Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2711 (9.9.1926)
- Date
- 1926-09-09
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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*t. m UWe «O Kunft. 9m m Nt jüdischen MM. 1. Es mag bei der Mitwelt kein geringes Staunen hervorgevufen haben, als Johann Gottfried v. Herder fein Werk „Vom Geist der hebräischen Poesie" veröffentlichte und darin die hobräische Sprache als „eine heilige Sprache und die Mutter unserer edelsten Erkenntnisse" wertete. Danwls, vor mehr als hundertfünfzig Jahren, gab es noch recht unklare Vorstellungen von Volkskunst und Völkerkunde und doch' wußte der deutsche Klassiker, worauf cs bei der künstlerischen Würdigung einer fremden Nation ankomme: „Um von erner Nation zu urteilen, mutz man in ihre Zeit, in ihr Land, ihren Kreis der Denkart und Empfindung treten, sehen, wie sie lebt: wie sie erzogen wird; was für Gegenstände sie sieht: was für Dinge sic mit Leidenschaft liebt; wie ihre Luft, ihr Himmel, der Bau ihrer Organe, ihr Tanz, ihre Musik sei. Die.- alles mutz man nicht als Fremdling oder Feind, sondern al.- ihr Bruder und Mitgeli-orener kennen lernen..." Herder lest-iästigt sich hier auch textlich und musikalisch mit den PstAmen Davids, welche Martin Luther mit „einem Garten, wo c-l'c [ü inuH Blumen und Früchte blühen, wo aber auch' nt e.7,derer Zeit die stürmendsten Winde rasen," vergleicht. Wer auch jene Zeit der „Aufklärung" von der modernen iaiKiV und Stilkritik noch weit entfernt, so erkennt doch i. runerhln Derber in seinem Kapitel über die Musis der Psalmen das Wesentlichste der jüdischen -Musik, woran heute noch so viele Musiker und Schöngeister achtlos vor übergehen: Das Orientalische, „das nichts vom Lehrgebäude der Harmonielehre weitz", und im „freien Silbenmaß" und in der „Veränderung des melodischen Schemas" durch Variation seinen Ausdruck findet. Betrachten wir dagegen einmal ganz oberslächlich die abendländische hMusik, wie sie geworden ist. Ihre Fundamente könnte mau etwa in den Schlagworten „Harmonie", „R o t c u s ch r i s t" uub „K lavier" kennzeichnen. Sie alle tragen zu der strengen Einheitlichkeit, ja Uniformierung in Melodik und Rhythmik bei, die dein Orient durchaus wesensfremd ist. Sie hindern ebenso die freie Verwendung von melodischen Zwischentönen und damit von Verzierungen und Cenf'ern wie irgend eine Art freieren rhythmisch agogischen zwiseyentaktigen Schemas wie auch den ausdrucksmätzigen Ausbau einer harmonisch unberührten einstimmigen Melodie, dere:: Sti'chvunkte nicht Tonika und Dominante, sondern — cliua im Sinne der Schönbergschen Zwölftonrerhe — irgend welche andere Töne, der Oktave wären. Eine Melodie, die nick't der Diktatur von Tonika und Dominante unterliegt, kenn ja jeden anderen Ton, der durch Häufigkeit oder beivndere Auffälligkeit die Melodie beherrscht, zu ihrem Hauptnnd Strebepfeiler machen, wie wir es nicht nur im gregorirrnischen. Ehoral, sondern auch in den freien Rezitationen so vieler orientalischer Völker wahrnehmen. Und diese freien d'.'e'tationen wiederum, die sich nicht in einen gleichrangigen Vordersatz und Nachsatz abschnüren lassen und nicht unbedingt, auf der diatonischen Skala aufgebaut sind, besitzen oft unter der Oberschicht eines nur scheinbaren rhythmischen Chaos eine reich gegliederte komplizierte und kombinierte B e r s ch i e d e n t a k t t g k e i t, welche dem Abendländer nicht ohne weiteres eingänglich ist. Dies alles sind Wesenheiten der orientalischen Musik im Gegensatz zur streng systemificrten, logisch durchdachten Kunst des Abendlandes, welche in der logischen Form des Sonatensatzes gleichsam die krönende Kuppel über ihrem System aufgerichtet hat. Es ist wohl kein Zufall, datz heute da.und dort von deesem im strengen monumentalen Stile errichteten Gebäude etwas abbröckelt und daß zugleich immer mehr orientalische und exotische Elemente in das Abendland eindringen und gleichzeitig das Judentum in der Musik seiner ersten Renaissance zustrebt. Und es ist gewiß kein Zufall, daß dieser Wiederaufbau der jüdischen Musik vom halborientabischen Rußland seinen Ausgang nimmt. Das weite Rußland, welches noch am meisten unverbrauchte Volkskräfte in sich besaß, konnte am radikalsten mit den alten Vorurteilen — auch in der Kunst — ausräumen, und die Juden, die hier unfrei und unterdrückt lebten und auch in der Musik am längsten an der Tradition des Ghetto und der „Schul" festhielten, waren hier gewissermaßen die Vermittler zwischen Okzident und Orient. „Ex Oriente lux!" Lw führten der abendländischen Musik fremde, nn Orient wurzelnde Elemente zu — namentlich in ihren Kompromissen in bezug auf freieren Taktwechsel und von der Harmonie freiere Akkordik —, sie behielten ab-er auch andererseits — ass.'milationsfähig, wie die Juden nun einmal feit j. 'hcr in Kunst und Leben waren — viel zu viel von ursprünglich abendländischer Kunst für den Aufbau ihrer eigen.'n Kultur bei. So kam es in der beginnenden jüdischen < f die ans eigener Kraft, aber gleichwohl aus abendlau rischem Erdreich erwächst, zu einer Art Bindung von Morgenland,.schein Geist und abendländischer Kunsttechnik. D'er bewußte jüdische Musiker, der so oft noch dem Ghetto em'-ammt, kennt seine hebräischen Synagogalmelodien und sein jiddisches Volkslied, doch er ist auch durch die strenge Schule der abendländischen Musikerziehung gegangen, von der er sich später nicht mehr freimachen kann. Er schreibt Stücke für das Klavier, das unorientalischeste aller Instrumente, vr komponiert Sonaten und Symphonien, deren T:trchführungslog ik. dem Orient durchaus fremd ist, er harmonisiert 'seine Liedmelodien u.nd gerät so immer tiefer ins europäische Idiom hinein. Er ist eben — alles in allem — in Europas abendländischer Kultur aufgewachsen und sicht mit einer gewissen Geringschätzung auf den panafiatifchen Kulturkreis, dessen Kulturen, so weit sie auch von einander abweichen, gerade in der Musik die Grundölemente vielfach gemeinsam haben. Wie der bildende Künstler Europas heut- & MNRk 199 zutage mit Nutzen für Kunst und Kunstgewevbe die Kunst -es Orients studiert, so sollte sich der werdende jüdische Musiker mit den verschiedenen panafiatifchen Musikkulturen auch au der Hand des Phonographen — vertraut machen, deren Memente er seiner eigenen nationalen Kunst später dienstbar machen könnte. Er findet hier ausgebaute Musiktheorien (bei den Arabern, Indern, Chinesen usw.), welche so sehr sie auch mit Mystik überwuchert sind, tiefsten Einblick in den künstlerifchep Kontrast zwischen Panasien und Panenropa gewähren, er findet hier neuartige Begriffe und Ideen von Melodie und Skala, von Rhythmus, Form und Formenbau, welche — ihm selbst innerlich verwandt — ihm Richtlinien geben könnten für den allmählichen Aufibau einer vonr Europäertum unabhängigen, im orientalischen Kulturkreis wurzelnden unabhängigen national jüdischen Kunst. E r w i n F e l b t r. Aus den Theatern. Burgtbeater. Morgen. 7,8 Uhr abends. „W e n n der j n n g e W e i n b l ü.h t" (Theatergemeinde Serie E, gelb) A k a d e Nt t e t h e a t e r Morgen. ‘/«S Uhr abends. .M ä d e l v o n h e u t e' tAbonnemcnt iv. Gruppe). Oseturhetitet. Morgen, 7 Uhr abends. „D e r R o s e n k a v a l i e r". D e n t 1 ch e s V o l k s t b e a t e r. Morgen. 6 Uhr abends. Erstaufführung von Goethes .F a u st* (erster und zweiter Teil). Die Porstelluug endet vor 11. Uhr. R a t m « n o -- T h e a l e r. Sonntag. 3 Uhr nachmittags, ..R o t k ä v p ch e n\ 1' u ft ( ü t c 11 h c a t e t. .hansi Niese tritt morgen zum erstenmal m dem Schwank ,D e r A u t o w i I d l i n g" ans. RUDOLF PROK Nliwirm und Lodorbokloldung tlgene Kriangmifi i?» Wim, VIII., I.«nlimfcld«rilrati« Nr. 1s Modistenschule Friede May 2. Betitle, Rotentterngeeee Nr. 23 Fachausbildung, Monatskurse 170 Aufnahme tflgUcIi HOTEL (Qsrmanis.) Aller ftotnfoti, «alt« und »armftUfi. Wasser, StaatSlettph. tn den Zimmern. - Etnvettz. 8 8.— bi» 8.—, Zwribetiz. 8 10.—bi» 15.—. Silier CAFfi Größte I erraffe Wim», abend» taghell beleuchtet. w Bekannte Spszialltlt: S Wien, >., öohwadenplat* 3 Schlagober«. Kaffee f ranx-Jostft-Kai n n t> Gesrorene». BERKEL-WAGE! Bin« Million Im Oebrauch Sie ist Erlösung uns Wohltat für Verkäufer und Konsumenten. 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Der Präsident des Oesterretchischeu Bühnenvereines, Stärk, hat sich dieser Tage an Finanzminister Koll mann mit dem Ersuchen gewendet, das Badener Stadttheater, das wegen finanzieller Schwierigkeiten bisher die Saison nicht eröffnen konnte, mit 160 Millionen Kronen zu subventionieren. Boi dieser Gelegenheit regt Präsident Stärk an, mit einer Bundesanleihe von 70 0.0 00 Schilling die Sanierung der notleidendest Theater in de>n Bundesländern und der finanziell schlecht stehenden Wiener Theater zu ermöglichen. Der Vorschlag sieht unter anderem eine Erhöhung der Monatsgebühr der R a v a g t e i l n e h m e r von zwei auf zweieinhalb Schilling vor. Bei der großen Zahl von Radioabonnenten in Oesterreich würden durch diese Erhöhung etwa sechs bis sieben Milliarden Kronen hereingebracht werden. Diese Summe würde vollkommen genügen, den notleidenden Provinzbühnen eine Subvention zu verschaffen. Finanznümste.r Kollmann machte sich evbötig, den Vorschlag an kompetenter Stelle vorzulegen. Trotz!! Mitarbeiter der Britischen Enzyklopädie. Die neue Ausgab-: der Britischen Enzyklopädie soll namhafte Autoren aus allen Ländern vereinen, und-die einzelnen Abschnitte sollen von hervorragenden Fachleuten behandelt werden. Unter anderen hat Trotzki den Auftrag bekommen, den Abschnitt „Lenin und der Leninismus" zu schreiben. Natürlich regt sich die englische Presst über diese Ankündigung sehr auf;' ob' auch die Moskauer Parteileitung gegen Trotzkis Mitarbeit an einem „bürgerlichen" Sammelwerk Einspruch erhebt, ist bisher nicht bekannt. . . k (trete Binsiok David Führer Verlobte Wien, September 1926 Brüder Schiffmann II., Taborstrasse 48 gratulieren allen Verwandten und Bekannten zum Neuen Jahre! MAX SCHIFFMANN u. FRAU II., Taborstrasse 48 wünschen allen Verwandten, Freunden und Bekannten anlässlich des Jahreswechsels raus no»nm imo ^iiiiiiiiiiinnimiiiniiiiiiiiiiimiiiiiiminniiiiTTTTTiTiiininiinimiiimniiiuiiimiiiiimmiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiimiiMiiiiiminiiü4 ISIEGM. 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