Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2713 (12.9.1926)
- Date
- 1926-09-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981800--27564-3015513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Seite 6 Dien, Sonntag Wiener Morgen-ettUNg 12. September 1926 Nr. 8719 Nus der jüdischen Welt Die Pogrome — eine milMrische Mion Petljuras. Neue Beweise aus Jokumeuteu und Matetkalken. Ms in der Ukraine die furchtbaren Judenschlachtereien stattfanden, nahm die sogenannte europäische Oeffentlichkeit davon sehr wenig Notiz und erst das Ende des Atamans Petljura durch die Kugel des Schalom Schwarzbarth hat plötzlich die Diskussion über die Urheberschaft dieser Pogrom« wachgerufen, eine Diskussion, die für das europäische Gewissen reichlich spät kommt und die in dem von den Metzeleien und ihren Folgen betroffenen Volke schon längst abgeschlossen ist. Denn die Erhebungen, die sofort nach den Pogromen der Jahre 1920 und 1921 einsetzten, haben unzweifelhaft festgestellt, daß Petljura und seine Kreaturen die Urheber dieser Judenschlächtereien waren. Die Dokumente und Taten, die damals gesammelt wurden, wollte niemand sehen, niemand hören und erst heute bekommen sie ihre Bedeutung im Zuge des Prozesses gegen Schwarzbarth, den die reaktionären Elemente der ganzen Welt zu einem Politikum machen wollen, indem sie ihn in die Atmosphäre der angeblich durch den Bolschewismus vernichteten Freiheit der Ukraine, die Petljura repräsentiert haben soll, rücken. Nun kommen diese Dokumente wieder ans Tageslicht und jetzt nach sechs Jahren wird die Walt erfahren, was der Freiheitsheld Petljura und seine Partisane im Namen der Freiheit und Unabhängigkeit eines Volkes, die sie schändlich mißbraucht haben, einem anderem Volke angetan haben. Den Semjon Petljura hat die Kugel eines einzeilnen zu richten geglaubt; wichtig ist, daß ihn die Weltg-schichte richtet. Alles, was über die Pogrome, die vor sieben und acht Jahren in der Ukraine wüteten, veröffentlicht wird, zeigt dasselbe Bild von Greueln, Grauen und entmenschtem Vernichtungswillen. Wer alle Materialien und Daten weifen immer wieder auf den Mann, der diese Pogrome nicht bloß, wie seine Verteidiger sagen, geduldet, sondern sie hervorgerufen, nach wohlbedachtem Plan vorbereitet, organisiert und inszeniert hat. So ist es auch bei dem Material, das aus älteren und neueren Erhebungen dem Pressechef der Wiener russischen Gesandtschaft, Resch, zugekommen ist und das er in einer gestern stattgesundenen Pressekonferenz den Vertretern der Wiener und ausländischen Blätter vorwies und erläuterte. Es bezieht sich nur auf einen geringen Teil jener furchtbaren Pogrome, die während des Petljura-Regimes vor sich gingen. Aber es ergänzt das reiche Material, das über diese in der Weltgeschichte geradezu einzig dastehenden Greueltaten gesammelt ist. Der gemeinsame Zug aller dieser Metzeleien im weilen Gebiete der Ukraine ist, daß sie mit den Bewegungen der Armee der ukrainischen nationalen Republik, der Armee Petljuras, zusammenfallen. Die Pogrome waren sozusagen militärische Aktionen, durchgofuhrt von Abteilungen dieser Armee, den regulären sowohl als auch den Partisanentruppen ^besser gesagt Banden), die ihrem Bevbande angehörten. Die Vorspiegelungen, es hätte sich um Kämpfe gegen den bolschewikischen Feind gehandelt, .welche schon während der Pogrome benützt wurden und heute von den Freunden Petljuras, d. h. von der gesamten Reaktion der ganzen Welt benützt werden, sind falsch. Wenn man bedenkt, daß die Pogrome in kleinen Städtchen vor sich gingen, wenn man die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung dieser Stäbchen kennt, so begreift man sofort, daß dieses kleinbürgerliche, politisch indifferente Element auch nicht im entferntesten irgend eine bolfchewikische oder sozialistische Politik betreiben konnte. Die Pogrome waren einzig und allein ein Versuch, die Armee, die sich in einem völligen Zersetzungsprozeß befand, durch Aufstachelung ihrer niedrigsten Instinkte, durch Gewährung von Raub- und Mordfreiheit an der Stange zu halten. Das war dasselbe Verfahren, wie es der Zarismus geübt hatte, der so gern die Volksmassen durch Judenpogrome von ihren wirklichen Nöten ablenken wollte. Das dargelegte Material, welches sich auf den zu trauriger Berühmtheit gelangten Pogrom zu Proskurow, ferner auf die Pogrome in Schitomir, Uman, Teplik und Bielaja-Zerkow bezieht, beweist dies mit genauen Einzelheiten. Der Pogrom von Proskurow, der am 15. Mörz 1919 begann, war vorbereitet. Tags vorher war unter Benützung des Gerüchtes, daß die Behörden eine illegale kommunistische Organisation ausgehoben hätten, der K r i e g s z u st a n d proklamiert worden, und als am 15. März früh die Petljura-Truppen unter dem Kommando von Samosenko und Ataman Wo loch einmarschierten, war einwandfreien Aussagen zufolge (der Zeuge ist ein ehemaliger Oberleutnant in der Petljura- Armee namens Morgunenko) ihre erste Tat die Entwaffnung des jüdischen Selbstschutzes. Der Kommandant Samosenko verließ am 16. März um 2 Uhr nachmittags das Hauptquartier, in welchem, wie sich noch später zeigen wird, Petljura selbst anwesend war, dirigierte Abteilungen mit einem Offizier an der Spitze, die für alle Fälle Rote-Kreuz-Schwestern und Sanitätssoldaten mitgenommen hatten, in die verschiedenen Straßen und gab das Signal zum Losgehen. Das Gemetzel ergab mindestens 4000 Opfer an Toten und Verwundeten; eine Namensliste der Chewra-Kadischa von einem Teil der agnoszierten Todesopfer des Pogroms weist 877 Namen auf. In dieser Namensliste finden sich auch Angaben über das Alter der Getöteten, und mit Entsetzen stellt man fest, daß von 13 Tagen bis zu 85 Jahren alle Altersstufen vertreten sind. Es ging also um systematische Ausrottung. In einer von 1324 Proskurower Bürgern Unterzeichneten Erklärung ist festgestellt, daß schwangeren Frauen der Bauch aüfgcschlitzt, die Frucht aus dem Mutterleib gerissen und Stroh und Bettfedern an ihrer Statt hineingestopft wurden. Wenn die Soldaten agefleht wurden, dem Morden Einhalt zu tun, oder wenn man ihnen Geld bot. gab es nur eine Antwort: Wir haben den Befehl, euch umzubringen und nicht zu rauben; das Geld werden wir uns nachher holen. Die Soldaten beriefen sich dabei auf direkten Befehl Petljuras. Der Oberkommandant Petljura hielt sich, wie einwandfrei festgestellt ist, während des Pogroms in Proskurow clüf. Er gab am Tage vor dem Pogrom, wie ein Musiker ausfagt, ein Fest, an dem auch seine Kreaturen, die Atamane Tutunik und Scheppel, teilnahinen. Besonders wichtig ist in dieser Hinsicht die Aussage der Frau Anna Netschitzer, die seststellt: Der Pogrom dauerte auch am 16. März an, am 17. jedoch gab man den Juden zu der st ehe n, man müsse die Pogromisten durch Geld besänftigen. Sofort wurden Bargeld und Schmucksachen gesammelt, Frau Netschitzer und eine Frau Aschkenazy erhielten die Mission, das Gesammelte im Hauptquartier zu übergeben. Im Hauptquartier war Petljura mit feinem Adjutanten anwesend und ihm überreichten die Frauen das Geld. Er gab seinem Adjuvanten den Befehl, das Geld zu übernehmen. In S ch i t o m i r, wo ungefähr 400 Juden den zwei Pogromen am 8. Jänner und 23. März 1919 zum Opfer fielen, mordeten die Soldaten unter Führung ihrer Offiziere. Nach Aussage des Schitomirer Bürgers Baruch Uriel hielt sich Petljura selbst während des Pogromes in seinem Eisenbahnwaggon auf dem Bahnhof in Schitomir auf. In Uman, wo es im Jahre £919 einige Pogrome gab, wurde der erste am 12. April 1919 von einer Militärabteilung unter Führung des Atamans K l i m e n k o, der zweite von den Abteilungen des Bandenführers S t e z j u r a veranstaltet. Beide Pogrome erforderten zusammen mindestens 1300 Opfer, die Glocken läuteten, als die Mordbrenner ihr Handwerk verrichteten. In der Umgebung von Uman wurde eine Reihe von kleinen Städtchen dem Erdboden g l e i ch g e m a ch t. Aus den Aussagen der Umaner Bürger geht hervor, daß die Pogrome planmäßig durchgeführt wurden. Die Soldaten erklärten auf alle Fragen, sie hätten* vom Stabe Petljuras den Befehl, die Juden von Uman auszurotten. Der Stadtkonimandant von Uman beteiligte sich selbst an dem Gemetzel. Einen wichtigen Beweis für die Methodik der Pogrome bildet der Pogrom von Teplik. Am 10. März 1919 rückten zum ersten Male Petljura-Soldaten in das Städtchen ein und sofort begann der Pogrom, dem mindestens 200 Juden zum Opfer fielen (eine Liste weist allein 181 Todesopfer auf). Der Pogrom in Teplik iv-urde durchgeführt, obwohl das Städtchen früher außerhalb jeder politischen und militärischen Bewegung geblieben war. Durch Zeugenaussagen wird sestgestellt, daß das Verhältnis zur Bauernschaft der Umgebung ein sehr g u t es war, ja daß die Bauern im Jahre 1917, als die Truppen von der Front zurnckfluteten, die jüdische B e- Völker u n g geschützt hatten. Und an dem Tage,, als Petljura-Truppen den Ort besetzten, begann der erste Pogrom. An ihm beteiligte sich der Kommandant der Truppen Djatschenko höchst persönlich. Durch Zeugenaussagen ist festgestellt, daß Djatschenko auf dem Kirchplatz des Ortes auf einem Stühle saß und Juden, die man ihm vorführte, niederschotz. Bis zum 18. März dauerte der erste Pogrom. An diesem Tage begab sich eine Delegation zu Djatschenko, unr ihn anzuslehen, dem Wüten ein Ende zu setzen. Sie erfuhr, daß von Petljura der Auftrag eingelangt sei, keine Juden mehr nmzubringen, da ihrer schon genügend umgebracht worden seien und sie nicht mehr zu fürchten wären. In Bielaja-Zerkow marschierten am 37. Auaust die Trnvven Petliuras ein und neue Autos 1 Steyr, ausgestellt I., Kärntnerring 1 1 Daimler, ausgestellt!., Kärntnerring 13 1 Pari, ausgestellt!., Burgrtng 1 sind su gewinnen mit Schilling-Losen der Invaliden-Lotterie Weiter: 3 kg Feingold, 1 Ehrbar-Flügel etc. Oesamttrefferwert S 80.000 Lose tn allen Trafiken, Wechselstuben etc. Lotteriebun au: VN., Lerchenfelderstr. 1. Tel 38-5-80 ZIEHUNG 30. SEPTEMBER 1936 am nächsten Tage begann der Pogrom. Er wurde durch die Entlvafsnuiig des jüdischen Selbstschutzes vorbereitet. Die Durchführung besorgten reguläre Abteilungen der Petljura-Truppen und die Partisanenbanden S e l j a n i s' und S o k o l o w s. 119 Tote sind in der Liste der Chewra-Kadischa namentlich ausgezählt. Auch hier waren die Offiziere führend tätig. Der schon erwähnte Oberleutnant Morgunenko berichtet, daß im August 1919 in Uman eine Z u s a m m e n k u n f t zwischen Petljura und dem einen Pogromführer von Bielaja-Zerkow, Seljani, erfolgte. Als eine Delegation nach Fastow kam, wo sich der Stab Petljuras befand, und dort um Einstellung des Pogroms bat, wurde ihr die Autwort erteilt, es sei noch zu früh dazu, es gebe noch genug Juden. Die angeführten Materialien beweisen deutlich, daß Abteilungen der Armee Petljuras zusammen mit den irregulären Partisanenbanden die Pogrome durchführten, daß ihre Offiziere und lokalen Kommanden überall führend tätig waren, daß die Soldaten selbst sich auf Befehle Petljuras beriefen, ebenso auf die höherer Offiziere. Am wichtigsten jedoch ist der Umstand, daß Petljura selbst, wie durch eine Reihe von Aussagen festgestellt ist, sich während der Pogrome in den Städten, wo sie am wütendsten tobten, aufhielt. Es gibt auch unter den den Vertretern der Presse vorgelegten Dokumenten eine Aussage des bereits erwähnten Oberleutnants Morgunenko, die besagt, daß Petljura dem Ataman Sabolotnoj den Auftrag erteilt hat, Judenpogrome zu veranstalten, weil dadurch. die Bauernschaft seiner Meinung nach für die Partisanen- Vewegung gewonnen werden könne. Dies, allein würde genügen, um die Rolle des „Helden" Petljura zu kennzeichnen. Es gibt aber noch genügend Material, das eine., ebenso deutliche Sprache spricht. Die Weltgeschichte wird und muß es hören Die strafrechtliche Verfolgung der Pogromschuldigen. Eine Forderung des berühmten Rechtsanwaltes Grusenberg. Vor kurzem erschien in einigen jüdischen Blättern eine Mitteilung, daß der gegenwärtig im Ausland lebende bekannte russisch-jüdische Advokat Grusenberg im Zusammenhang mit dem Schwarzbarth-Prozeß den Standpunkt vertreten habe, daß es weder notwendig noch zweckdienlich sei, die Urheber und Mitschuldigen an den Pogromen gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen. In einer an die Blätter versendeten Erklärung stellt jetzt Rechtsanwalt Grusenberg fest, daß er eine solche Aeußerung n i e m als getan habe und fährt dann fort: „Nach wie vor stehe ich aus dem Standpunkt und ist es meine Ueberzeugung,, daß es nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht der Juden ist, wenn jüdisches Leben, jüdische Ehre und jüdisches Gut gefährdet erscheinen, einen S e l b ft schütz zu schassen, eingedenk der Devise „Der Furchtsame stirbt mehrere Male, der Mutige bloß einmal". Im Einklang mit dieser meiner. Ueberzeugung entschloß ich mich in den Jahren 1918-1919 — ich halte damals das sechzigste Lebensjahr bereits überschritten — die Führung der von M. I a c o b i gegründeten jüdischen Selbstschutzleg ion in Odessa zu übernehmen. Ebenso halte ich an meiner Ueberzeugung von der Notwendigkeit, alle an den Pogromen sch nldigen Person e n von Gericht zu zitieren, fest. Es geht dabei nicht bloß darum, daß die Schuldigen bestraft werden, sondern auch den Pogromhelden klar zu machen» daß es keinen Winkel.auf dieser Erde gibt, wo sie nicht der Arm der Gerechtigkeit erreichen könnte. Getreu diesem Grundsatz hat das Komitee der jüdischeu Dele gati o nen in Paris, dessen Vorsitzender 'ich war, sich seinerzeit an eine Anzahl von Regierungen mit der Bitte gewendet, in solchen Fällen einzuschreiten. Ich halte es für meine Pflicht, hier festzustellen, daß der damalige englische Jnnsnminister an die verantwortlichen Leiter der britischen Okkupationsstreitkräfte in Konstantinopel die Weisung ergehen ließ, alle zurzeit in Konstantinopel befindlichen Pogromschuldigen dem Gericht zu überantworten. Das Komitee der jüdischen Delegationen mußte leider damals diese, seine Aktion einstellen. Nicht etwa, weil das Komitee seine Ansicht in dieser wichtigen prinzipiellen Frage geändert hätte, sondern aus dem viel einfacheren Grunde, weil ihm die erforderlichen Mittel zu einer solchen Aktion fehlten. Grusenberg schließt seine Erklärung mit der Versicherung, daß er heute noch mit dem Aufwand seiner letzten Kräfte Mitarbeiten werde, alle Inspiratoren und Veranstalter der Pogronre der gerechten Strafe zuzuführen, wenn eine seriöse jüdische Organisation geschaffen würde, um diese Aufgabe durchzuführen. Leider besteht gegenwärtig keine solche Organisation.