Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2711 (9.9.1926)
- Date
- 1926-09-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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WKMk MNWWfkTkU U. fflff ff MF Sie gegenwärtige Lage in Palästina. «raßttungea de» Koloaelr Kish bei bem Empfang der wiener Presse. Gestern nachmittags veranstaltete das Zionistische Landes komuee im Hotel Imperial einen Presseempfang, um Herrn Kr'loiiel Kish Gelegenheit zu geben, die Vertreter der Press« authentisch über die Lage in Palästina zu informieren. Es waren un:er anderem der deutsche Generalkonsul Freiherr v. V i O n t> t und der Pressechef der polnischen Gesandtschaft, Legationsrat P a r r c s. erschienen. Ter Präsident der Zionistischen Landesorganisation für Oesterreich, Herr Dr. Desider F r i e d m a n ns begrüßte die erschienenen Vertreter der in- und ausländischen Presse und stellte ihnen Kolonel Kish vor. Er führte aus: Kolonel Kish, der lange Jahre hindurch in Indien als englischer Beamter und Offizier tätig war, stellte sich vor ungefähr fünf Jahren der zionistischen Bewegung zur Verfügung, die ihn mit der L e i tu n g d e r p o l itis ch e n Agenden ihrer p a l ä st i n e n s i s ch e n E x ekutive betraut hatte. Durch seine hervorragende und umsichtige Tätigkeit hat Kolonel Kish zur Festigung der Beziehungen der Zionistischen Organisation zur Mandatarmachk sowie zur B e s s e r u n g des jüdisch - arab i s ch c n Verhältnisses wesentlich beigetragen. Hierauf erteilte Tr. FricdmaNn das Wort Herrn Kolonel Kish, der in längeren prägnanten Ausführungen (die Herr Adolf Bohm Latz für Satz ins Deutsche übertrug) die Politik der Mandatarmacht und ihre Beziehungen zur Jewish Agency (der Zionistischen Organisation) behandelte. Er legte im wesentlichen dar: Wenn die internationale Presse, der als politischen Faktor große Bedeutung zukomm:, mitunter unzutreffende Rachrichten über den Zionismus enthält, so ist es weit häufiger d i e S ch u l d d e r j e n i g e n, w e l ch e d i e s e P r e s s e z u i n f o r m i e r e n haben, als die Schuld der Presse selbst. In letzter Zeit kam in manchen Presseorganen ein leiser Pessimismus zur Geltung, weil man vermeinte, die Beziehungen der Zionistischen Organisation zur englischen Regierung seien nicht mehr so gut wie früher. Es bestehe ein großer Unterschied zwischen der politischen Halrungder englischen Macht und der Arbeit e i n- Z e l n e r B e a m t e r in Palästina. Seit der Balfour-Deklaration >>t absolut keine Aenderung der Haltung Englands zu verzeichnen. Diese grundsätzliche Tatsache ist viel wichtiger als der Umstand, daß die Mandatarmacht gewisse Einzelwünsche der Zionisten nicht befriedigt hat. Diese Ein.zelwünsche verbleiben jedoch Gegenstand von Verhandlungen mit den Regierungen, und es liegt absolut kein Grund vor, bezüglich der Endresultate unserer Verhandlungen pessimistische Ansichten zu hegen. Während wir mit einer gewissen natürlichen Ungeduld von Zeit zu Zeit Hindernisse in der Entwicklung zu sehen vermeinen, hat die Politik der Mandatarmacht sicherlich dazu beigetragen, daß Palästina die friedlichste Gegend des mittleren Ostens ist. Gleichzeitig steht es fest, daß die zionistische Tätigkeit und ganz besonders die Ausbreitung jüdischer Ansiedlungen im Lande zur Pazifizierung und zur Entwicklung der Zivilisation im Lande beigetragen haben. Dieser Umstand hat auch die positive Ein- Z stellung Frankreichs zum Zionismus herbeigeführt. Die jüdische. | Bevölkerung Palästinas vermehrte sich von 82.000 im Jahre 1922! | auf ungefähr 150.000, während gleichzeitig das prozentuelle Vor-' g hältnis der jüdischen Bevölkerung zur. Gesamtbevölkerung j g Palästinas eine erfreuliche Aenderung der .Haltung eiitgetreten. Entweder die Juden tverden auf den Standard hinabgedrückt, auf dem die Fellachen vor dem Kriege lebten, oder der arbeitende Araber wird auf unseren Standard gebracht. Letztzves zu er-, reichen, müssen wir uns bestreben, ohne altruistisch zu sein, und auf dieser Linie iverdeu wir uns mit der arabischen Bevölkerung treffen. Ein bedeutender Araberführer fragte mich, warum eigentlich eine bestimmte auswärtige Presse von den Arabern fördere, den Zionismus zu bekämpfen. Tie Kooperation beider Völker müsse bald in Erscheinung treten. Was die i u d u st r i e l l e E n t w i ck l u n g anbelangt, niuß bedacht iverden, daß Palästina ein Land ohne Kohle und Oel ist. Das ist eigentlich ein Glück — sonst wären die Schwierigkeiten der Erlangung des Landes für uns Juden weit größer gewesen. Es ivar ein Fehler Englands, haß nicht rechtzeitig die nötigen Zollerleichterungen gewährt wurden. Das Einschreiten (der Zionistischen Exekutive hat diesbezüglich Wandel geschaffen. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle wurde das Geforderte erreicht. Wir können mit Zuversicht a u f e i n en we se nt li ch e n Fortschritt der Industrie im Laufe der kommenden Jahre rechnen. All dies jedoch erfordert sowohl Unternehmungslust wie Kapitalien. Wir erwarten hauptsächlich die Unterstützung des Privatkapitals für industrielle .Unternehmungen, während der Keren Haje s ] o d (Palästiua-Au'fbaufonds) von ' allen Juden unterstützt werden muß. da er die Bedürfnisse der Kolonisation der Einüvandcrung und des, Erziehungswesens zu decken hat. Obwohl es wahr ist, daß die ökonomische Lage in Palästina einen zeitweiligen Rückgang der Einwanderungswelle verursacht hat, so ist es trotzdem in paradoxem Sinn ebenso Wahr, daß wir gegcnlvärtig in der Lage sind, ein mehr aktives Programm für den allgemeinen Fortschritt unserer Arbeit in Palästina zu verfolgen. Ich habe keine Ursache, .zu Mi sein, daß eine derartige Intensivierung unserer Tätigkeit Palästina von der M a n da ta r ma ch t tatkräftig in n n 1 er.stü tzl werden wird. Ten Aufbau müssen wir aus eigenen jüdischen Mitteln vollbringen, soll Palästina tatsächlich als nationales Heim von den Juden des Erdkreises anerkannt sein.. : -r- Aus der Mitte der Versammlung wurden sodann an Kolonel Kish zahlreiche Anfragen gestellt, die er in zusammenhängender Rede beantwortete. Er äußerte sich zunächst über die Anleihe für Palästina und erklärte, sie fei, da sich das englische Parlament auf Ferien befinde, noch u i ch t bewilligt. Doch ist nicht IHR! PEROCKE ist ALT und UNMODERN I eraten Sie sich PISTYANs SCHLAMM für Hauskuren bei Olcht, Rheuma, Ischias. Entweder Nahirschlamm »pl» Qa* oder die fertl* gen „Gamma-Kompressen*. Id allen Apotheken. RHEUMA-ISCHIAS •ÄI’aE strasse Nr. 32. HEILT’. SICHT Ideale Winterkuranstalt In Bad Pistyan. „Thermla-Palace" offen. H wegen einer neuen, modernen, leichten Perücke von 11,3 auf 16 Prozent gestiegen ist. Ein wesentlicher Erfolg wurde errungen durch die Land- | besiedlnng des Nationalfondsbodens und eine Anzahl von n e u e n Siedlungen ist ökonomisch vollständig selbständig. Was die arabische Frage betrifft, ist auch bei den Arabern mit Meister Schiroky im Graben - Frisi&n - Salon § Wien, I. Graben Nr. 12 100 Staunend billige Preise! | daran zu zweifeln, daß Parlament die Garantie für die von der Regierung angesprochene Dumme von 4,6 Millionen Pfund erteilen werde. In Palästina besteht naturgemäß ein ständiger Kontakt zwischen den englischen Verwaltungsorganen und den Juden sowie den Arabern. Es finden immer Verhandlungen über schwebende Fragen statt und cs ist. auch in inoffizieller Weise eine unverbindliche Aussprache über die Einsetzung einer Legislative gepflogen worden. Die englische Negierung hat deklariert, daß diese Besprechung nur unverbindlichen Charakter hatte. Sollte es zu offiziellen Verhandlungen kommen, so wird die Zionistische Exekutive an ihnen teilnehmen, und zwar in ityrev Eigenschaft als die anor kannte Jewish Agency. Wir sind übrigens auch über den Inhalt dieser Besprechungen unterrichtet worden. Es ist klar, daß -er gegenwärtige Zustand nicht mehr lange andauern/ kann. Es kann daran nichts geändert werden, ehe nicht die Basis anerkannt ist, daß die Araber das Mandat akzeptieren. Wir hoffen alle auf den Tag, an welchem es möglich werden wird, daß Juden und Araber in demokratischer Weise an der Entwicklung des Landes teilnehmen, aber nnr auf Grundlage der Balfour- Deklaration. Was die Löhne in Palästina an-brla-ngt, so läßt sich eine einheitliche Norm »dafür nicht ansstellen. Im allgemeinen läßt sich sagen,-daß ein gelernter arabischer Arbeiter eb-Lnsovi'el verdient wie ein gelernter jüdischer. Bei den ungelernten Arbeitern elber liegt die Sache viel schwieriger. Man kann arabische Arbeiter zu einem so billigen Lohn bekommen-, wie cs für einen enroMscheu unmöglich wäre. Wir kämpfen in Palästina nicht nur für den Schutz des jüdischen Arbeiters, sondern im Interesse des ganzen Landes und seiner Wirtschaft auch für den Schutz der avabischen Arbeiterschaft. Wir haben über diese Frage auch beim B ö lk e r'b n nb gesprochen. Unter den Arebern besteht .ein unglaublich niedriges Lohnniveau. Ich habe selbst arabische Frauen und Kinder gesehen, die zum Straßenbau Steine zutrugen und mit sieben Piastern bezahlt wurden, wobei noch ein A u fs e h e r in i t dem Stock däh i n te r war. vyv;v Unsere Arbeiterlöhne, die Anschauungen, die wir ins Land bringen, werden den Efendis es unmöglich machen, arabische Frauen und Kinder in solcher Weise ausznbenten. Deshalb kämpft der arabische Schieber gegen den Zionismus und er, findet die Unterstützung der Presse nicht nur in Palästina, sondern auch im westlichen Europa. Es ist leider wahr, daß es Arbeitslosigkeit in Palästina gibt und sie betrifft etwa 5000 bis 6000 Menschen. Das ist eine Ziffer, die wohl in Wien sehr niedrig scheint. Aber bei uns in Palästina ist das Wirtschaftsleben noch; so wenig eusge'bildet, daß auch diese verhältnismäßig geringe Ziffer große Schwierigkeiten macht. Unsere Arbeiterorganisation behandelt diese Frage mit großer Umsicht, Das jüdische Fahr 5686. Von Julius Löwh. Wie schließt sich dieses abgelausene Jahr in die jüdische Geschichte ein? Welche Tendenzen hat es ans Licht gebracht? Gibt es Fingerzeige für die Zukunft? Ein Jahr, so heißt es doch gewöhnlich, gilt wenig im Leben eines Volkes, ist nur ein Sandkorn auf seinem Wege. Im Lebensgang des Individuums nun ist doch ein Jahr schr viel. Es setzt sich aus Ereignissen zusammen, die biologisch und physiologisch den Organismus beeinflussen, die die seelische Stimmung ändern und dadurch auch die Stellung zur Außenwelt tangieren. Wenn jeder die Möglichkeit und die Geneigheit fände, sich mehr mit dem Nachbar zu beschäftigen und dessen- Tun mit dem eigenen Handeln zu vergleichen und für sich zu erklären, so blieben viele Feindseligkeiten im Anfang stecken und es stünde besser um alle. Und wenn sich jeder die Muhe nähme, nach einem Jahre sich selbst zu prüfen, so würde er mit Erstaunen bemerken, wie sehr er sich sollst geändert hat und wie sehr sich seine Stellung zum Nächsten und zur Allgemeinheit verschöbe.» hat. Und aus den Erlebnissen, aus der Stimmungswandlung der vielen Einzel- - Menschen, die eine Gemeinschaft bilden, wächst bas zusammen, was wir historische Entwicklung, Politik und nationales Leben nennen, und was aus seine gesetzmäßige Logik zu untersuchen wir gns zu gewöhnen haben. Und wie der einzelne für gewöhnlich eben nur das Tun des andern in der Relation aus sich betrachtet, ohne sehen zu wollen, n-as den anderen bestimm! hat, so richten auch die Völker ihr Lben so ein, als wären d'e anderen nicht von den gleichen soziologischen Elermmon getrieben. Fehler bestimmen unser Leben, Fehler bestimmen die Geschichte. Und wenn die pemntwortlichen Führer einer Nation zuweilen auch prüfen würden, was in der Seele der anderen vc-rg.'gangen ist, wie ein getaner oder unterlassener Akt auf der anderen Seite wirkt, »velchen Gegenmechanismus er auslöst, so wäre I die Geschichte armer an Fehlern oder gar Verbrechen und es stünde besser um die WÄt. * Wie hat sich in diesem abgelausenen Jahre die Beziehung der Juden zu ihrer Umwelt, der Teile der jüdischen tLemeinschaft zueinander, gestaltet? Es wäre schwerer, diese Frage zu analysieren, wenn dieses Jahr markante Ereignisse gebracht hätte, die die Gesamtheit oder auch nur einen ihrer Teile ties.er berühren oder sich sprunghaft aus denk Flusse der Dinge herausheben würden. Das ist in diesem Jahre nicht der Fall gewesen. In der jüdischen Geschichte sind die traurigen Vorfälle dichter gesät, aber sie haben sich doch in dem abgelaufeuen Jahre in halbwegs erträglichen Grenzen gehalten. Eine Entwicklung nach oben hin ist kaum zn verspüren, weder in der Stellung der einzelnen Parteisckxittierungen des Judentums zueinander, noch in den Beziehungen zur Außenwelt. Nur der Abschluß des Jahres klingt besser aus. Das Auftreten der jüdischen Minoritäten auf dem Genfer Kongreß und die Tatsache, daß sie dort niit den national am schärfsten akzentuierten Gruppen' der, anderen Nationen zu harmonischer Zusammenarbeit gelangen konnten, gibt Hoffnung für die Zukunft. Es waren dies Symptome für den guten Willen, uns kennen lernen und es verstehen zu wollen, weshalb und wie die jüdische Bolkspsyche auf die Entwicklungselemente reagiert. Daran hat es bisher geschlt. Es gibt sich niemand Rechenschaft darüber, wie die Reizungen antijüdischer Bewegungen auf uns wirken. Auch dieses Jahr war reich an Äußerungen des Hasses, der unversöhnlichsten Gegnerschaft, die sich Politisch, sozial mch wirtschaftlich zeigte. Ter röhe, exzessive Ani'isem tisnius, der noch im Vorjahre in voller Blüte stand und an seinem Ende während des Wiener Zionlstenkongresses zu ungeahnter Intensität sich gesteigert hat.c, tvar dann gewissermaßen durch Erschöpsn-rg zum Abklingen gekommen. Wir verzeichnen dies. Aber es gibt kein Moment, das berechtigen würde, diese Art der Demagogie für erstorben zu 'halten. Sie kann in jedem Augenblick kommen. Wir würdigen es, daß diese Bewegung in einem Zusammenhang« steht mit den großen Wirtschaftskrisen, die der Weltkrieg hinterlassen hat. Wir sind immer verständnisvoll dafür gewesen, daß der Schwächere mit aller Schuld belastet wird, die dem Stärkeren sein Dasein erschwert. Die Unbefangenheit und Objektivität des Judentunis in der Kritik an der Feindschaft ist bis zur Selbstentäußerung gegangen, die in der bewußten Assimilation ihren gesellschaftlichen Ausdruck gesunden hat. Aber alle Rücksicht kann uns heute nicht mehr hindern, unsere Lage so klar und nüchtern als nnr möglich anzusehen. Wir müssen konstatieren, daß die Erschütterung der Rechtsstellung des Judentums sich, wenn. auch in ruhigerer Form, fortgesetzt hat. Die Unsicherheit dauert an und das abgelaufene Jahr hat uns neue Beweise für diese Annahme gegeben. (Tie Mangelhaftigkeit eines sysbemati>ch durchgeführten Informationsdienstes verschuldet es, daß wir über das Schicksal der Juden in Zentralasien so gut wie gar nichts wissen und daß ganze jüdische Stämme, so in Kankasien, im nordafrikanischen Hinterland und in Abessinien vom Muttervolk abgeschnitten sind.) Im Osten, in Polen, wurde b i e Affäre Steiger beendet, und der Freispruch dieses schwerer Schuld bezichtigten jüdischen Studenten war ein ehrendes Zeugnis für die Geschworenen, die doch nicht ganz der Verhetzung erlegen waren. ES war dies der erste politische - Prozeß gegen d'as Judentum gewesen, das in dem jungen Manu getroffen werden sollte Aber was in Polen abgewehrt wurde, hat sich dann im Zentrum Europas, in Deutschland, wiederholt, innerhalb einer Nation, di« nach Kwechsrr Losung ihrer Fragen sucht und eben jetzt die voAr O«««»o«äe M»