Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2717 (17.9.1926)
- Date
- 1926-09-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Mett, Freitag Wiener Morseazettui.r, 17. September 1s Seite 8 Nr. [\m Schröder vor Gericht. Ler Magdebarger Mardproied. Tagesbericht. krste arisch« Sarkenbar. Belm Teufel in Mauer rs «msg'steckt. Aus den in der „Wiener Zeitung" veröffentlichten Fumaprotokolliernngen erfährt man, daß die Herren T e uf e l in Wien und Karl H e i g l in Hietzing eine „Fliegerbar" in Mauer gegründet haben. .Herr Heigl ist der aus den Prozessen gegen seinen Sohn bekannte christlichsoziale Bezirksrat. Oskar Teufel verfügt schon über ein breiteres Renommee. Vor dem Zusammenbruch der Monarchie war er als Abgeordneter von Znaim Führer des Deutschen Nationalverbandes und hervorragender Heimkrieger. Er hatte auch schon eine Konzession für eine Bank in Znaim, die offenbar den Gurkenhandcl finanzieren sollte. Auf diesem Gebiete hatte Teufel einiges geleistet und den ersten arischen Gurkenexport eingerichtet. Den Prospekt hat der verstorbene Abgeordnete Kuranda im Parlament vorgelesen, wobei von sozialdemokratischer Seite auf das Znckergeschaft K. H. Wolfs hi «gewiesen wurde. Teufel führte die Monarchie bis zu ihren: letzten Augenblick. Als die Revolution kam, ernannte sich Teufel zum Kreishauptmann von Znaim; dann rückten die tschechischen Truppen ein und Teufel rückte aus. Nach Retz. Die Verteidigung des deutschen Landes übergab er einem jüdischen Sozialdemokraten. Er zog sich nach Wien zurück und trat in die provisorische Regierung als Staatsrat an der Seite Karl Hermann Wolfs ein. Nach den ersten allgemeinen Wahlen mußte Teufel aus der Negierung scheiden und widmete sich von nun ab dem Monarchismus, Abteilung Hakenkreuz. Er ist jetzt bei der Fliegerbar gelandet und wird von hier ans der arischen Weltanschauung neue Wege zur Ertüchtigung weisen. RSckqang der Arbeitslosigkeit in Wie«. Die Statistik meldet eine A b n a h m e der bei den öfseutlichen Arbeitsnachweisen in Wien in Unterstützung stehenden Arbeitslosen. Gezählt wurden am 1. d. 88.582, am 15. d. 81.3 5 7 Unter st ützungsempfäng c r. Das bedeutet in der ersten Septemberhälfte eine A tznah me um 2 2 25. Gegenüber dem Vorjahre ist die Zahl der Bezieher der Arbeitslosenunterstützung um 10.956 gestiegen. Bei d»u Angestellten ist bei unverändert ungünstiger Lage des Arbeitsmarktes der Stand der Unterstützungsempfänger um 301 auf 12.486 zurückgegangen. Im Baugewerbe hat sich die Zahl der unterstützten Erwerbslosen um 88 auf 5134 vermindert. In der Aextil- und B e k l e i d u n g s i n d u st r i e ist die Zahl der unterstützten Arbeitslosen um 1089 auf 10.791 zurückgegangen. Im graphischen und papierverarbeitenden Gewerbe zeigt sich ein Rückgang im Staude der Unterstützungsempfänger um 164 auf 1944, was auf die bessere Beschäftigung in der Papierkonfektion und im Kartvnagegewerbe zurückzuführen ist. Bei den Holzarbeitern ist der Stand der Unterstütztet: um 209 auf 4850 gefallen. Bei den Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten ist dagegen die Zahl der Unterstützten mit 120 auf 1261 gestiegen. Bekessy gepfändet. Wie das „Nenigkeits-Weltblatt" meldet, wurden im Wege des Exeiutionsgevichtes über Betreiben eirtes seiner Gläubiger die Möbel der Wohnung des aus Wien abwesenden ehemaligen Zeitu-ngsherausgebers Emmerich Bekessy gepfändet. Der Wert der in der Linken Wienzeile befindlichen Wohnung Bekessys wird auf einige Milliarden geschätzt. K> Magdeburg, 16. September. Bor dem Schwurgericht begann heute vormittags unter riesigem Andrang des Publikums der Prozeß gegen den Hakenkreuzler Schröder wegen der heimtückischen Ermordung des Buchhalters Helling. Schröder wurde schwer gefesselt von drei Beamten vorgeführt. Der von ihm in die Affäre verwickelte Fabrikant Haas ist nicht einmal als Zeuge vorgeladen, da er mit der ganzen Angelegenheit nicht das geringste zu tun hat. Den Vorsitz führt Landgerichtsdirektor Löwenthal. Er richtet nach Eröffnung der Verhandlung an die Geschwornen die Mahnung, sich nicht von politischen Gesichtspunkten beeinflussen zu lassen. Hierauf beginnt das Verhör Schröders, eines 25jährigen Burschen von harmlosem Aussehen, dem man eine so schwere Tat kaum zutrauen würde. Schröder gibt eine Schilderung seines bisherigen Lebens. Er ist noch während des Krieges als Sechzehnjähriger freiwillig in die Armee eingetreten. Nach seiner Entlassung lernte er seine Braut, die gleichfalls vielgenannte Hildegard Götze, kennen und lebte mit dieser zusammen. Bald geriet er in mißliche wirtschaftliche Verhältnisse. Zu dramatischen Szenen kam es, als der Vorsitzende dann den Angeklagten über den Tod seiner Mutter befragte, an dem Schröder selbst schuld war. Der Angeklagte erzählt darüber: Meine Braut, meine Mutter, ein Freund und ich saßen zusammen im Zinrmer. Mein Freund hielt einen Revolver in der Hand. Bei dieser Gelegenheit fiel eine Patrone auf die Erde. Mein Freund gab mir, während er sic aufhob, den Revolver zu halten. Bei dieser Gelegenheit mußte sich eine Patrone gelöst haben. Jedenfalls ging ein Schuß los und trafmeineMutter, die am anderen Tage an den Folgen starb. Vors.: Sie haben also ihre Mutter fahrlässig erschossen. Machte dieses Ereignis auf Sie nicht einen ganz außerordentlichen Eindruck? — Angek l.: Gewiß, es war für mich von tragischer Bedeutung. Aber das gehört doch nicht hieher. — Vors.: An dem gleichen Tage, wo Sie Ihre Mutter erschossen,, hatten Sie eine Eifersuchtsszene mit Ihrer Braut? — Angekl.: Ja. Ich war meiner Braut niemals treu. An dem betreffenden Tage hatte sie in meiner Brieftasche gekramt und dort Haare von einem anderen Mädchen gefunden. Sie machte mir eine Szene und da ließ ich mich hinreißen und sagte zu ihr: Ich schwöre dir beim Leben m e i n e r Mutter ewige Treue. Vors.: Und am Nachmittag haben Sie bereits diesen Treuschwnr gebrochen. — Angekl.: Jawohl, da ging ich mit einem anderen Mädchen. — Vors.: Also au demselben Tag, wo Sie beim Leben Ihrer Mutter Ihrer Braut ewige Treue schwirren, haben Sie die Treue gebrochen und a m A b e n d I h r e M u t t e r fahrlässig erschossen. Hat das nicht gewaltigen Eindruck auf Sie gemacht? — Angekl.: Ganz kolossalen Eindruck. Ich glaubte an ein göttliches Strafgericht oder auch an Okkultismus. Ich hatte mich viel mit Spiritismus und Okkultismus beschäftigt. Der Angeklagte sagt dann weiter aus, daß daß Der fahren tvegen fahrlässiger Tötung gegen ihn eröffnet wnrd, und er nur eine Gefängnis st rafe erhielt. Im weiteren Verlaufe der Verhandlung gibt Schröde: an, erst bei dem Besuche Hellings in Groß-Rottmerslebei auf den Gedanken gekommen zu fein, Helling zu erschießen um sich des Geldes, das Helling bei sich führte, zu 6e mächtigen. Der Angeklagte schildert sodann die Zerstückelung der Leiche Hellings unmittelbar nach der Tat und gibt an, nach der Tat geg essen und mit einem Bekannten Schach gespielt zu haben. Der Vorsitzende weist darauf hin, daß die Erregung Schröders über die Tat nicht groß gewesen sein könne, uw** er imstande war, unmittelbar nach der Tat Schach zu spielen. Sodann sagt Schröder aus, er habe am 15. Juli dem Kriminalkommissär Ten Holt gesagt, daß er der Mörder sei. Ten Holt habe erwidert, das glaube er nicht. Nunmehr stellt der Vorsitzende, Landesgerkchtsrat L ö w e n t h a l, der die schwierige Verhandlung mit großer Umsicht und Kenntnis des Aktenmaterials feitet, dem Angeklagten eine Reihe von Fragen. Zunächst fragt er, ob eine der drei Personen Rudolf Haas, Fischer und Reuter an der Ermordung Hellings beteiligt gewesen seien. Schröder er. klärt dezidiert, er habe die Tat ganz allein verübt, und auch die nun folgenden Fragen, ob er von einer oer drei Personen angestiftet worden sei, ob jemand bei der Mordtat geholfen, ob jemand vorher mit dem Angeklagten gesprochen habe, beantwortet Schröder mit einem bestimmten Nein. Der Vorsitzende fragt sodann: „Hat Sie jemand von den Beamten oder von der Polizei beeinflußt, heute Ihre Aussage so zu machen, wie es geschehen ist?" — Schröder: Nein, ich bleibe dabei, ich habe Helling allein getötet, um ihn zu berauben. — Vor s.: Wie kam es nun, daß Rudolf Haas verdächtigt wurde? — Schröder: Darüber kann ich keine Auskunft geben. Falsch ist aber, daß Landesgerichtsrat K ö l l i n g und Kriminalkommissär Ten Holt mir die Sache e i n g e r e d e t hätten. — Vor s.: Von wem ist der Name Haas zuerst gefallen? — Schröder: Er fiel schon bei meiner Verhaftung, jedenfalls noch bevor Kommissär Ten Holt davon wußte. Den Schluß seiner Vernehmung, die fast zehn Stundet! in Anspruch nahnt, benützte Schröder zu einer Verteidigungsrede für Kölling und Ten Holt. Er sagt: „Ich bleibe dabei, niemand hat mich zu der Tat und zu meiner Verantwortung angestistet. Wenn die Richter eine falsche Fährte verfolgten, kann dadurch doch nicht die Objektivität dieser Beamten bezweifelt werden. Allerdings ist es kein Zweifel, daß int Verlaufe dieser Angelegenheit der Name Haas genannt wurde. Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht. Denn zwischen mir und Haas und den übrigen zwei Personen bestanden Beziehungen. Diese haben jedoch mit dem Morde nichts zu tun. Ich werde darüb er nichts aussage n." An diesem spannenden Punkt endet das Verhör mit Schröder und es beginnen die Zeugenaussagen. Nach der Zorn Kivvur in der Festung. Eine Erinnerung uns der Belagerung von Przemysl. Von Viktor E. Pordes. . . . In der Abenddämmerung geistert die graue Wand der Synagoge wie Mauern einer Burg. Ant dunklen Himntel stehen die welligen Zinnen wie Schießscharten. Langsam nntfängt sie Nacht. Nur aus den tief eingelassenen Feusterluken dringt durch halbblinde Scheiben ein rötlicher, zittriger Schimmer ... Ich schreite langsam dltrch das steinerne Tor, über den schmalen, gepflasterten Hof, dein Eingänge zu. Wo bleibt das Getöse der Stintmen und Gebete, das Gewirr von Seufzern, Gemurmel und Menschenatem, das sonst bereits hier herrschte? Eine ungewohnte Stille umfängt inich. kaunl ein paar Gestalten hocken im Vorraum. Offenbar befinden sich die Betenden weiter, int Innern selbst. Tatsächlich ist die Masse der Andächtigen hier, sie füllt aber den Raunt nicht. Rückwärts, wo ich stehen bleibe, warten noch Reihet: leerer Bänke. Attch die westliche, den: Almetttor zugekehrte Wand bleibt kahl. Vier wuchtige Säulen, durch eine eiserne Ballustrade geeint, heben sie sich mächtig zur Höhe, wo das dunkle, rauchgeschwärzte Gewölbe ruht. Unten hallen Schritte, scheues Geflüster rauscht. Ich schaue herunt, suche bekannte Gesichter itt der Menge. Fast keines da. Die Angst hat alle weggefegt. Vor einigen Wochett gingen zwei Tage lang endlose Züge ab, zum Bersten gefüllt mit Mensche:: und zusammengeraffter Habe, widerhallend von Weiberklagen und Kindergewein, eine wirre, jammervolle Flucht vor jenen: Gratlen, das immer nähxr heranzvg, bis es sich enge um die Stadt schloß, ein stählener Ring. Näher kommend, erkenne ich die Arrnen der Vorstadt in ihren zerschlissenen Kaftanen und abgetragenen Gebetmänteln, sehe stämmige, gebräunte Jude,: ans den umliegenden Dörfern, durch den Krieg hieher verschlagen, Kveift mit gefurchten, faltigen Gesichtern, die nicht mehr flüchten konnten oder wollten, vor allem aber überall verstreute feldgraue Uniformen, das unscheinbare Kleid der harten Pflicht, fremd und so nngewohnt hier schimmernd in den: zuckenden Scheit: der Kerzen, unter den dunklen, gebeugten Rücken der Betenden. Plötzlich verebbt das Gemurmel, Stille wird. Von der Stirnseite her hebt sich ein Sang, verhalten zuerst, beklommen, wie ein Seufzer ans weher Brust, aber langsam ansteigend, erstarkend, unendlicher Klage voll . . . „Kol nidre . . Eine Stintme der Jahrhunderte spricht, Trauer und Wort allen Leides, das war. Stumm lauscht Herz und Ohr den Höhen und Senkungen der Melodie, starr blicken die Augen vor sich hin, als könnten sie es selbst erspähen, das klagende Lied, wie es sich himmelan hebt, dort über den züngelnden Kerzettflanttnen, ein leuchtender Streif ... Immer wieder, im selben hastigen Rhythmus, neigen sich vor dem gesungenen Wort die gesenkten, mit Gebetmänteln verhängten Köpfe, heben sich Antlitze gen Himmel, erdfern, etttrückt, wiegen sich dunkle Rückett, springen anrufend, beschwörend, geballte Fäuste auf und wogt alles brausend, verworren, wie ein rauschender Wald, eine gepeitschte See. Aber das Lied ist ihrer aller Führer und tönendes Wort, es nahn: ihrer aller Leid in sich und rief die Toten, daß sie da sind, von unseren Atlgen zu schauen, und es will für sie alle, die Lebenden uitb die Entschwundenen, drüben reden und flehen und das Schicksal beschwören. Dumpfe Nacht lagert hinter den Fenstern. Da grollt ein dumpfer Donner auf, ein zweiter, dritter. Tod hallt, Finsternis, Krieg. Ein Wind des Grauens weht hin. Lichter trüben sich. Äuget: wenden sich jäh zu den Fenstern. Des Vorbeters Stintme schlägt schluchzend um. Wie Weinen antwortet ihm der rauschende Gebetslärm. Alle Herzen verstanden in: Nu seilten Ruf, seinen Schrei, der sagt: Betende Brüder, Soldaten, Juden! Wer von euch gedenkt nicht, daß utn dieselbe Stunde, vom ersten Sternblinken an, auch drüben, wir stehen, beim Feind, in den Schützengräben und Strohhütten, in Gebetsmänteln und Todeskittelu, wir Juden, vor Gott sich beugend am Erew Jom Kitztzurt Brüder führt gegeneinander das Geschick! Heut' wird bestimmt, wer von Bruderhand fällt. Ohnmacht im Herzen. Keine Träne im Blick. Welch ein Bild steigt auf! . . . Jene Felder dort, dunkelverhüllt, zerwühlt in Gräben, Verhaue, Schanzen. Blitze leuchten auf, Granaten beschreiben feurige Bogen, Scheinwerfer flitzen grell hin und her rtnd wieder Nacht — und in ihrem Schoße, in blinden Schächten, in den Maulwurfshöhlen des Krieges, geduckte Menschenmassen, des Winkes gewärtig, von eisernem Geheiß geführt. Und dort, in Dunkel und Oede, in harter Kviegspflicht, vielleicht schon todgeweiht, feiern denselben Abend unsere Brüder, des Zaren Soldaten, seine Opfer von morgen . . . O Qual des wachen, ohnmächtigen Wissens! Wie schaurig hebt sich wieder der düstere Sang, anstimmend die ganze Todesklage des Seins. Ihn verschlingt jetzt rauschend das auf einmal einsetzende Gebetsbrausen der Gemeinde, ein hastiges, inbrünstiges Gemurmel aller Lippen, m eins alle Schreie mischend, alle Seufzer und Tränen . . . Zuckender Lichtschein fällt auf den silbernen und goldenen Belag der fahlweißen Gebetmäntel, auf die zerfurchten, bärtigen Gesichter, spiegelt sich in den blitzenden Schnörkeln des Thoraschreines, dem uralten siebenarmigen Leuchter und den Stickereien des schweren Brokatvorhanges, der die Schriftrollen birgt. Und das Rauschen schlägt an das Gewölbe, durchdvingt die Mauern, verweht in die Nacht. Noch im Vorraum hallt es . . . Die windbewegten kleinen Flämmlein flackern . . . Gespenstisch doppelt das Echo meinen Schritt. Menschenleere Nacht draußen. Fahler Mondschein liegt auf den Fliesen. Aus dem Gewölk tritt sein leuchtendes Antlitz hervor. Und Sterne funkeln in des Himmels unendlichen Gefilden wie Lichter, angezündet zur Feier des Ewigen. In den kleinen, niedrigen Häusern herum blinkt hie und da Kerzenschein, sonst sind die Straßen wie ausgestorben. Doch nein, jetzt rollen dunkle Donner auf, verstmnnien, bellen grimmig wieder ... Wieder beginnt das nächtliche Zwiegespräch der Ka« turnen ,,,