Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2711 (9.9.1926)
- Date
- 1926-09-09
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Kein einziger Ziegelstein wurde für diesen Shnagogenbau, der schon über hundert Jahre steht, verwendet. Die alte Schul ist aus Holz gezimmert. Das Schindeldach wurde im Laufe der Jahre an manchen Stellen grün. Der Sommerregen, der Gärten und Wiesen unseres Städt- : chens befruchtet, unseren Ningplatz und die Nebengäßchen : in Sümpfe verwandelt, brachte auch verschiedene Gewächse ' auf dem Dache unserer alten Synagoge zum sprießen, so daß manch träger Ziegenbock, dem es zu umständlich war, - die Wiese außerhalb des Städtchens auszusuchen, an diesem Weideplatz auf der Schul sein Genügen fand. Das Alter der Zeit drückte das Dach immer tiefer zu Boden und es. verursachte den Ziegen nicht viel Mühe. Ein kleiner Sprung und ein „Minjan" Ziegen war am Dach unserer alten Schul. Das Innere unserer alten Synagoge ist leicht zu schildern. Außer einigen HängelenHtern aus Kupfer, am Plafond mit Stricken befestigt, bestand die innere Einrichtung hauptsächlich aus Holzständern, von denen sehr viele fast immer feucht waren, teils infolge des Regens, der an Mehreren Stellen durch das Dach in das Schulinnere einen Weg gefunden,-teils von den jüdischen Tränen, die bei uns in der alten Schul reichlich fließen. Ein großer, älter Ständer, neben dem „Uron Kaudesch", das war der „Omed". <&x war ringsum mit „Chelew" betropft, ein Zeichen, daß selbst die „Tfrlo-Kovzen" in der alten Synagoge zu weinen pflegten. Wir hatten in unserer Schul keinen Kantor und keinen Chor. Daß auch keine Orgel den Gottesdienst störte, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Unsere Juden meinten, eine Orgel beim Gottesdienst sei „Chukas hagoi", und ich glaube, daß sie auch heute noch dieser Meinung sind. Unser „Baal Tfilo" war „Reb Toifke Gemore-Melanied", ein großer, magerer Jude, trocken wie ein „Lülow", mit einem winzig kleinen Spitzbürtchen, just wie der „Putim" beim „Eßrog". Das ganze Jahr, ob Sommer oder Winter, umhüllte seinen Hals ein roter Schal. Dafür hatte er aber eine Stimme oder wie „Unsere" zu sagen pflegten, ein „Kol K'schaagas", stark wie das Brüllen des Löwen. „Schawas anijim ato tischma, zaakas hadol takschiw wsoschia" pflegte Toifke so mächtig zu singen, daß keine Hoffnung besteht, es werde jemals in unserem Städtchen einen wohlhabenden Juden geben, wenn dieser gewaltige Ruf im I Himmel überhört wurde. Selbstverständlich hat Reb Toifke seine Stimmittel an den hohen Feiertagen ganz besonders zur Geltung gebracht. Bei uns in der alten Synagoge benötigte man keine ' Entreekarten für „Rosch-Haschanäh", „Jom Kippur", auch waren keine Polizeileuie dazu berufen, den Armen den Weg zw Gott abzuschneiden. Unsere alte Schul war nicht theaterartig eingerichtet, mit Sitzplätzen erster und zweiter Klasse, wie es heute in der Großstadt üblich ist. Jeder hatte sein „Studt", wie er sie von den Ureltcrn geerbt hat, und frei war der Weg zu unserem Gott für Groß und Klein. Erew Jom häkndausch, wenn die rote Sonnenkugel hinter dem Turme der polnischen Kirche unserem Städtchen ihre letzten Strählen spendete, sah man von allen Ecken und Enden weiße, gespenstorartige Gestalten in der Richtnng zur alten Synagoge sich bewegen. Der Fußboden unserer Schul war mit frischem Stroh bedeckt, an der Türe stand der „Schames" mit einem Riemen bewaffnet, und jeder der Ankommender: legte sich, ohne den geringsten Widerstand zu leisten, hin, um vom Schamos die üblichen 30 „Malkaus" zu empfangen. So pflegten sich unsere Inden znm „Jom hadin" vorznbereitcn. Die vielen „Noschumo-Lichter", die jeder mitznbringen Pflegte, ersparten unserer armen Gemeinde die Unkosten der elektrischen Beleuchtung, von welcher mcin bei uns im Städtchen vielleicht noch heute keine Ahnung hat. Im übrigen waren» mir die Kerzen viel sympathischer als die modernen Belenchtungsapparate, besonders die Wachskerzen. Bei den meisten kippte der Docht um, die Wachsmasse floß in Strömen auf den Kerzentisch. Wir Buben Pflegten nachher die Wachsmasse zusammenzuklauben, um daraus verschiedene Figuren zu formen. Ccineit Hund, eine Katze, eine Ziege. Was konnte man nicht alles aus dieser Masse kneten! Meinem Chederkollegen „Awremil" gelang es sogar, unseren Rebde Toifke Melamod ans Wachs zu formen. Kein Wunder also, wenn nach unseren Kinderbegriffen die „Neschumo- Äichter" ans Wachs eine viel wichtigere Erfindung waren als die großen elektrischen Lampen, von denen die Kinder rein gar nichts haben können. Nun kehren ivir zurück zur alten Schul. Die Schul war voll, jedes Winkerl war besetzt, sogar von Kindern. Bei uns Pfegte man zu „Kol-Nidre" auch Kinder in Schnl mitzunehmen und nicht mit dem Fräulein spazieren zu schicken. Unermeßliche Andacht ans jedem Antlitz. Es schien, als ob die göttliche „Schchino über unserer alten Synagoge ruhte. Reb Toifke begann das „Kol-Nidre", zuerst leise, dann mächtiger, nachher noch stärker, mit solch einem „Nigun", daß es mich fröstelte. Beim „Jaale-Gebet" war fast kein einziger m-elodrscher Ton zu hören, nur ein Schluchzen vernahm man. Bon allen Seiten her vereinigte sich das Jammern zu einer trest erschütternden „Jelolo", wie man sie nur in einem Keinen Judenstädtchen des Ostens hören kann. Ich stand an der Seite meines Vaters und reichlich rannen dessen Dränen aus die kleine Hand, mit der ich des Vaters „Machsor" am Ständer festznhalten pflegte. - Die Aelteren der Gemeinde blieben nach Kol-R-idve m Schul, sagten die ganze Nacht „Thilim" und andere Gebete. Als ich um 6 Uhr morgens mit meiner Mutter ans Mr Schul ging, hörten wir schon von der Ferne Reb BoWss „Kol". Bei uns in der alten Synagoge sah man keine gLängevden Zylinderhüte, keine schwarzen, Fräcke, keine BrMcmtnadeln und keine Straußfedern. Bei' uns kaufte man kome Blumensträuße am Versöhnungstage, auch vertrieb man sich nicht die Zeit mit „Zeitunglesen". Bei uns machte «$wt keine Pausen am Jom-Kippur; riian benötigte Erfrischungen, auch ging man nicht den ganzen heilig«: Aßg Luft schnappen. Bei uns in der cllten Schul standen sie in aller Frühe schon tu: weißen Kittel, den Kopf ganz vevhMt mit dem großen Tales, so daß man nicht Unterschuss konnte, wer Reb Boruch und wer Reb So-rnch ist, oXk fasten einander gleich, weiße schluchzende Gespenster. Das „Neiloh-Gebet" wurde von unserem Gemern^-» rabbiner vorgetragen und als der alte Rabbi das „KadiW- Gebet" zu Neiloh begann, war man einer tiefen Erschütterung gewärtig. Gelangte man rzämlich zur „TfWo": „Pst»ch lonu Schaar, bees Neilas Schaar, ki fono hastmm" („OeGn uns die Himmelspforte, bevor sie sich schließt, diewsll sich neigt der Tag"), dann pflegte er den greifen Kopf, im Tallith eingewickelt, auf den „Umid" zu legen und nmrutzenlang zu weinen wie ein Kind. Die ganzes Ge-seisde Wlt natürlich mit. Selbst Michal der „Orel", der aWHMH bostellt wurde, die schmelzenden Kerzen cyMuüchte« «G We während des Tages von der Zugluft verWchtsn zu NMch wieder anzuzünden, pflegte mit der arm«: JutwrHernekrde mitznweinen. Zeitlebens bleibt es mir unvWgsßttch. „Wachasaum lechajim tauwim kol bne brisecho!!" stüß Jnt Rabbi mit dem letzten Kraftaufwand hßvvyr mck fönt Gemeinde war einer „Chasimo tanwo" sicher. Noch einmal ertönte das „Kol ha-schostw", $a8 stm» feiten die Sterne, mit den Nebervsskn der „ResthuGs- Lichter" in Händen begrüßte die Gemeinde auf dem gvsstm freien Plätze vor der alten Synagoge -den Neumond.