeit noch sein Einjährig-Freiwilligenjahr iu der französischen Armee abgedient und erwarb die englische Staatsbürgerschaft erst, um sich für ein Stipendium in Si.ford zu qualifizieren. Er saß auch vorübergehend als Liberaler im Unterhaus, ist aber in Wahrheit ein französischer Nationalist der Schule Edouard D r nm o n * s und der französischen Antiparlamentaristen. Chester-. ton ist kürzlich zum Katholizismus übergetreten. BM! 18 tut??A Wische Hörer. KlebelSberg interpretiert. Budapest, 17. September. Der Unterrichtsminister Lyvaf K lebelsberg gab einigen Journalisten Erklärungen zu seinem Numerus-clausns-Erlässen. Danach enthält seine erste Verordnung absolut nicht neues und ist nur eine Weisung an die Rektorate, daß für die Aufnahme an den Hochschulen ausschließlich der Taufschein, resp. der Matrikenanszng maßgebend sein müsse. Die zweite Verfügung erhöht praktisch genommen das jüdische Kontingent an der medizini'. scheu Fakultät von 16 ans 24 Hörer. „Der Numerus clausus bleibt bestehen ans sozialpolitischen Gründen" — schließt der Minister seine Interpretation. Ae Deklaration der südafrikanischen Negierung über den Zionismus. MWeilungm Nahum Sokolows. (Bon unfesem Berliner Die „Wiener Morgeritzeitung" hat am 16.' d. den Beschluß der Regierung der südafrikanischen Republik mitgeteilt, durch ihre Vertreter beim Völkerbund und anderswo für die Errichtung einer nationalen Heimstätte des jiddischen Volkes in Palästina zu wirken. Dieser Beschluß ist das Ergebnis einer intensiven politischen Arbeit Nahum Sokolows. Unser Berliner I. K.-Korc'espondent nahm Gelegenheit, Herrn Sokolow, de.r gegenwärtig in Berlin weilt, über die Vorgeschichte -und die Bedeutung dieses Aktes zu befragen. Präsident Sokolow gab die folgenden Erklärungen: In unserer Palästinaarbeit sind wir, koie bekannt, im hohcn Grade vom Völkerbund abhängig, und es liegt deshalb in unserem Interesse, eine freundliche Atmosphäre in dieser Körperschaft zn schaffen. Änf die Politik des Völkerbundes in Genf selbst ist eine direkte Einwirkung nicht möglich. Die Delegierten des Völkerbundes sind an die Direktiven ihrer Regierungen gebunden, und um sie für unsere Sache zu gewinnen, müssen zuerst die betreffenden Negierungen gewonnen werden. Es ist also klar, daß in Genf selbst wenig in dieser Beziehung erreicht werden kann; die Gewinnung aber einer jeden neuen Negierung stellt einen weiteren Schritt auf unserem politischen Wege dar. Unsere Sache bedarf der Sympathien nick»t nur Englands, sondern des gesamten britischen Reiches. Von großer Bedeutung ist für uns auch die Stellung von Kanada, Australien, Neuseeland. Besonderen Wert aber hat für uns die Stellung der südafrikanischen Union, welche eine Vereinigung von Transvaal, Kapland, Natal und Oranje darstellt und eine wichtige Nolle in der britischen Reichskonferenz spielt. Für den Herbst ist eine solche Konferenz der Dominions in Aussicht genommen und die Union der südafrikanischen Staaten wird wahrscheinlich durch den Premierminister General Herzog vertreten sein. Aus dieser Tatsache ergibt sich die Bedeutung des Beschlusses von selbst. lieber die Vorgeschichte der Deklaration sagte Präsident Sokvlow: Die zionistische Bewegung ist ans Geldsammlungen angewiesen. In Südafrika, wo insgesamt nur 60.000 Juden leben, wurde die Geldsammlung in besonders großem Ausniaß durchgeführt, so daß das südafrikanische Judentum verhältnismäßig die größten Geldleistungen cmfzuweisen hat. Natürlich ist die Ausfuhr von Geldmitteln aus jedem Lande mit einer gewissen Mißstimmung verbunden, und man kann überall nüt einer Opposition rechnen, die nicht nur seitens I. K.-Korrespondenten.) der Nichtjuden zu befürchten ist, sondern auch in gewissen jüdischen Kreisen aus lokalen Gründen auf Widerstand stößt. Es ist deswegen in zweifacher Hinsicht von Wert gewesen, daß die Regierung ihre Sympathien gegenüber der Arbeit des Palästinaaufbaues bekundete. Wir hatten schon lange einen warmen Verfechter der zionistischen Sache in Südafrika in der Person des Generals Smuts, .der auch ein persönlicher Freund Sokolows ist. Smuts Er» Klärungen waren aber immer rein persönlicher inoffizieller Na.tur. Zurzeit steht er sogar in der Opposition zur Negierung. Ein Widerstand seitens der Personen, die gegenwärtig am Ruder stehen, war niemals zu beobachten und sie haben schon früheren Aktionen unseren Vertretern die freundlichste Anfnahnce erwiesen. Jetzt haben diese Personen sich nicht privat, sondern offiziell geäußert, indem sie vor der ganzen Welt ihre Bereitschaft manifestierten, den Aufbau Palästinas zu fördern. E.s ist auf diese Weise die Regierungspartei sowie die Opposition für uns gewonnen und eine einheitlich günstige Stimmung der gesamten Gesellschaft geschaffen. Der Deklaration ging eine Anzahl von Konferenzen der Regierung voran, gleichzeitig wurde auch mit der Opposition verhandelt. Das Ziel war, die Grundlagen der offiziellen Palästinapolitik der südafrikanischen Regierung im Völkerbund, wie auch anderswo, sestzulegen. Die erste Beratung erfolgte in Kapstadt. Sie trug einen feierlichen Charakter und es waren alle politischen Richtungen sowie ihre Presse vertreten. Solche Manifestationen wurden nachher auch in anderen Städten durchgeführt, und überall mit günstigem Verlaufe. Diese Arbeit Wierde nach einem vorher bestimmten Plane durchgeführt und erforderte mehrere Monate. Die besten Vertreter des südafrikanischen Judentums sowie auch Sokolows Mitarbeiter in seiner afrikanischen Mission, Herr Dr. H i n d e s, wirkten tatkräftig mit. Auf' diese Weise wnrde die öffentliche Meinung u'nd die Presse gewonnen und diese Stimmung kcrm schließlich in der Form der Palästinadeklaration zum Ausdruck. Die Union war, wie bekannt, bisher durch Lord Robert C e c i l iw Völkerbund vertretet»'. Das neue Kabinett wird den Highkoininissioner Smith nach 'Genf entsenden, der dort, soweit es sich unl unsere Fra§e handelt, im Sinne der Deklaration Vorgehen wirdr 05000605060405010502020102020123010201020201020200000100000200000102234823235353480000020102005353