Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2714 (14.9.1926)
- Date
- 1926-09-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-MS Men, DienSkäg W^«er Moraenzettung 14. September 1926 ■Jtt. trii Der genttalbankflandal. Aevisto» der Steirerbant. — Sie Stnrstreibereien in Steweag-AMen Der parlamentarische Untersuchungsausschuß für die ^entralbankangelegenheiten hielt gestern nachmittags unter Vorsitz des Präsidenten Eldersch eine Sitzung ab, in der zunächst die Kuratoren über ihre Verhandlungen nt 11 der Bodcnkreditanstalt behufs Uebernahme der Steirer bank berichteten. Im Anschluß an diesen Bericht fand eine längere Debatte über die Angelegenheit der Steirerbank statt. Abg. Dr. Danneberg stellte im Verlauf der Debatte den Antrag, das Kuratorium zu beauftragen, eine Revision der Steirer bank und ihrer Unternehmungen durchzuführen. Die Abgeordneten der Mehrheits- Parteien sprachen sich g e g e n d i e s e n A n t r a g mit der Begründung aus, daß das Kuratorium eines solchen Auftrages nicht bedürfe. Hierauf teilte Abg. S t r e e r u w i tz namens des Kuratoriums mit, daß dieses die notwendigen Erhebungen bei der Steirerbank durch drei Banksachverständige unverzüglich vornehmen lassen werde, um sich einen Ueberblick über das Unternehmen für die Verhandlungen mit der Bodenkreditanstalt an Ort und Stelle zu verschaffen, und daß cs dem Untersuchungsausschuß darüber Bericht erstatten werde. Abg. Dr. Danneberg verzichtete sohin auf die Abstimmung über seinen Antrag. Abg. Dr. D a n n e L e r g beantragte ferner, daß bei der B o d e n k r e d i t a n st a l t, der U n i o n b a n k und der G r a z e r A g r a r b a n k durch die Bankkommission die notwendigen Konstatierungen zur Feststellung der Ursachen der iin Juli stattgefundenen Kurstreibereien in Stew e a g - A k t i e n vorgenommen werden. Dieser Antrag wurde von den Abgeordneten der Mehrheitsparteicn mit der Begründung a b g e l e h n t, daß er nicht in den Wirlungskreis des Ausschusses falle. Ueber Befragen des Abg. Dr. Danneberg erklärte Kommerzialrat H e u r i t s ch, der Vertrauensmann der Großdeutfchen, in seinem und im Namen des Hofrates Stern, daß sie als Mitglieder der Bankkommission dort die Vornahme einer Untersuchung in der Angelegenheit der Steweag-Aktien beantragen und dem Untersuchungsausschuß berichten werden. Sodann befaßte sich der Ausschuß mit dem Bericht des Kuratoriums über die in der Zeit vorn 1. bis 10. Juli geleisteten Auszahlungen. Der Ausschuß beschloß, über seine Verhandlungen regelmäßig ausführliche Berichte zu veröffentlichen, die aus technischen Gründen nicht unmittelbar nach der Ausschußsitzung ausgegeben werden können; der Bericht über die heutige Sitzung wird in den allernächsten Tagen erscheinen. Die nächste Sitzung des Ausschusses findet Mittwoch um halb 4 Uhr nachmittags statt. Zu dieser Sitzung sind als Zeugen geladen Finanzminister Kollmann, die seit dem Jänner 1924 bei der Zentralbank in Funktion gewesenen Staatskommissäre und der Präsident der Zentralbank, S o b i t s ch k L. 600 Angestellte existenzlos. In einer Vertrauensmännerversammlung der Angestellten der Zentralbank deutscher Sparkasien teilte der Betriebsratsobmann Weis mit, daß die Arbeiten znr Erstellung eines Status voraussichtlich noch in diesem Monat abgeschlossen werden können. In der Debatte wurde verlangt, daß die Schuldigen an dem Zusammenbruch des Instituts eruiert werden, denn die Tatsache, daß mehr als 600 Angestellte nunmehr existenzlos werden, dürfe nicht ungesühnt bleiben. Die Betriebsratsexekutive und der Reichsverein der Bankbeamten wurden beauftragt, auf der uneingeschränkten Erfüllung aller Rechte der Angestellten zu bestehen. Ein wirtschaftlicher Berater der zionistischen Srganisation. London, 13. September. Die Zionistische Exekutive hat für sämtliche auf Palästina bezüglichen Wirtschafts- und Finanzfragen einen wirtschaftlichen Berater beigezogen. Für diesen Posten wurde Dr. A. -I. Kasteliansky bestellt, der bereits als Experte des Kolonialamtes in der Frage der Gewährung einer Anleihe von 4,5 Millionen Pfund an die Palästinaregierung tätig war. Dr. Kasteliansky ist bereits nach Jerusalem abgereist. Ueber seine Person sagt der „Observer" in einem Artikel über die Entwicklung Palästinas und die Arbeit der Zionistischen Organisation dortselbst folgendes: „Dr. Kasteliansky, oin Engländer, der im Kriege im Kriegsministerium tätig war, ist in den Kreisen des . Londoner Finanz- und Transportwesens eine bekannte Persönlichkeit. Er ist eine wohlbekannte Autorität für Wirtschastsfragen, über die er verschiedene Abhandlungen veröffentlicht hat, und für internationale Fragen, deren tiefe Kenntnis sein Buch „Die nationalen Bewegungen in den modernen Staaten" beweist. Dr. Kastelianskys Berichte werden nicht allein für die Zionistische Organisation, sondern auch allgemein für Finanz- und Kaufleute sehr wertvoll sein". Das Arbeitsgebiet des neuen Wirtschaftsberaters ist umfassend. Er soll im allgemeinen über folgende Fragen berichten: a) Entwicklung und Förderung von Handel und Industrie in Palästina im zionistischen Interesse. b) Schaffung eines Bindegliedes zwischen Exekutive und den industriellen Unternehmungen des Landes. c) Vorschläge zur Schaffung und Erleichterung von Beziehungen der palästinensischen Handelswelt mit den Fabrik s- und Jndustriekreisen Englands; zuverlässige Informationen über bestehende oder mögliche Exportmärkte einerseits sowie auf der anderen Seite Berichte an hiesige Kaufleute über die Aussichten fremden Kapitals in Palästina. Sa« zkgeunerNnd von Sobkztzn. Die Ritualmordhetze geht weiter. L. Warschau, 13. September. Wie aus D o b r z h n gemeldet wird, hält die antisemitische Hetze, welche im Zusammenhang mit der Ermordung eines Zigeunerkindes durch dessen Angehörige in der Posener Presse entbrannt ist, weiter an. Die Hetzartikel haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Beerdigung des ermordeten Zigeunerkindes gestaltete sich zu einer großen Manifestation. In der Bevölkerung von Dobrzyn selbst herrscht Ruhe, doch fehlt es auch weiterhin nicht an lokalen Hetzeinflüffen, welche den Tod des Zigeunerkindes gegen die Juden ausschroten wollen. An der Spitze dieser Hetze stehen die F r a u des Bürgermeisters sowie der Dobrzyner Arzt Szyszewski, der" direkte Ritual mordbeschuldig ung e n verbreitet, indem er erklärt, er sei überzeugt, dem Kinde sei Blut abgezapft worden. Die lokale Presse unterstützt diese Hetze. Wahrend die Stimmung in Dobrzyn selbst ruhig ist, ist sie im benachbrten Orte Golup unter der Einwirkung der verhetzenden Gerüchte sehr erregt. Die zehn jüdischen Familien von Golup konnten während der Feiertage ihre, Wohnungen nicht verlassen. Wieder ein kisenbahnanschiag in Ieatschland. lein Schaden.. Oppeln, 13. September. In der Nacht zum Sonntag wurde ans der Strecke O p v e l n—K arlSrube ein Anschlag oersucht. Kurz vor Karlsruhe bemerkte der Führer des Zuges e ne Störung. Da sich nach dem Einlaufen in die Station an der Maschine kein Schaden zeigte, wurden die Schienen untersucht und festgestellt, daß an der be reffenden Stelle im Walde die L a s ch e n von denSchienengelöst und die S ch i e n e n gehoben worden waren. Der Täter wurde verhaftet. Es ist ein abgebanter Bahnarbeiter, der die Tat ans Rache begehen wollte. Der Gisen-tthnattentäter von Lehrte — ein organisierter Hakenkreuzler. Aus Berlin, 13. d., wird uns geschrieben: In Bamberg wurde in den letzten Tagen ein P l a k a t affichiert, darin die Behauptung wiederholt wurde, daß der Eisenbahnattentäter von Lehrte, Schlesinger, Jude sei. Der Stadtkommissär von Bamberg ließ diese Plakate entfernen, weil er in ihnen eine Aufforderung zu Gewalttätigkeiten erblickte. Ans diesem Anlaß wurde festgestellt, daß Schlesinger vor sechs Jahren einige Zeit in Bamberg als Mitglied der Ortsgruppe des Völkischen Schutz- und Trutzbundes Bamberg tätig war und am 2. Juli 1926 durch rechtskräftiges Urteil wegen nichtgenehmigter Verbreitung antisemitischer Flugblätter zu 35 Mark Geldstrafe und sieben Tagen Gefängnis verurteilt wurde. 8i» Zuftizskandal in Breslau. Mn Jude wegen des Meineids eines Zeugen unschuldig verurteilt. X. Berlin, 13. September. Das „Acht-Ilhr-Abendblatt" veröffentlicht heute einen sensationellen Justizskandal ans Breslau. Nach Mitteilung des Blattes ist Herr Max Paul, der Sohn eines jüdischen Zigarettenfabrikanten, infolge des Meineids eines Zeugen unschuldig verurteilt worden und schmachtet seit zwei Jahren im Kerker. Der Zeuge, der durch seine falsche Aussage die Verurteilung Pauls bewirkt hat, ist seit einiger Zeit unauffindbar, so daß alle Bemühungen zur Befreiung Pauls bisher erfolglos waren, da der erwähnte Zeuge jetzt nicht stellin gemacht werden kann. Ser Spion Redl und seine Helfer. Ein Geständnis ans dem Totenbette. Aus Prag wird berichtet: Der Pole Iwan Pio« trowsti, der im Vorjahre zu fünf Jahren schweren Kerkers wegen Spionage verurteilt worden war, ist in Karthaus gestorben. Knapp vor seinem Tode erzählte er einem Bekannten, der ihn besuchte, daß er im Vordergründe der Redl-Affäre gestanden habe, jener Affäre des österreichischen Generalobersten, der im Jahre 1912 als russischer Spion entlarvt wurde. Er habe im Aufträge Rußlands durch Redl den Adjutanten des Generalstabschöfs Conrad v. Hötzendorf kennen gelernt und es sei ihm gelungen, den ganzen A u sm a r s ch p l a n der Mittelmächte in die Hand zu bekommen und zu photographieren. Nach diesem Plan, der von Wilhelm den Ztveiten nnb dem ErFhevzogchronfolger Franz Ferdinand in Konopischt ausgearbeitet worden sei, sollte der Aufmarsch nicht gegen Rußland, sondern gegen Frankreich und Belgien erfolgen. Rationale Unökonomik. Dr. Ephrerim Waschitz über die Palüstlaakvise Im Rahmen der Vortragsabende, welche der Wiener Klub radikaler Zionisten veranstaltet, hielt Herr Nahum S a» monsky aus Tel-Awiw einen instruktiven Portrag über das Thema Kolonialpolitik und Mandatssystem. Er gab zunächsi einen kurzen, aber klaren Ueberblick über die Geschichte der Kolonisation und insbesondere über Englands Kolon ialpoliti: bis zum Ausbruch des Weltkrieges. Wilson wollte an Stelle der Allianeepolitck den Völkerbund fetzen und es ist wichtig, sich dessen zu erinnern, daß einer der Pioniere dieses Gedankens vom Völkerbund Lord Balfour war und ihn schon vor Wilson aussprach. Ter Vortragende besprach eingehend Form und Zweck der Verwaltung eines Gebietes durch eine Großmacht auf Grund eines Völkerbundmandates, prüfte, ob der Sinn des England in bezug auf Palästina erteilten Mandates in den letzten sechs Jahren erfüllt .wurde und kam zu 'einem negativen Resultate. Noch während der Ausführungen Samonskys erschien das Mitglied des Waad Leumi, Herr Dr. Ephraim Waschitz, im Saale. Er wurde vom Präsidenten des Klubs, Ingenieur Stricker, als geschätzter Freund der österreichischen Zionisten, unter denen er seinerzeit so erfolgreich gewirkt habe, herzlich begrüßt .und ersucht, an diesem Abende das Wort zu ergreifen. Die Ausführungen des Gastes, der sich nur einige Stunden iin Wien aufhalten konnte, sind um so bemerkenswerter als Dr. Waschitz, ein Pionier der zionistischen Bewegung, durch sechseinhalb Jahre ohne Unterbrechung in Erez Israel lebt, also fast den ganzen Zeitraum der neuen Aera nach Kriegsende in Erez Israel verbrachte. Doktor Waschitz führte im wesentlichen folgendes ans: Ich bin ein unheilbarer Optimistin bezug a u f d i e E n t w i ck l u n g des jüdischen P a l ä st i n a. Ich habe mit eigenen Augen .das Wachstum .der jüdischen Bevölkerung von Haifa von 2000 ans 16.000 Seelen gesehen, den Aufbau von Tel-Awiw, das Wachsen des neuen Jerusalem mit Tglpioth als Mittelpunkt und ich sah das landwirtschaftliche Werk im Emek gedeihen, — alles dies trotz der verhältnismäßig sehr geringen Hilfeleistung, welche die Zionistische Exekutive gewähren konnte und trotz der nicht genügenden Förderung durch die palästinensische Regierung. Man kann im großen ,und ganzen sagen, daß die landwirtschaftliche Siedlung auf die Kollektivinitlative, der städtische Aufbau auf Privatinitiative zurückzuführen sei, und diese Zweiteilung ist kein Zufall. Wer unsere Institutionen kritisiert, darf nicht vergessen, daß sie aus landwirtschaftlichem Gebiete Großes geleistet haben, - allerdings nur relativ Großes. Was idie P r iva t i n i a t iv e betrifft, so werde dev Vorwurf erhoben, daß bestimmte Unternehmungen, zum Beispiel die Zementfabvik und die Haifaer Mühlen, auf eine im Verhältnis zu den augenblicklichen Möglichkeiten zu große Basis gestellt worden seien. Herr Dr. Waschitz meint, dieser Fehl e r f e i ein Vorz u g, der sich .in der Zukunft auswirken werde. Das ökonomische Gesetz, man müsse mit möglichst geringen Mitteln möglichst große Erfolge erzielen, habe für Palästina keine .Geltung. Was hier ökonomisch schädlich erscheint ist vom nationalen Standpunkt nützlich. Allerdings kostet uns diese Widergesetzlichkeit viel Geld. Die Krise, welche Doktor Waschitz als dauernd anstcht, 'sei diktiert durch unser aus nationalen Gründen nötiges u n ö k o n o m is ch e s Vorgehen.! Die Krise des neuen Jischuw ist keine Krise im gangbaren Sinne des Wortes, denn sie wird bewirkt durch das nationale Gebot. Nichts .wäre verfehlter .als die Maßnahme der Einschränkung der Einwanderung, um dieser Krise obzulMsen. D i e Rückwanderung erklärt Dr. Waschitz als eine durchaus n o r m a l e Erscheinung. Nach seinen -'nunmehr langjährigen Erfahrungen fei auch H>as Wort „arabische Frage" unangebracht. Das Problem müsse so gestellt werden: .Wie regeln wir unser Verhältnis zu den Arabern? Der Man- «datarmacht könne,eigentlich nur der eine, allerdings schwerwiegende Borwurf gewacht werden, daß sie idrn Artikel 6 des Mandates nicht erfüllt halbe. Ms die Juden ins Land kamen, erkannten die englischen Exekutivorgane, daß diese neue BevöMruugsschichte sich nicht in die Kategorie der Natiss (EinMborene in den englischen Dominions) weisen lasse — daß es aber doch keine Engländer.sind. Diesem Umstande sind alle Mißstände im Lande seit Beginn der Mandatsperioide zuzuschreiben und dieser Zustand wird so lange währen, als wir eine Minorität der Bevölkerung sind. Der Keren Hajessod als Finanzinstrument des Aufbaus, so dringlich und wichtig er ist, werde nicht ausreichen, zumal in absehbarer Zeit die Maximalleistung an Keren-Hajessod-Beiirägen erreicht sein und eine weitere Steigerung der Steuiereingänge illicht zu erzielen sein werde. Für dringend erachtet Herr Dr. Waschitz eine großzügige Propaganda, die das jüdische Kapital veranlaßt, in Pacht! na .zu arbeiten. Wer, wie der Redner, diese sechs letzten Jahve im Herzen des neuen Jischuw verbracht habe, müsse den Juden der Zer st r e u u n g und i n s b e so u de re den Zio- U i st e n z u b e d e ll k e lr g,e b e n d a ß K r i t i k n u r d a >l n Nutzen b r i n g t w e n n s i e p r o d u k t r v i st. Ler japanische Rnanrminifter geftorben. Tokio, 13. September. (Wolfs.) Finanzminister Hayami ist heute gestorben. Voraussichtlich wird der Premierminister zeitweilig das Finanzportefeuille übernehmen.