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Wiener Morgenzeitung · 1926-09-16 · Heft 2716 (16.9.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2716 (16.9.1926)
Date
1926-09-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Sk. ms Mm, Donnerstag Wiener MorASnzeltun«* is. Septemver IMS Sütt S Tagesbericht. Rudolf entfett gestoeben. v\n Jena ist, wie gemeldet wird, gestern der berühmte -eutsche Philosoph und Nobelpreisträger Rudolf Eucken, welcher noch im Jänner d. I. seinen 8 0. Geburtstag gefeiert hatte, einer Lungenentzündung erlegen. Eucken, der aus Ostfriesland stammte, studierte in Güttingen und wurde im Jahre 1871, vom Gymnasialkatheder weg, an die Universität Basel berufen, wo er das Ordinariat für Philosophie erhielt. Nach dreijähriger Wirksamkeit in Basel übersiedelte er an die Universität Jena, deren altem, gutem Namen er hohen Glanz verlieh. Es liegt eine gewisse Pikanterie darin, daß Ellcken mit den: Monisten H a e ck e l persönlich eng befreundet war, während er in der philosophischen Anschauung als der direkte Antipode des populären Verfechters des Monismus angesehen werden kann. Im Anfang hauptsächlich auf das Gebiet der Philosophiegeschichte konzentriert, ivandte sich Eucken dann der philosophischen Forschung selbst zu. Seine philosophische Anschannng deutete den Sinn des Lebens vornehiulich ans den» G e i st i g e n und daraus deduzierte er eine gewissermaßen individuelle ethische Lebensgestaltung. Seilte Schriften, unter denen das Werk „Die geistigen Strömungen der Gegenwart", das bekannteste wurde, geben seine Anschauungen in einer vom Geiste des Humanismus llicht nur beeinflußten, sondern auch persönlich durchwehten Art wieder, die sich auch in den Schriften „Sinn und Wert des Lebens" und „Mensch und Welt" klar und rein widerspiegelt. Euckens Philosophie richtete sich auf eine Art idealist i s ch e r Religiosität, die auch eine Reihe seiner Werke zu erfassen und zu erklären versucht.- In einer dieser Schriften untersucht Eucken ailch die Hauptprobleme der Neligionsphilosophie der Gegenwart. Er hat sich von diesem seinen! philosophischen Standpunkt aus auch mit den geistigen Grundlagen des Sozialismus auseinandergesetzt; diese Schrift ist eine seiner letzten. Die Philosophie Euckens fand nicht nur' in Deutschland, wo seine Anhänger einen Encken-Bund gründeten, sondern weit über die deutschen Grenzen hinaus Geltung, was sich auch darin zeigte, daß Eucken, der überdies ein hervorragender Stilist war, im Jahre 1908 den Nobelpreis für L i t e r a t n r erhielt. Mit seinenr Hinscheiden verliert die einst berühmte Universität Jena, an der jetzt ein Plate wirkt, einen der letzten geistigen Vertreter, Deutschland einen Mann von idealistischer Weltanschauung, bic. heute im Lande der Dichter und Denker immer seltener wird, die Philosophie einen vielleicht nicht allzu originellen, aber gut und vornehm profilierten Kopf. Die Psychose der kisenbahuanschlöge. Ans Berlin wird gemeldet: In den Nachmittagsstunden des Dienstags gelang es einem Streckenwärter, auf der Strecke H i r s ch b e r g—S ch r e i b e r h a u den Landarbeiter G r ä b e l festzunehmen, der einen über 30 Kilogramni schweren Stein auf die Schienen gewälzt hatte, um den gleich darauf fälligen Personenzug zur Entgleisung zu bringen. Ein von N e u m ü nster nach Hassefeld fahrender P e r s o n e n z u g wurde mit Steinen beworfen, wobei ein junger Mann durch Glasfplitter am Auge derart schwer verletzt wurde, daß mit denr V e r l n st des Auges zu rechnen ist. Ans die Ermittlung des Täters ist eine hohe Belohnung ansgesetzt worden. Bor dem Prozeß oegen den Raubmörder Schröder. Heute Begittn der Verhandlung. — Große Spannung in Magdeburg. K. Magdeburg, 15. September. Die ganze Stadt sieht mit ungeheueren: Interesse dem morgen beginnenden Prozeß gegen den Raubmörder Schröder entgegen, welcher den Buchhalter Helling ermordet und dann unter der weisen Führung des Landesgerichtsrates Kölling den jüdischen Industriellen Haas des Mordes bezichtigt hatte, iuovcmf Haas wochenlang unschuldig in Haft saß. Der europäische Skandal, der sich aus diesem Vorfall entwickelt hat und den Namen Magdeburgs mit den Schandtaten der deutschen Justiz für immer verquicken wird, hat einen ungeheuren Andrang zu dem Prozeß zur Folge. Der riesige Verhandlungssaal des Schwurgerichts in Magdeburg, wo der Prozeß stattfindet, dürfte sich für die Zahl der Einlaß verlangenden Personen als zu klein erweisen. Es wurden für 40 Vertreter der Presse Sitzgelegenheiten vorgesorgt, bisher sind allein 60 Journalisten angemeldet und der Vorsitzende des Schwurgerichtes, Landesgerichtsdirektor L ö w e n t h a l, der die Zulassungsgcsuche zu erledigen hat, hat schwere Arbeit. ÜVie die Dinge liegen, dürfte der Prozeß Schröder u-'.ch eine Reihe von Sensatiouen bieten. Für diese dürfte auch Schröder selbst sorgen. Der Angeklagte scheint sich auf offensiven Wider st and eingestellt haben. Daß er sein Geständnis neuerlich zurückgezogen hätte, wird heute als Gerücht kolportiert, doch ist es nicht ausgeschlossen, daß er im Laufe der Verhandlung diesen Versuch nochmals machen wird. Bisher überschüttet er den Vorsitzenden des Gerichtes mit Briefen und Schriftsätzen für seine Verteidigung, in denen sich sein Hang zu Phantasien, den er immer bekundet hat, kräftig auslebt. Es spricht auch viel dafür, daß Schröder n o ch m a l s v e rsu ch en wird, den Industriellen Haas in das Verfahren h i n e i n z u z i e h e n. Als interessanter Umstand sei hervorgehoben, daß die Verteidigung die Ladung des bekannten Sexualpathologen Dr. Max M a r c u s e beantragt hat und daß diesem Anträge stattgegeben wurde. Es ist also damit zu rechnen, daß versucht werden wird, sexualpathologische Motive zur Entlastung Schröders ins Treffen zu führen. Unter den Schöffen befinden sich ein Fabriksbesitzer, ein Landwirt, ein Bankbeamter, ein Gutsbesitzer und — was besonders interessant ist — der Bürgermeister von Magdeburg. Umso größer daher die Spannung der ganzen Stadt. 100 % reines Fett | j|g|p![ aus FoFosnüssen IM Erzeugt, unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwürden des Heim Oberrabbiners 8. B. Ehrenfeld, Mattersburg Sie Typhusevibemim in Deutschland. Nach amtlichen Mitteilungen aus Hannover ist die Zahl der Typhusfälle dortselbst auf 1212, die der Todesopfer des Typhus auf 30 gestiegen. Die Epidemie hat auch auf den Hannoveranischen Landkreis Linde n übergegriffen, von wo bisher 14 Typhuserkrankungen gemeldet wurden. Mau befürchtet eine weitere Ausdehnung der Seuche. In Duisburg haben die gestern gemeldeten Erkrankungen an P a r a t y p h u s, die auf den Genuß von verseuchtem Fleisch zurückzuführen sind, weiter um sich gegriffen. Ihre Zahl beträgt nach den amtlichen Meldungen bisher 65 und erhöht sich noch stündlich, so daß mit einer weit höheren Evkrankungszifser zu rechnen ii* Typhusslille in Mähren. Wie der „Brünner Tagesbote" meldet, tritt in -er letzten Zeit Typhus in verschiedenen Orten M ä h r e n s, besonders im Bosikowitzer, Proßnitzer und Olmützer Bezirk, auf. . : . , . . ‘ Shackletons Witwe im Elend gestorben. Nach einen Londoner Fnnksprnch des „Berliner Tageblatt" ist dort die Witw« des berühmten, am Südpol nmgekommenen Polarforschers Sh Ernest SHackleton in vollkommener Mittellosigkeit gestorben. Ier Brand des Blutes. Bon Ossip Dymow. „Wer ist diese junge Frau?" fragte Sam Norwick den Inhaber der Sommerpension und deutete dabei diskret auf eine große," überschlanke, junge Dame mit Etonkopf, die bescheiden, aber doch anspruchsvoll gekleidet war. Der Pensionsinhaber, ein Galizianer mit einem halb lächelnden, halb saueren Gesicht, warf einen Blick in die Richtung der Hall, wo die Dame stand, und antwortete leise: „Zunächst ist das keine junge Frau, sondern ein Mädchen. Sie heißt Siddy Binstok und wohnt schon die dritte Woche hier bei mir. Wirklich ein feines Mdchen, ordentlich, still, was mau so ein braves Judenmädchen nennt." Sam betrachtete das Mädchen noch einmal. In diesem Augenblick wandte sie ihm zufällig ihren Kopf zu und er konnte sie näher betrachten. Ein gewöhnliches Gesicht mit kleinen, schmalen, ausdruckslosen Augen, die den Eindruck machten, daß sie wohl blickten, aber nicht sahen. Es gibt Menschen mit solchen Augen — sie blicken, aber sie sehen und bemerken nichts; die ganze Welt ist ihnen scheinbar verschlossen. Sie sind ganz vertieft — in ihre Gedanken? Das nicht — besser: in ihre Gefühle, Halbgefühle, Halbeiudrücke. Dieser! Ausdruck hatten Siddys Augen, aber nicht bloß die Augen, sondern das ganze Gesicht, die Figur, der Gang, die Bewegung: ein farblos graues Geschöpf, ein gewöhnliches Mädchen, das man auf Schritt und Tritt trifft und nicht bemerkt. „Wie alt ist sie?" fragte Sam weiter. „Sie ist wohl nicht mehr jung, wenigstens nicht in der ersten Jugetld." Diesmal antwortete der Pensionsinhaber recht kurz: „Das müssen Sie sie selbst fragen, ich weiß es nicht." San: war ein junger Lebemann, der das Leben sehr leicht nahm und der festen UeberMgung ivar, das Loben sei uns dazu gegeben, um möglichst viel Vergnügen daraus zu ziehen; er verstand es wirklich, möglichst viel zu nehmen und möglichst ivenig zu geben. Er war jung, gesund, leidlich hübsch und hatte Geld — so fehlte es ihm an nichts. In diese Pension int Gebirge war er ausruhen gekommen. Wovon er ausruhen sollte, hätte er freilich nicht zu sagen vermocht. Doch da im Sommer alles Urlaub nimmt, nahnl er ihn auch; warum sollte er schlechter daran sein als all" anderen? Vom „Ausruhen" während des Urlaubes hatte er seine besondere Meinung. Es bedeutete für ihn Vergnügen, Vergnügen und nochmals Vergnügen. Daß die Mädchen von heute sehr wohl imstande sind, sich vor den: Vergnügen, das Sam meinte, zu schützen., dessen war er sich bewußt. Er konstatierte wehmütig zwei grundverschiedene Weltanschauungen: Für die Mädchen bedeutete der Urlaub Heirat und für ihn Vergnügen. Zwei grundverschiedene Dinge. Zu all dem hatte es Sam in diesem Falle auch mit den: guten Herzen. Er sagte sich: Was hat eigentlich so ein Mädchen von seinem Leben? Bon der Liebe hat sie noch gar nichts erfahren, denn die Männer fliegen doch aus andere Typen, die Jüngeren, die Fröhlichen. Auf den ersten Blick ist zu sehen, wie hungrig dieses Mädchen ist, wie ihr Herz nach ein bißchen Aufiuerksamkeit brennt. So »soll sie denn in Gottes Ncunen einen netten Sommer haben! Und Sam begann, dem kühlen, ruhigen, gleichgültigen Mdchen das zu schenken, was er Aufnrer-ksamkeit nannte. Der Vollständigkeit halber muß noch hinzugefügt werden, daß es in der Pension sonst keine Mädchen gab, die frei waren, und auch keine schöneren; sonst hätte Sam wahrscheinlich weniger hochherzig gehandelt. Eine schöne Sommernacht mit Mond, hellem Himmel, Sternen, kurz, mit allem, was zu einer schönen Nacht auf dem Lande gehört. - „Wollen Sie ein wenig spazieren gehen?" fragte Sam Siddy. Siddy schien einen solchen Vorschlag nicht erwartet zu haben, denn sie sah ihn mit ihren stillen, schweigenden Augen lange an, bis sie entgegnete: „Schickt sich denn das?" „Warum denn nicht?" erwiderte Sam lächelnd. Seine Phantasie stellte ihm schon vor, wie amüsant es sein würde, mit Siddh allein bei Stacht spazieren zu gehen, mit ihr zu sprechen . . . Ja, wovon eigentlich? . . . Ach, ein Thema wird sich schon finden. Sie verließen die Pension und schlugen den Weg gegen die nahe Wiese ein. San! lächelte und sprach von — sich. Er hielt dieses Thema für das interessanteste und passendste. Siddy schwieg; nur von Zeit zu Zeit unterbrach sie: „Es ist schon spät ... Es ist Zeit, umzukehren!" „Warum haben Sie solche Eile?" „Ich weiß nicht. Ich bin nie so spät mit einem Manne spazieren gegangen." > Das konnte er ihr glauben. Sam erwiderter „Dq haben Sie sehr viel Schönes versäumt." „Was denn?" fragte sie. „Was meinen Sie? Ich verstehe Sie nicht..." Statt einer Antwort umfaßte Sam Siddys Taille. „Was tun Sie?" rief sie erschrocken. „So geht es sich angenehmer", erklärte er ihr. Sie hob ihre Augen zu ihm aus und sagte: „Ich dachte, Sie seien ein Gentleman!" „Warum bin ich denn kein Gentleman?" „Weil Sie mich die ganze Woche nicht einmal eines Blickes gewürdigt haben." Starr vor Verwunderung blieb Sam stehen: „Jetzt verstehe i ch nicht ..." % „Ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut, eine er» Wachsens Frau und kein Kind. Ich schlafe nicht, ich höre, wie Sie sich bei Nacht bewegen." „Sie hören das , Sie ... So schlafen Sie denn?" „Neben Ihnen, Sie dummer Junge. Nicht einmal das haben Sie gewußt." Sprachlos stand San: da und sah Siddy geradezu ängstlich an. „Haben Sie keine Angst. .Ich verlange nichts von Ihnen", sprach sie, preßte sich an ihn und küßte ihn. Sie war eine ganz andere geworden; ihre Augen waren groß und schön in der Erwartung, ihr Gesicht lächelte, die Lippen brannten. „Dummer, dummer Junge!" wiederholte sie einigemal, während sie seine Küsse erwiderte. „Wieviel schöne Tage haben wir verloren?" „Verloren? Ich fahre ja nicht weg, ich bleibe den ganzen Sommer hier." „Aber ich fahre diesen Freitag weg", antwortete sie. „Ich lasse dich nicht wegfahren!" schrie Sam. „Keine kann so küssen wie du! Deine Lippen sind weich, brennend und ... du bist ja gar nicht das, was ich glaubte." „Ich bin ein braves Mädchen," antwortete sie, „aber ich verstehe zu lieben. Du wirst Sehnsucht nach mir haben!" Am Freitag fuhr sie wirklich weg. Und San: hatte wirklich Sehnsucht; er fuhr ihr nach, verfolgte sie aus Schritt und Tritt und es dauerte ein halbes Jahr, bis sie einwilligte, ihn zu heiraten. Und lange Zeit waren sie ganz glücklich, bis beide begannen, aneinander vorüberzusehen, weil beide dasselbe empfanden und verstanden: die Liebe kommt und vergeht, sie läßt sich nicht erklären und nicht rmückrusen -,

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