Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2711 (9.9.1926)
- Date
- 1926-09-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Äien, DonnerSiag muntv Morütnzettrmü 9. September 1926 Nr. 2711 Rösch«' " ' 1828. Die Juden nach der Schlacht Vei MohaeS. Im Jahre 1536, dem Jahre der Schlacht bei Mohärs -- schreibt der Budapester Universitätsdozent Dr. Alexander B u ch ler —, fiel das Rvsch-Haschanahfeft, ungefähr wie in diesem Jahre, auf den 8. Und 9 September. Als die Nachricht von der katastrophalen Niederlage bei Mohacs in der ungarischen' Hauptstadt bekannt wurde, parkte der gesamte ungarische. Adel mit der Königin-Witwe Marie an der Spitze alles, was an Wertvollem transportfähig war, zusammen und flüchtete in alle Windrichtungen, per Schiff, zu Pferde oder zu Wagen. Das ehemalige Haupt der ungarischen Juden, der Präfekt Isaak, hatte sich den flüchtenden Magnaten angeschlossen. In der ungeschützten Stadt waren nur wenige Bewohner, darunter ein Bruchteil der Judenschaft, zurückgeblieben. i , Am Rosch-Haschanahtage hielt der siegreiche Großwesir I b r a h i m Pascha seinen Einzug in Ofen. Die Vorsteher der Juden erschienen in ihren weißen Gebetmänteln' vor dem Triumphator, warfen sich ihm zu Füßen, baten um Gnade für ihr Leben und ihre Habe und übergaben ihm, da von den Ungarn niemand da war, die Schlüssel zur Festung. Der Pascha versicherte die Abordnung seines Wohlwollens und befahl deni Josef ben Salamon A s ch k e n a s i, den: Urahn der auch heut« noch in Ofen lebenden privilegierten türkisch-jüdischen -Familie Ale man, die' Feskungsschlüssel dem in Földvar befindlichen Sultan zu überbringen. In großen Hengsten sahen die Juden dem Einzug des Sultans entgegen. Zwei Tage nach Rosch-Haschanah, einen Tag nach dem Fasten Gehaljahu, erreichte Sultan Suleiman Ofen. Ten Juden wurde, wie die zeitgenössische Chronik hcrvorhebt, kein Haar gekrümmt. Um diese Zeit starb eine typische Gestalt der damaligen korrupten öffentlichen Sitten, ein gleichwertiger Genosse der verschwenderischen Hosaristokratie, der Schatzmeister Emmerich F o r l u n a t u s, ein getaufter Jude, der vor seiner Taufe Salamon Selig geheißen hatte. Sein. späterer Name Fortunatus war offenbar die lateinische Uebersetzung von Selig.-Fortunatus war einer der gefährlichsten Abenteurer, machte sehr rasch Karriere, fiel aber ebenso rasch wieder ins tiefe Elend zurück. Trotz seiner Taufe wurde er sowohl vom päpstlichen Legaten wie auch von den Aristokraten, die sich seiner bedienten, „der Jude Fortunatus" genannt und auch als solcher behandelt: Unmittelbar vor feinem Tode ist Fortunatus wieder zum Judentum' zürückgeke'hrt. Sein Testament enthält die Warnung, daß feine Nachkommen^ die übrigens Heute den Famlliennamen 'S a ch s führen, sich von bet© e t d g i e r f e r nch.y l t eZ - mögen. Am ersten Sukkothtage triebendie TMDlWWKr Äs zweit a rr sie n d Juden aus Ofen, Gran und anderen Städten zusammen, brachten sie auf bcreitgehaltene Schiffe und verschleppten sie nach den Balkan, wo sie sich in Sofia, KawkEa, Widdin, Saloniki und Konstantinopel ansirdelten. Die zeitgenössischen christlichen Zeitungen und Chroniken toben die Ofener Juden, wegen 'ihres heldenmütigen, opferwilligen Verhaltens und stellten sie als Musterbeispiel der Tapferkeit hin. Eine dieser.-Aufzeichnungen erzählt, daß die! Inden ihr durch Mauern umschlossenes Ghetto 'mit solcher s Entschlossenheit verteidigten, daß der Türke beim ersten Ansturin an die 3000 Manu verlor. Infolge des hartnäckigen Widerstandes habe der Türke das Ghettotor mit Geschützen bombardiert und, nachdem $x. Breschen geschlagen hatte, alles Lebende innerhalb der 'Ghetromauer niedergemetzelt. Von den 4000 Juden — übrigens eine gewiß übertriebene Ziffer — hätten sich bloß zwanzig retten können., Die „Newe Zeyttung" berichtet, daß der Türke es dem freien Ermessen der Juden überlassen habe, ob sie in Ofen bleihei^ ober mit ihm sortziehen wollten. Sämtliche Juden wollten in Ofen bleiben. Als sie auch nach Ablauf der drei tägigen Bedenkzeit Ihren Standpunkt geändert hatten, würden die Juden in drei Gruppen geteilt: die Dreißig- bis Vierzigjährigen, die Zwanzigjährigen und die gemeinsame Gruppen der Kinder ititb Frauen. Die Juden wurden nochmals gefragt, ob sie noch immer sich nicht von Ofen trennen Wollten und als sie abermals verneinten, seien 4000 Juden erwürgt und aufgespießt, die Frauen urtb Kinder nach der Türkei-verschleppt worden. Das Land ohne Bettler. Es gibt ein einziges Land in Erropa, daß keine Bettler kennt, nämlich Island. Ebenso wie das Wort „Bettler" sind auf dieser 150.000 Quadratkilometer großen Insel im Norden, die nur 100.000 Einwohner , zählt, die Worte „Analphabet" und „Proletariat" unbekannte. Begriffe. Beinahe tausend Jahre sind seit her Errichtung des isländischen Reiches vergangen; im Jahre 030 wurde, von dem Isländer Ulfliots die Grundlage zn der heute stoch gültigen d e m o k'r a t i j ch c n Gesetzgebung gelegt und in drei Jahren wird das isländische Parlament, das älteste -der ganzen 'Welt,..seinent-cnsendjährigeu Bestand feiern können.' Der Isländer ist sehr stolz, fast möchte man sagen hochmütig, daß er in einemtausendjährigen Reiche lebt und auf eine ebensolange.Kunst- und Literaturgeschichte zurückblickcn kann. Die. isländische Sprache gehört zu den nordgermanischen Sprachen und hat unter diesen das älteste Gepräge. Sie wurde von den norwegischen Äüswänderern, die im 9. und 10. Jahrhlndert ihre Heianat - verließen, nach Island - mitgenommen, wo sie ihre: Nachkommen infolge-Hter> Abgeschlossenheit in alter Reinheit bewahrt haben. Gt-ämMätik- und Wörftchatz-sind -fast dieselben -wie im; 13. Jahrhundert,-. und die Aussprache hat sich nicht viel-geändert. ' >' * < i:isländische: Sprachegenießt in diesem Novdreich eine uMgreWe' Verehrung,- oßfei chMnüngscHtet spricht^ fast -jeder Jslä-ndö^ekn einwändfreiesj -flftßendcs 'On'g l i If ch und D e ü ts ch und vitte gebildete Kreise beherrschen auch romanische Sprach e n und sogar das Lateinische. Während des Winters umgibt ein undurchdringlicher Eispanzcr die riesengroße Insel. Daum bleibt den Einwohnern keine andere Verbindung mit der Welt als der telegraphische Verkehr. In den traurigen Wintermonaten gibt cs Tage, an denen nur zwei oder drei Stunden lang ein fahles Licht die Insel erhellt. Aber es gibt in Reykjavik, der 22.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Insel, schöne Bibliotheken und Lehranstalten aller Art mrd dieses Volk der Fischer, der Schafhirten und der Stockfischexporteure benü^t die ungemütliche Zeit, sich in allen W i s.'s enschaften zu nnderrichtcn. In Island gibt es keine Industrie, höchstens eine Art Heimindustrie; die Wolle wird in den Häusern' gesponnen und Strümpfe und Handschuhe daraus hergestellt. In den beiden Banken von Reykjavik liegen an Depositengeldern durchschnittlich eine Milliarde Kronen, so. daß außer dem Grundbesitz ultd dem Eigentum an beweglichen Gegenständen, das jeder Isländer besitzt, alle Einwohner der Insel noch ein durchschnittliches Barvermögen von 10.0 0 0 Kronen haben. Der Isländer ist stolz auf die Ordnung in seinem Staat und auf seine großen Männer, deren Namen in Europa ziemlich unbekannt sind. Aber er liebt os nicht, sich von her übrigen Welt abzuschließen, ttlid es ist nicht it-itr eine Geldangelegenheit, daß der isländische Unterrichtsminister zurzeit ^dafür Propaganda treibt, den europätschen Tonristenstrom auch nach Island' zu lenken. Man sucht Verbindung mit dem europäischen Geistesleben, und man hat den fremden Besuchern auch wirklich Sehenswertes zu bieten. Wo in der Welt gäbe cs noch ein Parlament zu scheu, daß sich im Krater eines erloschenen Vulkans befindet? Man steigt in Reykjavik ins Automobil und laugt nach wenigen Stunden anr Krater eines uralten feuerspeienden Berges an, in dem sich.die. gesetzgebende Versammlung zn vereinigen pflegte. Dieses-alte Parlament hat auch geologische Bedeutung. Der Rand des Vulkans, der schon vor 8000 Jahren erloschen ist, hat sich gesenkt und eine Art Schutzwaud gebildet, von der Wasserströme hinabjließcn, deren Färbung blauer ist -als das Wasser der blauen Grotte von Capri. Die Bäche von den benachbarten Gletschern, und die-, blaue Farbe ist dem Eis dieser Polargegend überhaupt eigentümlich. Die Gewässer bilden Zwei Flüsse, die um eilte kleine Insel laufen mld sich dann in einem See vereinigen, in dessen Mitte eine Reihe kleinerer Inseln liegen. Noch vor 300 Jahren wurden in diesem See die treulosen Frauen ertränkt; die sich herite, im Gegensatz zu vergangenen strengen Zeiten, vollster sveiheit und bester Gesundheit erfreuen. Im See fand häufig.allch ine Art von Gottesurteil statt: gelang es einer Frau, sich aus eine Insel zu retten, so bewies sie damit ihre.Unschuld. Dieses feenreiche und gebirgige Jebiet der Jnsth Istdie historisch wichtigste Stelle des Landes? Drot steht auch das-Äa'.'.d^ bild. Ju-golf A ran,so ns, der im Jahre-1092, also genau, 400 Jähretvor Kttumbü^ Amerika entdeckt haben soll. -j!! 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