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Wiener Morgenzeitung · 1926-09-09 · Heft 2711 (9.9.1926) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2711 (9.9.1926)
Date
1926-09-09
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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' efe s Mm. Mk«r s. »MB-, kW Nr. All Mi IZaag $ Kanauser«... 1. Bdzirk; Lugeck / Rotenturmstraße ,7V Nett renoviert / Neue Durchüiftungsaniagen / Zentral geheizt --------- Familiencafd ersten Ranges ---------- Berühmte Blinde. Die Ansicht, die auch in den gebildetsten Kreisen allerorten über den Blinden verbreitet ist, ist die von einem jammervollen, hilflosen Menschen, der, in seine Dunkelheit wie in ein Gefängnis eingeschlossen, nur Klagen oder Bitten an die Austenwelt gelangen lästt, träge und freudlos sein Leben hiuschleppt, sich nnw seiner Umgebung zur Last. Und doch gab es im Kulturleben aller Völker Blinde genug, die sich zu den höchsten Stufen der Ehre und des Ansehens emporavbeiteten, und durch Bedeutung und Alert ihrer Leistungen ihr Volk, die ganze Menschheit zu Dank verpflichteten und so ans weithin sichtbare Weise bewiesen, was innere Kraft gegen änstere Beschränkung, gesammelter geistiger Wille gegen physische Hindernisse vermag. Fciweett, seit denk einundzwanzigsten Jahre ohne Augenlicht, ein bedeutender Fachscbriftstellcr und Parlamentarier, wurde 1880 von Madstone zirm Gencralpostmeister von England ernannt. Es ist kaum zu begreifen, wie ein so modernes, verwickeltes Berkehrsloben wie das Englands von einem Blinden geleite. werden konnte, und FawccttS Amtszeit gilt allgemein für eine glückliche, an Reformen reiche. Nach Veröffentlichung eines großen nationalökonomischeu Werkes „Manual of Political economy" wurde er an die Universität Cambridge als Professor für Nationalökonomie berufen. Einige seiner bedeutendsten Schriften wurden auch ins Deutsche übersetzt. Einen interessanten, fast abenteuerlichen Lebensgang hatte ein Ungar, Gabriel v. Hörtelendy. Als Advokatensohn in Budapest 1800 geboren, im zwölften Jahre erblindet, in der Wiener Blindenanstalt erzogen, zeigte er eine besondere Begabung für mechanische Arbeiten, erfand 1836 eine Maschine zum Bohren artesischer Brunnen, die vielfach Anerkennung fand, und übersetzte als Erster Homer ins Ungarische. Nachdcin er in verschiedenen Städten als Blindenlehrer tätig gewesen war, ging er zur Vorführung seiner Bohrmaschine nach Wien, später nach Triest und Venedig, überall ohne Begleitung und Führung. Er erhielt sich zum Teil durch Unterricht, teils durch Ansbessern von Uhren und anderen Maschinen. 1838 war er Lehrer an der Blindenanstalt in Padua, blieb aber auch hier nicht lange, sondern ging nach Paris. Im dortigen Blindeninstitut errichtete er die damals noch nicht eingeführte Tischlerei. Aber mich hier duldete es ihn nicht lange. In Italien verheiratete er sich und enbetc söin reichbowegtes Leben in der Heimat in Not. . Ein genialer Kopf war der mit drei Jahren erblindete U-dalrich Schönberger (1601 bis 1618), ein berühmter Lehrer der Philosophie an der Königsberger Universität, der, obwohl er erst mit zwölf Jahren als Gärtnerssohn in die Dorfschule geschickt wurde, noch in jungen Jahren an der Leipziger Universität den gradns magistri erwarb, sieben Sprachen beherrschte und lehrte, und erfahren in Mathematik, Musik und Mechanik war. Der Ruhm seiner Begabung, die Sinwn Dach in einem gelehrten Gedicht verherrlichte, ließ sagenhafte Gerüchte um ihn entstehen, die heute noch als beglaubigte Tatsachen in wissenschaftlichen Nachschlagewerken berichtet werden, wie: er hßbe so geschickt aus Flinten geschossen und das Ziel so sicher getroffen, daß er anderen, die sich der besten Augen erfreuten, oft den Wie ich weinen lernte. Von Jakob Krausz. In einem sonst ganz gescheiten Buch las ich einmal drn traurigen Satz, .daß die Juden das Volk der Tränen seien und die Welt das Weinen gelehrt haben. Ich kam lange über diese volkspsychologische Feststellung nicht hinweg und die Gedanken, die sie in mir erweckte, führten mich zu der gerviß seltsamen Frage: wann habe ich weinen gelernt? Ich rveist ganz genau, wann ich zum ersten Mal gelacht habe. Es mx an einem herrlichen Nissantage, die Bäume am Rande unseres slowakischen Städtchens zeigten bereits strotzende Triebknötlchen, die Erde pustete ihren Keimhauch in die Lüfte und die Sonne sog die Feuchtigkeit des schlaftrunkenen Bodens auf. Ich war fünif Jahre alt, jauchzte der Sonne entgegen. die mit ihren wärmenden Strahlen die Erde trocknete' und sie für uns, Kinder des Ghettos, spielfähig machte. Eine andere Bedeutung hatte die Sonne für uns kaum der Wiege entwachsenen Kinder nicht. An einem Nissantage meines vollendeten fünften Lebensjahres erschien Reb Mendel, ein hagerer Mann mit blassem Gesicht und spärlichem Bart, in unserem Hause, zog, wie wenn es das natürlichste Ding der Welt wäre, eine funkelnagelneue hebräische Bibel ans der Tasche, hob mich auf seinen Schoß empor und begann mir das Ales-Best beizubringen. Damals habe ich zum ersten Male in meinem Leoben wirklich inniglich ous vollem Herzen gelacht. Draußen der bezaubernde Frühlingstag, meine Tasche gefüllt mit Hosenknöpfen, rostigen Federn und gesprungenen Glaskugeln, dem während des ganzen Winters unter Entbehrungen und Angstzuständen gesammelten Anlagskapital sür die große Spielkampagne des Frühlings — und da kommt plötzlich, wie der vorjährige Schnee, Reb Mendel und hat keine anderen Sorgen, als mich in -das Spiel der buckligen, eckigen Schriftzeichen einzuweihen! Schon beim Anblick des Ales mußte ich hell auflachen. Ich saß ja dem leibhaftigen Ales auf dem Schoß. Neb Mendel, über die Fibel gebeugt, den langen, dürren -Hals eingrzogen — sah er nicht n-us, wie das große, schwarze Alef auf dem strohgelben Papier? Es war wirklich rum Lachen und ich habe so unbändig gelacht, daß meine Mutier wegen meines filberhellm Lachens aus der Stube lausen mußte, um nicht die Weihe des heiligen Siegespreis entriß. Auch soll er die Farben durch Tastsinn unterschieden haben, was anch anderen berühmten Blinden der früheren Jahrhunderte nachgefagt wird. Der als Jüngling erblindete Schweizer Franz Huber ans der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich von Jugend ans mit der Natur, den Eigenschaften ttnfo Verrichtungen der B i e n e n und brachte eS darin so weit, daß er nette Erfahrungen und Erttdcckungen machte. Znm Beispiel, daß die Befruchtung der Bienenkönigin nicht in dem Stocke, sondern hoch in der Luft vor sich gehe. Einen merkwürdigen Weg zur Wissenschaft fand ein blinder Gänsejunge Jakob aus Netra, einem hessischen Dorf, um 1750. Damals gab es natürlich noch keine Blindenschule und noch iveniger eine Blindenschrift. Er besuchte die Ortsschule, sonst war er den Hütern der Gänse beigegeben, »nt da zu Helsen und tvenigstenS etwas zu verdienen. In der Muße dieser beschäftigungslosen Stunden sann er ans Mittel, die es ihm ermöglichen könnten, lvie die anderen Kinder zu lesen nnd auswendig zu lernen. Er ^ersuchte, mit seinem Messer in Stäbchen von Holz eigens ansgcdachte Bezeichnungen für Worte zu schneiden, die er jederzeit wicdcrerkcnnen, anssprecheu und — wie wir sagen — lesen konnte. Dies glückte ihm, und als er einige Hebung darin hatte, mußten ihm die Jungen ans ihren Büchern vorlesen; er schnitzte die Worte und lernte auf diese Weise, was in der Schule vorgenommcn wurde. Wo er einen seiner Schulkameraden bewegen konnte, ihm etwas vorznlesen, versäumte er es nicht. Da saß. er denn und schrieb mit feinem Messer hurtig und unermüdlich auf den hölzernen Stäben mit. Die Stäbe waren etwa fingerdick und eine Elle lang, und an den Seiten mit inm ihm verständlichen Zeichen bedeckt. Ans diese Art hatte sich Jakob eine ganze Bibliothek angelegt. Die Stäbe wurden mit Nummern versehen, zu Bündeln zusamniengestellt, und auch diese wieder entsprechend bezeichnet. Außer ihm konnte niemand die Schrift losen, da er nichts wörtlich niederschrieb, sondern nnr den Sinn der Rede in sehr knapper Form. Diese hatte er sich anch in seiner Ausdrucksweise angewöhnt, so daß sein Vortrag schwer zuverstehen war. Jakob versuchte sich als Lehret der Matheniatik und Ivar auch als 'Arzt tätig. Er starb 1771. Sogar einen bedeutenden blinden Bildhauer gab es: B i d a l, 1832 zu Ni-mes in Frankreich geboren. Er kam als Knabe nach Paris, itnt sich der Kunst zu widmen und studierte im Atelier des berühmten Baryl. Seine Ausbildung konnte als vollendet.betrachtet werden, als er im 22. Jahre infolge schwarzen Stars unheilbar und fast vollständig erblindete. Dies Mißgeschick beeinträchtigte jedoch seine Ideen und Entwürfe durchaus nicht, müb als er im 23. Lebensjahr völlig erblindet war, hatten sich' seine Hände an die Arbeit ohne Scheu gewöhnt, so daß er dennoch Bildhauer zn bleiben beschloß. Kein Blinder entwickelte solche Denktätigkeit beim Betasten wie Bidcrl; bewunderungswürdig, wie er die Einheit der Form aus dem Summieren der Teilberührungen anfzufafsen, ja zu genießen vermochte. Er beftichte Menagerien, befragte Tierbändiger, ja, er trat sogar mtt ihnen in >den Käfig der wilden Tiere. Seine Ausdauer'war von reichem Erfolg belohnt. Se>ine Werke — er Ta fe Heilwasser olriff natürlicher ÜERBRUNN Wien, IX., Kollngasse Nr. 4, Telephon 16-4-36 Alef-Beß zu stören und die Würde Reb Mendels zu verletzen. Aber von der Küche h>er drang d's volle, gesunde, von Schluchzen unterbrochene Lachen der Mutter zu uns und schließlich mußte anch Reb Mendel schmunzelnd den Rilckzug antreten. Das war mein erstes, ehrliches, kindlichem Freisinn und unschuldigem, unbewußtem Humor entsprungenes Lachen. Wann aber habe Ich zum ersten Mal geweint? Wivklich, ehrlich geweint, nicht weil ich weinen wollte, sondern weinen mußte, aus innerem teilnahmsvollen Schmerz? Das war ein Jahr später, nachdem ich zum ersten Male wahrhaft gebucht und Reb Mendel mit seinem Alef-Beß bereits überwunden hatte. Das war im Hetbst am ersten Roisch- Haschanahtage. Mein Vater war eine lebensfrohe Natur. Wenig beschwert durch philosophische Zweifel, die dem forschenden Wanderer durch den Irrgarten des Schrifttums aus Schritt und Tritt lauernd in den Weg treten, lebte er sein gutes, einwandfreies jüdisches Leben in der Judmgasse. Er freute sich am Simchas Thora, tvar traurig am Tischo-'beaw, sang' und machte seinen Ulk am Purim und weinte am No'ch-Haschauah und Jom Kippur. Tie Wahrheit ist dazu da, um gesagt -n werden, so sei es denn gesagt, daß mein Vater und mit ihm der überwiegende Teil der Inden unseres Stäbchens das Weinen am Rosch-Ha schon ah und Jom Kippur so ernst nahmen, es fi'tr so heilig und von Gott -anbefohlen hielten, daß sie es als ihre Pflicht ansähen, auch ihren Kindern das Weinen an diesen „furchtbaren Tagen" rechtzeitig beizubringen. Nach dem Alef- Beß kam das Weinen. Mit dem Weinen ging es abor bei uns Kindern nicht so leicht wie mit dem Lachen. Wir kleinen Rangen wollten nicht weinen und wollten auch den Vater nicht weinen Ihören. Wir mußten anch nicht, warum eigentlich der Vater weinen müsse. Erst später.erfuhr ich, daß mancher Vater es selbst auch nicht wußte. Anfangs fesselte uns noch der Anblick, wie der Vater, der on gewöhnlichen Tagen und Sabbaten den Tallis einfach um die Schulter hängend trug, an den hohen Festtagen aber den Tallis über den Kopf zog und mit verhülltem Gesicht bitter zu weinen begann. Später aber, als wir s'hen, daß der greise Rabbiner und all die frommen Gelehrten der Gemeinde, denen wir, wenn wir ihnen begegneten. ZahnpMt«), w m Qiäsern 8 2.60 und f M» 7T J 5 LM Proieiube ff I rJ Mimt Mt M f m f* IS -.90. zeitintt sieh 1 vor anderen Zahnpasten Idadurch muH d«S sl« db!z«hne fit kamt *eh blendend WctS reinigt nnd garantiert utlschÄdtcfl »t. Dabei hat Twerdys Derttflote einen Höchst angenehmen erfrischenden üeschmack. — Ueberail erhSHlfcIl. 144 Apotheke „rem goldenen Hirschen11 des MM w. Twerdy, Wien, I. Kehlmarkt Nr* I I war, wie seine Lehrer, ausschlißlich Tierbild Hauer — wurden wiederholt in Paris ausgestellt und mtt Verdienstmedaillen ausgezeichnet. Da man nicht glauben wallte, er habe als Blinder diese Dinge geformt, kam eine Kommission in sein Atelier, um ihn arbeiten zu scheu. Er stavb 1692. Oskar Baum. Las Recht aut das eigene Gesicht. Clown Grock als Klüger. Dermuttich ist es ein Naturgesetz, daß gerade die größten- Spaßmacher keinen Spatz verstehen. Man erinnert sich noch dunkel, daß Eharlie Chaplin gegen einen armseligen Burschen znm Kadi lief, der ihm alles nachgemacht hatte: die großen Schuhe, das kleine runde .Hütchen, das Spazierstöckchcn, Gesicht und Gesten, alles — nur nicht sein Genie. Und jetzt hat G r o ck, der Ueber-Elown, das Gelächter dieses sonst nicht heiteren Pariser Jahres, ebenfalls gegen einen Imitator eine Klage angestrengt, welche dem Beklagten verbieten soll, die tzttocksche Komik vorzüfi'chren. Hier liegt der Fall iusvferne anders, als der Beklagte selbst ein geschätzter Spaßmacher ist: Pizani, der ferne Gemeinde in Paris hat und als in der Imitation eine leise, jedoch unbarmherzige Travestiermig des Vorbildes steckt. So kann man in den Pariser Zeitungen jetzt halb tiefgründige, halb cmrülsante Abhandlungen lesen, und allerlei grundsätzliche Fragen tauchen auf: Inwieweit hat man ein Recht ans den Alleinbesitz seines Gesichtes, seiner eigenen Art und Ausdrucksmittel? Wo hört hier das geisttge Eigentum auf? Ist die gelungene Kopie nicht ebenfalls eine eigene geistige Leistung, die geschützt werden muß? Für Karikaturisten ist dieses Problem längst gelöst, uw keine Person, die so unvorsichtig ist, irgendwie ins öffentliche Leben zu treten, kann sich ihnen entziehen. Aber welche Rechte hat die Travestie und welche die bloße Nachahmung, die natürlich, um vollkomnren zu sein, auch unendlich viel Beobachtung und Belauern des Urbildes und Kunstverstand erfordert? Im allgemeinen stehen die Richter In den Zeitungen, bevor die Pariser Richter gesprochen haben, nicht auf der Seite Grocks, obwohl er zu den unbestrittenen Lieblingen des Pariser Publikums gehört. Man findet, daß die Nachahnmng eine Huldigung bedeutet, eine Anerkennung dafür, daß hier ein Eigenartiger seine Form geschaffen hat, und man versteht die Ueberenvpsindlichkeit des gereizten Elotvns nicht ganz. Aber vielleicht würden die Kritiker sie bester verstehen, wenn sie sich vergegenwärtigen würden, daß Pizani nicht bloß in einer Revue, sondern auch im Film Grock vollkommen nachgeahmt hat. Wenn Grock jetzt selbst filmen wollte — nnd er hätte auf Grund seines Ruhmes Honorare von astronomischer Höhe zu erwarten —, so könnte es wohl geschehen, daß die Filmgesellschaft kühl erwiderte: Aber das hat man ja alles schon gesehen... Sie sind ja gar nicht anders als Pizani... Sie sind ein Plagiator... man kennt das., wir können Sie nicht brauchen... Da scheint es doch nicht so unbegreiflich, wenn die sanfte Heiterkeit, welche Grocks rundlicher Kahlkopf ausstrahlt, sich in Ingrimm wandelt und er findet, daß eine noch so vollkommene Nachahmung, welche sogar sür ihn'-die Honorar« einkassiert, zu weit geht. jjir rr riTnr»« —~tr i «.»ntji—.r -die Hand küsien mußten, auch am Rofch-Hafchanaih und Jom Kippur andächtig, ruhig, ifast lautlos daftanden und beteten, lenützten wir den Anlaß, wenn Beter den Tallis über den Kopf zog, uns von feiner Seite wog in den Schulhof hinauszuschleichrn, wo unser schon düe gantze lustige Ki-nderschar wattete. Aber das um das seelische Wohl feines Kindes besorgte jüdische Batecheiz weiß in allen Lägest der schweren Kinderevgiehung Rat. Wir wurden während der Gebetstunden der drei heiligen Tage in die Obhut des Ptnches Totengräber gegeben, der uns dazu anhalten sollte, laut „nachtzusagen" und von dem wir vor allem das Weinen lernen sollten. Pinches TowngrAber war ein äußerst jovialer Mansch imd haßte die Trauer. Sie wuchs ihm, wie er sagte, zum Hals heraus. Er schaufelte das Gr<ch aus, schaufelte es zu und melhr wollte er von dem ganzen Trauergeschäft nicht wisten. Er glaubte überhaupt nicht an die Echtheit der Tränen am Grabe. Zu diesem Mißtrauen gelangte Pinches durch den Fall der Malle Seiftnstederm, die, als ihr erster Mann, Chaim, ein willensschwacher hüstelnder Frühgreis, eines Morgens feine gequälte Seele aushuftete. von ihrem Schmerz um den geliebten Gatten so niedergsbrochen war, daß sie sich um jeden Preis in fein offenes Grab werfen und mit Chaim begraben wenden wollte. Pinches mußte feine ganze Kraft aufwenden, um die dicke Malle vom Grabesrand fortzuschaffen. Aber es iwaren leine zwei Jahre über die tiefe Trauer der dicken Malle ins Land gegangen, als sie ihren ztveiten Mann, Simon, zu Grabe brachte und sich vor Ähmerz windend schrie, daß man sie sofort mit ihrem Simon begraiben möge. Diesmal ging ihr aber Pinches nicht mehr auf den Leim. Wa-r Ptnches Totengräber im allgemeinen kein Freund vom Weinen, so weihte er doch die drei Tage im Jahre, Rosch- .Halschanah und Jom Kippur den Tränen. Nicht Tränen vor Menschen und Dr Menschen, deren Vergänglichkeit in Nichts keinem in so sinnfälliger Form zu Be-vußtsein gelangte, wie ihm, sondern Tränen für sich und vor Gott, dem er nichts forc» zubringen besaß als Tränen. An jenem Rosch-Haschanahtage, an dem ich «das Weinen lernte, holte mich Pinches Totengräber schon zeitlich ftüh von meinern Elternhanfe ab. Der sonst sehr gesprächige Mann >war aus dem ganzen Wege ernst und M, qls WsWe M M fßx ben

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