Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2713 (12.9.1926)
- Date
- 1926-09-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2718 Men, Sonntag Wiener MorWnzettnM 12. September 1926 T*r~. Mffe 8 Tagesbericht. Srvbebe» in gava. London, 1. September. Wie „United Preß" aus Batavia meldet, hat im mittleren Teile des östlichen Java ein katastrophales Erdbeben stattgefunden. Nach den bisher bekannt gewordenen Meldungen sind zahlreiche Häuser zerstört, die Bevölkerung flüchtet in panischem Schrecken. Einzelheiten fehlen. Schwere LMasevidemle in Hannover. Bisher 420 Erkrankungen. BsrÜn, 11. September. In Hannover ist eine Typhuseprdemie auSgebrvchen, die sich rasch a u S b r e 'i t e t. Mau zählt bis heute 420 Kranke und Typhusverdächtige, die sich in ärztlicher Behandlung befinden. D'e Typhussälle sind im allgemeinen leichter Natur, bislher wurden keine Todesfälle verzeichnet. Sar zigennerkind von Sobrrtzn. L’. Warschau, 12. September. Im Zusammenhang mit den bereits gemeldeten Ereignissen in Dobrzyn, wo die Ermordung eines Zigennerkiudes zu Gerüchten über einen Ritnalmord und im Verfolg der daraus entstandenen Hetze zu einem Exzeß gegen die jüdische Bevölkerung des Ortes führte, erfährt Ihr Korrespondent, daß heute in Dobrzyn die Exhumierung der Leiche des ermordeten Zigeunerkindes in Anwesenheit des Staatsanwaltes von Plock und einer gerichtsärztlichen Kommission durchgeführt wurde. Diese Kommission wurde, obwohl Dobrzyn zum Kreis Plock gehört, nicht aus dortigen Aerzten, sondern aus Aerzten aus Pommern gebildet. Bezeichnend für die Strömungen, mit denen die eben erwähnte Zusammensetzung der gerichtsärztlichen Kommission im Zusammenhang steht, ist der Umstand, daß im Innenministerium Briefe und Deklarationen verschiedener „patriotischer" Organisationen ans Pommern einlaufen, in denen die Durchführung eines R i t u a l m o r d Prozesses gefordert wird. Gefälschte PelroleumMen. Ein Warschau-Pariser Konsortium. Die Warschauer Polizei hat vor kurzem die Pariser Polizeibehörden verständigt, daß eine große Zahl f a lscher Papiere der Naphthagesellschaft von Baku (etwa 100.000 Dollar) an der Warschauer Börse gehandelt werde, die aus einer sehr gut ausgerüsteten Werkstätte stammen dürften. Als jüngst ein Pariser Bankier auf Rechnung eines seiner Pariser Klienten Naphthapapiere der Gesellschaft von Baku verkauft hatte, wurden sie als falsch erkannt. Durch eine Untersuchung wurde festgestellt, daß die Papiere von dem polnischen Staatsangehörigen Spirlen verkauft worden seien, der erklärte, er habe sie von einen: Polnischen Handelsmann namens Leiser B i n s z t o ck erhalten, einem Warschauer H o l z h ä n d l e r, der jüngst mit drei Landsleuten in Paris angekommen sei. Die Polizei hat die Frau S p i r l e n s sowie Binsztock verhaftet. Der Letztgenannte gestand, daß er die Papiere an Spirlen un: tausend Franken pro Stück verkauft habe. Die Verhaftung Spirlens und der Genossen Binsztocks steht bevor. „Faust". I. und II.. an einem Abend. Deutsches Volkstheater. Paul M ed e r o w, der Bearbeiter dieser Faust- Aufführung, ist sich dessen bewußt, kostbare, kostbarste Stücke der Dichtung vorzuenthalten und insbesondere durch die Weglassung allgemein bekannter und geliebter Szenen aus beiu ersten Teil Anstoß oder gar Aevgernis zu erregen. Beim zweiten Teil war die Sorge: „Wie wird das Publikum Streichungen aufnehmen?", bei Gott, geringer. Es gibt nicht viele, die es merken oder gar schmerzlich empfinden. Mederow nennt in der Buchausgabe die von ihn: aus der Tragödie beiden Teilen für eine Aufführung an einem Abend „herausgehobeuen" Szenen zusammenfassend „D a s Spiel von: DoktorFaust von Goeth e". Hier ist deutlicher als auf den: Theaterzettel des Deutschen Polkstheaters zum Ausdruck gebracht, was der Bearbeiter will ulld mar: muß mit Bewunderung anerkennen, das; hier einer, der dafür brennt, Goethes Faust seinen Mitmenschen näher zu bringen, Außerordentliches geleistet hat. Mau lernt zunächst — nach dem Vorspiel im Himmel — Faust, den Irrenden, Strebenden, mit sich selbst Zerfallenen und den Pakt mit den: Teufel Schließenden kennen. Begreiflich, daß hier lttrr Wichtigstes, für die weitere Handlung Nötigstes gerettet werden konnte. Dann ist ein kühner Bogen von Faust, der dem Gretchen begegnet, bis zu Faust, dem Kolonisator, gespannt. Mit einer Sorgsamkeit, die durch die Liebe für die Dichtung und das Verantwortungsgefühl keiner: barbarischer: Schnitt zu verschulden, verzehnfacht ist, trachtet Mederow alle Stücke zu einem plastischen Gesamtbild zusarnmenzufügen, welche der: „Heldengesäng vorn abendländischen Menschen" ergeben, wie er Goethes Faust nennt. Am prägnarrtesten fanden wir ein Wort Mederows in der Vorrede für die Charakteristik seiner Faustbearbertung: Er rrerurt sie einen „architektonischen Kommentar zurr: Original". Aber noch eine zweite Parole wird in der Buchausgabe von ihn: bekanntgegeben, die ihm Leitmotiv war: Das „tempo furioso", von den: die Goethesche Faust-Fabel getrieben wird, wollte er in dieser: Faust-Auszug tragen. Schon aus technischer: Gründen — man muß doch Es Uberflügelt durch sein Renommee, seine riesige Wirkung der echte DIANA- Franzbranntwein mit Menthol sämtliche ausländischen Erzeugnisse und Hausmittel. An Nervesllll und Kepisthnerxiii Leidende wenden nur eine Massige an, um sich zu erfrischen und ihre ermüdende Tagesarbeit fortsetzen zu können. _Ueberall erhältlich._ Re Juden Wiens. Eine ftatiMche Studie.*) Von Dr. Leo Goldhammer. Schulwesen. Kinder nach ihrem Geschlecht betrachten, weil der orthodoxe Vater in äzug ans den Unterricht seiner Tochter weniger skrupulös ist als in bezug auf di« Sohne. Während die Orchodoxen unter dem Zwange der allgemeinen Schulpflicht die Mädchen ohne weitere Bedenken in die öffentlichen Schulen schickten und schicken, hielten nnv halten sie die Knaben von denselben nach Möglichkeit fern. Einen UeberRick über die Gliederung der Bokksschüler nach dem Geschlecht gibt die nachfolgende Tabelle: Juden Nichtjuden männlich weiblich männlich weiblich 1910 8033 9528 116.126 119.191 1911 8260 9307 114.924 119.807 1912 7910 8869 114.749 118.989 1913 8210 9414 114.402 118.716 1914 9158 10324 112.941 129.632 1922 6151 8540 68.987 73.686 19-3 5370 7769 68.916 67.617 1924 4989 6644 63.539 65.542 Auf je 100 Knaben entfielen daher Mädchen: bei btn Juden bei den Nichljuden a) Besuch der Volksschulen. Eine bekannte, wohl von niemanden: bestrittene Tatsache bildet der Umstand, daß die jüdischen Eltern bestrebt sind, ihren Kindern eine derartige allgemeine Bildung zu geben, die sie befähigen soll, im Kampf ums Dasein nicht nur der vorhandenen Konkurrenz zu begegnen, sondern auch alle jene Hindernisse zu überwinden, die ihnen wegen ihrer Konfession, beziehungsweise Nationalist, in den Weg gelegt werden. In Wien erhalten die jüdischen Kinder fast durchwegs ihren Unterricht in weltlichen Schulen und die allgemeine Sorge der jüdischen Ellern geht dahin, den Kindern möglichst einen 'besseren als den gewöhnlichen Elementarunterricht zukommen zu lassen. Die Zähl der eine Volksschule besuchenden Kinder betrug im Jahre: bei den Juden *** bei den Nicht mden Prozentsatz der jüdischen Schüler 3910 3.7.561 23 •>.317 6 94 391L 37 5'.7 2 4 28 t 7.26 3912 17.079 283 708 6.81 19.3 17.624 238 IfO 7,02 1914 19 482 230 918 7.78 3922 11.691 142.573 9,35 1923 13.130 338.432 8.97 1924 11.633 129,081 8.26 Wir haken die Kriegsjahre 1915 bis 1921 nicht berücksichtigt, einerseits weil die Taten 'nach Religion gesondert nicht erhältlich waren, andererseits weil wir uns kein richtiges Bild machen könnten, trenn wir die Kinder der Kriegsflüchtlinge heranzichen würden, die ohnehin, wie wir in der Folge beweisen werden, Wien wieder verlassen haben. Schon die Zahl der jüdischen Vokksschü'ler im Jahre 1914 deutet darauf hin, daß das Plötzliche Anschwellen derselben nur auf die Zuwanderung der durch den Krieg im Osten ans ihren Heimatsorten geflüchteten Juden znrückzusühren ist. Auffallend ist. daß das Prozentverhältnis der die Volksschule besuchenden jüdischen Kinder in der Regel niedriger ist, als ihrem Prozentanteil an der Gesamtbevölleruug Wiens entsprechen würde. Das mag unter anderem auch seinen Grund darin haben, daß viele jüdische Eltern ihre Kinder aus religiösen Gründen nicht in die Schule schicken, um sie nicht der Notwendigkeit auszusetzen, an Samstagen schreiben zu müssen oder unbedeckten Hauptes am Unterricht teilzunehmen. Bestärkt werden wir in dieser unserer Annahme, wenn wir die Gliederung der!fi) Siehe „Wiener Morgenzeitnng" 'vom 25. 22. und 29. August. Juli, 1., 8., 1910 1911 1912 1913 1914 1922 1923 1924 118,61 112,69 112,12 114 66 112,73 118,84 144.67 133,18 102,63 103,81 103,87 103.77 114.77 106,68 102,43 108,15 Die Zahl Äer Mädchen war also bei den Juden um ein Bedeutendes höher als bei den Nichtjuden. Das gewaltige Ansteigen der Knabe nschulsrequenz bei den Juden in -den Nochkriegsjähren dürste wchl darauf zurüchuführen sein, daß die Morbidität der jüdischen Knaben geringer war als bei den Nichtjuden, bei denen das Verhältnis fast W gleiche ist Wie in den Friedensjahren. d) Besuch der Mittelschulen. Der Drang der jüdischen Kinder nach einer höheren Bildung kommt in den nachfolgenden Zusammenstellungen deutlich zun: Ausdruck. Das Gymnasium wurde besucht: Prozentverhältnis von Juden von Nichtjuden der jüdischen zur Gesamtschülerzahl 1912 3906 7433 34.44 1913 4034 7532 34.67 1014 4010 7015 86.71 3923 4738 8111 36,83 19.4 4852 8342 36,77 Mehr als dreimal so groß ist das Verhältnis der jüdischen Gymnasiasten zu den nichtjüdischen, als dem Verhältnis der Juden zur Gesamibevölkevung entsprechen Würde. Die Gymnasien wurden und werden von den Juden den Realschulen vorgezogen, weil der Absolvent der ersteren eine diel größere Auswahl in den: von ihm zu ergreifenden Berufe Hab als der absolvierte Realschüler. Vielleicht trägt zur geringeren Frequenz -der Realschule auch der von mehreren Pädagogen festgestellte Umstand bei, daß die jüdischen Schüler im Zeichnerweniger begäbt sind als die nichtjüdischen. Es haben eine Realschule besucht: Silben Nichtjuden ProzentverbältniS der Milchen zur 3912 1699 7221 Gesamt'chülerzahl 19,04 19:3 3.676 7424 18.41 3914 1424 , 6186 6338 18.71 1923 1532 19,46 ' 1924 1618 6463 19,97 an einem Abend fertig werden — überträgt sich dieses Dahinrasen durch Zeit und Raum aus Herzensnot durch Abenteuer über Abenteuer bis zur Grablegung in die Aufführung. Und was im Buch willkommen ist, wird dem Theaterabend zum Verhängnis. Die Faust-Monologe — Geschwindigkeit ist keine Hexerei — sind im Nu vorüber. Fast alle Sprecher, ich meine ihr Mundwerk, sind bis zur Unmöglichkeit angekurbelt — denn man muß ja in längstens fünf Stunden fertig sein. Ich fürchte, es bleibt für jedermann, der seinen Faust nicht kennt, nicht viel mehr übrig als das Schau-Spiel: er sieht die Geschehnisse und überhört, ach, den Goethe-Text. Nur dieser, allerdings entscheidende Einwand scheint uns Berechtigung zu haben und der geschätzte Popularisator Goethes möge uns die Anregung nicht übel nehmen (sie klingt ihm nälnlich fürchterlich), daß seine Bearbeitung mit Vorteil einer Zweiabendaufführnug zugrunde gelegt werden sollte — erweitert durch die sinnfälligen, dem Publikum zun: Verständnis von Goethes Werk denn doch unerläßlich kompletten Wagner- und Schülerszenen. Dann könnte er weit mehr als in dieser Expreßaufführung bewirken, was er sehr wünscht, daß das Verständnis der Dichtung, dem „veränderten ntoderne:: sozialen Empfinden" näher gebracht wird, müßte sich zun: Beispiel nicht auf die den: Publikum-zu wenig eindringliche Andeutung von: „Papiergespenst der Gulden" begnügen, sondern könnte die ganze Jnflationsaffäre Vorbringen. Aber diese Anregung ist müßig, denn den: Autor dieses volkstümlichen Faust-Extraktes kommt es vor allem darauf an, daß „Faust 1 und II" an einem Aberrd absolviert werden. * In: Deutschen Volkstheater tritt Paul Mederow für seine Faust-Bearbeitung persönlich als Darsteller des Faust ein. Als Taktstock für das von ihm angestrebto tempo furioso ist er bewunderswert. Eine größere Anzahl Goethescher Verse in einer Minute läßt sich bestimmt nicht sprechen. Kein Wort fällt unter den Tisch, so technisch vollkommen und deutlich enteilt der Text dem Gehege der Zähne. Das hindert aber nicht, daß er selbst, der Text, fast zur Gänze unter den Tisch fällt. Man fühlt, daß dieser Mann alles wohl.präparirt und kommentiert hat. Selbstlos, auf den erstrebten Endzweck bedacht, stellt er sich jetzt jn den Hintergrund und markiert nur mehr. Markiert leider im Spiel vom Doktor Faust die Hauptfigur. (Das unentwegte Prestissimo gestattet gar nicht, sich darüber klar zu werden, ob er den Faust spielen könnt e). Die Rückwirkung auf seine Partner bleibt nicht aus. Auch sie halten sich verpflichtet, nur zu markieren, weil ansonsten die Uebersicht über das Gesamtwerk verloren ginge — und weil doch um 11 Uhr der letzte Vorhang fallen soll. Gretchen ist erstaunlich kurz angebunden, wenn sie den Geliebten fragt, wie er es mit der Religion halte; würde inan die' Gartenszene mit dem Doppelpaar Faust-Gretchen — Mephisto-Martha im Kino so rasch kurbeln, so gäbe es empörtes Füßetrampeln; Philemou und Baucis, die Hochbetagten sind rasch fertig mit dem Wort; und selbst Mephisto, dem doch höllische Fahrgeschwindigkeit gestattet ist, übernimmt sich. Nur Frau Wagner als Helena wahrt klassisches Maß der Rede und fällt erfreulich aus dem Ensemble. Otto Schmöles Mephisto ist ein witziger, erfindungsreicher Teufel, weiß gut zu pointieren, wächst gelegentlich zu dämonischer und in den Schlußszenen zu tragischer Größe. Schade, daß er sich so unglaublich beeilen muß! Hedwig Keller, die bedeutende und geliebte Wiener Darstellerin, ist keine Komödiantin. Als Gretchen ist sie herrlich, wenn sie ihm ihr wienerisches Wesen geben darf. In de:: übrigen Gvetchen-Szenen gibt es kein Gretchen an diesen: Abend. Sonst alle außerordentlich bemüht, mit löblicher Disziplin das „tempo furioso" durchzuhalten. Aus der Menge der Mitwirkenden bleiben die Gestaltungen Rosa Fassers (Marche), Louis Böhms (Herold), Margarete K o e p p k e s (Euphoria) und Lina Loos' (Baucis) in der Erinnerung haften. Wunderschön in ihrer Prägnanz und zweckmäßigen Knappheit, in der Farbengebung und in der Belichtung die Bühnenbilder Reinhold S ch ö n s und sehr erfreulich, daß die Tanzszenen der Schülerinnen Gertrud Bodenwiesers unvordringlich bleiben. Gleiches läßt sich der Musik Albrecht Nehrings nachsagen. Trotz aller Einwände: „Wer immer strebend sich bemüht ..." O t t o A b e l e s.