Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2705 (3.9.1926)
- Date
- 1926-09-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981792--27480-3015421- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
feit« L Dien, Freitag Mener Wldtaettaeftttft* 3. September 1928 Nr. 2705 Ramels Schwierigkeiten. Bor »er Reise nach Senf. Die schwierige Lage, die Bundeskanzler Dr. R a m e k bei Beginn der Hcrbsttaguug im-Parlament varfand, hat Ns «tut keine Erleichterung erfahren. Ja, eS hat sogar den Anschein, datz durch einen jetzt bekannt gewordenen Erlaß des Unterrichtsministers Tr. R i n t e l c n, der eine Art Nctchtragsprüfung ans Religion als Bedingung für das Aufsteigen konfessionsloser Schulkinder in die näclffthöhere Klasse einführt, ein neuer Konflikt mit der Opposition beraußbvschworen wurde. Der Kanzler soll Sonntag nach Genf abrciscn, hat aber Ns heute noch keinerlei Gewähr dafür, datz ihm das Parlament die Bedeckung des Mehraufwandes für die Arbeitslosen, die er in Form der fünften Abgabenteilungsnovelle angesprochen hat, bewilligen wird. Gestern würden zivat die Pärteiführerbesprechnngen über dieses Gesetz weitergeführt, doch Weigert sich die Opposition nach wie vor, die Jnkamcrierung der Vermögenssteuer und der Bundcsgctränkesteuern znzugestchen. Für Samstag haben die Sozialdemokraten den grüßen Ausschuß des Stävtebmwes in den Sitzungssaal deS Wieücr StädtfeUaies behW Stellungnahme zur Abgabenteiluiigsnövelle eistberüfen. * dahin wird also auch ln den ParteienNspreHtiingen, die heute fortgesetzt werden, keine Entscheidung fallen. Es ist über auch klar, daß vor der Abreise des Kanzlers nach Genf auch das Parlament gar nicht mehr die Zeit finden könnte, die Be deckung fiir die Arbeitslosenvrrsicherungsnovelle zu beschließen. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren daß die Opposition Dr. Ramek überhaupt nichts mehr bewilligen wird. GelvitterftütM und fftdbeben ÜHHevsDVvtttMttttgett ln Fvmtkvrtch. Paris, 2. September. Aus verschiedenen Teilen Frankreichs werden Gewitterstürme von ungewöhnlicher Heftigkeit gemeldet. In Cherbourg wurden die tiefer gelegenen Stadtteile in kurzer Zeit überschwemmt. Der Straßenbahnverkehr und die Stromversorgung wurden Unterbrochen. In Angoulende und "P e r p i g n a n sind . die Häuser zum großen Teil überschwemmt. Auch sonstige Verheerungen und Schaden Wurden angerichtet. VevkehrLstövungen th SÜbcnglnrrd. London, 2. September, lieber Lyndon und Südeng lau d ist ein heftiges Gewitter niedergegangen, wodurch zahlreiche Schäden angerichtet und der Verkehr unterbrochen wurde. £oie und Derwttndeie in Spanien. Paris, 2. September. Das Journal" berichtet über schwere Nnwetterschäden in Spanien. In der Provürz A l m e r i a sind acht Tote und fünf Schwerverletzte, in Malaga fünf Tote ltttb achtzehn Verletzte, in der Provinz Toledo sieben Tote und sechzig Verletzte und in Cordova vier Tote gezählt worden. NettieiMche CrMösie auf den Agaren. London, 2. September. Rach den letzten Meldungen aus Lissabon sind gestern auf den Azoren neuerlich Erdstöße verspürt worden. Die bisher festgestellte Zahl der Toten beträgt 29, die der Verletzten nahezu 400. Der von der Regierung entsandte H i l f Sk r e uze r rst bereits eingetroffen und hat mehrere tausend Zelte für die obdachlose Bevölkerung und mehrere Tonnen Medikamente uüd S ä n r t a t s ma t e r i a l. ausgeladen. Irr Kongreß der reisenden Kanflente. Im großen Festsaale des Hauses det Industrie fand gestern vormittags die feierliche Eröffnungssitzung des internationalen Kongresses der Vereinigung reisender Kausieute statt. In Vertretung des, Bundespräsidenterl wrchnte Sektionschef Dr. L ö w e n t h a l der Sitzung bei. Ferner Waren anwesend die Minister Dr. Schür ff und Kollmaun sowie Bürgermeister Seitz und die Vertreter fast sämtlicher ausländischer Staaten. In seiner Begrüßungsansprache betonte Kommerzialrat Ernst H o ch m n t h die große Bedeutung des reisenden Kaufmannes für die Anbahnung internationaler Handelsbeziehungen. Man hat uns — legte Redner dar — ,-Pioniere der Kultus genannt und es wird Aufgabe der Regierungen sein, diesen Pionieren freie Bahn zu schaffen. Die Impulse zu einer Weltumspannenden Einheit der reisenden Kaufleute sotten aus der Metropole des Güteraustausches zwischen Ost und West, von Men, ausgehen. Handelsminister Dr. Schür ff, der namens der Bundesregierung den Kongreß begrüßte, führte aus: Wenn oft manche Wirtschaftsausfassungen in ihrem Bestreben, für wirtschaftliche Uebel einen Äindenbock zu finden, dem Handel alles cmfzulasten und ihn 8er willkürlichen Verteuerung der Handelsprodukte.beschuldigen, so widerlegt sich dies schon durch die trautigen Erfahrungen, die man machte, wo man den Handel ausschalten wollte. Speziell für Oesterreich ist die Tätigkeit des reisenden Kaufmannes hoch aktuell. Er kann sagen: „Mein Feld ist die Welt", denn Weltwirtschaft haben wir vor allem in Mitteleuropa am nötigsten. Me Ausgabe des Handlungsreifenden wird es sein, zwischen den einzelnen Nationen ausgleichend zu wirken. Bürgermeister Seitz trat in seiner Rede für den freien Händel und den freien Reiseverkehr ein, die allein geeignet seien, durch das Medium des Kaufmannes den Wohlstand der Länder zu erhöhen. Es sprachen hierauf für die Wiener .Handelskammer und die internationale Handelskammer in Paris Kammerrat V i n z l, für die Kammer der arbeitenden Angestellten Sekretär N owotny, für das Wiener Gremium Dr. L. Weiß, fiir Deutsch- ' land Kommerzialrat L i p p, für Frankreich der Delegierte Cherifel und fiir England Herr S o y s h. Nachmittags trat der Kongreß in seine meritorischen Verhandlungen ein. lieber das Hauptthema der Tagung, den internationalen Zusammenschluß, erstattete Generaldirektor Lemberger das einleitende Referat. Er hob hervor, daß die Schaffung überstaatlicher Berufsorganisationen unter Ausschluß der Politik notwendig sein. Das Arbeitsprogramm dieser Organisation werde vorwiegend handelspolitische Angelegenheiten, darunter Behandlung der Muster, Vorschriften über Aufenthaltsbewittignngen, Am und Abmeldungen, Handelstzässc, Legitimation des Bernfsrcisenden, Zoll- und Steuerfragen umfassen. Ferner solle eine Einflußnahme auf die Angelegenheiten der Verkehrstechnik, in die heute aitch Paß und Visum gehören, erfolgen. Sodann referierte der Präsident der Pariser Federation Internationale, Gaston Cherifel, über deren Arbeitsprogramm und bisherigen Errungenschaften. Er forderte für Reisende, die ain Orte der Wahl häufig nicht anwesend sein können, das Recht zur schriftlichen Zlbstimmung. Zur Durchberatung der einzelnen Fragen wurden Spezialkommisfionen konstituiert. Nachmittags gab die Handeskammer den Gästen einen Tee. Sie Wiener Neffe wirb heute um halb 9 Uhr vormittags eröffnet. Bon der Gepflogenheit, die Eröffnung der Messe an einem Sonntag vorzunehmen, wurde diesmal abgegangen, da in die Messezeit die jüdischen Neujahrstage fallen, die der Messe naturgemäß an zwei Tagen einen st a r k e n Ausfall an Besuchern bringen. Deshalb ist auch die Dauer der Messe, die sonst acht Tage beträgt, auf zehn Tage, d. i. bis zum 12. b., verlängert worden, wodurch der Ausfall der zwei jüdischen Feiertage wettgemacht werden kann. Die Anmeldungen zur heurigen Herbstmesse sind zahlreich, besonders Ms dem Auslande ist die Beteiligung der Aussteller diesmal ziemlich stark. Neben dem üblichen Arrangetnent im Meffepalast, der Hofburg unp der Rotunde sind bei der heute beginnenden Herbstmesse einige Neuerungen eingeführt. So wurde diesmal eine große Radioausstellung im Meffepalast arrangiert, während bisher die Radiomesse in relativ kleinem Umfange in der Rotunde untergebracht war. In der Hofburg fft der Moden- und Gsschmacks art ikel ind ust r ie durch die Ausstellung der Wiener Kürschner und den künstlerisch ansgestatteten „Salon d'elegance" ein breiter Ramn gewährt. Me Kaufmannschaft hofft auf guten Besuch; es werden viele Teisiichmer der unmittelbar vorher anschließenden Leipziger Messe erwartet. HoffentLich entspricht das geschäftliche Ergebnis diesmal den Erwartungen. Uttgttprsche GrenzschrLmren gegen Mesfebefucher. Budapest, 2. September. (Tel,-Komp.) Ei,; hoher Beamter der. österreichischen Gesandtschaft in Budapest erschien gestern,, wie aus Budapest gemeldet wird, im ungarischen Ministerium des Aeußern, um sich darüber zu beschweren, datz ausländischen Staatsbürgern, besonders rumänischen Untertanen, die zur Wiener Herbstmesse reisen wollen, in den Greiizstationen die Erteilung des Durchreisevisums verweigert wird. Das Ministerium des AeUßern hat die Grenzbehörden an der ungärisch-mmänischen GreM telephonisch angewiesen, den mit einer Wiener Meffelegitimation ansgestätteien Reisenden das Dnrchbvingt hier Ne neue Zigarette „Aegyptische, zweite Sorte" in den Verschleiß. Diese Zigarette ist in Form und Größe der ägyptischen Zigarette, dritte Sorte, gleichgehalten und unterscheidet sich äußerlich von ihr Nur dadurch, daß dev bekannte Hülsenaüfdruck außer der Sortenbezeichnung „Aeghptische Zigarette" nüd dem Jbisbild noch den Zusatz „Zweite Sorte" trätzt. Was die Qualität anbelangt', so stellt dieses Nelle Fabrikat eine sehr seine, gehaltvolle Zigarette mit ägyptischem Charakter dar, welche aus gewählten mazedönischen Rohtabaken hiergestellt ist. Der Preis dieser neuen Zigarette ist mit 8 Groschen pro Stück festgesetzt. Die Zigaretten sind zu 23 Stück in Kappenschachteln verpackt, die durch den Aufdruck eines arabischen Zweiers gekennzeichnet sind. Im übrigen bringt die Tabakregie in ihren Pavillons nn Messepalast und ans dem Rotundengeläside tvieder ihre sämtlichen Tabaksabrikate in neuester Ausstattung zur Schaustellung und znm Verkauf. Im Pavillon auf >dem Rotundengelände imrd während dieser Messe dem Publikum auch die Erzeugung unb maschinelle Verpackung von feinstem und feisten türkischen Rauchtabak in Päckchen zu 25 Gramm vorgeftihrt. Im Ausstellungsraum des letzterem Pavillons tverden alltzerdem Diapositive,' darstellend die Regiebetriebe und Wohlfahrtseinrichtnngen in denselben sowie einzelne Phasen der Zigarettenfabrikation aüfgestellt und Szenen aus dem Regiebetrieb in Stereoskopen und mittels eines Kinoappärates gezeigt werden. Was fft und war will die «»Walt Autonomie?*) Bom Abgeordneten Dr. Ar Wbinsim (Mitgltch des litouifchet Sejm). N. Ente wichtige StreikftNgc in der Erörterung der natiottÄeü Äutottvckitz bildet der K a t a st e r. Gewiß ist sehr viel gebest ihn einzstwendsst. Abgesehen davon, daß ist einer Reihe vöst Staaten, Wie zustt Beispiel in Litauen Kataster nicht nötig wären, sistd mit!) stoch andere Begründungen gegen den Kataster vorgebracht worden, so zum Beispiel, daß bet Kataster dazu benützt werden kann, die Minderheit ihres nationalen Besitzes zu berauben oder sie zu terrorisieren. Ich sage nicht, daß das nicht passieren wird. Irgendwie wird ntan die Minderheiten gewiß bedrücken. Wird mail das nicht beiist Kataster tun köstnest, so Nffrd man es bei der Einschätzung der Kinder oder in einem anderen Punkt versuchen. Worauf es ankommt und worill ich Ne erzieherische Bedeutung des Katasters verstehe, ist, daß dadurch die Minderheit erst zu ihrem nationalen Selb st b e w u h tsein kömmt. Der Kataster gibt die Möglichkeit, ein für allemal zu demonstrieren, daß man sich zu dieser Nationalität bekennt. Das mag mit gewissen Gefahren verbunden sein, aber es ist schon so. Zu einer Mind^heit zu gehören, ist'immer mit Gefahr verbunden. Man sagt auch, das Katasterverfahren fei ein fahr llnbestimmtes Vevfahren, man könne morgen eintreten oder äustreten. Warum soll man aber nicht austreten können? Die rechtliche Möglichkeit soll absolut gegeben werden. Eine andere Frage ist es, ob dann nicht diejenigen, die austreten, als Renegaten betrachtet werden. Das ist Geschmacksache. Aber dort, wo es nicht anders geht, können wir auf dieses labile Belffahren nicht verzichten. Wir können niemanden eine Nationalität' anfzwingen, ganz abgesehen davon, daß es heute für die Nationalität nicht genügend wissenschaftlich objektive Merkurale gibt, so eingehend auch die Wiffenschaft von der Nationalität sich mit diesen objektiven Merkmalen beschäftigt hat. Fragen wir uns, was eigentlich allgemein gültig ist, zUM Beispiel in der Begriffsbestimmung der Autonomie, so müssen wir sagen, daß das Wesen der national-kulturellen Autonomie sich doch sozusagen more geometrico definieren läßt. Autonomie ist vor allem eine Einrichtung aus Grund öffentlichen Rechtes. Der nationale Verband ist ein öffentlich-rechtliches Institut, das, durch Spozialgesetz konstituiert, mit Steuerhoheit imd, was sehr wichtig ist, Mit Verordnungsrecht ausgestattet ist. Sehr bedeutsam ist die Feststellung, daß die Entstehung dieser öffentlichrechtlichen Körperschaften demokratisch zu erfolgen hat. Diese vier Merkmale bilden meines Erachtens das Wesen der Arrtonomie. Es entstehen nun zwei Fragen: Erstens die Frage, ob der Staat überhaupt auf die Verwaltung der nationalen Dinge verzichten kann und ob es für den Staat von Jnteveffe ist, wirklich die nationale Autonomie zu realisieren. Ich bejahe Ne eine wie die andere Frage. Zum Beweis ein kurzer geschichtlicher Exkurs ayf dem Gebiet eines ganz be-, 'timnften B^'riffes, dem der Ertzifhnug. In Shartg war jbie ggnze Erziehung verstaatlicht. Erst viel später ist das PrinAi-p der staatlichen Erziehung nach Eurapa. gekommen und hat sich über Heu. ganzen Erdteil ausgehpeitet. Dep '^tgat .«$' hhilospphrscher Hogri'ff verlangt durchaus nicht, daß die Erziehung verstaatlicht werde. Es gab Zeiten, wp daß überhaupt nicht gemacht wurde. Und wir können uns sehr gut vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, wo man von staatlicher Erziehung nichts weiß. Wenn wir davon äusgehen, daß die Gesamtheit Nr staatlichen Funktionen nicht etwas Feststehendes, nicht eine ein für allemal bestimmte unveränderliche Größe darstellt, dann können wir ruhigem Gewiffens dem Staate Nesen Verzicht zumuten. Noch mehr — wix muten dem Staate diesen Verzicht auch deshalb -rrweil wir sagen: der Staat hat ein Interesse daran, als Staat einmal die R e i b u u g s f l ä ch e n in den Beziehungen zwischen Mehrheit Und Minderheit ausznmerzen, um einer illegalenunterirdischen Genninschaftsbildung vorzubeugen. Wir haben damit einmal die MLglich-- kert bekommen, öffentlich-rechtlich vor aller Walt frei und imabhängig zu avbeiteU. So wird sich unser Gemeinschäftstreben in diesen Organisationen ansleben. Geschieht das nicht, fv wird unser Gerneinschastsirieb verfuchell, sich in Geheimorganisytiönen auSzüle'ben. Der Staat hat allen Grund, rms Ne Möglichkeit des freien Auslebeüs. unserer Gemeinschaftsgefühle zu geben. Der Staat ist ferner daran interessiert, daß überhcnrpt G e m e i n s ch a f t e n inr Staate existieren. Wenn man >heute von einer KristS des Parlamentarismus spricht, so glaube ich, daß man den Kern der Sache trifft, wenn mau sagt, daß das Unglück der modernen Staaten darin besteht, daß unsere heutige Gesellschäft atorüisiert ist. Aber Mich für Ne Minderheiten hat diese kulturelle Alitouvmie eiüe ttstgdheüre Kraft; Nicht nur, daß wir Pirkich das Sch i cksal ün se rer nationalen Zukunft iN unsere eigenen Häride legen könueü, wir erhalten auch die Möglichkeit des Sichauslebens. Und das ist vön großer Bedeütuiig. Denn äm meisten leiden die nationalen Minderheiten unter dem Gefühl der a u f g e z'w N n g e n e n --M i nde vwe r t i g k e i t", obwohl die GleichberechtlMng in der Betfassung jedes anständigen Staates steht. Und wir Wüllen die Autonomie nicht zuletzt ühr Unseres Menfchenwesens und unserer Menschenwürde willen! *> .Meuer MorgengetztW«" 8. SeMeywer. regevuum oyne wvneres zu eneuer e Die Sfterkekchksche Mitkktgke beteiligt sich auch heiler wieder an der Wiener Herbstiüeffe un