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Wiener Morgenzeitung · 1926-09-12 · Heft 2713 (12.9.1926) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2713 (12.9.1926)
Date
1926-09-12
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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4 9lt. H18__Men, Sonntag __Msenen Mvkftenzettimg 12 September 1926 Gelte 1 8ttm Abschied keschevt uns -er scheidende Sommer eine ganze Reihe,herrlich schöner Sonrme^onnentage . ., wie einst im Mai. Es ist, als ob er uns für das trübe Dauerwetter der letzten Monate ent« schädigen wollte. Und .doch gemahnt, schon eine oft recht empfindliche Morgen- und Abendküble daran, daß der Sürnmer bald zur Rüste geht und Herbst uni» Winter nicht mehr'ferm. find. Die letzten schönen Tage verlocken zu einem Spaziergang. Sehen wir uns dabei zur Orient-ierung die Kaufläden der Taborstraße an, da wir ja bald für die kühle Jahreszeit einkaufen müssen. Vor allem werden uns da die mit wahrhaft künstlerischem Geschmack arrangierten Schaufenster des dominierenden Leopoldstädter Warenhauses Brüder S ch i f f m a n n, 2. Bez., - Taborstvaße 48, angenehm ins Auge fallen. Wir gewinnen bei deren Ansicht einen erschöpfenden Ueberblick über die herrschende Mode in Bekleidungsartikeln jeder Art für die Dame und den Herrn, und müssen über die herrlichen Modedessins und die wunderbaren Farbenharmonien der Stoffe ebenso staunen, wie über die auffallend billigen Preise. Brüder Schifsmaun, als verläßlichste und billigste Einkaussquelle allgemein bestens bekannt, übertreffen sich selbst. Seide, Wollstoffe, Samte, allerneueste Herbstware, Teppiche, Vorhänge, Bettdecken, Wäsche, Strickwaren usw. werden letzt als „sensationelle Herbstokkasion" zu billigen Vorsaisonpreisen angeboten. Besonders billig sind die Einführungs- Preise für sämtliche Schneider- und Modistenzngehöre. Niemand unterlasse diesen lohnenden Spaziergang, um sich ans eigener Wahrnehmung von der Richtigkeit des hier Gesagten zu überzeugen. _ Wien, 12. September. * Das Wetter. Das sommerliche Schönwetter hat auch gestern angehalten. Die Voraussage lautet: Nordalpen heiter, föhnig, Südalpen wolkig, etwas w ä r m e r. * Heute Wiener Festsonntaa. Wie bereits berichtet, findet h e n t e anläßlich der Wiener Messe ein Festsonntag statt. Um halb 11 Uhr vormittags beginnen die Festproduktionen in der Spanischen Reitschule. Um 12 Uhr konzertiert auf denr Heldenplatz die Regimentsmusik des Infanterieregimentes Nr. 2. Um halb 3 Uhr wird der Trachtenfestzug vom Aspernplatz zum Nathans ziehen. Auf dem Rathausplatz beginnt um halb 4 Uhr das Trachtenfest. Im Prater wird ein großes Fest abqehalten, das uni 3 Uhr mit dem Einzug von 20 Musikkapellen durch den Stadtbahnviadukt beginnt und bis in die späten Abendstunden dauern wird. Im Prater wird bei Eintritt der Dunkelheit ein Riesenfeuerwerk veranstaltet. Um halb 9 bis halb 10 Uhr abends wird das Nathans festlich beleuchtet. Der Hochstrahlbrnnnen auf dem Schwarzenbergplatz wird von halb 10 Uhr bis halb 11 Uhr abends seine farbigen Lichteffekte zeigen. Um dreiviertel 10 Uhr abends werden sämtliche Musikkapellen Wiens den Walzer „An der schönen blauen Donau" spielen. Sämtliche Theater und die Ravag veranstalten Festausführungen. Die Veranstaltungen des Festsonntages — bis aus den Festzug, das Trachtenfest und das Praterfeuerwerk — werden bei jebet Witterung abgehalten. Die drei genannten Veranstaltungen werden nur im Falle ausgesprochenen Regenwetters abgesagt. Zfchias-Schnettkuren (guck gegen Hexenschuss und Aimneuralgien) Fangopackungan ganen Rheumatismus und Cfeht Moorbäder, Diathermie. HeTssluft, Höhensonne, Kohleusäurebäder, Kaltwasserkuren Täglich von 8 bis 6 uhr im „ Thermla1'-Institut, -. Bezirk, Franz-Josefs Kal 1. Tetepaon Nr. 79-1-37 * Gegen die Erhöhung der Post- und TelephongeSühren. vytt fernem Vereinslokal in der Annagasse hielt gestern der Verein der Telephon- und Telegrapheninteressenten 'eine Protestversammlung gegen die geplante E r h ö b n n g d er Po st- T e l e p h o n g e b üh r e n ab. Nach einem 'Referate des Lekretärs des Vereines Dr. Steinschneider, dev cs mit der herrschenden Wirtschaftskrise für. unvereinbar erklärte, eine derartige neue Belastung der Kaufmannschaft aiffzubürdeu, wurde eine R e s o l n t i o n beschlossen, die in scharfer Weise gegen die geplante Erhöhung Stellung nimmt. Auch in 'der Provinz werden ähnliche Kundgebungen stattfinden. ehraucht das groß* und kleine Himmelsllch», D;e Sterne dürfet Ihr verschwenden, Unmit's uns auch am Geiste r.ichi gebricht, Tischt Hubei-Likör auf an allen Enden. Überall erhältlich. * Der erste Paneuropakongretz. Der Kongreß wind Sonntag den 3. Oktober um 10 Uhr 80 Minuten im Großen Konzerthaussaal mit einer feierlichen Sitzung eröffnet, bei der Dr. Seipel die Eröffnungsrede hält. Um 7 Uhr abends eröffnet R. N. Coudenhove-Kalergi die politische Tagung. Die wirtschaftliche Steigung,' die- Montag den 4. Oktober beginnt, wird mit einem Referat des französischen Nationalökonomen Francis Delaisi eingeleitet. In der geistigen Tagung, die am Dienstag den 6. Oktober stattfindet, werden die führenden Persönlichkeiten des europäischen Geisteslebens zu Worte kommen. Am 6. Oktober wird der Kongreß mit einem Festbankett abgeschlossen. " » Todesfälle. Gestern nachmittags ist hier nach kurzem schweren Leiden tnt 90. Lebensjahre Frau Frieda C h a j e s, geborene Horowitz, eine Schwester des im Vorjahre verstorbenen langjährigen Lemberger Handelskammerpräsidenten Daniel v. Horowih gestorben Die Verblichene war die Mutte r d e s Oberstabsarztes Dr. C h a j e s und der Arztenswitwe Frau S ch r o t e r und Schwiegermutter des pensionierten Direktors der Wiener Universitätsbibliothek Hofrat Professor Dr. Frank-! u t t e r und eine Tante des O b e r r a b b i n e r s P r ofessor Dr. Chajes. Die Heimgegangene war eine durch Edelmut, vornehme Gesinnung und Herzensgute ausgezeichnete ffraü, die ganz ihren Kindern und ihrer Familie lebte. Die Beisetzung findet am Montag den 13. d. auf dem Zentralfriedhof. 3. Tor. um 11 Uhr vorm., statt. — Mittwoch starb, 86 Jahre alt, Herr Moritz Stwertka. Der Verstorbene war fünfzig Jahre hindurch in der Staatsoper und im Leopoldstädter Tempel als Chorsänger tätig und wurde erst vor wenigen Jahren in den Ruhestand versetzt. Das Leichenbegängnis findet heute um halb 12 Uhr vormittags auf dem jüdischen Friedhof, drittes Tor, statt. SO)Ta.feiwasser tflHejlwasser k.atkalischerSAUE^BRLiliiiM * Eltern! Kauft euren Kindern nur Del-Ka-Schnlstiefel. Hygienische Paßform. Größte Haltbarkeit. Billigste Preise. Beim Einkauf von Schulstlefeln s ch ö n e s- G e f ch e n k für den Schulgebrauch. Beachten Sie Inserat Seite 11. E Makulierte Teppichs die durch das Ausstellen in den Schaufenstern etwas gelitten haben, werden im Teppichhaus Orendi, 1. Bez., Rotenturmstrahe A0, zu tief herabgesetzten Preisen abderkauft, | Mode und Kunstgewerbe ( Üllllllllllllllllllli t» dieser Rubrik erscheinen entgeltliche Anzeigen |||!l||||||||J|||||||if Mode und Kunstgewerbe * Kllrschnermeister Ludwiß Mateju, 3. Bez., Hießgasse 13, genießt beim Wiener und auswärtigen Publikum den Ruf eines tüchtigen und streng reellen Fachnrannes. In seinen Werkstätten werden von erstklassigen Arbeitskräften auserlesene Qualitätsfelle zu Luxus- und. Ätrapazpelzen verarbeitet. Die vom Knrfchnermeister Mateju nach den-neuesten Modellen erzeugten Pelzmäntel werden allgemein als mustergültig erkannt und wegen der gewissenhaften Ausführung geschätzt. Allgemeine Anerkennung und zahlreiche Käufer fand die Spezialität Matejus, bei der diesjährigen Herbstmesse, der K n t e m u f f, eine ungemein aparte Neuheit der Pclzwarenindnstrie. Ter Kniemnff ist nicht nur ein praktischer Kälteschutz, sondern auch ein entzückendes Requisit der modernen Dame von Welt. * Der elegante, moderne Schnitt, die gewissenhafte Ausarbeitung, die feinen englischen Stoffe und das erstklassige Zugehör der Herrenkleider aus dem Atelier des Schneidermeisters Franz Koppensteiner, 3. Bez., Salmgasse 6 (Zugang von der Marxergasse), begründeten dessen Renommee m der eleganten Wiener und auswärtigen Herrenwelt. Herr Koppensteiner, der sich vorher als erster Zuschneider großer Mooefirmen reiche Praxis erworben hatte, führt sein Geschäft seit 18 Jahren und berechnet trotz der besten Qualität seiner Crzeunisse äußerst mäßige Preise. Bor kurzem sind die neuesten Schöpfungen englischer Herrenmodestoffe eingelangt und enipfehlen wir jedermann deren Besichtigung. MinMrjien, III.-wm Feinste Werkstättenarbelt Mäßigste Preise! ✓ Spezialität: Knlemuffo 13 ATELIER für feine Herreiigarderaben WIEN, III. Salmg. S (Zugang v. d. Marxerg.) Qualitätsarbeit i 6704 Solide Preise! Moderne aus Filz und Velour Detaiiverkauf zu Fab iks-Engros-Preisen neueste Modelle, alle Modefarben, 6701 Huffabrik R. Korff, Wien II., Grosse Mohrengasse 42 Ecke Odeong. Tel. 43-4-40 t, Parkrlnj* 12, neben Gartenbauki.io » Der Dieb in der Wadekabine. Am 17. Juli wurden dem Fabrikanten Adolf Frischler, während er im.Ruheranm einer hiesigen Badeanstalt weilte, ans der Kabine des Dampfbades, die mit Nachschlüssel geöffnet worden - war, eine goldene G l a s h ü t t e n u h r im Werte .vom 600 Schilling und 'die Brieftasche mit Bargeld gestohlen. Als Täter wurde der 29jährige gewesene Milchhändler Johann Fritthnm verhaftet. Der Pfandschein über die versetzte Uhr wurde bei seinem Freunde, einem bisher unbescholtenen Handlnn.gKgehilfen, gefunden. Durch einen Trick, hati.sich.Fritthnm den,Schlüssel zur Kabine verschafft. Der 29jährige postenlose Kellner Franz S ch w e m m e r, der vom Landesgcricht zur Verbüßung einer viermonatigen Kerkcrstrafe gesucht wird, hat von dem Schlüssel einen Abdruck angefertigt. Vor kurzer Zeit erst ist Fritthnm im Sicherheitsbnrean einvernommen worben, weil er m die Affäre der sogenannten „Kulturperlen" des Kaufman'ucs T a m a r e verwickelt schien. Er wurde dom Landesgerichte eingeliefert. * Die Buck-Handlung Hermann Tuchner, Wien, 2. Bez., Große Stadtgutgasse 7, Ecke Taborstraße 52, Telephon 41-4-20, gibt bekannt, daß bei ihr die richtigen Schulbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen neu und antiquarisch zu außergewöhnlich billigen Prcizen zu haben sind. Verzeichnisse kostenlos. * Die Rückkehr vom Landaufenthalt vollzieht sich am angenehmsten, wenn Sie Ihre Wohnung durch das Erste Wiener Reinigungsinstitut „La Generale", Wien, 1. Bez., Hegelgasse.9, Telephone 72-486 und 72-9-31 vollständig reinigen lassen. Gründlich, billig und bequem. * Unersetzlich ist der Verlust Ihrer Zähne durch Schlecht- 'verden' Sie ueunetceit de »eiben beim Gebrauch von &>. Twerd y s D e ii r i f l o r e. 1 Be§., Kohl m arkt 11 Krondorfer natürlicher alkalischer Sauerbrunn! Diätisches Tafelwasser ersten Ranges! Altbewährte Heilquelle, ärztlich empfohlen gegen die Leiden des Kehlkopfes, der Lunge, des Magens und der Mase. Durststillender Labetrunk für Fieberkranke, in der Kinderpraxis von vielen Aergten verordnet. E Unschädliches Entfettungsmkttel. Man kaufe sich in der nächsten Apotheke vier Dekagramm F u e a b o h n e n, davon nimmt man zwei Wochen hindurch zweimal täglich je eine Bohne nach der Mahlzeit, hernach drei Wochen dreimal täglich je zwei Bohnen nach der Mahlzeit, sodann wiederum zwei Wochen dreimal täglich eine Bohne nach der Mahlzeit. Ter Erfolg ist ein überraschender. Hebräische Schule der Sektion Prater. Einschreibungen in die unter pädagogischer Leitung von Meier Chartiner neugegründete dreiklassige hebräische Schule, mit täglich zweistündigem Unterricht, mit Ausnahme Samstag, von 5 bis 9 Uhr nachmittags im Sektionsheime, 2. Bez., Jungstraße 8. Beginn des Unterrichtes Mittwoch den 15. d. Achulnachvichten. E Handelsakademien und Handelsschulen des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, 1. Bez., Akademiestraße 12, Telephon 51-3-06, Handelsakademie für Knaben. 2. Bez., Hollandstraße 4, Telephon 42-2-05, Handelsakademie und Handelsschule für Mädchen. 3. Bez., Uchatinsgasse 9, Telephon 92-1-36, Handelsakademie für Knaben und Handelsschule für Knaben und Mädchen. 8. Bez.. Hamerlingplatz 6-6, Telephon 21-2-36, Handelsakademie und Handelsschule für Knaben und Mädchen. Ferner Abitnrientenkurse und einjährige Kurse. Einschreibungen' täglich von 8 bis 2 Uhr. E Schwachbegabte Kinder. Spezialinstitut Eminger, 18. Bez., Schulgasse 45. (2 bis 3 Uhr.) E Deutsche Mittelschule und Neformrealghmuasium für Mädchen^ Wien, 2. Bez., Hollandstraße 4. Staatlich subventioniert. Beamn der Aufnahmsprüsimgen Donnerstag den 16. d., 9 Uhr früh. Einschreibungen tägl.ch. * Die zweiklassige Privathandelsschule Ernst Deutsch, Wien, 9. Bez., Hürlgasse 12, 2. Stock. Fernruf 17-2-36, eröffnet Mitte September das 19. Schuljahr. Wir verweisen ans das heutige Inserat (Seite 1) dieser renonnnierten kommerziellen Lehranstalt, deren Besuch wir bestens empfehlen können. Bühne und Kunst. ta Geist Der jüdischen Musik. II.*) Die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts lehrt uns, daß Stämme, die sich zur nationalen Selbständigkeit durchgerungen haben, sich Schritt für Schritt auch ihr künstlerisches Eigenleben erkämpft haben und noch erkänrpfen. Das beste Beispiel dafür bieten die verschiedenen slawischen Völker: Die Russen, welche sich die europäische Musikkultur angeeignet haben und gleichwohl in der russischen Landschaft und in den russischen Weisen verankert blieben, die Tschechen, welche aus ihren volkstümlichen Liedern und volkstümlichen Taiizweisen schöpfen und dem Bekenntnis ihres nationalen Heros Smetana — „wir Tschechen sind ein singendes Volk" — bis heute treu geblieben sind, die Polen welche einst bei Chopin und Moninszko auf halbem Wege stecken geblieben waren und nunmehr, im Besitze ihres nationalen Staates,, energisch gewillt sind, ihre Musik zu „nationalisieren". Freilich mit dem Willen allein ist es nicht getan, wenn nicht'zugleich ein gewisses ” künstlerisches „Existenzminimum" als Fundament vorhanden ist, auf welchem weiter gebaut werden kann. So sehen wir etwa, daß es den Griechen trotz vielfältiger Versuche bisher nicht gelungen ist, an ihre Jahrtausende alte Vergangenheit wieder anzuknüpfen und eine nenklassische hellenische Kultur anzubahnen. Das Problem der jüdischen Kunst, die in fernen Jahrtausenden ihre erste Hochblüte besaß, liegt nun ganz anders als das der Kunst der verschiedenen Slawenvölker und berührt sich vielleicht einigermaßen mit dein des Hellenenmischvolkes. Den verschiedenen Slawenvölkern konnte, es nicht schwer fallen, den Anschluß an die europäische Kultur zu finden, ohne - ihr eigenes seelisches Ich zu verleugnen: Sie sind eben Angehörige der europäischen Völkerfamilie geworden und brauchten nur das' allgemein europäische Musikidiom durch Hre nationalen Tänze. und Weisen und durch die Sonderheiten ihres Temperaments individuell auszngcstalten. Ist der Geist in der Kunst das Primäre, der sich allmählich die ihm immanente Technik schafft, so kann eben ein Angehöriger der europäischen Familie auch die europäische Technik seinen besonderen Zwecken, seiner besonderen Eigenart dienstbar machen. Ganz anders liegt der Fall bei den. Inden, welche, wie vor allem die Anthropologie zeigt, schon als . Mischvolk in die Geschichte eingetreten sind, auf ihren Wanderun-, gen über Land und Meer immer wieder zum Mischvolk geworden - und doch in letzter Linie Mitglieder der panäsiatischen Völkergemeinschaft geblieben sind. Wenn es der Geist ist, der. sich die Technik schafft, so ist es eine schwerwiegende Frage, ob ein morgenländischer Geist, der nun einmal der jüdischen Kunst eigen ' sein muß, eine abendländische Technik zeugen und sich eng und auf die Dauer mit ihr zusammenschließen kann. Das oft -- auch vom Schreiber dieser Zeilen — geäußerte Schlagwort, die jüdische , Musik stelle eine Art Verbindung von morgenländischem Geist und abendländischer Technik her, klingt ja als Kompromißformel ganz . schön; es bleibt nur in Erwägung zu ziehen, ob oine derartige Bastardievung heterogenster Kunstelemente nicht auf die Dauer / zur Unfruchtbarkeit — dem Los aller Bastarde — verurteilt sein. muß! - Was kann das Endresultat dieser Verbindung sein? Wieder ein neues unfruchtbares Kompromiß nach all den allen. Denn schon in all den europäischen Mendelssohn und Meyerbeer, Halevy' und Mahler wirkt ja das Judentum, wenn nicht bewußt, ' - fo doch — was fiir das Künstlertum viel wichtiger ist — unterbewußt, und ihnen allen müßte auch in der Kunst, wo es sich um geistige, heute noch nicht nach Vererbungsgesetzen exakt definierbare Artmerkmale handelt, das Ursprüngliche, Rassenartige zunt Ausdruck gelangen. Und da die Juden ein immer wieder durch dis Umwelt beeinflußtes Mischvolk sind, so finden sich auch in ihrer Kunst die verschiedensten temperamentmäßigen und stilistisch tech- . nischen Merkmale nebeneinander. Neben der ausgeglichenen Ruhe - und Heiterkeit Mendelsohns die innere Zerrissenheit und Aufgewühltheit Gustav Mahlers — der, von Todesbangen erfüllt, sein „Lied von der Erde" zugleich sein „Lied vom Orient" schuf —, neben der Leichtfertigkeit^und dem Zynismus Offenbachs das/ feierlich starre theatralische Pathos Mey'evbeers. Es sind eben ' immer neue Erscheinungsformen eines ursprünglich und an sich Jüdischem, aus anderen Zeitperioden und dem geänderten Milieu verschiedenartiger Wirtsvölker heraus verschieden erfühlt.' Aber es ist doch schon hier jüdischer Geist, wenn auch unterbewußt wirksam. (Man nmß sich nicht bis zum Radikalismus Max Brods versteigen, der hinter Gustav Mahlers symphonischen Marschrhythmen ihm selbst unterbewußte, alte Chassidimweisen wittert, um das zu erkennen.) Und wenn die jüdische Qpernkunst sooft —neben religiös jüdischen Szenen bei Halevy oder Goldnmrk — christlichen, Kultus bringt und dem Milieu der christlichen Kirche verfällt — wie etwa Meyerbeer in seinem „Prophet", „Hugenotten" usw. —. so mag hier vielleicht eine geheimnisvolle künstlerische Mimikry walten, welche die Nachfahren der alten Juden, die einst über der Kabbala grübelten, in der christlichen Mystik und deren Ausstrahlungen und Ausläufern Befreiung und. Erlösung finden läßt. In der Kunst, in der Form des übersinnlichen Denkens und Fuhlens wird eben alles das frei,. was in dem Einzel- und Völkerindividuen nach Befreiung ringt. Und in diesem Sinne müssen eben auch Mendelssohn, den . Goethe, gleichsam entschuldigend, „einen Judensohn, aber keinen Inden" nannte, und Mahler als jüdische Geister, wenn auch nicht als positiv jüdisch fühlende Musiker angesprochen werde». In ihnen allen mußte geheimnisvoll unterbewußt der jüdische Geist nach den Gesetzen einer Art „Aufspaltung" irgendwie noch nachwirken,, so weit sie sich auch vom jüdischen Nähr-und Mutterboden entfernt hatten. Jüdische Musiker freilich konnten sie nicht werden, sie konnten keine jüdische Musik schaffen, da sie bewußt voll und ganz in abendländischer Kultur lebten und in europäischer Technik aufgewachsen waren. Und eine irgendwie ähnliche'Richtung scheint mir die sogenannte jüdische Musik von heute zu nehnien, mag sie auch skeptischer, kritischer, aufgeklärter, ihrer gewollten Kom- *) Siebe „Wiener Morgenzeitnng" vom 9. September. i i i

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