Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2715 (15.9.1926)
- Date
- 1926-09-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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OeM % Wen, Mittwoch Vierter Morsterrzetturr« Jas Kolonial- und Mandatsproblem. Sw ArtvM «lt Henry ve gouvenel, sranMchem relegierten bei« vilk«l>aad, srüherem Sberkommissar von Ltzrien. Lon unserem Genfer K-Oerichterstatter lieber seine Eittvrück^ in Kyrie« tzvftcht, erklärt de Zoudenel: „Auch in Kyrie« spielt sich derselbe Kamps ab, wofür m deutlichste« Me Tatsache spricht, Sch Ser größte Teil Set - Gens, 18. September. ÄMW de I o u v c n e l begann feine große Karriere arr einem- Schreibtisch der Redaktion fcS Pariser „Matin" und heute vertritt er als Senator, ehemaliger Minister Md gewesener bevollmächtigter QberkvMmiMr .von Syrien die franzüsische RspMik in; Völkerbund. Schon seit vielen Jahren gehört Henry de I o u v e n e l zu den gewichtigsten Publizisten und fernsten Parlamentsrednern Frankreichs, aber weder seine Ar.tikel noch seine Reden trugen seinen Namen lüertz über dm Grenze« Frankreichs hinaus, Weltbekannt Mlrde sein Nanöe erst an dem Tage, als er als Nachfolger des Generals Sa-rrail in das Palais des Oberkommissariats in Damaskus einzög. Nach den Berichten, die seinerzeit durch die Welt gingen, hat General Sarrail die aufständischen Syrier. Nicht immer mit Handschuhen angefaßt, und wahrscheinlich ist de Jouvenel gerade zn dem Zwecke nach Damaskus geschickt worden, dort anstatt der militärisch harten Lösungsversüche des Generals Sarrail durch? diplomatisch feine Methoden Ordnung zu schassen. Henry de JouveM ist ein breitschulteriger Mann, dessen Gesichtdie reichen Erfahrungen verrät, die er aus dem Wege von der RedaktionsstuLe des „Viatiu" bis Damaskus erworben hat-. Inseinem Knopfloch leuchtet die Rosette der Ehrenlegion, die einfache Eleganz seiner Kleidung spricht dafür, Laß er feinem Aeußeren große Sorgfalt zutvendet. Er spricht fast leise, aber seine Sätze unterstreichen doch recht pointiert bestimmte. Morte.und Aussprüche, als wollte er, daß seine .Zuhörer — diesmal die Journalisten bei der Bölkerbrrndtaguug — seinen Worten über die einfache Kenntnisnahme hinaus besondere Bedeutung beimessen. „Der Orient,- sagt de Jouvenel, „ist heute nichts Geheimmsdolles mehr, sondern ein einheitlich großer Kampfplatz, auf dem sich viel größere Konflikte abspielen als etwa einfache militärische Zusammenstöße, Streifungen oder überraschende Aeberfälle. Ick Orient geht jetzt düs große Ringen der WesMchen und östlichen Kulturen vor sich und da sind jene Keinen Kriegsoperationen, von denen die Ereignisse des Froßen Kampfes der Weltanschauungen begleitet find, durchaus nicht von großer Bedeutung. Der Kampf vollzieht sich eigentlich gar nicht auf offener Szene, sondern hinter den Kulissen. Die moderne westliche Kultur und Zivilisation haben der Kultur des Otiönts, die, wenn sie auch nicht über die für das moderne Löben eöfvrdevlkchen Errungenschaften verfügt, ohne Zweifel tiefer ist als die westliche, den Krieg erklärt. Diese Tiefen Md allörbiltgs sehr verborgen und nur die Ausevwählten köMett ihrer teilhaftig werden, während , unsere Kultur viel demokratifchet, universeller ist. Wie dieser Kampf, der jetzt entbrannt ist, enden wird, ist noch zweifelhaft, am wahrscheinlichsten Wohl mit einem für beide Teile günstigen Ausgleich." syrischen Konflikte religiösen Angelegenheiten entspringt Diese zum Teil gleichkassigeu, aber verschiedene« Religionen huldigenden Volksstämme leben in Unruhe nebeneinander und fürchten am meisten die M a n d a t s m ä ch t e, -in denen sie vielleicht nicht so sehr die seindsoligen als vielmehr die Menschen anderer Religion und darum ihre Feinde erblicken, Sie können es nicht begreifen, daß die Ausübung der Mandate in gewissem Maße ihren Zielen und ihrem Wohle YieNett will." Es wird nun die Frage aufgeworfen, ob der syrische Krieg die iMMNsett Summen, die er Frankreich kostet, wert sei. „Der syrische Krieg — antwortet der gewesene Ober koMckissär — kostet, wie jeder Krieg, ungeheuer viel, ich glaube aber nicht, daß er eine schlechte Investition wäre. So kann zum Beispiel, wenn wir die Frage vom europäischen Gesichtspunkt aus. betrachten, Syrien ein vorzüglicher Markt für europäische Industrie artikel werden. Als Markt zahlt dieses Land heute sozusagen gär Nichts, weil es Nur sehr wenige Kapitalisten gibt, die ihr Kapital in einem Gebiet investieren wollen, wo es nnäüs gesetzt Krieg gibt. Die europäischen Mächte, in diesem Falle Frankreich, werden jedoch nicht bloß von solchen egoistischen Gesichtspunkten, sondern auch von den Interessen der Eingeborenen geleitet. So könnte Syrien unter anderem das vorzügliche Zeüttüm der Bauckwollzniht werden, wenn das Volk lieber seinen Boden bearbeiten ät$ Krieg führen wollte. Wir wollen in Syrien sowohl im eigenen.Interesse als auch im Interesse der Syrier Frieden schassen." Das Gespräch geht nun aus Kölonialfiagen über und Jouvenel meint: , „Die Frage der Kolonien und Mandate bildet heute jedenfalls den Schwerpunkt nicht nur der europäischen Politik, sondern auch der Wirtschaftspolitik im besonderen. Das ist auch kein Wunder, denn die gedrückten wirtschaftlichen Verhältnisse und die internationalen Schulden zwingen die Nationen dazu, sich mit Inanspruchnahme ihrer transozeanischen Kräfte eine günstige wirtschaftliche Atmosphäre zu schaffen und ihr finanzielles Gleichgewicht wieder herzustellen. Was die endgültige Regelung der Kolon i.alfragen undderAusübung der Mandate betrifft, so kann ich nur das eine sagen, daß bei der Erledigung dieses Problems nur ein einziger Gesichtspunkt zur Geltung kommen wird: die Wahrheit." Korruptionsstreit «« da» polnische Zündholz- Monopol. ,Bntl«skttt»S«ssi>>fi12- HS «^maligen FitianjMlnistrrs Grabs!;. L. Warschau, 14. September. Seit einigen Tagen wird die politische öffentliche Meinung von einer Polemik in Atem gehalte«, in deren Mittelpunkt der frühere Ministerpräsident Professor Grabski steht. Grabski hat seinerzeit als FinattzMittister düs polnische Zündholz Monopol dem schwedische« ZüNdhölztrUst verpachtet. Diese Maßnahme brächte deck polnische« Staat große« Schaden und wurde zück Gegenstand heftiger Anwürfe gegen den Finanzminister Grabski, M sich schließlich, insbesondere nachdem der jüdische .SejMeputierte Rosckärin durch Hinweis auf die geradezu ruinöse Schädigung des Staates die öffentliche Meinung qufgerüttelt. hatte, zu schweren Beschuldigungen im Parlament «erhichieten Und dünn zur Einsetzung eines tzarl 6 ckentarischen Untersuchungsausschuss es führten. Nunmehr hat Professor Grabski vor einigen Tagen in der Regierurtgsprefse einen offenen Brief an den Sejmpräsidenten Rätay gerichtet, in welchem er sich von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen zu rechtfertigen sucht, indeck er das Abkommen mit deck schwedischen Zündholztrust als unbedenklich hinstellte, gleichzeitig aber die Mitglieder des parlamentarischen Untersuchungsausschusses, welche die schwersten Vorwürfe gegen ihn erhoben haben, die beiden Deputierten und gewesenen Finanzminister Mich a l s k i und B h r k a sowie die Deputierten Whrzhl o w s k i und Rosmarin moralisch zu disqualifizieren jucht. Er wirst ihnen vor, sie waren aus persönlichen oder nlateriellen Gründen jetzt gegen ihn ausgetreten. Die angegriffenen vier Abgeordneten haben die Anwürfe Grabskis in der Presse sehr scharf beantwort e t und dabei auch vom Sejmpräsidenten Sukkurs erhalten, der offiziell erklärt, der Sejm werde unter den obwaltenden Umständen gezwungen sein, gegen Grabski Stellung zu nehmen. Die gesamte polnische Presse stellt überdies fest, daß Professor Grabski, unter dessen Regime die Korruption in Polen am stärksten geblüht habe, sich i« der Rolle eines Korruptionstöters nicht sehr gut ausnehme, einer Rolle, die er Wohl jetzt spiele, nm die eigenen Mißbräuche zu verhüllen. Dar griechische FMchtllngreleicd. Aus Saloniki wird uns geschrieben: Vor kurzer Zeit erschienen die griechischen statistischen Zusammenstellungen über die Kolonisation Mazedoniens mit griechischen Flüchtlingen. In de« 17 Flüchtlingsbureaus, die in Mazedonien errichtet sind, wurden alle Familien nach ihrer Herkunft eingetragen. Es ergab sich folgendes: 115;512 Personen stammen aus türkisch Thrazien- 127.915 aus Kleinasien; 127.653 von den Küsten des Schwarzen Meeres; 32.039 aus dem Kaukasus und 24.640 aus BÜlgarien. Dazu kommen noch 3379 aus aUddren Gegenden. Es sind im ganzen also allein in die arme, öde Provinz Mazedonien 43 0.4 37Men schert geflohen, die hier Uttter den entsetzlich sten Entbehrungen zum großen Teil heute noch in Zelten wohne«, an Seuchen sterben, vergeblich Existenzbedingungen suche« und einer ungewisse« Zukunft.entgegenhungern. Die blühenden Stätten, an denen die aus der Türkei Geflohenen (370.479) einst lebten, sind unter den Händen der Türken zu Ruinen geworden. A n a t o l i e n i st menschenleer und könnte viele Millionen . Müschen erüährett. An der Flüchtlingsfrage g eh t G r i ech e nla nd-zmgrunde und hunderttausende enttzestnatete Menschen sind zü flüchtigen Bettlern geworde«, durch jene famose, von Europa sanktionierte Formel des Bevölkerungsaust a u f ch e s, der es der Türkei ermöglich hat, ungestraft, ja sogar völkerrechtlich sanktioniert, viele Hunderttausende von Menschen zu berauben und aus ihren Wohnsitzen zu vertreiben. *)et Typhus in Saniwlm Mehr als tausend Erkrankungen» Aus Hannover wird gemeldet r Dl« Zahl dtzr ä« LyphüS Ertränkten hat sich nach der amtlichen Verlautbarung auf 1011 erhöl, r. 2 1 F ä l l e sind t ö d l i ch verlaufen» Paratyphuserkrankungen in DniSbnrg. Infolge Genusses oott verdorbenen F l e t schwäre n sind inDüisburg37PersoneN erkrankt. Acht Familien Mußten dem Krankenhaus zugesührt werden. Die Äetzgeret, auS der die fraulichen Fleischwaren stammen, wurde gestern vormittags von der Polizei aelchlossen. Nachdem durch die bakreriokogisMe Untersuchung bet eitt'gen Erkrankten Parat h p h u s festgestellt wotden war. IS. September 1986 Nr. ffl» Avk der Suche nach de« starken Sstann. Bundeskanzler Dr. Ramek ist gtstßr« NächMittWS Mi! Gens hier eingetroffen. Im Laufe der Woche wirb er. iw Hauptausschuß über das Resultat seiner Genfer NerhSR». lungen berichten. Bekanntlich wllrtzM nrit dem Völkerbund zwei Gesetze veltzmbart, ötts etm bStdifst die 7S-M i l l i ö N e N - S ch a tzscheineaNleihe, düs zweite dia Abänderung der R a t i v n ü! b a tt f st n t u t s, das die Belehnung der Schatzscheine durch die AvtLnbank ermöglichen soll. Es heißt, daß die Kegierung vorerst n i ch t die Absicht hat, Schatzscheine auszügebett, da ihr Erlös chr keine größere Menge flüssiger Mittel liefern würde; demnach ist die parlamentarische Erledigung beider Gesetze nicht besonders dringlich. Wichtiger ist, dafür zu sorgen, daß der Staatsschatz sobald als möglich wieder die für die Zentralbank deutscher Sparkassen aufgewendeten 70 Millionen Schilling znrückerhält. Zu diesem Zwecke ist, wie erinnerlich, die Aufnahme einer Obligationsanleihe geplant, die von den Banken und Sparkassen übernomM«, verzinst ü«r> amortisiert weiten soll. Die Verhandlungen über diese Anleihe sind während der Abwesenheit des Bundeskanzlers nicht sonderlich gefördert worden. Bei den Sparkassen wurde eine Art schriftliche Ab st ick mang darüber veranstaltet, ob, unter welchen Modalitäten und in welchem Ausmaße sie sich an der gedachten Anleihe beteiligen Wollen. Heber das Ergebnis der Abstimmung ist bisher nichts bekannt geworden, ebensowenig über einen Fortschritt der Verhandlungen mit den Banken, Dazu kommt noch, daß die ursprüngliche Haftungserklärung d e r R e g i e r u n g im Falle der Zentralbank nur für E i n l a g e n galt, während, um einen Zusammenbruch abzuwehren, aus den Regierungsgebdern ziemlich wahllos an Gläubiger, die unter verschiedenen Rechtstiteln ihre Förderungen geltend machtm, Auszahlungen geleistet wurden. Es ist nun kaum mehr mit der Refundierung dieser zu Unrecht erfolgten Auszahlungen zu rechnen, lieber diese Schwierigkeiten wird der Bundeskanzler zunächst hinwegzukommen trachten müssen. Die Parteienverhandlungen über die Getränk«- st euer n, aus deren Mehrertrag Länder und Gemeinde« ihre Aufwendungen für die ausgesteuerten Arbeitslosen . bestreiten sollen, werden heute förtgesetzl. Ob es dem 'Kanzler gelingen wird, diese bisher resultatlos verlaufenen Verhandlungen erfolgversprechend zu gestatten, wird bezweifelt, da man dem obstrukten Verhalten der Sozialdemokraten. daS politische Motiv unterschiebt, dem Kabinett Ramek nichts mehr zu bewilligen. In der Beamtenfrage sieht man jetzt weniger pessimistischda bekannt geworden ist, daß sich die Streikdrohung der Technischen Union als eine Extratour des Führers dieser Gruppe, des Abg. Z e l e n k a, darstellt. Er fühlt sich an die Abmachungen der Postgewerkschaft nicht gebunden und befindet sich in einem o f f e n k u n d i g e n G e g e n.s atz zu den übrigen Gewerkschaften der Bundesangestellten. Auf diesen Umstand macht das sozialdemokratische Organ aufmerksam und kündigt an, daß nach Abschluß der diesmaligen Gehaltsbewegüng der Beamten die Gewerkschaftsdisziplin wiederhergestellt werden Müsse. Die Schwierigkeiten, die Dr. Ramek vorfindet, sind gewiß nicht unüberwiMich, jedoch findet man im Lager der Majoritätsparteien die ©ituation insofern unerquicklich, als die Opposition die stärkeren Triumphe in die Hand bekommen hat, so daß nicht die Opposition bei der Regierung um die Erfüllung von Postulaten petitionieren muß, sondern umgekehrt die Regierung die Bedeckungsvorlagen für die Zentralbankgelder und die 18. Arbeitslösenverstcherungsnovelle den Sozialdemokraten ivgendwie wird abkmlfen müssen. Düs hat den Wunsch nach einem neuen^ Regime laut werden lassen, das von einem stärkeren Mann als Dr. Ramek geführt wird. Die Mehrheitsparteien rufen wieder nach Dr. Seipel und sollte auch it die Dinge nicht wenden können, so wäre tzs nicht äüsgeschlosten, daß statt im Herbst, schon im kommenden Frühjahr Neuwahlen für den Nationalrat stattfinden. Der internationale Kongreß M Wohnung», und StiivtebaU. Im großen Festsaal in der Hvfburg wurde gestern nachmittags der von mehr als 1100 Delegierten aus nahezu allen Staaten der Welt beschickte Internationale Kongreß für Wohnüngs- und Städtebau eröffnet. Bon der Bundesregierung waren die Minister Dr. S ch ü r f f und Dr. R e sch anwesend. Bürgermeister Seitz war mit sämtlichen Wiener Staoträten erschienen. Die Begrüßungsansprache hielt StMrat Weber, der auf die große Bedeutung des Problemes eitter modernen Städtebauart hinwies, die in eNgsteck Zusammenhang mit der Wohnungsfrage steht. Bürgermeister Seitz. erklärte, die Gemeinde Wien bemühe sich, auf dem Gebiete des Wohnungsbaues führend zu fei»; Er lud sodann die Teilnehmer ein, die städtischen Wöhnhausbauten m besichfigen. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Architekten Unwtn vom englischen Gesundheitsamte wurde in die meritorischen Beratungen eingegangen. Zunächst wurde die Bedeutung der Bodenr e f o r m für den S t ä d t e b a u behandelt. Abends würde den Gästen im Rathaus ein festlicher Empfang bereitet. Eine einmalige Zuwendima für die städtischen Angestellten. Gestern bat der Personalausschuß und der Stadtsenat beschlossen, den stäotisrhen Beamten und Angestellten der Hoheits» Verwaltung und der Ultternehckungen sosoie den Lehrern eine einmalige Zuw-endüng von 50 Prozent eines Mouäts- « auszilbNatzlen. 80 Prozent lverden ack.20. d. liquidiert, .1 ajn. lls Dezember angewiesen. Die .P e n si o n i st e n erhaltet: ebüttsalls eine erste Aiizätzlulig von.20 Prozeiit ihrer Pension mit der nächsten Sluszahlüng ihrer RuhegenÜsse; deü Röst btzkMWW sie im SXsember.