Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2710 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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B*Ht i WltfWvOl^ lMMee MorMnzett««s 8. Gepench« IBS Nr. S710 Ve«rkimse« üb« die Lase in PalWna. Bon Rechtsanwalt Dk. Ephraim Wafchitz »(Haifa), Mitglied des Waad Lemni. Stach einem ununterbrochenen sechseinhalbjährigen Aufenthalt im Lärche der Väter für kurze Zeit in Wien eingetroffen, jener Stadt, die nur aus der Zeit meiner Studien und meiner vorübergehenden zionistischen Galuthtätigkett in angenehmer Erinnerung bleibt, weÄe ich von allen Seilen mit Fragen über die wahre Lage in Palästina bestürmt. Wollte ich ins Detail gehen und alle wichtigen und interessanten Fragen des jüdisch«: Lebens in Palästina erschöpfend behandeln, so würde ich bald die mir gezogene enge Grenze eines Zeitungsartikels überschreiten. Ich will mich daher nur auf einige der wichtigsten Fragen beschränken. Mt besonderer Genugtuung erfüllte es mich, aus der „Wiener Morbenzeitung" zu erfahren, daß der Steuermann der zionisnschen Politik in Palästina, Kolonel K i s h, sich m Wien aufhält und mit den hiesigen zionistischen Kreisen in Kontakt getreten ist. Ich muß aber gleich bemerken, daß ich nicht alle seine Anschauungen über das Verhältnis der Mandats macht, zu unseren Bestrebungen in Palästina teile. In dieser Beziehung befinde ich mich in der guten Gesellschaft aller denkenden Juden Palästinas und vieler zionistischer Führer, nicht zu allerletzt des verehrten Kolonel Kish selbst. Den Berichten über die letzte Londoner Sitzung des großen Aktionskomitees zufolge war es gerade Kolonel Kish, der verlangte, man möge von der englischen Regierung ein weniger passives Verhallen den jüdischen Bestrebungen gegenüber fordern. Aber jedermann, der das Glück hat, Herm Kish persönlich zu kennen und der Gelegenheit hatte, den feinen, politischen Takt dieses Mannes in sehr schwierigen Situationen zu beobachten, wird zugeben müssen, daß mau sich in London anders äußern darf als in Wien, wenn man über England spricht. Kolonel Kish hat uns in seinen Wiener Ausführungen den Standpunkt der englischen Regierung als Mandatsmacht Plausibel zu machen versucht, womit er sicher nicht jagen wollte, daß wir jede Bemühung, die Mandatarmacht zu einer Aenderung ihres Standpunktes zu beeinflussen, unterlassen sollen. Hat er selbst es doch oft in Jerusalem teils aus eigenem Antrieb und teils unter dem Drucke der jüdischen öffentlichen Meinung, die im Waad Leumi ihren Ausdruck fand, zu tun versucht, wenn auch nicht immer mit den: gewünschten Erfolg. Gleich an dieser Stelle, muß bemerkt werden, daß das häufige Mißlingen von Interventionen bei der palästinensischen Regierung im Grunde auf den halb offenen, halb versteckten Antagonismus zwischen dem Waad Leumi als Repräsentanten der Juden Palöst r n a s u n d d e r Z i o n i st i s ch e n Exekutive als Repräsentantin der Zionistischen Weltorganisation zurückzuführen ist. Dieser mißliebige Kompetenzstreit, besonders stark bemerkbar in der Frage des jüdischen Gemeindestatuts, welches von dem Waad Leumi gutgeheißen und von der Exekutive im letzten Stadium der Bestätigung inhibiert wurde, war vor der Regierung kaum zu verhehlen, und mußte dem jüdischen Prestige ungemein schaden. Es sind zwar zu wiederholten Malen formelle Kompetenzäbgrenzungen vorgenommen worden, aber sie ließen sich schwer verwirklichen, da die Zionistische Exekutive trotz allem ihre unbeschränkte Kompetenz in allen jüdischen Dingen in Palästina geltend macht. Und nicht mit Unrecht. In dem Verhältnis der Araber zu den Juden ist eine unbedingte und sehr erfreuliche Besserung zu verzeichnen, aber diese ist nicht einer Politik^zuzuschreiben, die auf die ganze islamitische Welt taktvolle Rücksicht nimmt, sondern mehr dem Umstande, daß die Araber aus mehrjähriger Erfahrung gelernt haben, die jüdische Einwanderung als wichtigen wirtschaftlichen Faktor für die Gesamtbevölkerung Palästinas zu schätzen und zu würdigen. Man hatte den Arabern vorgemacht, daß sie, von den Juden verdrängt, wirtschaftlich zugrunde gehen werden. Die Entwicklung hat das Gegenteil gezeigt: Kein einziger Araber ist aus Palästina verdrängt worden, obzwar 30.000 Juden jährlich eingewandert sind. Ja, viele Araber, die schwer verschuldet waren, haben dank dem jüdischen Gelde, das sie als Kaufpreis für einen Teil ihrer Ländereien von den einwandernden Juden erhalten haben,. ihre Schulden getilgt und oftmals neue Häuser gebaut, in denen neu ankommende Juden eingemietet sind und schweren Zins zahlen. Solch doppelter und oftmals vielfacher Vorteil konnte nicht ohne Folgen bleiben. Ich wage es, der Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß im gegenwärtigen. Momente die arabischen Grundbesitzer, die oft zugleich führende Stellungen im politischen Leben ihrer Nation inne haben, zu allererst protestieren würden, wollte man der jüdischen Einwanderung jetzt Halt gebieten. Man hört manchmal aus jüdischem Munde die Meinung, als ob die Juden den Arabern im Steuerzahlen nachstünden. Ich bestreite das auf das Entschiedenste. Wohl ist es richtig, daß der größte Teil des palästinensischen Bodens, in arabischen Händen ist und daß daher die Araber den größeren Teil der Grundst e u e r n zu tragen haben. Dagegen haben aber die Juden die intensive landwirtschaftliche Kultur eingeführt, dementsprechend muß der Mische Zehent bedeutend mehr eintragen als der arabische. Wenn man vom Zehent spricht, muß man sich klar vor Augen halten, daß diese türkische Steuer, , die von den Engländern noch nicht abgeschafft wurde, eine direkte Prämie für Vernachlässigung und Bvachliegenlassen der Felder darstellt, und daß die Araber von dieser Prämie ausgiebigen Gebrauch machen. Was hat Petach-Tikwah an Steuern eittgebracht, als der Boden noch arabisch war, und was liefert es jetzt? Vor fünf Jahren lagen die Hunderttausende von Dunani des Emek-Jesreel ganz brach und zahlten keine Steuern. Jetzt erreicht das Steuererträgnis dieser Gegend eine hohe Ziffer. Dabei vergesse man nicht an die Z o l leingänge, wo die Juden unbedingt an erster Stelle figurieren müssen, man vergesse nicht den Reingewinn der Eisenbahn, der Po st und des Telegraphen, der fast ausschließlich der jüdischen Einwanderung zuzuschreiben ist. Auf diese Tatsachen gestützt, kann man freimütig behaupten, daß die I u d e n zu den Einnahmen der palästinensischen Regierung in bedeutend höherem Maße beitragen als es ihren! numerischen Verhältnis entsprechen würde. Wenn in der nächsten Zeit vielleicht ein aktiveres Eingreifen der Jerusalemer Regiemng zu konstatieren sein wird, so wird es nicht so sehr dem Drängen der jüdischen Repräsentanzen zuzuschreiben sein, als der Tatsache, daß sich englisches Kapital an palästinensischen Unternehmungen zu beteiligen beginnt. Der erste Schritt war die Wasserversorgung Jerusalems durch die Firma Sir Jacksons aus London. Ein zweiter, der ihm folgt, ist die Beteiligung einflußreicher englischer Kreise an dem großen Werke der Haifa Bay Development Company und auch am Hafenbau in Haifa dürfte englisches Kapital mit investiert werden. Diese Tatsache, die einen Tadel der Gleichgültigkeit jüdischer Kapitalistenkreise in sich mit inbegreift, ist im allgemeinen nur zu begrüßen. Vielleicht wird diese englische Kapitalsbetei ligung unseren mißtrauischen F i n a n z m ä n n e rn endlich beweisen, daß es in Palästina auch etwas zu holen gibt. Hoffentlich nicht zu spät! Während unsere bestehenden nationalen Fonds das. bereits Gegründete erhalten und bewahren, kann nur die Privatinitiative des jüdischen Kapitals allein eine rasche, aufsteigende Entwicklung unseres Aufbau- Werkes garantieren. _ „Femsalem als britisches Silent« zentrum." Phantasien im „Berliner' Tageblatt". X. Berlin, 7. September. Das „Berliner Tageblatt" bringt folgende sensationelle Nachricht unter der Ueberschrift „Jerusalem als britisches Orientzentrum", die sich auf Meldungen des Londoner Korrespondenten des palästinensischen „Doar Hajom" über die bevorstehende völlige Umgestaltung der englischen Verwaltung im nahen Osten berufen. Danach soll Marschall Allenby in einigen Monaten an Stelle Plumers Oberkommissär in Palästina und gleichzeitig Oberkommandeur der englischen Armee im nahen und mittleren Osten, nämlich in Aegypten, im Sudan und Irak werden. Er soll den Titel eines Beraters der englischen Regierung in Angelegenheiten des Ostens erhalten und als solcher dem Koloüialamt nicht unter-, sondern beigeordnet fein, so daß es keine Beschlüsse ohne eine Vorberatung mit ihm fassen könnte. Die Gouverneure aller Länder im Osten sollen ihm unterstellt werden. Das Gros der englischen Truppen — meldet das Blatt weiter — soll von Aegypten nach dem Sinai und Palästina überführt werden. Zur Hauptgarnison sei K a n t a r a am Ostufer des Suezkanals bestimmt. Weitere Garnisonen seien inPort-Fuad, El-Arish und Rasa vorgesehen. Das Hauptkommando werde sich in Jerusalem befinden. Weitere wichtige Stationen würden in Ramleh und Haifa, das übrigens zu einem Kriegshafen umgestaltet werden.soll, errichtet werden. Der Korrespondent erklärt weiter, daß das bereits erfolgte Dementi des bevorstehenden' Rücktrittes Plumers unrichtig sei. * Die Meldung, die das „Berliner Tageblatt" vom „Doar Hajom" übernimmt, hat naturgemäß den Zweck, das englische Interesse an Palästina als rein strategisches hinzustellen und so auf Umwegen die zionistisch-palästinensische Konzeption als strategisches Hilfsmittel Englands zu denunzieren, dabei etwaige „Gefahren" einer jüdischen Heimstätte in Palästina, die später einmal Aufmarschgebiet werden könnte, an die Wand zu malen. Man darf hier nicht übersehen, daß das „B. T." einen Stock von demokratischen Parteigängern in den Kreisen des Zentralvevetns deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat, der jetzt in Deutschland eine „Ge- Die hebräische Schule der Leopoldstadt veranstaltet zu ov mm Vui Feierliche Gottesdienste in den Sälen der Zionistischen Bezirkssektion, 2. Bezirk, Zirkusgasse Nr. 33 Restliche Korten sind Im Vereinslokal. 2. Bezirk, Zirkusgasse Nr. 38, und bei Josef Singer, 2. Bezirk, Taborstraße Nr. 25, zu haben neraloffenstve" gegen den Zionismus unternimmt. Die Phantasien über die „strategischen" Pläne Englands im nahen Osten mögen wohl diesen Herrschaften in den Kram passen, bleiben aber deswegen doch nur Phantasten. Denn der vielbesprochene Schutz des Sueztores ist von England bisher stets mit einem sehr geringen Aufwand an militärischen Mitteln durchgesührt worden und wenn er wirklich östlich des Suezkanals verstärkt werden sollte, so wird eS gewiß nicht in der einem kontinentalen Militärgehirn entsprungenen Form des „Großausmarsches^ erfolgen. Die Aufbauarbeit in Palästina wird von keiner „strategischen" Maßnahme rechts oder links vom Suezkanal berührt. Jerusalem ist in der zionistischen Konzeption jüdisches Zentrum. ßin neues Finanz- und Wirtschaft-- komitee für PalWna. Unter Mitarbeit von Sir Herbert Samneß. — Für Bank- und Anlethefragen. Id. New-Iork, 6. September. Louis. LiPSky, der Präsident der Organisation der amerikanischen Zionisten, gibt in einem Brief an den Redakteur des „Jewish Morning Journal" in New-York bekannt, daß der frühere Oberkommiffä« von Palästina, Sir Herbert Samuel, zugestimmt habe, in einen neuen Finanz- und ökonomischen Palästina rat elnzutreten. Diese Absicht hat Samuel gelegentlich eines Besuches Lipskys und Dr. Feiwels kmtdgetan. Sir Samuel war bereits im Jahre 1920 Vorsitzender eines ökonomischen Palästinakomitees, das nicht die Aufgabe hatte, fisanzielle Mittel zu beschaffen, sondern fachmännische Berichte über verschiedene ökonomische Frage auszuarbeiten Diese Jnstitutton soll jetzt wieder neu ins Leben gerufen werden. Zur Mitarbeit sollen Wassermann und Ernst K o h n (Deutschland), Lord Reading und Sir Alfred Mond (England), Wisser (Holland) u. a. zugezogen werden. Sir Samuel erklärte, daß er sich wieder mit englischer Politik beschäftigen tyolle, aher keine offizielle zionistische Veräntwor.tung übernehmen könne. Er sei aber gerne bereit, in dem proponierten Komitee mitzuarbeiten, das seine erste Sitzung anfangs Oktober abhalten wird. Sie wird ungefähr sieben bis zehn Tage dauern und Bankprobleme und Anleiheprobleme behandeln. Weidmanns Amerikareise. T. London, 6. September. Präsident Weizmantt wird' von seinem ursprünglichen Plan, Osteuropa zu besuchen, absehen müssen, da er in der allernächsten Zeit in dringenden zionistischen Angelegenheiten nach Amerika reisen muß. Nach seiner Rückkehr wird Weizmann Polen besuchen. _ Ser englische Kohlenftrrtt. Die Bergwerksbesiher lehnen ein KollektivÜbereinkommett aib. London, 7. September. Wolfs.) Die heutige« Verhandlungen zwischen dem Kabinettsausschuß für den Kohlenbergbau, unter Vorsitz des Ministers Churchill und den Vertretern der Bergwerks besitz er wurden mit einer längeveu Erklärung' Churchills eröffnet, der es beklagte, daß die Bergwerksbesitzer die Ve r'ha ndluuge n aus nationaler Grundlage abgebrochen hätten, ohne der Regierung Mitteilung zu machen. Wenn die Regierung gewußt hätte, daß die Bergweriksbesitzer diese neuen Verwicklungen lhevanslbeschwären würden, so hätte sie niemalsdasAchistundent a g g e s e tz für den Bergbau eingebracht, welches das frühere Gesetz über den Siebenstundentag im Bergbau außer Kraft setzt. Der Vorsitzende des Verbandes der Bergwerkslbesitzer, W i I liam s, betonte, die Grubenbesitzer hätten m i t Kennülis der Regierung das System d i st r i k t w e i s e r Verhandlungen ausgenommen. Sie seien fest entschlossen, Verhandlungen über ein nationales Abkommen abzul b h n e n.! ' Die Regierungsvertreter ersuchtes die Gvulbenbesttzer dringend, wenigstens einer Erörterung der ganzen Frage zu-' zu stimmen, widrigenfalls die Regierung auf eigene Hand ohne s >ie werde Vorgehen müssen. Das Zentralkomitee des Grubenbesitze rvebbandes hat di« Haltung Williams, ein nationales Abkommen mit den Grubenarbeitern abzulchnen, gutgeheißen. IZ iMülüi ^592